Der Ausgang des Kriegs zu Lande und zur See lieferte Stoff zu

mehreren lebhaften Debatten. Viele Mitglieder beschwerten sich über

die Bevorzugung der Fremden vor den Engländern. Die ganze Schlacht

von Steenkerke wurde noch einmal durchgefochten und es fielen harte

Aeußerungen über Solms. »Englische Soldaten dürfen nur durch englische

Generäle commandirt werden,« war der fast einstimmige Ruf. Seymour,

der sich sonst durch seinen Haß gegen die Ausländer ausgezeichnet,

der aber, seitdem er sich im Schatzamte befand, seine Ansichten noch

einmal erwogen hatte, fragte, wo englische Generäle zu finden seien.

»Ich liebe die Ausländer als solche nicht; aber wir haben keine Wahl.

Der Mensch wird nicht als General geboren; ja, es kann Jemand ein sehr

schätzbarer Hauptmann oder Major und doch der Führung einer Armee

nicht gewachsen sein. Nur die Erfahrung bildet große Befehlshaber.

Von unseren Landsleuten besitzen sehr wenige diese Erfahrung, und

deshalb müssen wir für jetzt Ausländer verwenden.« Lowther sprach

hierauf in dem nämlichen Sinne. »Wir haben einen langen Frieden

gehabt und in Folge dessen besitzen wir keine genügende Anzahl von

Offizieren, die sich zu hohen Commandos eignen. Die Parks und das Lager

von Hounslow waren sehr armselige Kriegsschulen im Vergleich zu den

Schlachtfeldern und den Schanzwerken, auf denen die großen Commandeurs

der festländischen Nationen ihre Kunst erlernt haben.« In Erwiederung

auf diese Argumente war ein Redner für die entgegengesetzte Meinung

so albern zu erklären, daß er zehn Engländer nennen könne, die, wenn

sie in französischen Diensten ständen, zu Marschällen ernannt werden

würden. Vier oder fünf Obersten, welche bei Steenkerke gewesen waren,

betheiligten sich bei der Debatte. Man sagte von ihnen, daß sie eben

so viel Bescheidenheit in ihren Reden zeigten, als sie im Kampfe Muth

bewiesen hätten, und selbst nach dem sehr unvollständigen Bericht,

der auf uns gekommen ist, scheint dieses Compliment nicht unverdient

gewesen zu sein. Sie stimmten nicht in das allgemeine Geschrei gegen

die Holländer ein. Sie sprachen sich über die fremden Offiziere im

Allgemeinen lobend aus und ließen der Tapferkeit und Haltung, womit

Auverquerque die versprengten Ueberreste von Mackay's Division der

anscheinend unvermeidlichen Vernichtung entrissen hatte, volle

Gerechtigkeit widerfahren. Zur Vertheidigung Solms' aber wurde nicht

ein Wort gesagt. Seine Strenge, sein übermüthiges Benehmen und vor

Allem die Gleichgültigkeit, mit der er zugesehen hatte, wie die von

einer großen Uebermacht geworfenen Engländer Mann gegen Mann mit den

französischen Haustruppen kämpften, hatten ihn so verhaßt gemacht,

daß viele Mitglieder bereit waren für eine Adresse zu stimmen, welche

auf seine Entlassung und seine Ersetzung durch Talmash antrüge, der

seit Marlborough's Demission allgemein als der beste Offizier in der

Armee anerkannt wurde. Aber Talmash's Freunde traten sehr taktvoll

dazwischen. »Ich hege,« sagte einer von ihnen, »eine hohe Achtung

vor diesem Gentleman, und ich bitte Sie dringend, ihm nicht, mit der

Absicht ihm eine Aufmerksamkeit zu erzeigen, zu schaden. Bedenken Sie,

daß Sie Sich etwas anmaßen, was ganz speciell die Prärogative des

Königs ist. Sie wollen Offiziere entlassen und Offiziere anstellen.«

Die Debatte endete ohne ein Tadelsvotum gegen Solms. Doch es wurde in

nicht sehr parlamentarischer Sprache die Hoffnung ausgedrückt, daß die

im Comité gesprochenen Worte dem Könige mitgetheilt werden und daß

Se. Majestät den allgemeinen Wunsch der Vertreter seines Volks nicht

unberücksichtigt lassen würde.[65]

