Wie wäre es in der That möglich gewesen, keine Schuld zu contrahiren,

wenn der eine Theil durch die stärksten Beweggründe zum Entlehnen, der

andre Theil durch eben so starke Beweggründe zum Darleihen angetrieben

wurde? Der Augenblick war gekommen, wo sich die Regierung in die

Unmöglichkeit versetzt sah, ohne die bedenklichste Unzufriedenheit zu

erregen, durch Besteuerung die zur Vertheidigung der Freiheit und

Unabhängigkeit der Nation erforderlichen Geldmittel zu beschaffen, und

gerade in diesem Augenblicke sahen sich zahlreiche Kapitalisten

vergebens nach einer guten Art und Weise der Anlegung ihrer Ersparnisse

um und behielten in Ermangelung einer solchen ihr Geld im Kasten oder

verschwendeten es an unsinnige Projecte. Reichthümer, welche hingereicht

haben würden, eine Flotte auszurüsten, die den deutschen und den

atlantischen Ocean von den französischen Kapern hätte säubern können,

Reichthümer, welche hingereicht haben würden, eine Armee zu unterhalten,

die Namur hätte wiedernehmen und die Niederlage von Steenkerke rächen

können, lagen müßig oder gingen aus den Händen ihrer Besitzer in die

Hände von Gaunern über. Ein Staatsmann konnte wohl auf den Gedanken

kommen, daß ein Theil des Geldes, das täglich vergraben oder vergeudet

wurde, mit Vortheil für den Eigenthümer, für den Steuerzahlenden und für

den Staat in den Schatz gezogen werden könne. Warum den

außerordentlichen Aufwand eines Kriegsjahres dadurch bestreiten, daß man

fleißigen Familien Stühle, Tische und Betten wegnahm, daß man den einen

Landgentleman nöthigte, seine Bäume zu schlagen, bevor sie für die Art

reif waren, einen andren die Landhäuser auf seinem Gute verfallen zu

lassen, einen dritten, seinen hoffnungsvollen Sohn von der Universität

zu nehmen, während es um die Börse herum von Leuten wimmelte, die nicht

wußten was sie mit ihrem Gelde anfangen sollten, und die in Jedermann

drangen, es ihnen abzuborgen?

