segelten ab und vereinigten sich nach wenigen Stunden in der Nähe von
Portland mit der Kriegsflotte. Am 28. wurde ein allgemeiner Kriegsrath
gehalten. Sämmtliche Schiffcommandeurs, mit Russell an der Spitze,
erklärten, daß es Wahnsinn sein würde, ihre Schiffe in den Bereich der
Kanonen von Saint-Malo zu bringen, und daß die Stadt erst zu Lande
bedrängt werden müsse, ehe die im Hafen liegenden Kriegsschiffe mit der
geringsten Aussicht auf Erfolg von der See her angegriffen werden
könnten. Die Militärs erklärten mit gleicher Einstimmigkeit, daß die
Landtruppen ohne gleichzeitige Mitwirkung der Flotte nichts gegen die
Stadt auszurichten vermöchten. Man überlegte nun, ob es rathsam sei,
einen Angriff auf Brest oder Rochefort zu unternehmen. Russell und die
übrigen Flaggenoffiziere, darunter Rooke, Shovel, Almonde und Evertsen,
erklärten, der Sommer sei für beide Unternehmungen zu weit
vorgerückt.[34] Wir müssen glauben, daß eine Ansicht, in der so viele
ausgezeichnete englische und holländische Admirale übereinstimmten, mag
sie uns auch noch so auffallend erscheinen, den damals feststehenden
Prinzipien der Seekriegskunst angemessen war. Warum aber alle diese
Fragen nicht acht Tage früher erschöpfend berathen, warum
vierzehntausend Mann Truppen eingeschifft und aufs Meer geschickt worden
waren, ehe man erwogen hatte, was sie thun sollten oder ob sie überhaupt
etwas würden thun können, darüber dürfen wir uns mit Recht wundern. Die
Flotte kehrte zum Erstaunen und Unwillen der ganzen Nation nach
Saint-Helens zurück.[35] Die Minister tadelten die Commandeurs, die
Commandeurs tadelten die Minister. Ganz besonders laut und heftig waren
die gegenseitigen Beschuldigungen zwischen Nottingham und Russell. Der
rechtschaffene und fleißige, in den Civilgeschäften wohlbewanderte und
in der parlamentarischen Debatte beredtsame Nottingham entbehrte der
Eigenschaften eines Kriegsministers und war sich seiner Mangelhaftigkeit
in dieser Beziehung keineswegs bewußt. Zwischen ihm und dem ganzen
Stande der Seeleute von Profession herrschte eine schon seit langer Zeit
währende Fehde. Er war einige Zeit vor der Revolution einer der Lords
der Admiralität gewesen und glaubte sich damals eine gründliche Kenntniß
der Marineangelegenheiten erworben zu haben. Diese Ansicht theilten
jedoch nur sehr Wenige. Männer, welche die Hälfte ihres Lebens auf dem
Wasser zugebracht und Schlachten, Stürme und Schiffbrüche gesehen
hatten, ärgerten sich über seine etwas pomphaften Sermone und Verweise
und erklärten ihn für einen bloßen Pedanten, der mit aller seiner
Büchergelehrsamkeit Dinge nicht verstehe, die jeder Kajütenjunge wisse.
Russell war stets eigensinnig, anmaßend und widerspenstig gewesen, und
jetzt entwickelten Glück und Ruhm seine Fehler zu voller Stärke. Der
Regierung gegenüber, die er gerettet hatte, nahm er sich alle Freiheiten
eines insolenten Dieners heraus, der sich für unentbehrlich hält,
behandelte die Befehle seiner Vorgesetzten mit geringschätzender
Leichtfertigkeit, nahm jeden auch noch so milden Tadel für eine
Beleidigung, lieferte keinen eigenen Plan und zeigte doch eine unmuthige
Entschlossenheit, keinen von irgend einem Andren vorgeschlagenen Plan
auszuführen. Gegen Nottingham empfand er eine starke und sehr natürliche
Antipathie. Sie waren in der That ein schlecht zusammenpassendes Paar.