Die Gemeinen gingen nun zunächst zur Untersuchung der Marineverwaltung

über, und sie kamen sehr bald zu einem Streite mit den Lords über diesen

Gegenstand. Daß hier und da Verwaltungssünden vorgekommen waren, lag nur

zu klar am Tage. Es war kaum möglich, Russell und Nottingham

freizusprechen, und jedes der beiden Häuser nahm sich seines Mitgliedes

an. Die Gemeinen hatten bei Eröffnung der Session Russell für sein

Benehmen bei La Hogue einstimmig ein Dankvotum bewilligt. Jetzt zogen

sie im Großen Ausschusse die verkehrten Maßregeln, welche auf die

Schlacht gefolgt waren, in Erwägung. Es wurde ein in so unbestimmte

Ausdrücke gefaßter Antrag gestellt, daß man kaum sagen konnte, er

bedeute etwas. Er wurde jedoch so verstanden, als enthalte er einen

Tadel gegen Nottingham, und dessen Freunde widersetzten sich demselben

daher energisch. Bei der Abstimmung ergaben sich hundertfünfundsechzig

bejahende und hundertvierundsechzig verneinende Stimmen.[66]

Sogleich am folgenden Tage appellirte Nottingham an die Lords. Er

erzählte seine Geschichte mit der ganzen Geschicklichkeit eines geübten

Redners und mit der ganzen Autorität makelloser Rechtschaffenheit. Dann

legte er eine große Menge Papiere auf den Tisch des Hauses und ersuchte

das Haus, dieselben zu lesen und zu prüfen. Die Peers scheinen diese

Papiere auch genau und sorgfältig geprüft zu haben, und das Ergebniß der

Untersuchung war für Russell durchaus nicht günstig. Man hielt es indeß

für eine Ungerechtigkeit, ihn ungehört zu verurtheilen; nur war es

schwer, einen Weg ausfindig zu machen, auf dem Ihre Lordschaften ihn

anhören konnten. Endlich beschloß man, die Papiere dem Unterhause

zuzuschicken mit einer Botschaft des Inhalts, daß nach der Ansicht des

Oberhauses gegen den Admiral etwas vorliege, wegen dessen er zu einer

Erklärung aufgefordert werden müsse. Zugleich mit den Papieren wurde ein

Auszug ihres Inhalts übergeben.[67]

