[_Schlacht von Steenkerke._] Während er sich so auf seine gewohnte Art

amüsirte, kamen die verbündeten Fürsten dahinter, daß ihre Beschlüsse

verrathen wurden. Ein Landmann fand einen Brief, der verloren worden

war, und brachte ihn dem Kurfürsten von Baiern. Dieser Brief enthielt

klare Beweise von Millevoix' Schuld. Wilhelm hegte die Hoffnung, daß es

ihm gelingen werde, seine Feinde in der Schlinge zu fangen, die sie ihm

gelegt hatten. Der treulose Sekretär wurde vor den König citirt und

wegen seines Verbrechens zur Rede gesetzt. Man gab ihm eine Feder in die

Hand, hielt ihm ein Pistol auf die Brust und befahl ihm bei Strafe des

augenblicklichen Todes zu schreiben. Sein von Wilhelm dictirter Brief

wurde sodann ins französische Lager gesandt. Luxemburg wurde darin

benachrichtigt, daß die Alliirten am folgenden Tage ein starkes

Fouragirungscorps zu entsenden gedächten. Um dieses Detachement vor

Belästigung zu schützen, würden in der Nacht einige Bataillone

Infanterie, von Artillerie begleitet, ausrücken, um die zwischen den

beiden Armeen gelegenen Defilés zu besetzen. Der Marschall las, glaubte

und begab sich zur Ruhe, während Wilhelm eifrig seine Vorkehrungen zu

einem allgemeinen Angriff auf die französischen Linien betrieb.

Die ganze verbündete Armee stand unter Waffen, als es noch dunkel war.

Mit dem Grauen des Morgens wurde Luxemburg durch Kundschafter geweckt,

die ihm die Nachricht brachten, daß der Feind in bedeutender Stärke

anrücke. Er nahm die Mittheilung anfangs sehr leicht. Sein Correspondent

schien, wie gewöhnlich, umsichtig und exact gewesen zu sein. Der Prinz

von Oranien hatte ein Detachement zum Schutze seiner Fourageurs

entsendet, und der Schrecken hatte dieses Detachement zu einer

gewaltigen Armee vergrößert. Doch eine beunruhigende Nachricht folgte

der andren auf dem Fuße. Alle Pässe, hieß es, wimmelten von Massen von

Infanterie, Cavallerie und Artillerie unter den Bannern England's,

Spanien's, der Vereinigten Provinzen und des deutschen Reichs, und jede

Colonne bewege sich gegen Steenkerke. Jetzt stand der Marschall endlich

auf, stieg zu Pferde und ritt aus, um zu sehen was vorging.

Inzwischen war die Vorhut der Alliirten bis dicht an seine Vorposten

herangekommen. Etwa eine halbe Meile von seiner Armee lagerte eine

Brigade, welche den Namen der Provinz Bourbonnais führte. Diese Truppen

hatten den ersten Anprall auszuhalten. Erstaunt und von panischem

Schrecken ergriffen, wurden sie in einem Augenblicke geworfen und

suchten ihr Heil in der Flucht, ihre Zelte und sieben Kanonen dem

Feinde überlassend.

Soweit waren Wilhelm's Pläne mit vollständigem Erfolge gekrönt worden;