Nottingham war ein Tory, Russell ein Whig. Nottingham war ein
spekulativer Seemann, der auf seine Theorien pochte, Russell ein
praktischer Seemann, der auf seine Thaten stolz war. Nottingham's Stärke
war die Rede, Russell's Stärke war das Handeln. Nottingham's Benehmen
war anständig bis zur Förmlichkeit; Russell war heftig und barsch.
Schließlich war Nottingham ein braver Mann, Russell ein Schurke. Sie
wurden jetzt Todfeinde. Der Admiral machte sich über die Unwissenheit
des Sekretärs in Marineangelegenheiten lustig; der Secretär beschuldigte
den Admiral, daß er die Interessen des Staats bloßen eigensinnigen
Launen aufopfere, und Beide hatten Recht.[36]
Während sie mit einander haderten, erhoben die Kaufleute aller
Hafenplätze des Königreichs ein lautes Geschrei über die
Marineverwaltung. Den Sieg, auf den die Nation so stolz war, erklärte
man in der City für ein positives Unglück. Während einiger Monate vor
der Schlacht war die ganze Seemacht des Feindes in zwei großen Massen
concentrirt gewesen, die eine im mittelländischen, die andre im
atlantischen Meere. In Folge dessen hatte es wenig Kaperei gegeben, und
die Reise nach Neuengland oder nach Jamaika war fast eben so gefahrlos
gewesen wie in Friedenszeiten. Seit der Schlacht aber waren die
Ueberreste der vor kurzem unter Tourville versammelt gewesenen Flotte
über den Ocean zerstreut. Selbst die Ueberfahrt von England nach Irland
war unsicher. Jede Woche wurde angekündigt, daß zwanzig, dreißig,
fünfzig Schiffe, welche London oder Bristol gehörten, von den Franzosen
weggenommen worden seien. Mehr als hundert Prisen waren diesen Herbst
allein nach Saint-Malo gebracht worden. Nach der Meinung der
Schiffseigner und der Assecuradeurs würde es weit besser gewesen sein,
wenn der Soleil Royal mit seinen tausend streitbaren Männern noch auf
hoher See geschwommen wäre, anstatt daß er wie ein Aschenhaufen am
Strande bei Cherbourg lag, während seine Mannschaft, auf zwanzig
Brigantinen vertheilt, in den Gewässern zwischen Cap Finisterre und Cap
Clear nach Beute umherkreuzte.[37]
Die Kaper von Dünkirchen waren schon seit langer Zeit berühmt, und unter
ihnen nahm Jean Bart, von niederer Herkunft und kaum im Stande seinen
Namen zu schreiben, aber ausgezeichnet tapfer und rührig, unbestritten
den ersten Rang ein. In dem Vaterlande Anson's und Hawke's, Howe's und
Rodney's, Duncan's, Saint-Vincent's und Nelson's würde der Name des
verwegensten und geschicktesten Corsaren wenig Aussicht gehabt haben, in
der Erinnerung fortzuleben. Frankreich aber, unter dessen vielen
unbestrittenen Ruhmestiteln nur sehr wenige dem Seekriege angehören,
zählt Jean Bart noch immer zu seinen großen Männern. Im Herbste des
Jahres 1692 war dieser unternehmende Freibeuter der Schrecken aller mit
der Ostsee Handel treibenden englischen und holländischen Kaufleute. Er
nahm und zerstörte Schiffe dicht an der Ostküste unsrer Insel. Ja, er
wagte es sogar in Northumberland zu landen, und verbrannte viele Häuser,
ehe die Milizen zusammengezogen werden konnten, um ihm auf den Leib zu
rücken. Der Werth der Prisen, die er in seinen heimathlichen Hafen
führte, wurde auf ungefähr hunderttausend Pfund Sterling geschätzt.[38]
Um die nämliche Zeit wurde einem jüngeren Abenteurer, der bestimmt war,
Bart zu erreichen oder noch zu übertreffen, Du Guay Trouin, das Commando
eines kleinen bewaffneten Fahrzeugs übertragen. Der unerschrockene Knabe
-- denn er war noch nicht zwanzig Jahr alt -- fuhr in die Mündung des
Shannon, plünderte ein Haus in der Grafschaft Clare und schiffte sich
nicht eher wieder ein, als bis ein Detachement der Garnison von Limerick
gegen ihn ausrückte.[39]
[_Erdbeben in Port Royal._] Während durch diese Seeräuber unser Handel
gestört und unsere Küsten bedroht wurden, vermehrten einige andere
Calamitäten, die keine menschliche Vorsicht hätte abwenden können, die
öffentliche Verstimmung. Ein Erdbeben von furchtbarer Heftigkeit
zerstörte binnen weniger als drei Minuten die blühende Colonie Jamaika.
