Am 26. Juli waren sämmtliche Truppen an Bord. Die Transportschiffe

segelten ab und vereinigten sich nach wenigen Stunden in der Nähe von

Portland mit der Kriegsflotte. Am 28. wurde ein allgemeiner Kriegsrath

gehalten. Sämmtliche Schiffcommandeurs, mit Russell an der Spitze,

erklärten, daß es Wahnsinn sein würde, ihre Schiffe in den Bereich der

Kanonen von Saint-Malo zu bringen, und daß die Stadt erst zu Lande

bedrängt werden müsse, ehe die im Hafen liegenden Kriegsschiffe mit der

geringsten Aussicht auf Erfolg von der See her angegriffen werden

könnten. Die Militärs erklärten mit gleicher Einstimmigkeit, daß die

Landtruppen ohne gleichzeitige Mitwirkung der Flotte nichts gegen die

Stadt auszurichten vermöchten. Man überlegte nun, ob es rathsam sei,

einen Angriff auf Brest oder Rochefort zu unternehmen. Russell und die

übrigen Flaggenoffiziere, darunter Rooke, Shovel, Almonde und Evertsen,

erklärten, der Sommer sei für beide Unternehmungen zu weit

vorgerückt.[34] Wir müssen glauben, daß eine Ansicht, in der so viele

ausgezeichnete englische und holländische Admirale übereinstimmten, mag

sie uns auch noch so auffallend erscheinen, den damals feststehenden

Prinzipien der Seekriegskunst angemessen war. Warum aber alle diese

Fragen nicht acht Tage früher erschöpfend berathen, warum

vierzehntausend Mann Truppen eingeschifft und aufs Meer geschickt worden

waren, ehe man erwogen hatte, was sie thun sollten oder ob sie überhaupt

etwas würden thun können, darüber dürfen wir uns mit Recht wundern. Die

Flotte kehrte zum Erstaunen und Unwillen der ganzen Nation nach

Saint-Helens zurück.[35] Die Minister tadelten die Commandeurs, die

Commandeurs tadelten die Minister. Ganz besonders laut und heftig waren

die gegenseitigen Beschuldigungen zwischen Nottingham und Russell. Der

rechtschaffene und fleißige, in den Civilgeschäften wohlbewanderte und

in der parlamentarischen Debatte beredtsame Nottingham entbehrte der

Eigenschaften eines Kriegsministers und war sich seiner Mangelhaftigkeit

in dieser Beziehung keineswegs bewußt. Zwischen ihm und dem ganzen

Stande der Seeleute von Profession herrschte eine schon seit langer Zeit

währende Fehde. Er war einige Zeit vor der Revolution einer der Lords

der Admiralität gewesen und glaubte sich damals eine gründliche Kenntniß

der Marineangelegenheiten erworben zu haben. Diese Ansicht theilten

jedoch nur sehr Wenige. Männer, welche die Hälfte ihres Lebens auf dem

Wasser zugebracht und Schlachten, Stürme und Schiffbrüche gesehen

hatten, ärgerten sich über seine etwas pomphaften Sermone und Verweise

und erklärten ihn für einen bloßen Pedanten, der mit aller seiner

Büchergelehrsamkeit Dinge nicht verstehe, die jeder Kajütenjunge wisse.

Russell war stets eigensinnig, anmaßend und widerspenstig gewesen, und

jetzt entwickelten Glück und Ruhm seine Fehler zu voller Stärke. Der

Regierung gegenüber, die er gerettet hatte, nahm er sich alle Freiheiten

eines insolenten Dieners heraus, der sich für unentbehrlich hält,

behandelte die Befehle seiner Vorgesetzten mit geringschätzender

Leichtfertigkeit, nahm jeden auch noch so milden Tadel für eine

Beleidigung, lieferte keinen eigenen Plan und zeigte doch eine unmuthige

Entschlossenheit, keinen von irgend einem Andren vorgeschlagenen Plan

auszuführen. Gegen Nottingham empfand er eine starke und sehr natürliche

Antipathie. Sie waren in der That ein schlecht zusammenpassendes Paar.