Die Botschaft wurde nicht sehr ehrerbietig aufgenommen. Russell besaß

zur Zeit eine Popularität, die er wenig verdiente, die uns aber nicht

Wunder nehmen kann, wenn wir erwägen, daß das Publikum seine

Verräthereien nicht kannte, wohl aber wußte, daß er der einzige lebende

Engländer war, der eine große Schlacht gewonnen hatte. Der Schriftführer

las den Auszug aus den Papieren vor. Dann sprach Russell unter großem

Beifall, und seine Freunde drangen auf sofortige Entscheidung. Sir

Christoph Musgrave bemerkte sehr richtig, daß es unmöglich sei, über

einen solchen Haufen von Depeschen ein Urtheil zu fällen ohne sie

durchgelesen zu haben; aber dieser Einwand wurde verworfen. Die Whigs

betrachteten das angeklagte Mitglied als einen der Ihrigen, viele von

den Tories waren vom Glanze seines kürzlichen Sieges geblendet, und

weder Whigs noch Tories waren geneigt, die geringste Ehrerbietung vor

der Autorität der Peers zu zeigen. Das Haus faßte, ohne die Papiere zu

lesen, einen einstimmigen Beschluß, der die entschiedene Billigung des

ganzen Benehmens Russell's ausdrückte. Die Stimmung der Versammlung war

von der Art, daß einige eifrige Whigs es jetzt wagen zu dürfen glaubten,

ein Tadelsvotum gegen Nottingham zu beantragen. Allein der Versuch

scheiterte. »Ich bin bereit,« sagte Lowther, und er sprach unzweifelhaft

die Gesinnung Vieler aus, -- »ich bin bereit jeden Antrag zu

unterstützen, der dem Admiral zur Ehre gereicht; aber ich kann mich

nicht bei einem Angriffe auf den Staatssekretär betheiligen. Denn meines

Wissens haben Ihre Majestäten keinen eifrigeren, fleißigeren und

treueren Diener als Mylord Nottingham.« Finch bot seine ganze blühende

Beredtsamkeit zur Vertheidigung seines Bruders auf und gab, ohne der

vorherrschenden Ansicht direct entgegenzutreten, zu verstehen, daß

Russell's Benehmen nicht fehlerfrei gewesen sei. Das Tadelsvotum gegen

Nottingham wurde nicht betrieben; das Votum, welches Russell's Verhalten

für durchaus lobenswerth erklärte, wurde den Lords mitgetheilt, und die

Papiere, welche sie den Gemeinen zugesandt hatten, wurden in sehr

unceremoniöser Weise zurückgegeben.[68] Die schwer gekränkten Lords

verlangten eine freie Conferenz. Sie wurde bewilligt, und die Wortführer

der beiden Häuser versammelten sich im gemalten Zimmer. Rochester sprach

im Namen seiner Collegen den Wunsch aus, die Gründe zu erfahren, auf

welche hin der Admiral für vorwurfsfrei erklärt worden sei. Auf diese

Aufforderung erwiederten die auf der andren Seite des Tisches stehenden

Gentlemen nur, daß sie nicht autorisirt worden seien, eine Erklärung zu

geben, daß sie aber Denen, die sie hergeschickt hätten, das Gesagte

mittheilen würden.[69]

Inzwischen waren die Gemeinen der Untersuchung über die Führung des

Kriegs herzlich müde geworden. Die Mitglieder hatten sich der

Verstimmung, die sie von ihren Landsitzen mitgebracht, zum großen Theile

einfach dadurch entledigt, daß sie ihrem Herzen Luft gemacht hatten.

Burnet giebt zu verstehen, daß die Kunstgriffe, in denen Caermarthen und

Trevor große Meister waren, dazu angewendet wurden, Beschlüssen

vorzubeugen, welche der Regierung ernste Verlegenheiten bereitet haben

würden. Aber obgleich es nicht unwahrscheinlich ist, daß einige lärmende

vermeintliche Patrioten durch Beutel voll Guineen zum Schweigen gebracht

wurden, so würde es doch ungereimt sein, wollte man annehmen, daß das

Haus im allgemeinen auf diese Art influirt worden sei. Wer solche

Versammlungen gesehen hat, weiß, daß der Eifer, mit dem sie an

langwierige Untersuchungen gehen, sehr bald erkaltet und daß ihr Unmuth,

wenn er nicht durch unvernünftige Opposition lebendig erhalten wird,

schnell verraucht. In kurzer Zeit war Jedermann des Großen Ausschusses

zur Rathertheilung müde. Die Debatten waren langweilig und weitschweifig

gewesen, und die gefaßten Beschlüsse waren größtentheils rein kindisch.

Es sollte dem Könige unterthänigst gerathen werden, geschickte und

rechtschaffene Männer anzustellen. Es sollte ihm unterthänigst gerathen

werden, Männer anzustellen, welche treu zu ihm gegen Jakob stehen

würden. Die Geduld des Hauses war erschöpft durch lange Discussionen,

welche auf die pomphafte Verkündigung derartiger Gemeinplätze

hinausliefen. Endlich erfolgte die Explosion. Einer der Mißvergnügten

lenkte die Aufmerksamkeit des Großen Ausschusses auf das beunruhigende

Factum, daß beim Feldzeugmeisteramte zwei Holländer angestellt seien,

und trug darauf an, dem Könige solle unterthänigst gerathen werden, sie

zu entlassen. Der Antrag wurde mit geringschätzendem Spotte aufgenommen.