Ganze Pflanzungen veränderten ihre Lage, ganze Dörfer wurden
verschlungen. Port Royal, die schönste und reichste Stadt, welche die
Engländer bis dahin in der neuen Welt erbaut hatten, berühmt wegen ihrer
Quais, ihrer Waarenmagazine und ihrer prächtigen Straßen, die mit
Cheapside gewetteifert haben sollen, wurde in einen Trümmerhaufen
verwandelt. Funfzehnhundert Einwohner wurden unter ihren eigenen Häusern
begraben. Die Folgen dieses Unglücks wurden von vielen großen
Handlungshäusern London's und Bristol's schwer empfunden.[40]
[_Noth in England._] Ein noch größeres Unglück war das Mißrathen der
Ernte. Der Sommer war im ganzen westlichen Europa naß gewesen. Die
starken Regengüsse, welche die Arbeiten der französischen Pioniere in
den Laufgräben von Namur erschwert hatten, waren auch den Feldfrüchten
verderblich gewesen. Alte Leute erinnerten sich seit 1648 keines solchen
Jahres. Keine Frucht wurde reif. Der Preis des Quarters Weizen
verdoppelte sich. Das Uebel wurde noch verschlimmert durch den Zustand
der Silbermünzen, die in einem solchen Umfange beschnitten worden
waren, daß die Worte Pfund und Schilling gar keine bestimmte Bedeutung
mehr hatten. Verglichen mit Frankreich konnte England sich indeß noch
glücklich schätzen. Hier waren die öffentlichen Lasten schwer, dort
waren sie erdrückend. Hier mußte der Arbeiter mit seinem groben
Gerstenbrot haushälterisch umgehen; dort geschah es nicht selten, daß
der unglückliche Landmann mit halbgekautem Grase im Munde todt gefunden
wurde. Unsere Vorfahren fanden einigen Trost in dem Gedanken, daß sie
nach und nach die Stärke ihres furchtbaren Feindes erschöpften und daß
seine Hülfsquellen wahrscheinlich eher versiegen würden als die ihrigen.