jetzt aber begann das Glück sich gegen ihn zu wenden. Er war über die

Beschaffenheit des zwischen der Stellung der Brigade Bourbonnais und dem

Hauptlager des Feindes liegenden Terrains falsch berichtet worden. Er

hatte erwartet, daß er im Stande sein würde, ohne allen Aufenthalt

vorwärts zu dringen, daß er die französische Armee in einem Zustande

wilder Verwirrung finden und daß sein Sieg leicht und vollständig sein

würde. Aber er wurde durch mehrere Hecken und Gräben in seinem Vorrücken

gehemmt, es entstand ein kurzer Aufenthalt, und dieser kurze Aufenthalt

reichte hin, sein Vorhaben zu vereiteln. Luxemburg war ganz der Mann für

einen solchen Fall. Er hatte große Fehler begangen, er hatte sorglose

Wacht gehalten, er hatte Nachrichten, die sich als falsch erwiesen,

blind geglaubt, er hatte Nachrichten, die sich als wahr erwiesen, nicht

beachtet, eine seiner Divisionen war in wilder Flucht begriffen, die

anderen Divisionen waren nicht kampfbereit. Eine solche Krisis würde die

Geisteskräfte eines gewöhnlichen Feldherrn gelähmt haben; die

Geisteskräfte Luxemburg's wurden dadurch nur gestählt und zu erhöhter

Thätigkeit angeregt. Sein Geist, ja auch sein kränklicher und

verwachsener Körper schienen aus Mißgeschick und Schrecken Gesundheit

und Kraft zu schöpfen. In kurzer Zeit hatte er Alles angeordnet. Die

französische Armee stand in Schlachtordnung. Unter dieser großen Armee

zeichneten sich besonders die Haustruppen Ludwig's, das berühmteste

Corps streitbarer Männer in Europa aus, und an ihrer Spitze erschien,

strahlend von eilig übergeworfenen Tressen und Stickereien, ein Schwarm

junger Prinzen und Cavaliere, die eben erst durch die Trompeten von

ihren Lagern oder ihren Banketten aufgeschreckt worden waren, und die

sich beeilt hatten, dem Tode mit der heiteren und festlichen

Unerschrockenheit ins Angesicht zu schauen, welche dem französischen

Gentleman eigen ist. Am höchsten im Range unter diesen vornehmen

Kriegern stand ein sechzehnjähriger Jüngling, Philipp, Herzog von

Chartres, Sohn des Herzogs von Orleans und Neffe des Königs von

Frankreich. Nur mit Mühe und durch dringendes Bitten hatte der tapfere

Knabe Luxemburg die Erlaubniß entrissen, sich dahin begeben zu dürfen,

wo das Feuer am heißesten war. Zwei andere Jünglinge von königlichem

Geblüt, Ludwig, Herzog von Bourbon, und Armand, Prinz von Condé,

bewiesen einen ihrer Ahnherren würdigen Muth. Neben ihnen kämpfte ein

Abkömmling der Bastarde Heinrich's IV., Ludwig, Herzog von Vendome, ein

in Trägheit und in die niedrigsten Laster versunkener Mensch, der aber

dennoch fähig war, bei einer großen Gelegenheit die Eigenschaften eines

großen Soldaten zu entfalten. Auch Berwick war darunter, der sich einen

ehrenvollen Namen in den Waffen zu erwerben begann, und an seiner Seite

ritt Sarsfield, der sich durch seinen Muth und sein Talent an diesem

Tage die Achtung der ganzen französischen Armee verdiente. Unterdessen

hatte Luxemburg einen Eilboten abgesandt, um Boufflers herbeizurufen.

Aber die Botschaft war überflüssig. Boufflers hatte das Feuer gehört,

und als ein tapferer und intelligenter Heerführer eilte er bereits dem

Punkte zu, von woher das Geräusch kam.

Obgleich die Angreifenden den ganzen Vortheil eines Ueberfalles verloren

hatten, rückten sie doch beherzt heran. Im Vordertreffen marschirten die

Briten unter den Befehlen des Grafen Solms. Mackay's Division sollte

vorangehen, und ihn sollte nach Wilhelm's Plan ein starkes Corps

Infanterie und Cavallerie unterstützen. Obwohl die meisten von Mackay's

Leuten noch nie im Feuer gestanden hatten, versprach ihr Benehmen doch

an Blenheim und Ramilies zu erinnern. Sie stießen zuerst auf die

Schweizer, welche in der französischen Armee eine ausgezeichnete Stelle

einnahmen. Der Kampf war so dicht Mann gegen Mann und so verzweifelt,

daß die Mündungen der Gewehre sich kreuzten. Die Schweizer wurden unter

einem furchtbaren Blutbade zurückgeworfen. Mehr als achtzehnhundert Mann

von ihnen wurden nach den französischen Listen getödtet oder verwundet.