Man bemerkte, daß gerade die Militärs ihre Verachtung am lautesten

äußerten. »Denken wir im Ernst daran, zum Könige zu gehen und ihm zu

sagen, daß, weil er geruht habe, in dieser hochwichtigen Krisis unsren

Rath zu verlangen, wir ihm unterthänigst riethen, einen holländischen

Magazinaufseher aus dem Tower zu entfernen? Wahrhaftig, wenn wir keinen

wichtigeren Vorschlag vor den Thron zu bringen haben, so können wir eben

so gut zu Tische gehen.« Die Mitglieder waren im Ganzen der nämlichen

Ansicht. Der Präsident wurde vom Stuhle wegvotirt und nicht

aufgefordert, um Erlaubniß zu bitten, denselben wieder einnehmen zu

dürfen. Der Große Ausschuß existirte nicht mehr. Die gefaßten Beschlüsse

wurden in aller Form dem Hause mitgetheilt. Einer derselben wurde

verworfen, die anderen wurden fallen gelassen, und nachdem die Gemeinen

mehrere Wochen lang erwogen hatten, welchen Rath sie dem Könige geben

sollten, gaben sie ihm schließlich gar keinen.[70]

Die Stimmung der Lords war eine ganz andre. Aus vielen Umständen geht

hervor, daß die Holländer damals nirgends so sehr gehaßt wurden wie im

Oberhause. Das Mißfallen, mit dem ein Engländer des Mittelstandes die

ausländischen Freunde des Königs betrachtete, war bloß national. Aber

die Abneigung, mit der ein englischer Edelmann sie betrachtete, war

persönlich. Sie standen zwischen ihm und der Majestät, sie entzogen ihm

die Strahlen der königlichen Gunst. Der ihnen gegebene Vorzug verletzte

ihn sowohl in seinen Interessen wie auch in seinem Stolze. Seine

Aussicht auf den Hosenbandorden war bedeutend geringer, seitdem sie

seine Concurrenten geworden waren. Er hätte Oberstallmeister sein

können, wenn Auverquerque nicht gewesen wäre, Oberkammerherr, wenn

Zulestein, Obergarderobier, wenn Bentinck nicht gewesen wäre.[71] Die

üble Laune des Adels wurde durch Marlborough genährt, der damals die

Rolle eines Patrioten spielte, welcher verfolgt wurde, weil er sich zur

Vertheidigung der Interessen seines Vaterlandes gegen die Holländer

erhoben, und der nicht voraussah, daß ein Tag kommen werde, wo er

angeklagt werden sollte, die Interessen seines Vaterlandes den

Holländern zu Gefallen aufzuopfern. Die Peers beschlossen, Wilhelm eine

Adresse zu überreichen, in der sie ihn ersuchten, seine englischen

Truppen nicht unter das Commando eines holländischen Generals zu

stellen. Sie nahmen die Frage, welche das Haus der Gemeinen zum Lachen

gereizt, ganz ernsthaft auf und riethen ihrem Souverain feierlich, keine

Ausländer in seinen Magazinen anzustellen. Auf Marlborough's Vorschlag

drangen sie in den König, darauf zu bestehen, daß der jüngste englische

General den Vorrang vor dem ältesten General im Dienste der

Generalstaaten haben solle. Es beeinträchtige, sagten sie, das Ansehen

der Krone, wenn ein Offizier, der sein Patent von Sr. Majestät habe, von

einem Offizier commandirt würde, der ein ähnliches Patent von einer

Republik habe. Auf diesem offenbar durch einen unedlen Groll gegen

Holland eingegebenen Rath gab Wilhelm, der sich wenig um Beschlüsse des

Oberhauses kümmerte, die nicht vom Unterhause unterstützt wurden, wie

sich erwarten ließ, eine sehr kurze und trockne Antwort.[72]

[_Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen._]

Während die Untersuchung über die Führung des Kriegs schwebte, nahmen

die Gemeinen die Berathung eines wichtigen Gegenstandes wieder auf, der

schon im vergangenen Jahre ihre Aufmerksamkeit sehr beschäftigt hatte.