Nottingham war ein Tory, Russell ein Whig. Nottingham war ein

spekulativer Seemann, der auf seine Theorien pochte, Russell ein

praktischer Seemann, der auf seine Thaten stolz war. Nottingham's Stärke

war die Rede, Russell's Stärke war das Handeln. Nottingham's Benehmen

war anständig bis zur Förmlichkeit; Russell war heftig und barsch.

Schließlich war Nottingham ein braver Mann, Russell ein Schurke. Sie

wurden jetzt Todfeinde. Der Admiral machte sich über die Unwissenheit

des Sekretärs in Marineangelegenheiten lustig; der Secretär beschuldigte

den Admiral, daß er die Interessen des Staats bloßen eigensinnigen

Launen aufopfere, und Beide hatten Recht.[36]

Während sie mit einander haderten, erhoben die Kaufleute aller

Hafenplätze des Königreichs ein lautes Geschrei über die

Marineverwaltung. Den Sieg, auf den die Nation so stolz war, erklärte

man in der City für ein positives Unglück. Während einiger Monate vor

der Schlacht war die ganze Seemacht des Feindes in zwei großen Massen

concentrirt gewesen, die eine im mittelländischen, die andre im

atlantischen Meere. In Folge dessen hatte es wenig Kaperei gegeben, und

die Reise nach Neuengland oder nach Jamaika war fast eben so gefahrlos

gewesen wie in Friedenszeiten. Seit der Schlacht aber waren die

Ueberreste der vor kurzem unter Tourville versammelt gewesenen Flotte

über den Ocean zerstreut. Selbst die Ueberfahrt von England nach Irland

war unsicher. Jede Woche wurde angekündigt, daß zwanzig, dreißig,

fünfzig Schiffe, welche London oder Bristol gehörten, von den Franzosen

weggenommen worden seien. Mehr als hundert Prisen waren diesen Herbst

allein nach Saint-Malo gebracht worden. Nach der Meinung der

Schiffseigner und der Assecuradeurs würde es weit besser gewesen sein,

wenn der Soleil Royal mit seinen tausend streitbaren Männern noch auf

hoher See geschwommen wäre, anstatt daß er wie ein Aschenhaufen am

Strande bei Cherbourg lag, während seine Mannschaft, auf zwanzig

Brigantinen vertheilt, in den Gewässern zwischen Cap Finisterre und Cap

Clear nach Beute umherkreuzte.[37]

Die Kaper von Dünkirchen waren schon seit langer Zeit berühmt, und unter

ihnen nahm Jean Bart, von niederer Herkunft und kaum im Stande seinen

Namen zu schreiben, aber ausgezeichnet tapfer und rührig, unbestritten

den ersten Rang ein. In dem Vaterlande Anson's und Hawke's, Howe's und

Rodney's, Duncan's, Saint-Vincent's und Nelson's würde der Name des

verwegensten und geschicktesten Corsaren wenig Aussicht gehabt haben, in

der Erinnerung fortzuleben. Frankreich aber, unter dessen vielen

unbestrittenen Ruhmestiteln nur sehr wenige dem Seekriege angehören,

zählt Jean Bart noch immer zu seinen großen Männern. Im Herbste des

Jahres 1692 war dieser unternehmende Freibeuter der Schrecken aller mit

der Ostsee Handel treibenden englischen und holländischen Kaufleute. Er

nahm und zerstörte Schiffe dicht an der Ostküste unsrer Insel. Ja, er

wagte es sogar in Northumberland zu landen, und verbrannte viele Häuser,

ehe die Milizen zusammengezogen werden konnten, um ihm auf den Leib zu

rücken. Der Werth der Prisen, die er in seinen heimathlichen Hafen

führte, wurde auf ungefähr hunderttausend Pfund Sterling geschätzt.[38]