Doch die Leiden und die Unzufriedenheit waren immerhin groß. In einigen
Grafschaften griff der Pöbel die Getreidespeicher an. Die Nothwendigkeit
sich einzuschränken wurde von Familien jeden Standes erkannt. Ein
müßiger Schöngeist und Genußmensch, der schwerlich daran gedacht hat,
daß seine Scherze je citirt werden würden, um die Geschichte seiner Zeit
zu characterisiren, beklagt sich, daß in diesem Jahre der Wein von
vielen Tafeln, auf denen man ihn zu sehen gewohnt war, verschwunden
gewesen und durch Punsch ersetzt worden sei.[41]
[_Zunahme der Verbrechen._] Ein weit beunruhigenderes Symptom des
allgemeinen Nothstandes als die Substituirung des Clarets durch
Branntwein und Citronen war die Vermehrung der Verbrechen. Während des
Herbstes von 1692 und des darauffolgenden Winters wurde die Hauptstadt
durch Einbruchdiebstähle in beständiger Angst erhalten. Eine dreizehn
Mann starke Diebesbande drang in den Palast des Herzogs von Ormond in
Saint-James' Square und es wäre ihr fast gelungen sein prächtiges
Silbergeschirr und seine Juwelen zu entwenden. Eine andre Bande
versuchte einen Einbruch in Lambeth Palace.[42] Wenn herrschaftliche,
von zahlreichen Dienern bewachte Wohnungen in solcher Gefahr schwebten,
so wird man leicht glauben, daß keines Krämers Kasse und Waarenlager
sicher war. Von Bow bis Hydepark, von Thames Street bis Blomsbury war
kein Kirchspiel, in welchem nicht eine ruhige Wohnung durch nächtliche
Diebe geplündert worden wäre.[43] Zu gleicher Zeit waren die Heerstraßen
wegen der Freibeuter, die sich in stärkere Truppen formirten, als man
sie bis dahin gekannt hatte, kaum noch zu passiren. Es existirte ein
geschworner Bund von zwanzig Straßenräubern zu Fuß, die in einem
Alehause in Southwark ihre Zusammenkünfte hielten.[44] Die gefürchtetste
Räuberbande aber bestand aus zweiundzwanzig Berittenen.[45] Eine Reise
von fünfzig Meilen durch die reichsten und bevölkertsten Grafschaften
England's scheint damals eben so gefährlich gewesen zu sein, wie eine
Wanderung durch die Wüsten Arabien's. Die Diligence von Oxford wurde am
hellen Tage nach einem blutigen Kampfe ausgeplündert.[46] Ein mit
funfzehntausend Pfund Sterling Staatsgeldern befrachteter Wagen wurde
angehalten und ausgeraubt. Da diese Operation einige Zeit erforderte,
so wurden alle Reisenden, die während der Arbeit der Diebe zur Stelle
kamen, festgenommen und bewacht. Als die Beute in Sicherheit gebracht
war, durften die Gefangenen zu Fuß ihren Weg fortsetzen; aber ihre
Pferde, sechzehn bis achtzehn an der Zahl, wurden todtgeschossen oder
ihnen die Knieflechsen zerschnitten, um jede Verfolgung zu
verhindern.[47] Der Postwagen von Portsmouth wurde in einer Woche
zweimal durch wohlbewaffnete und berittene Männer beraubt.[48] Einige
joviale Squires aus Essex wurden auf einer Hasenjagd ihrerseits von neun
Jägern ganz andrer Art gehetzt und eingeholt und waren herzlich froh,
als sie, wenn auch mit leeren Taschen, wieder zu Hause anlangten.[49]
Die Freunde der Regierung behaupteten, die Räuber seien lauter
Jakobiten, und gewisse Anzeichen gaben dieser Behauptung in der That
einen Schein von Begründung. Es wurden zum Beispiel funfzehn Metzger,
welche an einem Markttage nach Thame gingen, um Vieh einzukaufen, von
einer starken Bande angehalten und zuerst gezwungen ihre Geldkatzen
herzugeben und dann Branntwein auf das Wohl König Jakob's zu
trinken.[50] Man muß jedoch den Räubern und Dieben die Gerechtigkeit
widerfahren lassen, daß sie bei Ausübung ihres Handwerks keine bestimmte
Vorliebe für irgend eine politische Partei zeigten. Einige von ihnen
begegneten in der Nähe von Saint-Albans Marlborough und zwangen ihn,
ungeachtet seiner bekannten Feindseligkeit gegen den Hof und seiner
kürzlichen Haft, fünfhundert Guineen herauszugeben, deren Verlust er
wahrscheinlich bis zum letzten Augenblicke seiner langen Laufbahn des
Glücks und Ruhms nicht aufhörte zu beklagen.[51]
Als Wilhelm bei seiner Zurückkunft vom Continent erfuhr, in welcher