Luxemburg äußerte nachher, daß er nie in seinem Leben einen so wüthenden

Kampf gesehen habe. Er holte eiligst die Ansichten der ihn umgebenden

Generäle ein. Alle waren der Meinung, die Lage der Dinge sei eine

solche, gegen die gewöhnliche Mittel nicht ausreichten. Die königlichen

Haustruppen mußten die Engländer angreifen. Der Marschall gab die

Parole, und die Haustruppen, geführt von den Prinzen von Geblüt, rückten

mit geschultertem Gewehr heran. »Das Schwert zur Hand!« erscholl es

durch alle Reihen dieser furchtbaren Brigade; »das Schwert zur Hand!

kein Feuern! Schlagt sie mit dem kalten Stahl zu Boden!« Nach langer und

verzweifelter Gegenwehr wurden die Engländer geworfen. Sie hörten nie

auf zu wiederholen, daß, wenn Solms seine Schuldigkeit gegen sie gethan

hätte, sie selbst die Haustruppen geschlagen haben würden. Aber Solms

gewährte ihnen keine wirksame Unterstützung. Er ließ einige Cavallerie

vorgehen, die aber in Folge der Bodenbeschaffenheit wenig oder nichts

thun konnte. Seine Infanterie ließ er nicht von der Stelle. Sie könne

nichts nützen, sagte er, und er habe nicht Lust, sie zur Schlachtbank zu

schicken. Ormond wäre sehr gern zur Unterstützung seiner Landsleute

herbeigeeilt, aber er durfte nicht. Mackay sandte einen Eilboten und

ließ sagen, daß er und seine Leute dem sicheren Untergange preisgegeben

seien; aber es war Alles vergebens. »Nun wohl, Gottes Wille geschehe,«

sagte der tapfere Veteran. Er starb wie er gelebt hatte: als ein guter

Christ und ein guter Soldat. Mit ihm fielen Douglas und Lanier, zwei

unter den Besiegern Irland's ausgezeichnete Generäle. Auch Mountjoy war

unter den Gefallenen. Nachdem er drei Jahre in der Bastille

geschmachtet, war er gegen Richard Hamilton ausgewechselt worden, und,

durch erfahrene Unbilden, die mächtiger waren als alle Argumente Locke's

und Sidney's, zum Whiggismus bekehrt, war er unverzüglich als

Freiwilliger in Wilhelm's Lager geeilt. Fünf schöne Regimenter wurden

völlig zusammengehauen. Es würde vielleicht kein Mann von dieser

opferfreudigen Schaar davongekommen sein ohne den Muth und das Benehmen

Auverquerque's, der im Augenblicke der höchsten Bedrängniß mit zwei

frischen Bataillonen zur Hülfe herbeieilte. Noch lange erinnerte man

sich an den britischen Wachfeuern mit dankbarer Bewunderung der

Tapferkeit, mit der er die Ueberreste von Mackay's Division befreite.

Der Boden, auf dem der Kampf gewüthet, war mit Haufen von Leichen

bedeckt, und Die, welche die Erschlagenen begruben, bemerkten, daß fast

alle Wunden vom Säbel oder Bajonnet herrührten.

Man erzählte sich, Wilhelm habe seine gewohnte stoische Ruhe soweit

vergessen, daß er eine heftige Aeußerung that über die Art und Weise der

Hinopferung der englischen Regimenter. Bald jedoch erlangte er seinen

Gleichmuth wieder und beschloß den Rückzug anzutreten. Es war hohe Zeit,

denn die französische Armee verstärkte sich mit jedem Augenblicke, da

die von Boufflers befehligten Regimenter in rascher Aufeinanderfolge

herbeikamen. Die alliirte Armee zog sich in guter Ordnung und ohne

verfolgt zu werden, auf Lambeque zurück.[28]