Um die nämliche Zeit wurde einem jüngeren Abenteurer, der bestimmt war,

Bart zu erreichen oder noch zu übertreffen, Du Guay Trouin, das Commando

eines kleinen bewaffneten Fahrzeugs übertragen. Der unerschrockene Knabe

-- denn er war noch nicht zwanzig Jahr alt -- fuhr in die Mündung des

Shannon, plünderte ein Haus in der Grafschaft Clare und schiffte sich

nicht eher wieder ein, als bis ein Detachement der Garnison von Limerick

gegen ihn ausrückte.[39]

[_Erdbeben in Port Royal._] Während durch diese Seeräuber unser Handel

gestört und unsere Küsten bedroht wurden, vermehrten einige andere

Calamitäten, die keine menschliche Vorsicht hätte abwenden können, die

öffentliche Verstimmung. Ein Erdbeben von furchtbarer Heftigkeit

zerstörte binnen weniger als drei Minuten die blühende Colonie Jamaika.

Ganze Pflanzungen veränderten ihre Lage, ganze Dörfer wurden

verschlungen. Port Royal, die schönste und reichste Stadt, welche die

Engländer bis dahin in der neuen Welt erbaut hatten, berühmt wegen ihrer

Quais, ihrer Waarenmagazine und ihrer prächtigen Straßen, die mit

Cheapside gewetteifert haben sollen, wurde in einen Trümmerhaufen

verwandelt. Funfzehnhundert Einwohner wurden unter ihren eigenen Häusern

begraben. Die Folgen dieses Unglücks wurden von vielen großen

Handlungshäusern London's und Bristol's schwer empfunden.[40]

[_Noth in England._] Ein noch größeres Unglück war das Mißrathen der

Ernte. Der Sommer war im ganzen westlichen Europa naß gewesen. Die

starken Regengüsse, welche die Arbeiten der französischen Pioniere in

den Laufgräben von Namur erschwert hatten, waren auch den Feldfrüchten

verderblich gewesen. Alte Leute erinnerten sich seit 1648 keines solchen

Jahres. Keine Frucht wurde reif. Der Preis des Quarters Weizen

verdoppelte sich. Das Uebel wurde noch verschlimmert durch den Zustand

der Silbermünzen, die in einem solchen Umfange beschnitten worden

waren, daß die Worte Pfund und Schilling gar keine bestimmte Bedeutung

mehr hatten. Verglichen mit Frankreich konnte England sich indeß noch

glücklich schätzen. Hier waren die öffentlichen Lasten schwer, dort

waren sie erdrückend. Hier mußte der Arbeiter mit seinem groben

Gerstenbrot haushälterisch umgehen; dort geschah es nicht selten, daß

der unglückliche Landmann mit halbgekautem Grase im Munde todt gefunden

wurde. Unsere Vorfahren fanden einigen Trost in dem Gedanken, daß sie

nach und nach die Stärke ihres furchtbaren Feindes erschöpften und daß

seine Hülfsquellen wahrscheinlich eher versiegen würden als die ihrigen.

Doch die Leiden und die Unzufriedenheit waren immerhin groß. In einigen

Grafschaften griff der Pöbel die Getreidespeicher an. Die Nothwendigkeit

sich einzuschränken wurde von Familien jeden Standes erkannt. Ein

müßiger Schöngeist und Genußmensch, der schwerlich daran gedacht hat,

daß seine Scherze je citirt werden würden, um die Geschichte seiner Zeit

zu characterisiren, beklagt sich, daß in diesem Jahre der Wein von

vielen Tafeln, auf denen man ihn zu sehen gewohnt war, verschwunden

gewesen und durch Punsch ersetzt worden sei.[41]