Ausdehnung dieses Unwesen getrieben wurde, äußerte er eine tiefe
Entrüstung und kündigte seinen Entschluß an, die Uebelthäter mit
starker Hand zu unterdrücken. Ein alter ausgedienter Räuber wurde
bewogen, den Angeber zu machen und dem Könige eine lange Liste der
bedeutendsten Straßenräuber und einen vollständigen Nachweis über
ihre Gewohnheiten und ihre Lieblingsaufenthaltsorte vorzulegen. Diese
Liste soll nicht weniger als achtzig Namen enthalten haben.[52] Es
wurden starke Reitertrupps zum Schutze der Landstraßen ausgesandt,
und diese Maßregel, welche unter gewöhnlichen Verhältnissen lautes
Murren hervorgerufen haben würde, scheint allgemein gebilligt
worden zu sein. Ein schönes Regiment, gegenwärtig das zweite
Gardedragonerregiment genannt, das sich in Irland durch Thätigkeit und
Glück im unregelmäßigen Kriege gegen die Rapparees ausgezeichnet hatte,
wurde dazu auserwählt, mehrere von den großen Zugängen zur Hauptstadt
zu bewachen. Blackheath, Barnet, Hounslow wurden Waffenplätze.[53]
Nach wenigen Wochen waren die Straßen wieder so sicher wie sonst. Es
fanden zahlreiche Hinrichtungen statt, denn bis das Uebel vollständig
unterdrückt war, weigerte sich der König standhaft, irgend einem
Gnadengesuche Gehör zu geben.[54] Unter den Hingerichteten befand
sich auch Jakob Whitney, der berüchtigtste Räuberhauptmann im ganzen
Königreiche. Er war einige Monate lang der Schrecken aller von
London nordwärts oder westwärts Reisenden gewesen und wurde endlich
mit Mühe nach einem verzweifelten Kampfe, in welchem ein Soldat
getödtet und mehrere andere verwundet wurden, gefangen genommen.[55]
Die London Gazette zeigte die Gefangennehmung dieses berüchtigten
Straßenräubers an und forderte alle Diejenigen, welche von ihm beraubt
worden waren, auf, sich in Newgate einzufinden und zu sehen, ob sie
ihn wiedererkennten. Seine Identität festzustellen, konnte nicht
schwer sein, denn er hatte eine Wunde im Gesicht und einen Daumen
verloren.[56] Aber er verwendete in der Hoffnung, die Belastungszeugen
irre zu führen, hundert Pfund Sterling darauf, sich bis zum Tage der
Gerichtsverhandlungen einen kostbaren gestickten Anzug zu verschaffen.
Dieser sinnreiche Einfall wurde jedoch durch seine hartherzigen Hüter
vereitelt. Er kam in seinen gewöhnlichen Kleidern vor die Schranke
und wurde überführt und zum Tode verurtheilt.[57] Er hatte vorher
noch den Versuch gemacht, sich durch das Anerbieten loszukaufen, eine
aus lauter Straßenräubern bestehende Reitertruppe für den Dienst in
Flandern zu errichten; aber sein Anerbieten war abgelehnt worden.[58]
Jetzt blieb ihm noch ein möglicher Ausweg. Er erklärte, daß er um ein
hochverrätherisches Complot wisse. Einige jakobitische Lords hätten ihm
eine große Belohnung versprochen, wenn er an der Spitze seiner Bande
den König auf einer Hirschjagd im Walde von Windsor überfallen wolle.
Whitney's Geschichte hatte durchaus keine innere Unwahrscheinlichkeit.
Es wurde sogar ein ganz ähnlicher Plan, wie der, dessen er die
Mißvergnügten beschuldigte, nur drei Jahre später von einigen von
ihnen wirklich entworfen und beinahe zur Ausführung gebracht. Aber
es war viel besser, daß einige wenige schlechte Menschen unbestraft
blieben, als daß alle rechtschaffenen Leute in beständiger Angst
lebten, von zum Galgen verurtheilten Verbrechern fälschlich angeklagt
zu werden. Der Oberrichter Holt rieth dem Könige, der Gerechtigkeit
ihren Lauf zu lassen, und Wilhelm, der nie besonders geneigt war,
Verschwörungsgeschichten Glauben zu schenken, gab seine Zustimmung. Der
Kapitain, wie man ihn nannte, wurde in Smithfield gehängt und ging sehr
reumüthig aus der Welt.[59]
[_Zusammentritt des Parlaments._] Unterdessen hatte inmitten der
Mißstimmung, Noth und Unordnung eine ganz besonders ereignißvolle
Parlamentssession begonnen, eine Session, von der eine neue Aera in der
Geschichte der englischen Finanzen datirt, eine Session, in welcher
einige wichtige Verfassungsfragen, die noch heute nicht vollständig
erledigt sind, zum ersten Male berathen wurden.