Die Franzosen gestanden ein, daß sie ungefähr siebentausend Todte und

Verwundete hatten. Der Verlust der Alliirten war nur sehr wenig größer,

wenn er überhaupt größer war. Die relative Stärke der beiden Armeen war

die nämliche wie am vergangenen Tage, und sie blieben in ihren

bisherigen Stellungen. Aber der moralische Eindruck der Schlacht war

groß. Der Stern von Wilhelm's Ruhm begann zu erbleichen. Selbst seine

Bewunderer mußten zugeben, daß er im Felde Luxemburg nicht gewachsen

sei. In Frankreich wurde die Nachricht mit maßlosem Jubel und Stolze

aufgenommen. Der Hof, die Hauptstadt, selbst das Landvolk der

entlegensten Provinzen freute sich über die ungestüme Tapferkeit, die so

viele Jünglinge, die Erben berühmter Namen, an den Tag gelegt hatten.

Man erzählte sich mit Freude und Rührung im ganzen Lande, daß der junge

Herzog von Chartres durch keine Vorstellungen sich von der Gefahr habe

zurückhalten lassen, daß eine Kugel seinen Mantel durchlöchert habe und

daß er an der Schulter verwundet worden sei. Das Volk versammelte sich

längs der Straßen, um die von Steenkerke zurückkehrenden Prinzen und

Cavaliere zu sehen. Die Juweliere verfertigten Schnallen à la

Steenkerke, die Parfümeriehändler verkauften Pulver à la Steenkerke.

Besonders aber wurde der Name des Schlachtfeldes einer neuen Art

Halsbinde gegeben. Die Modeherren trugen damals Spitzenhalstücher, die

sie mit großer Sorgfalt zu knüpfen pflegten. In dem schreckensvollen

Augenblicke aber als die Brigade Bourbonnais vor dem Angriffe der

Alliirten floh, war keine Zeit, sich zu putzen, und die elegantesten

Herren vom Hofe kamen mit ungeordneten Cravatten vor die Front der

Schlachtlinie gesprengt. Es wurde daher bei der Pariser schönen Welt

Mode, Tücher von den feinsten Spitzen in gesuchter Unordnung um den Hals

zu tragen, und diese Tücher hießen Steenkerkes.[29]

Im Lager der Alliirten herrschte allgemeine Uneinigkeit und

Unzufriedenheit. Nationale Eifersüchteleien und Animositäten wütheten

rückhaltlos und unverhohlen. Die Entrüstung der Engländer äußerte sich

laut. Solms war, obgleich Diejenigen, die ihn genau kannten, ihm einige

schätzenswerthe Eigenschaften nicht absprachen, nicht der Mann, Soldaten

für sich zu gewinnen, die gegen ihn als Ausländer eingenommen waren.

Sein Benehmen war anmaßend, sein Character unbiegsam. Schon vor der

unglücklichen Schlacht von Steenkerke verkehrten die englischen

Offiziere nicht gern mit ihm, und die gemeinen Soldaten murrten über

sein barsches Wesen. Nach der Schlacht aber wurde das Geschrei gegen ihn

wüthend. Er wurde, vielleicht mit Unrecht, beschuldigt, während des

verzweifelten Kampfes der englischen Regimenter gegen eine große

Uebermacht mit gefühlloser Leichtfertigkeit geäußert zu haben, daß er

neugierig sei, wie die Bulldoggen sich herausbeißen würden. Würde jetzt

noch, fragte man, Jemand behaupten, daß er seiner hervorragenden

Geschicklichkeit und Erfahrung wegen über so viele englische Offiziere

gestellt worden sei? Es sei gebräuchlich zu sagen, daß diese Offiziere

noch niemals Krieg in großem Maßstabe gesehen hätten. Aber sicherlich

sei auch der unerfahrenste Neuling befähigt das zu thun was Solms gethan

habe: Befehle falsch zu verstehen, Cavallerie zu Diensten zu verwenden,

die nur Infanterie verrichten könne, und aus sicherer Entfernung

zuzusehen, während tapfere Männer in Stücke gehauen würden. Es sei

zuviel, zu gleicher Zeit beschimpft und aufgeopfert, von den Ehren des

Kriegs ausgeschlossen und doch den ärgsten Gefahren desselben

entgegengeworfen, als ungeschickte Rekruten verhöhnt und dann ohne

Beistand dem Kampfe mit dem schönsten Corps Veteranen von der Welt

überlassen zu werden. So lauteten die Klagen der englischen Armee, und

sie fanden bei der englischen Nation Wiederhall.