Es wurde späterhin von Tories, welche unter allen Dingen die

Nationalschuld und unter allen Menschen Burnet am meisten haßten, oft

behauptet, Burnet sei Derjenige gewesen, der der Regierung zuerst

gerathen habe, eine Nationalschuld zu contrahiren. Allein diese

Behauptung wird durch keinen glaubwürdigen Beweis bestätigt und scheint

durch das Stillschweigen des Bischofs widerlegt zu werden. Er war unter

allen Menschen derjenige, von dem am wenigsten anzunehmen war, daß er

die Thatsache verschweigen würde, daß eine wichtige fiskalische

Revolution sein Werk gewesen. Auch war das damalige Schatzcollegium kein

solches, das die Rathschläge eines Geistlichen nöthig gebraucht, oder

von dem man hätte annehmen können, daß es dieselben sonderlich beachten

würde. In diesem Collegium saß Godolphin, der klügste und erfahrenste,

und Montague, der waghalsigste und erfinderischste aller Financiers. Es

konnte keinem dieser beiden ausgezeichneten Männer unbekannt sein, daß

es in den Nachbarstaaten schon längst Gebrauch war, die durch ein

Kriegsjahr nöthig gemachte übermäßige Besteuerung auf mehrere

Friedensjahre zu vertheilen. In Italien bestand dieser Gebrauch seit

mehreren Generationen. Frankreich hätte während des Kriegs, welcher 1672

begann und 1679 endigte, nicht weniger als dreißig Millionen nach unsrem

Gelde geborgt. Sir Wilhelm Temple hatte in seinem interessanten Werke

über die Batavische Föderation seinen Landsleuten erzählt, daß zu der

Zeit als er Gesandter im Haag war, die damals von dem sparsamen und

klugen De Witt verwaltete Provinz Holland allein ungefähr fünf Millionen

Pfund Sterling schuldete, für welche die Zinsen zu vier Procent stets

auf den Tag bereit waren, und daß, wenn ein Theil des Kapitals

zurückgezahlt wurde, der Staatsgläubiger sein Geld mit Thränen in

Empfang nahm, wohl wissend, daß er keine Anlage von gleicher Sicherheit

finden konnte. Das Wunder ist nicht, daß England endlich das Beispiel

seiner Feinde wie seiner Verbündeten nachahmte, sondern daß bereits das

vierte Jahr seines schweren und erschöpfenden Kampfes gegen Ludwig zu

Ende ging, ehe es zu einem so nahe liegenden Aushülfsmittel griff.

Am 15. December 1692 erklärte sich das Haus der Gemeinen zu einem

Ausschusse für Feststellung der Mittel und Wege. Somers nahm den

Präsidentenstuhl ein. Montague schlug vor, eine Million auf dem Wege der

Anleihe zu erheben; der Vorschlag fand Beifall und es wurde angeordnet,

daß eine Bill eingebracht werden solle. Die Details des Planes wurden

ausführlich besprochen und vielfach modificirt; das Prinzip aber scheint

allen Parteien gefallen zu haben. Die Geldmänner waren froh, daß sie

eine gute Gelegenheit hatten, ihre aufgehäuften Kapitalien zinsbar

anzulegen, und die durch die Steuerlast hart gedrückten Grundbesitzer

waren bereit, um momentaner Erleichterung willen Alles zu genehmigen.

Kein Mitglied wagte das Haus abstimmen zu lassen. Am 20. Januar wurde

die Bill zum dritten Male gelesen, durch Somers den Lords überreicht und

von ihnen ohne Amendement angenommen.[86]

Durch dieses denkwürdige Gesetz wurden neue Abgaben auf das Bier und

andere geistige Getränke gelegt. Diese Abgaben sollten im Schatze

von allen übrigen Einnahmen gesondert bleiben und einen Fond bilden,

auf dessen Garantie hin eine Million gegen Leibrenten aufgenommen

werden sollten. Nach dem Absterben der Renteninhaber sollten ihre

Annuitäten unter die Ueberlebenden vertheilt werden, bis die Zahl der

Ueberlebenden auf sieben zusammengeschmolzen war. Was nach dieser

Zeit zurückfiel, sollte dem Staate zu Gute kommen. Es war demnach

ausgemacht, daß das 18. Jahrhundert weit vorgerückt sein würde, ehe die

Schuld getilgt war. Der Zinsfuß sollte bis zum Jahre 1700 zehn Procent,

und nach diesem Jahre sieben Procent sein. Die dem Staatsgläubiger

durch diesen Plan gebotenen Vortheile mögen groß scheinen, waren aber

nur eben hinreichend, um ihn für sein Risico zu entschädigen. Es war

nicht unmöglich, daß eine Contrerevolution ausbrach, und wenn eine

solche stattfand, war es gewiß, daß Die, welche Wilhelm Geld geliehen

hatten, sowohl Zinsen als Kapital verloren.

Dies war der Ursprung der Schuld, die seitdem das größte Wunder

geworden ist, das jemals den Scharfsinn der Staatsmänner und

Philosophen in Verlegenheit gesetzt und ihren Stolz beschämt hat.