Die Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen wurde aufs

Neue eingebracht, stieß aber auf nachdrückliche Opposition seitens der

Staatsbeamten, Whigs sowohl als Tories. Somers, der jetzt Generalfiskal

war, empfahl dringend Aufschub. Daß das Gesetz in seiner gegenwärtigen

Fassung gewichtige Einwürfe zulasse, wurde nicht in Abrede gestellt,

wohl aber behauptet, daß die vorgeschlagene Abänderung in diesem

Augenblicke mehr schaden als nützen werde. Niemand werde behaupten, daß

unter der bevorstehenden Regierung das Leben harmloser Unterthanen

irgendwie gefährdet sei. Niemand werde hingegen leugnen, daß die

Regierung selbst in großer Gefahr sei. Sei es weise gehandelt, die

Gefahr dessen, was bereits in ernster Gefahr schwebe, noch zu

vergrößern, um dem, was schon vollkommen sicher sei, noch größere

Sicherheit zu verleihen? Denen, welche so sprachen, warf man ihre

Inconsequenz vor und fragte sie, warum sie nicht den Muth gehabt hätten,

sich in der vorigen Session der Bill zu widersetzen. Sie antworteten

sehr plausibel, daß die während der Parlamentsferien stattgefundenen

Ereignisse Allen die noch etwas lernen wollten, eine wichtige Lehre

gegeben habe. Das Land sei gleichzeitig von einer Invasion und von einem

Aufstande bedroht gewesen. Kein Verständiger zweifle daran, daß viele

Verräther Vorkehrungen zum Anschluß an die Franzosen getroffen und zu

dem Ende Waffen, Munition und Pferde angesammelt hätten. Obgleich man

jedoch mehr als genügende moralische Beweise gegen diese Feinde ihres

Vaterlandes gehabt habe, sei es doch nicht möglich gewesen, gegen einen

Einzigen von ihnen juristische Beweise zu finden. Das Hochverrathsgesetz

möge in der Theorie hart sein und sei allerdings in früherer Zeit

gröblich gemißbraucht worden. Aber ein Staatsmann, der sich weniger um

die Theorie als um die Praxis und weniger um die Vergangenheit als um

die Gegenwart kümmerte, werde jenes Gesetz nicht für zu streng, sondern

für zu lax erklären und werde, so lange der Staat in der größten Gefahr

sei, jeder weiteren Milderung seine Zustimmung versagen. Doch trotz

aller Opposition wurde die Bill im Prinzip von hunderteinundsiebzig

gegen hundertzweiundfunfzig Stimmen gebilligt. Im Ausschusse aber wurde

beantragt und angenommen, daß die neuen Procedurvorschriften erst nach

Beendigung des Kriegs mit Frankreich in Kraft treten sollten. Als der

Bericht erstattet wurde, stimmte das Haus über dieses Amendement ab und

bestätigte es mit hundertfünfundvierzig gegen hundertfünfundzwanzig

Stimmen. In Folge dessen wurde die Bill fallen gelassen.[73] Wäre sie

vor die Peers gekommen, so würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach

verloren gewesen sein, nachdem sie einen neuen Streit zwischen den

beiden Häusern veranlaßt hätte. Denn die Peers hatten sich fest

vorgenommen, keine solche Bill durchgehen zu lassen, wenn sie nicht eine

Klausel enthielte, welche die Einrichtung des Gerichtshofes des Lord

High Steward änderte, und eine die Einrichtung des Gerichtshofes des

Lord High Steward ändernde Klausel würde weniger Aussicht gehabt haben

als je, von den Gemeinen günstig aufgenommen zu werden. Denn im Laufe

dieser Session trat ein Ereigniß ein, welches bewies, daß die Großen

durch das Gesetz in seiner gegenwärtig bestehenden Form nur zu wohl

geschützt waren, und das mit Recht verdient als ein schlagender Beleg

für den Zustand der Sitten und der Moralität der damaligen Zeit

berichtet zu werden.