[_Stand der Parteien._] Es ist sehr zu bedauern, daß jeder Bericht von
dieser Session, der sich aus den uns jetzt noch zu Gebote stehenden
spärlichen und zerstreuten Materialien zusammenstellen läßt, Vieles im
Dunklen lassen muß. Die gegenseitigen Beziehungen der parlamentarischen
Parteien waren dieses Jahr in einem äußerst verwickelten Zustande. Jedes
der beiden Häuser wurde durch mehrere Scheidelinien in Abtheilungen und
Unterabtheilungen zerfällt. Unwichtigerer Unterscheidungen nicht zu
gedenken, war zuerst die große Scheidelinie, welche die Whigpartei von
der Torypartei trennte; dann die große Scheidelinie, welche die
Staatsmänner mit ihren Freunden und ihren Anhängern, zuweilen die
Hofpartei genannt, von Denen trennte, denen man bald den Spottnamen der
Murrköpfe (+Grumbletonians+) gab, bald mit der Benennung der
Vaterlandspartei beehrte. Und diese beiden großen Linien durchschnitten
sich wieder. Denn von den Dienern der Krone und ihren Anhängern waren
ungefähr die Hälfte Whigs; die andere Hälfte Tories. Auch muß daran
erinnert werden, daß völlig getrennt von der Fehde zwischen Whigs und
Tories, völlig getrennt auch von der Fehde zwischen den Staatsdienern
und Nichtstaatsdienern, eine Fehde zwischen den Lords als Lords und den
Gemeinen als Gemeinen herrschte. Der Geist der erblichen Kammer und der
Wahlkammer war in der vorigen Session durch den Streit über den
Gerichtshof des Lord High Steward gründlich aufgestachelt worden und sie
kamen jetzt in kampflustiger Stimmung zusammen.
[_Die Thronrede._] Die Rede, welche der König bei Eröffnung der Session
hielt, war geschickt zu dem Zwecke abgefaßt, die Häuser zu versöhnen. Er
komme, sagte er zu ihnen, ihren Rath und Beistand zu erbitten. Er
gratulirte ihnen zu dem Siege von La Hogue. Er gestand mit großem
Bedauern, daß die Operationen der Verbündeten zu Lande weniger glücklich
gewesen waren als zur See, erklärte aber mit Feuer, daß die Tapferkeit
seiner englischen Unterthanen zu Lande wie zur See ganz vorzüglich
gewesen sei. Die Noth seines Volks, sagte er, sei auch die seinige, sein
Interesse sei von dem des Volks unzertrennlich; es sei ihm schmerzlich,
Opfer von ihm zu verlangen, aber Opfer, welche zum Heile der englischen
Nation und des protestantischen Glaubens nothwendig seien, werde kein
guter Engländer und kein guter Protestant scheuen.[60]
[_Privilegienfrage, von den Lords zur Sprache gebracht._] Die Gemeinen
dankten dem Könige in herzlichen Ausdrücken für seine huldvolle
Rede.[61] Die Lords aber waren in schlechter Stimmung. Zwei der Ihrigen,
Marlborough und Huntingdon, waren während der Ferien, als man stündlich
eine Invasion und einen Aufstand erwartete, in den Tower geschickt
worden und standen noch unter der schriftlichen Verpflichtung, sich auf
Verlangen vor Gericht zu stellen. Wäre ein Landgentleman oder ein
Kaufmann in einer so beunruhigenden Krisis selbst auf noch
geringfügigere Gründe hin zur Bürgschaftsstellung angehalten worden, so
würden die Lords sich gewiß nicht eingemischt haben. Aber durch Alles
was wie eine ihrem Stande angethane Schmach aussah, wurden sie leicht in