Bei jeder neuen Vermehrung dieser Schuld hat die Nation stets das

nämliche Geschrei der Angst und Verzweiflung erhoben. Bei jeder neuen

Vermehrung dieser Schuld haben einsichtsvolle Männer allen Ernstes

behauptet, daß Bankerott und Ruin bevorständen. Und doch wuchs die

Schuld fortwährend, und Bankerott und Ruin waren so fern als je. Als

der große Kampf mit Ludwig schließlich durch den Frieden von Utrecht

beendigt wurde, schuldete die Nation ungefähr funfzig Millionen, und

diese Schuld wurde, nicht bloß von dem ungebildeten großen Haufen,

nicht blos von fuchsjagenden Squires und Kaffeehausrednern, sondern

von scharfen und tiefen Denkern als eine Last betrachtet, welche

den Staatskörper fortwährend lähmen würde. Gleichwohl blühte der

Handel, der Wohlstand nahm zu, die Nation wurde reicher und reicher.

Dann kam der österreichische Erbfolgekrieg, und die Schuld stieg auf

achtzig Millionen. Tagesschriftsteller, Geschichtsschreiber und Redner

erklärten, daß jetzt unsre Lage jedenfalls eine verzweifelte sei.

Die Zeichen zunehmenden Wohlstandes, Zeichen, die weder gefälscht

noch verborgen werden konnten, mußten jedoch jeden aufmerksamen und

nachdenkenden Beobachter überzeugen, daß eine Schuld von achtzig

Millionen für das von Pelham regierte England weniger war, als eine

Schuld von funfzig Millionen für das von Oxford regierte England

gewesen war. Bald brach von neuem Krieg aus, und unter der energischen

und verschwenderischen Verwaltung des ersten Wilhelm Pitt schwoll

die Schuld rasch auf hundertvierzig Millionen an. Sobald der erste

Siegesrausch verflogen war, erklärten Männer der Theorie und Männer

der Praxis einstimmig, daß der verhängnißvolle Tag nun wirklich

gekommen sei. Der einzige unter allen praktischen und theoretischen

Staatsmännern, der die allgemeine Verblendung nicht theilte, war

Edmund Burke. David Hume, ohne Widerrede einer der gründlichsten

Staatsökonomen seiner Zeit, erklärte, unser Wahnsinn übertreffe noch

den Wahnsinn der Kreuzfahrer. Richard Löwenherz und Ludwig der Heilige

hätten nicht mathematischen Beweisen Hohn gesprochen. Es sei unmöglich,

mit Ziffern zu beweisen, daß der Weg zum Paradiese nicht durch das

gelobte Land gehe, aber es sei möglich mit Ziffern zu beweisen, daß

der Weg zum Nationalruin durch die Nationalschuld führe. Es sei jedoch

überflüssig noch von dem Wege zu sprechen, denn mit dem Wege hätten

wir es nicht mehr zu thun, wir seien bereits am Ziele angelangt und

Alles sei vorbei: alle Einkünfte der Insel nördlich vom Trent und

westlich vom Reading seien verpfändet. Es würde besser für uns gewesen

sein, wenn Preußen oder Oesterreich uns besiegt hätte, als daß wir

die Zinsenlast für hundertvierzig Millionen tragen müßten.[87] Dieser

große Gelehrte -- denn das war er -- hätte indessen nur die Augen zu

öffnen gebraucht, um überall um sich her Fortschritt und Verbesserung

zu erblicken: sich vergrößernde Städte, sich immer weiter ausbreitende

Bebauung des Bodens, Märkte, zu klein für die Masse der Käufer und

Verkäufer, Häfen, nicht mehr genügend zur Aufnahme der Schiffe,

künstliche Flüsse, welche die Hauptbinnensitze der Industrie mit den

wichtigsten Seehäfen verbanden, besser erleuchtete Straßen, besser

eingerichtete Häuser, kostbarere Waaren, in eleganteren Läden zum

Verkauf gestellt, leichtere Wagen, die auf ebeneren Wegen dahinrollten.