[_Zunahme der Verbrechen._] Ein weit beunruhigenderes Symptom des

allgemeinen Nothstandes als die Substituirung des Clarets durch

Branntwein und Citronen war die Vermehrung der Verbrechen. Während des

Herbstes von 1692 und des darauffolgenden Winters wurde die Hauptstadt

durch Einbruchdiebstähle in beständiger Angst erhalten. Eine dreizehn

Mann starke Diebesbande drang in den Palast des Herzogs von Ormond in

Saint-James' Square und es wäre ihr fast gelungen sein prächtiges

Silbergeschirr und seine Juwelen zu entwenden. Eine andre Bande

versuchte einen Einbruch in Lambeth Palace.[42] Wenn herrschaftliche,

von zahlreichen Dienern bewachte Wohnungen in solcher Gefahr schwebten,

so wird man leicht glauben, daß keines Krämers Kasse und Waarenlager

sicher war. Von Bow bis Hydepark, von Thames Street bis Blomsbury war

kein Kirchspiel, in welchem nicht eine ruhige Wohnung durch nächtliche

Diebe geplündert worden wäre.[43] Zu gleicher Zeit waren die Heerstraßen

wegen der Freibeuter, die sich in stärkere Truppen formirten, als man

sie bis dahin gekannt hatte, kaum noch zu passiren. Es existirte ein

geschworner Bund von zwanzig Straßenräubern zu Fuß, die in einem

Alehause in Southwark ihre Zusammenkünfte hielten.[44] Die gefürchtetste

Räuberbande aber bestand aus zweiundzwanzig Berittenen.[45] Eine Reise

von fünfzig Meilen durch die reichsten und bevölkertsten Grafschaften

England's scheint damals eben so gefährlich gewesen zu sein, wie eine

Wanderung durch die Wüsten Arabien's. Die Diligence von Oxford wurde am

hellen Tage nach einem blutigen Kampfe ausgeplündert.[46] Ein mit

funfzehntausend Pfund Sterling Staatsgeldern befrachteter Wagen wurde

angehalten und ausgeraubt. Da diese Operation einige Zeit erforderte,

so wurden alle Reisenden, die während der Arbeit der Diebe zur Stelle

kamen, festgenommen und bewacht. Als die Beute in Sicherheit gebracht

war, durften die Gefangenen zu Fuß ihren Weg fortsetzen; aber ihre

Pferde, sechzehn bis achtzehn an der Zahl, wurden todtgeschossen oder

ihnen die Knieflechsen zerschnitten, um jede Verfolgung zu

verhindern.[47] Der Postwagen von Portsmouth wurde in einer Woche

zweimal durch wohlbewaffnete und berittene Männer beraubt.[48] Einige

joviale Squires aus Essex wurden auf einer Hasenjagd ihrerseits von neun

Jägern ganz andrer Art gehetzt und eingeholt und waren herzlich froh,

als sie, wenn auch mit leeren Taschen, wieder zu Hause anlangten.[49]

Die Freunde der Regierung behaupteten, die Räuber seien lauter

Jakobiten, und gewisse Anzeichen gaben dieser Behauptung in der That

einen Schein von Begründung. Es wurden zum Beispiel funfzehn Metzger,

welche an einem Markttage nach Thame gingen, um Vieh einzukaufen, von

einer starken Bande angehalten und zuerst gezwungen ihre Geldkatzen

herzugeben und dann Branntwein auf das Wohl König Jakob's zu

trinken.[50] Man muß jedoch den Räubern und Dieben die Gerechtigkeit

widerfahren lassen, daß sie bei Ausübung ihres Handwerks keine bestimmte

Vorliebe für irgend eine politische Partei zeigten. Einige von ihnen

begegneten in der Nähe von Saint-Albans Marlborough und zwangen ihn,

ungeachtet seiner bekannten Feindseligkeit gegen den Hof und seiner

kürzlichen Haft, fünfhundert Guineen herauszugeben, deren Verlust er

wahrscheinlich bis zum letzten Augenblicke seiner langen Laufbahn des

Glücks und Ruhms nicht aufhörte zu beklagen.[51]