[_Der Prozeß Lord Mohun's._] Von allen Schauspielern der damaligen

englischen Bühne war Wilhelm Mountford der liebenswürdigste. Er besaß

alle physischen Eigenschaften für seinen Beruf: eine edle Gestalt, ein

hübsches Gesicht und ein klangvolles Organ. Es war schwer zu sagen, ob

er besser in Heldenrollen oder in komischen Rollen reussirte. Er war

anerkanntermaßen der beste Alexander und der beste Sir Courtly Nice, der

je auf den Brettern gestanden. Die Königin Marie, deren Kenntnisse sehr

oberflächlich waren, die aber von Natur einen treffenden Blick für alles

Ausgezeichnete in der Kunst besaß, bewunderte ihn in hohem Grade. Er war

überdies nicht nur Schauspieler, sondern auch dramatischer Dichter und

hat uns ein Lustspiel hinterlassen, das nicht zu verachten ist.[74]

Die beliebteste Schauspielerin jener Zeit war Anna Bracegirdle. Es gab

wohl beim Theater manche Frau von tadelloserer Schönheit, aber keine,

deren Gesichtszüge und Haltung die Sinne und die Herzen der Männer so zu

bezaubern vermocht hätten. Der Anblick ihrer glänzend schwarzen Augen

und ihrer frischen bräunlichen Wangen reichte hin, auch das unruhigste

Publikum in heitere Laune zu versetzen. Man sagte von ihr, daß sie in

einem gefüllten Hause eben so viele Anbeter hatte als männliche

Zuschauer anwesend waren. Doch kein auch noch so reicher oder noch so

vornehmer Anbeter hatte sie dahin zu bringen vermocht, seine Geliebte zu

werden. Wer die Rollen, die sie zu spielen pflegte, und die Epiloge,

deren Vortrag ihr specielles Amt war, näher kennt, wird ihr so leicht

kein ungewöhnliches Maß von Tugend oder Zartgefühl zutrauen. Sie scheint

eine kalte, eitle und eigennützige Kokette gewesen zu sein, die sich

vollkommen bewußt war, wie sehr die Macht ihrer Reize durch den Ruf

einer ihr keine Ueberwindung kostenden Unerbittlichkeit erhöht wurde,

und die es wagen konnte, mit einer Reihenfolge von Anbetern zu spielen,

in der begründeten Ueberzeugung, daß keine Flamme, die sie in ihnen

entzündete, ihr eignes Eis aufthauen werde.[75] Zu Denen, die sie mit

wahnsinniger Begierde verfolgten, gehörte ein lasterhafter Hauptmann von

der Armee, Namens Hill. Mit Hill war ein junger Edelmann, Lord Karl

Mohun, dessen ganzes Leben nichts als eine lange Schwelgerei und

Rauferei war, in einem Bunde der Ausschweifung und Gewaltthätigkeit

verbrüdert. Als Hill sah, daß die schöne Brünette unbesiegbar war,

setzte er es sich in den Kopf, daß er um eines begünstigteren

Nebenbuhlers willen verschmäht werde und daß dieser Nebenbuhler der

glänzende Mountford sei. Der eifersüchtige Liebhaber gelobte in einem

Wirthshause bei der Flasche, daß er den Schurken erstechen werde. »Und

ich,« sagte Mohun, »werde meinem Freunde beistehen.« Aus dem Wirthshause

ging das Paar, begleitet von einigen Soldaten, deren Dienste Hill

erkauft hatte, nach Drury Lane, wo die Dame wohnte. Hier legten sie sich

eine Weile auf die Lauer. Sobald sie auf der Straße erschien, wurde sie

ergriffen und zu einem Wagen geschleppt. Sie rief um Hülfe, ihre Mutter

umklammerte sie, die ganze Nachbarschaft gerieth in Aufruhr, und sie

wurde befreit. Hill und Mohun gingen Rache gelobend fort. Noch zwei

Stunden bramarbasirten sie mit dem Degen in der Hand in den Straßen bei

Mountford's Wohnung umher. Die Wache forderte sie auf, ihre Waffen in