Er hätte in der That nur das Edinburg seiner Kindheit mit dem Edinburg

seines Mannesalters zu vergleichen gebraucht. Seine Prophezeiung bleibt

für die Nachwelt ein denkwürdiges Beispiel der Schwäche, von der auch

die stärksten Geister nicht frei sind. Adam Smith sah ein wenig, aber

auch nur ein wenig weiter. Er gab zu, daß die Nation die Schuldenlast

trotz ihrer ungeheuren Größe doch trage und unter ihr in einer Weise

gedeihe, die Niemand habe voraussehen können. Aber er warnte seine

Landsleute, ein so gewagtes Experiment zu wiederholen. Die Grenze sei

erreicht, selbst eine geringe Vermehrung könne verderblich werden.[88]

Nicht minder schwarz war das Licht, in welchem Georg Grenville, ein

ausgezeichnet fleißiger und praktischer Minister, unsre finanzielle

Lage erblickte. Er meinte die Nation müsse unter einer Schuldenlast von

hundertvierzig Millionen erliegen, wenn nicht ein Theil derselben von

den amerikanischen Colonien getragen würde. Der Versuch, einen Theil

der Last auf die amerikanischen Colonien zu übertragen, rief einen

neuen Krieg hervor. Nach diesem Kriege hatten wir hundert Millionen

Schulden mehr und die Colonien verloren, deren Beistand als unerläßlich

dargestellt worden war. Wieder wurde England aufgegeben, und wieder

beharrte der sonderbare Patient darin, trotz aller Diagnosen und

Prognosen der Staatsärzte immer kräftiger und blühender zu werden.

Wie es mit einer Schuld von hundertvierzig Millionen sichtlich besser

gediehen war als mit einer Schuld von funfzig Millionen, so gedieh es

wieder mit einer Schuld von zweihundertvierzig Millionen besser als mit

einer Schuld von einhundertvierzig Millionen. Bald jedoch stellten

die Kosten der aus der französischen Revolution hervorgehenden Kriege,

welche an Kostspieligkeit alle übertrafen, die die Welt je gesehen,

die Kräfte des öffentlichen Credits auf die äußerste Probe. Als die

Welt wieder ruhig geworden war, betrug die fundirte Schuld England's

achthundert Millionen. Wenn man dem aufgeklärtesten Manne im Jahre 1792

gesagt hätte, daß im Jahre 1815 die Zinsen von achthundert Millionen

auf den Tag von der Bank ausgezahlt werden würden, so würde er dies

eben so wenig geglaubt haben, als wenn man ihm gesagt hätte, die

Regierung werde im Besitz der Aladinslampe oder des Fortunatusbeutels

sein. Es war in der That eine riesige, eine fabelhafte Schuld, und wir

dürfen uns kaum darüber wundern, daß das Geschrei der Verzweiflung

lauter war als je. Doch abermals überzeugte man sich, daß das

Geschrei eben so grundlos gewesen war als je. Nach einigen Jahren der

Erschöpfung erholte sich England wieder. Dennoch beklagte es sich, wie

Addison's eingebildeter Kranker, der beständig wimmert, er müsse an der

Schwindsucht sterben, bis er so fett wird, daß er beschämt schweigen

muß, fortwährend, daß es in Armuth versunken sei, bis sein Reichthum

sich durch Zeichen verrieth, die seine Klagen lächerlich machten.

Die verarmte, die bankerotte Gesellschaft erwies sich nicht nur

fähig, alle ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen, sondern wurde sogar,

während sie ihre Verbindlichkeiten erfüllte, so schnell immer reicher

und reicher, daß die Zunahme ihres Reichthums fast mit den Augen zu

erkennen war. In jeder Grafschaft sahen wir seit kurzem Wüsteneien in

Gärten verwandelt; in jeder Stadt sahen wir neue Straßen und Squares

und Marktplätze, glänzendere Laternen, reichlichere Versorgung mit

Wasser; in den Vorstädten jedes großen Sitzes der Industrie sahen

wir die Villas, jede in ein reizendes kleines Paradies von Hollunder

und Rosen gebettet, sich rasch vermehren. Während seichte Politiker

beständig wiederholten, daß die Kräfte des Volks durch die Wucht der

öffentlichen Lasten erdrückt würden, fand die erste Dampfwagenfahrt auf

einer Eisenbahn statt. Bald war die Insel mit Schienenwegen überzogen.