Als Wilhelm bei seiner Zurückkunft vom Continent erfuhr, in welcher

Ausdehnung dieses Unwesen getrieben wurde, äußerte er eine tiefe

Entrüstung und kündigte seinen Entschluß an, die Uebelthäter mit

starker Hand zu unterdrücken. Ein alter ausgedienter Räuber wurde

bewogen, den Angeber zu machen und dem Könige eine lange Liste der

bedeutendsten Straßenräuber und einen vollständigen Nachweis über

ihre Gewohnheiten und ihre Lieblingsaufenthaltsorte vorzulegen. Diese

Liste soll nicht weniger als achtzig Namen enthalten haben.[52] Es

wurden starke Reitertrupps zum Schutze der Landstraßen ausgesandt,

und diese Maßregel, welche unter gewöhnlichen Verhältnissen lautes

Murren hervorgerufen haben würde, scheint allgemein gebilligt

worden zu sein. Ein schönes Regiment, gegenwärtig das zweite

Gardedragonerregiment genannt, das sich in Irland durch Thätigkeit und

Glück im unregelmäßigen Kriege gegen die Rapparees ausgezeichnet hatte,

wurde dazu auserwählt, mehrere von den großen Zugängen zur Hauptstadt

zu bewachen. Blackheath, Barnet, Hounslow wurden Waffenplätze.[53]

Nach wenigen Wochen waren die Straßen wieder so sicher wie sonst. Es

fanden zahlreiche Hinrichtungen statt, denn bis das Uebel vollständig

unterdrückt war, weigerte sich der König standhaft, irgend einem

Gnadengesuche Gehör zu geben.[54] Unter den Hingerichteten befand

sich auch Jakob Whitney, der berüchtigtste Räuberhauptmann im ganzen

Königreiche. Er war einige Monate lang der Schrecken aller von

London nordwärts oder westwärts Reisenden gewesen und wurde endlich

mit Mühe nach einem verzweifelten Kampfe, in welchem ein Soldat

getödtet und mehrere andere verwundet wurden, gefangen genommen.[55]

Die London Gazette zeigte die Gefangennehmung dieses berüchtigten

Straßenräubers an und forderte alle Diejenigen, welche von ihm beraubt

worden waren, auf, sich in Newgate einzufinden und zu sehen, ob sie

ihn wiedererkennten. Seine Identität festzustellen, konnte nicht

schwer sein, denn er hatte eine Wunde im Gesicht und einen Daumen

verloren.[56] Aber er verwendete in der Hoffnung, die Belastungszeugen

irre zu führen, hundert Pfund Sterling darauf, sich bis zum Tage der

Gerichtsverhandlungen einen kostbaren gestickten Anzug zu verschaffen.

Dieser sinnreiche Einfall wurde jedoch durch seine hartherzigen Hüter

vereitelt. Er kam in seinen gewöhnlichen Kleidern vor die Schranke

und wurde überführt und zum Tode verurtheilt.[57] Er hatte vorher

noch den Versuch gemacht, sich durch das Anerbieten loszukaufen, eine

aus lauter Straßenräubern bestehende Reitertruppe für den Dienst in

Flandern zu errichten; aber sein Anerbieten war abgelehnt worden.[58]

Jetzt blieb ihm noch ein möglicher Ausweg. Er erklärte, daß er um ein

hochverrätherisches Complot wisse. Einige jakobitische Lords hätten ihm

eine große Belohnung versprochen, wenn er an der Spitze seiner Bande

den König auf einer Hirschjagd im Walde von Windsor überfallen wolle.

Whitney's Geschichte hatte durchaus keine innere Unwahrscheinlichkeit.

Es wurde sogar ein ganz ähnlicher Plan, wie der, dessen er die

Mißvergnügten beschuldigte, nur drei Jahre später von einigen von

ihnen wirklich entworfen und beinahe zur Ausführung gebracht. Aber

es war viel besser, daß einige wenige schlechte Menschen unbestraft

blieben, als daß alle rechtschaffenen Leute in beständiger Angst

lebten, von zum Galgen verurtheilten Verbrechern fälschlich angeklagt

zu werden. Der Oberrichter Holt rieth dem Könige, der Gerechtigkeit

ihren Lauf zu lassen, und Wilhelm, der nie besonders geneigt war,

Verschwörungsgeschichten Glauben zu schenken, gab seine Zustimmung. Der

Kapitain, wie man ihn nannte, wurde in Smithfield gehängt und ging sehr

reumüthig aus der Welt.[59]

[_Zusammentritt des Parlaments._] Unterdessen hatte inmitten der

Mißstimmung, Noth und Unordnung eine ganz besonders ereignißvolle

Parlamentssession begonnen, eine Session, von der eine neue Aera in der

Geschichte der englischen Finanzen datirt, eine Session, in welcher

einige wichtige Verfassungsfragen, die noch heute nicht vollständig

erledigt sind, zum ersten Male berathen wurden.