Zorn gebracht. Sie unterwarfen nicht nur den Prokurator des Schatzamts,
Aaron Smith, dem sein Character allerdings wenig Anspruch auf Nachsicht
gab, einem strengen Verhör, sondern faßten auch mit fünfunddreißig gegen
achtundzwanzig Stimmen einen Beschluß, der einen Tadel gegen die Richter
der Kings Bench aussprach, Männer, die an Rechtschaffenheit sicherlich
keinem Peer des Reichs nachstanden und an juristischen Kenntnissen jeden
derselben weit übertrafen. Der König hielt es für gerathen, den
verletzten Stolz des hohen Adels dadurch zu beschwichtigen, daß er die
Bürgschaftsleistungen zu cassiren befahl, und durch diese Concession war
das Haus zufriedengestellt, zum großen Aerger der Jakobiten, welche
gehofft hatten, daß der Streit bis zu einem unheilvollen Ausgange
getrieben werden würde, und die, als sie sich in dieser Erwartung
getäuscht sahen, ihrem Unmuthe durch Schmähungen gegen die
Unterwürfigkeit der entarteten Barone England's Luft machten.[62]
[_Debatten über die Lage der Nation._] Beide Häuser hielten lange und
ernste Berathungen über die Lage der Nation. Als der König sie um ihren
Rath ersuchte, hatte er wahrscheinlich nicht vorausgesehen, daß seine
Worte als eine Aufforderung gedeutet werden würden, jeden Theil der
Verwaltung zu untersuchen und über Angelegenheiten, welche die
Parlamente in der Regel gänzlich der Krone zu überlassen für zweckmäßig
hielten, Vorschläge zu machen. Einige der unzufriedenen Peers schlugen
vor, daß ein zum Theil von den Lords, zum Theil von den Gemeinen
gewählter Ausschuß ermächtigt werden sollte, die ganze Leitung der
öffentlichen Angelegenheiten zu untersuchen. Man fürchtete jedoch
allgemein, daß ein solcher Ausschuß ein zweiter und mächtigerer, von der
Krone unabhängiger und der Verfassung unbekannter Staatsrath werden
würde. Der Antrag wurde deshalb mit achtundvierzig gegen sechsunddreißig
Stimmen verworfen. Bei dieser Gelegenheit stimmten die Minister mit kaum
einer Ausnahme mit der Majorität. Achtzehn von der Minorität, unter
denen sich die heftigsten Whigs und die heftigsten Tories der ganzen
Pairie befanden, unterzeichneten einen Protest.[63]
Jedes der beiden Häuser untersuchte demnach für sich allein die Ursachen
der Calamitäten des Staats. Die Gemeinen constituirten sich zu einem
Großen Ausschusse, um den dem Könige zu ertheilenden Rath zu erwägen.
Aus den gedrängten Auszügen und Bruchstücken, die auf uns gekommen sind,
scheint hervorzugehen, daß in diesem Ausschusse, der viele Tage Sitzung
hielt, die Debatten sich auf einem weitumfassenden Gebiete bewegten. Ein
Mitglied sprach von dem Ueberhandnehmen des Straßenraubes, ein andres
beklagte das Zerwürfniß zwischen der Königin und der Prinzessin und
schlug vor, daß einige Gentlemen abgeordnet werden sollten, um bei Ihrer
Majestät die Schlichtung der Sache zu versuchen. Ein drittes schilderte
die Machinationen der Jakobiten im vergangenen Frühjahre. Es sei
notorisch, sagte er, daß Vorbereitungen zu einem Aufstande getroffen und
Waffen und Pferde angeschafft worden seien; aber nicht ein einziger
Hochverräther sei zur Untersuchung gezogen worden.[64]