Eine Summe, größer als der Betrag der ganzen Nationalschuld zu Ende des

amerikanischen Kriegs, wurde von diesem ruinirten Volke binnen wenigen

Jahren freiwillig auf den Bau von Viaducten, Tunneln, Dämmen, Brücken,

Bahnhöfen und Lokomotiven verwendet. Inzwischen wurde die Besteuerung

fast beständig leichter und leichter und doch war die Staatskasse

gefüllt. Man darf ohne Besorgniß vor Widerspruch behaupten, daß es uns

eben so leicht wird, die Zinsen von achthundert Millionen zu bezahlen,

als es vor hundert Jahren unseren Vorfahren wurde, die Zinsen von

achtzig Millionen zu bezahlen.

Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich in die Begriffe Derer,

welche die durch eine lange Reihe unbestreitbarer Thatsachen so

schlagend widerlegte lange Reihe zuversichtlicher Prophezeiungen

aussprachen und Derer, die sie glaubten, ein arger Trugschluß

eingeschlichen hatte. Diesen Trugschluß nachzuweisen, ist mehr Sache des

Nationalökonomen als des Geschichtsschreibers. Hier genüge es zu sagen,

daß die Unglückspropheten in einer zweifachen Täuschung befangen waren.

Sie glaubten irrthümlich, daß zwischen einem Individuum, das einem

andren Individuum schuldet, und einer Gesellschaft, die einem Theile

ihrer selbst schuldet, eine genaue Analogie stattfinde, und diese

Analogie führte sie zu endlosen Täuschungen über die Wirkung des

Fundirungssystem. In einem nicht minder großen Irrthum waren sie

bezüglich der Hülfsquellen des Landes. Sie berücksichtigten die

Wirkungen nicht, welche die unaufhörlichen Fortschritte jeder

Erfahrungswissenschaft und die unablässigen Bemühungen jedes Menschen,

im Leben vorwärts zu kommen, hervorbringen. Sie sahen daß die Schuld

zunahm, aber sie vergaßen daß alles Andere eben so wohl zunahm wie die

Schuld.

Eine lange Erfahrung berechtigt uns zu der Annahme, daß England

im 20. Jahrhundert besser im Stande sein wird eine Schuld von

sechzehnhundert Millionen zu tragen, als es zur gegenwärtigen Zeit

seine gegenwärtige Schuld tragen kann. Doch sei dem wie ihm wolle,

Diejenigen, welche so zuversichtlich voraussagten, daß es zuerst einer

Schuld von funfzig Millionen, dann einer Schuld von achtzig Millionen,

dann einer Schuld von hundertundvierzig Millionen, dann einer Schuld

von zweihundertvierzig Millionen und zuletzt einer Schuld von

achthundert Millionen erliegen müsse, waren ohne allen Zweifel in einem

doppelten Irrthum. Sie überschätzten bei weitem den Druck der Last und

unterschätzten bei weitem die Kraft, welche die Last zu tragen hatte.

Es muß wünschenswerth erscheinen, einige Worte darüber hinzuzufügen,

wie das Fundirungssystem die Interessen der großen Republik der

Nationen berührt hat. Wenn es wahr ist, daß Alles was der Intelligenz

über die rohe Gewalt, und der Redlichkeit über die Unredlichkeit einen

Vortheil giebt, die Tendenz hat, das Glück und die Tugendhaftigkeit

unsres Geschlechts zu fördern, so kann es schwerlich in Abrede gestellt

werden, daß die Folgen dieses Systems im weitesten Umfange heilsam

gewesen sind. Denn es liegt auf der Hand, daß aller Credit von zwei

Dingen abhängt: von der Fähigkeit eines Schuldners, seine Schulden zu

bezahlen, und von seinem Willen, sie zu bezahlen. Die Fähigkeit einer

Gesellschaft, ihre Schulden zu bezahlen, steht im Verhältniß zu den

Fortschritten, die sie in der Industrie, im Handel und in allen den

Künsten und Wissenschaften gemacht hat, welche unter dem wohlthätigen

Einflusse der Freiheit und der Gleichheit vor dem Gesetze blühen.