[_Stand der Parteien._] Es ist sehr zu bedauern, daß jeder Bericht von

dieser Session, der sich aus den uns jetzt noch zu Gebote stehenden

spärlichen und zerstreuten Materialien zusammenstellen läßt, Vieles im

Dunklen lassen muß. Die gegenseitigen Beziehungen der parlamentarischen

Parteien waren dieses Jahr in einem äußerst verwickelten Zustande. Jedes

der beiden Häuser wurde durch mehrere Scheidelinien in Abtheilungen und

Unterabtheilungen zerfällt. Unwichtigerer Unterscheidungen nicht zu

gedenken, war zuerst die große Scheidelinie, welche die Whigpartei von

der Torypartei trennte; dann die große Scheidelinie, welche die

Staatsmänner mit ihren Freunden und ihren Anhängern, zuweilen die

Hofpartei genannt, von Denen trennte, denen man bald den Spottnamen der

Murrköpfe (+Grumbletonians+) gab, bald mit der Benennung der

Vaterlandspartei beehrte. Und diese beiden großen Linien durchschnitten

sich wieder. Denn von den Dienern der Krone und ihren Anhängern waren

ungefähr die Hälfte Whigs; die andere Hälfte Tories. Auch muß daran

erinnert werden, daß völlig getrennt von der Fehde zwischen Whigs und

Tories, völlig getrennt auch von der Fehde zwischen den Staatsdienern

und Nichtstaatsdienern, eine Fehde zwischen den Lords als Lords und den

Gemeinen als Gemeinen herrschte. Der Geist der erblichen Kammer und der

Wahlkammer war in der vorigen Session durch den Streit über den

Gerichtshof des Lord High Steward gründlich aufgestachelt worden und sie

kamen jetzt in kampflustiger Stimmung zusammen.

[_Die Thronrede._] Die Rede, welche der König bei Eröffnung der Session

hielt, war geschickt zu dem Zwecke abgefaßt, die Häuser zu versöhnen. Er

komme, sagte er zu ihnen, ihren Rath und Beistand zu erbitten. Er

gratulirte ihnen zu dem Siege von La Hogue. Er gestand mit großem

Bedauern, daß die Operationen der Verbündeten zu Lande weniger glücklich

gewesen waren als zur See, erklärte aber mit Feuer, daß die Tapferkeit

seiner englischen Unterthanen zu Lande wie zur See ganz vorzüglich

gewesen sei. Die Noth seines Volks, sagte er, sei auch die seinige, sein

Interesse sei von dem des Volks unzertrennlich; es sei ihm schmerzlich,

Opfer von ihm zu verlangen, aber Opfer, welche zum Heile der englischen

Nation und des protestantischen Glaubens nothwendig seien, werde kein

guter Engländer und kein guter Protestant scheuen.[60]