die Scheide zu stecken. Als aber der junge Lord sagte, daß er ein Peer

sei, und die Constabler herausforderte ihn anzurühren, wenn sie den Muth

dazu hätten, ließen sie ihn gehen. So stark war damals das Privilegium

und so schwach das Gesetz. Es wurden Boten an Mountford gesandt, um ihn

vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen; unglücklicherweise aber trafen

sie ihn nicht an. Er kam. Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel

zwischen ihm und Mohun, und während sie sich mit einander stritten,

rannte Hill dem unglücklichen Schauspieler den Degen durch den Leib und

entfloh.

Die große Jury von Middlesex, welche aus angesehenen Gentlemen bestand,

fand Grund zu einer Anklage auf Mord gegen Hill und Mohun. Hill entkam;

Mohun aber wurde ergriffen. Seine Mutter that einen Fußfall beim Könige;

aber vergebens. »Es war eine schändliche That,« sagte Wilhelm, »ich

werde sie dem Laufe des Gesetzes überlassen.« Der Prozeß kam vor den

Gerichtshof des Lord High Steward zur Verhandlung, und da das Parlament

gerade versammelt war, so hatte der Angeklagte den Vortheil, von der

gesammten Pairie gerichtet zu werden. Es befand sich damals kein Jurist

im Oberhause, und daher wurde es zum ersten Male seitdem Buckhurst das

Urtel über Essex und Southampton gesprochen, nothwendig, daß ein Peer,

der niemals die Rechtswissenschaft zu seinem speciellen Studium gemacht

hatte, in diesem hohen Tribunale den Vorsitz führte. Caermarthen, der

als Lord Präsident über dem ganzen Adel stand, wurde zum Lord High

Steward ernannt. Es ist ein vollständiger Bericht über die

Prozeßverhandlungen auf uns gekommen. Wer diesen aufmerksam liest und

das Gutachten prüft, welches die Richter in Beantwortung einer von

Nottingham aufgeworfenen Frage abgaben, und in welchem die durch den

Zeugenbeweis festgestellten Thatsachen mit vollkommener Unparteilichkeit

dargelegt sind, der kann nicht zweifeln, daß der Gefangene des

Verbrechens des Mordes vollständig überwiesen war. Dies war die Ansicht

des Königs, der den Verhandlungen beiwohnte, und dies war die fast

einstimmige Ansicht des Publikums. Wäre die Untersuchung durch Holt und

durch zwölf schlichte Männer vor der Old Bailey geführt worden, so kann

es keinem Zweifel unterliegen, daß das Verdict auf Schuldig gelautet

haben würde. Die Peers aber sprachen ihren angeklagten Standesgenossen

mit neunundsechzig gegen vierzehn Stimmen frei. Ein vornehmer Edelmann

war brutal und einfältig genug zu sagen: »Am Ende war der Mensch doch

weiter nichts als ein Schauspieler, und die Schauspieler sind Gesindel.«

Alle Zeitungen, alle Kaffeehausredner beklagten sich bitter, daß das

Blut des Armen ungestraft durch den Großen vergossen werden dürfe.

Witzlinge bemerkten, daß das einzige Schöne[76] an dem Prozesse die auf

den Gallerien versammelten Damen gewesen seien. Es existiren noch Briefe

und Tagebücher, in denen Männer jeder politischen Farbe, Whigs, Tories

und Eidverweigerer, die Parteilichkeit des Tribunals verdammen. So lange

die Erinnerung an diesen Scandal beim Volke noch frisch war, ließ sich

nicht erwarten, daß die Gemeinen bewogen werden könnten, angeklagten

Peers irgend einen neuen Vortheil einzuräumen.[77]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 4 / 27 段