Der Wille einer Gesellschaft, ihre Schulden zu bezahlen, steht im

Verhältniß zu dem Grade, in welchem sie die Verpflichtungen eines

gegebenen Versprechens respectirt. Von der Kraft, welche in der Größe

des Gebiets und in der Zahl streitbarer Männer besteht, mag ein roher

Despot, der kein andres Gesetz kennt als seine persönlichen kindischen

Launen und trotzigen Leidenschaften, oder ein Convent von Socialisten,

der alles Eigenthum für Diebstahl erklärt, mehr besitzen, als die

beste und weiseste Regierung. Aber die Kraft, die aus dem Vertrauen

der Kapitalisten entspringt, kann ein solcher Despot oder ein solcher

Convent nie besitzen. Diese Kraft, -- und es ist eine Kraft, die den

Ausgang mehr als eines großen Kampfes entschieden hat -- flieht ihrer

Natur nach Rohheit und Betrug, Tyrannei und Anarchie, um sich der

Civilisation und Tugend, der Freiheit und Ordnung anzuschließen.

[_Parlamentsreform._] Während die Bill, welche zuerst die fundirte

Schuld England's ins Leben rief, unter allgemeinem Beifall die

regelmäßigen Stadien durchlief, discutirten die beiden Häuser zum ersten

Male die große Frage der Parlamentsreform.