[_Privilegienfrage, von den Lords zur Sprache gebracht._] Die Gemeinen

dankten dem Könige in herzlichen Ausdrücken für seine huldvolle

Rede.[61] Die Lords aber waren in schlechter Stimmung. Zwei der Ihrigen,

Marlborough und Huntingdon, waren während der Ferien, als man stündlich

eine Invasion und einen Aufstand erwartete, in den Tower geschickt

worden und standen noch unter der schriftlichen Verpflichtung, sich auf

Verlangen vor Gericht zu stellen. Wäre ein Landgentleman oder ein

Kaufmann in einer so beunruhigenden Krisis selbst auf noch

geringfügigere Gründe hin zur Bürgschaftsstellung angehalten worden, so

würden die Lords sich gewiß nicht eingemischt haben. Aber durch Alles

was wie eine ihrem Stande angethane Schmach aussah, wurden sie leicht in

Zorn gebracht. Sie unterwarfen nicht nur den Prokurator des Schatzamts,

Aaron Smith, dem sein Character allerdings wenig Anspruch auf Nachsicht

gab, einem strengen Verhör, sondern faßten auch mit fünfunddreißig gegen

achtundzwanzig Stimmen einen Beschluß, der einen Tadel gegen die Richter

der Kings Bench aussprach, Männer, die an Rechtschaffenheit sicherlich

keinem Peer des Reichs nachstanden und an juristischen Kenntnissen jeden

derselben weit übertrafen. Der König hielt es für gerathen, den

verletzten Stolz des hohen Adels dadurch zu beschwichtigen, daß er die

Bürgschaftsleistungen zu cassiren befahl, und durch diese Concession war

das Haus zufriedengestellt, zum großen Aerger der Jakobiten, welche

gehofft hatten, daß der Streit bis zu einem unheilvollen Ausgange

getrieben werden würde, und die, als sie sich in dieser Erwartung

getäuscht sahen, ihrem Unmuthe durch Schmähungen gegen die

Unterwürfigkeit der entarteten Barone England's Luft machten.[62]

[_Debatten über die Lage der Nation._] Beide Häuser hielten lange und

ernste Berathungen über die Lage der Nation. Als der König sie um ihren

Rath ersuchte, hatte er wahrscheinlich nicht vorausgesehen, daß seine

Worte als eine Aufforderung gedeutet werden würden, jeden Theil der

Verwaltung zu untersuchen und über Angelegenheiten, welche die

Parlamente in der Regel gänzlich der Krone zu überlassen für zweckmäßig

hielten, Vorschläge zu machen. Einige der unzufriedenen Peers schlugen

vor, daß ein zum Theil von den Lords, zum Theil von den Gemeinen

gewählter Ausschuß ermächtigt werden sollte, die ganze Leitung der

öffentlichen Angelegenheiten zu untersuchen. Man fürchtete jedoch

allgemein, daß ein solcher Ausschuß ein zweiter und mächtigerer, von der

Krone unabhängiger und der Verfassung unbekannter Staatsrath werden

würde. Der Antrag wurde deshalb mit achtundvierzig gegen sechsunddreißig

Stimmen verworfen. Bei dieser Gelegenheit stimmten die Minister mit kaum

einer Ausnahme mit der Majorität. Achtzehn von der Minorität, unter

denen sich die heftigsten Whigs und die heftigsten Tories der ganzen

Pairie befanden, unterzeichneten einen Protest.[63]

Jedes der beiden Häuser untersuchte demnach für sich allein die Ursachen

der Calamitäten des Staats. Die Gemeinen constituirten sich zu einem

Großen Ausschusse, um den dem Könige zu ertheilenden Rath zu erwägen.

Aus den gedrängten Auszügen und Bruchstücken, die auf uns gekommen sind,

scheint hervorzugehen, daß in diesem Ausschusse, der viele Tage Sitzung

hielt, die Debatten sich auf einem weitumfassenden Gebiete bewegten. Ein

Mitglied sprach von dem Ueberhandnehmen des Straßenraubes, ein andres

beklagte das Zerwürfniß zwischen der Königin und der Prinzessin und

schlug vor, daß einige Gentlemen abgeordnet werden sollten, um bei Ihrer

Majestät die Schlichtung der Sache zu versuchen. Ein drittes schilderte

die Machinationen der Jakobiten im vergangenen Frühjahre. Es sei

notorisch, sagte er, daß Vorbereitungen zu einem Aufstande getroffen und

Waffen und Pferde angeschafft worden seien; aber nicht ein einziger

Hochverräther sei zur Untersuchung gezogen worden.[64]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 3 / 27 段