Es muß bemerkt werden, daß das Ziel der Reformer jener Generation

lediglich darin bestand, den Repräsentativkörper zu einem treueren

Interpreten der Gesinnung des Wahlkörpers zu machen. Es scheint fast

keinem einzigen von ihnen eingefallen zu sein, daß der Wahlkörper ein

untreuer Interpret der Gesinnung der Nation sein könne. Allerdings

waren die Mißgriffe in der Zusammensetzung des Wahlkörpers, welche

endlich in unseren Tagen einen unwiderstehlichen Sturm des öffentlichen

Unwillens erregten, im 17. Jahrhundert bei weitem nicht so zahlreich

und so schädlich, als sie es im 19. geworden waren. Der größte Theil

der Burgflecken, denen im Jahre 1832 das Wahlrecht entzogen wurde,

waren, wenn auch nicht absolut, doch relativ, unter der Regierung

Wilhelm's III. viel wichtigere Plätze als unter der Regierung

Wilhelm's IV. Von den volkreichen und wohlhabenden Fabrikstädten,

Seehäfen und Badeorten, denen das Wahlrecht unter der Regierung

Wilhelm's IV. verliehen wurde, waren einige unter der Regierung

Wilhelm's III. kleine Dorfschaften, von ein paar Bauern oder Fischern

in Hütten mit Strohdächern bewohnt; andere waren Getreidefelder oder

den Birkhühnern preisgegebene Moorstrecken. Mit Ausnahme von Leeds

und Manchester gab es zur Zeit der Revolution nicht eine einzige

Stadt von fünftausend Einwohnern, die nicht zwei Vertreter ins Haus

der Gemeinen geschickt hätte. Doch auch damals fehlte es nicht an

auffallenden Anomalien. East- und West-Looe, das nicht die Hälfte

der Bevölkerung und nicht die Hälfte des Vermögens des kleinsten der

hundert Kirchspiele London's hatte, wählte eben so viele Mitglieder

als London.[89] Old Sarum, eine verödete Ruine, die der Reisende des

Nachts zu betreten sich scheute, aus Furcht, darin lauernden Räubern in

die Hände zu fallen, hatte eben so viel Gewicht in der gesetzgebenden

Versammlung wie Devonshire oder Yorkshire.[90] Einige ausgezeichnete

Männer beider Parteien, zum Beispiel Clarendon unter den Tories, und

Pollexfen unter den Whigs, verwarfen dieses System. Dennoch waren beide

Parteien, allerdings aus sehr verschiedenen Gründen, nicht geneigt, es

zu ändern. Es wurde durch die Vorurtheile der einen Partei und durch

die Interessen der andren beschützt. Nichts konnte dem Geiste des

Toryismus mehr zuwider sein als der Gedanke, Institutionen, welche seit

Jahrhunderten bestanden, mit einem Schlage zu vernichten, um auf den

Trümmern etwas Symmetrischeres aufzubauen. Den Whigs dagegen konnte es

nicht entgehen, daß sie durch eine Aenderung in diesem Theile unsrer

Verfassung viel wahrscheinlicher etwas verlieren als gewinnen würden.

Es wäre in der That ein großer Irrthum, wollte man glauben, daß ein

Gesetz, das die politische Macht von kleinen auf große Wahlkörper

übertrug, im Jahre 1692 dasselbe bewirkt haben würde, was es im Jahre

1832 bewirkte. Im Jahre 1832 bestand die Wirkung der Uebertragung in

einer Vergrößerung der Macht der städtischen Bevölkerung. Im Jahre 1692

würde sie die Macht der ländlichen Bevölkerung unwiderstehlich gemacht

haben. Von den hundertzweiundvierzig Mitgliedern, welche im Jahre 1832

kleinen Wahlflecken entzogen wurden, wurden über die Hälfte großen und

blühenden Städten zugetheilt. Im Jahre 1692 aber gab es kaum eine große

und blühende Stadt, die nicht schon so viele Vertreter gehabt hätte,

als sie mit einem Anschein von Billigkeit verlangen konnte. Es hätte

daher fast Alles was den kleinen Wahlflecken entzogen worden wäre,

den Grafschaften gegeben werden müssen, und es kann keinem Zweifel

unterliegen, daß Alles was darauf abzielte, die Grafschaften zu heben

und die Städte zu unterdrücken, im Ganzen auf die Hebung der Tories

und auf die Unterdrückung der Whigs hinausgelaufen wäre. Vom Anbeginn

unserer bürgerlichen Wirren hatten die Städte auf Seiten der Freiheit

und des Fortschritts, die Landgentlemen und die Landgeistlichen auf

Seiten der Autorität und des Althergebrachten gestanden. Wenn daher

eine Reformbill, welche kleinen Wahlkörpern das Wahlrecht entzog

und großen Wahlkörpern mehr Abgeordnete bewilligte, bald nach der

Revolution zum Gesetz erhoben worden wäre, so unterliegt es kaum einem

Zweifel, daß die entschiedene Mehrheit des Hauses der Gemeinen aus

ländlichen Baronets und Squires, Hochkirchlichen, Hochtories und halben

Jakobiten bestanden haben würde. Bei einem solchen Hause der Gemeinen

ist es fast gewiß, daß eine Verfolgung der Dissenters stattgefunden

haben würde; es ist schwer einzusehen, wie eine Vereinigung

mit Schottland hätte zu Stande kommen sollen, und es ist nicht

unwahrscheinlich, daß eine Restauration der Stuarts erfolgt sein würde.

Daher wurden die Theile unsrer Verfassung, welche die Politiker der

liberalen Schule in neueren Zeiten allgemein als Mißstände betrachten,

fünf Generationen früher selbst von den Männern, die am eifrigsten für

bürgerliche und religiöse Freiheit waren, mit Wohlgefallen betrachtet.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 6 / 27 段