Zum Glück wurde um diese Zeit eine Entdeckung gemacht, welche dem Lager

von Lambeque wie den Kaffeehäusern London's einen Unterhaltungsstoff

lieferte, der den Jakobiten viel weniger angenehm war als die Niederlage

von Steenkerke.

[_Verschwörung Grandval's._] Seit einigen Monaten war im französischen

Kriegsministerium ein Complot gegen das Leben Wilhelm's geschmiedet

worden. Wie es scheint, hatte Louvois ursprünglich den Plan entworfen

und ihn, in rohen Umrissen, seinem Sohne und Nachfolger Barbesieux

hinterlassen. Barbesieux brachte die Idee zur Reife. Die Ausführung

wurde einem Offizier, Namens Grandval, übertragen. Grandval war ohne

Widerrede tapfer und voll Begeisterung für sein Vaterland und seine

Religion. Er war zwar ein Fanatiker und nicht ganz bei Verstande, aber

deshalb nicht minder gefährlich. Ein fanatischer und halb verrückter

Mensch ist in der That gerade dasjenige Werkzeug, das schlaue Politiker

in der Regel vorziehen, wenn etwas besonders Gefährliches auszuführen

ist. Kein vorsichtig berechnender Kopf würde sich für noch so hohen Lohn

dem Schicksale eines Chatel, eines Ravaillac oder eines Gerarts

ausgesetzt haben.[30]

Grandval hatte sich, wie er wenigstens glaubte, den Beistand zweier

Abenteurer, Dumont's, eines Wallonen, und Leefdale's, eines Holländers,

gesichert. Im April, kurz nach Wilhelm's Ankunft in den Niederlanden,

erhielten die Mörder Befehl, sich auf ihren Posten zu begeben. Dumont

war damals in Westphalen, Grandval und Leefdale in Paris. Uden war als

der Ort bestimmt, wo die Drei zusammentreffen und von wo sie sich in das

Hauptquartier der Alliirten begeben sollten. Ehe Grandval Paris verließ,

stattete er noch einen Besuch in Saint-Germains ab und wurde Jakob und

Marien von Modena vorgestellt. »Ich bin von Ihrem Vorhaben

unterrichtet,« sagte Jakob. »Wenn Sie und Ihre Begleiter mir diesen

Dienst erzeigen, soll es Ihnen nie an etwas fehlen.«

Nach dieser Audienz trat Grandval seine Reise an. Er hatte nicht die

leiseste Ahnung davon, daß er sowohl von dem Complicen, der ihn

begleitete, als auch von dem Complicen, mit dem er noch zusammentreffen

sollte, verrathen war. Dumont und Leefdale waren keine Fanatiker; die

Restauration Jakob's, die Größe Ludwig's und das Uebergewicht der

römischen Kirche waren ihnen sehr gleichgültig. Jeder Verständige mußte

einsehen, daß, mochte der Plan gelingen oder nicht, der Lohn der Mörder

wahrscheinlich darin bestehen werde, daß sie von den Höfen von

Versailles und Saint-Germains mit erheucheltem Abscheu desavouirt, und

mit glühenden Zangen gezwickt, mit geschmolzenem Blei begossen und von

vier Pferden zerrissen wurden. Für gewöhnliche Menschen hatte die

Aussicht auf ein solches Märtyrerthum nichts Anziehendes. Jene beiden

Männer hatten daher fast zu gleicher Zeit, wenn auch wie es scheint ohne

vorgängige Verabredung, Wilhelm auf verschiedenen Wegen die Warnung

zukommen lassen, daß sein Leben in Gefahr sei. Dumont hatte Alles dem

Herzog von Celle, einem der verbündeten Fürsten, mitgetheilt, und

Leefdale hatte durch seine in Holland wohnenden Verwandten ausführliche

Nachrichten gegeben. Mittlerweile hatte Morel, ein schweizerischer

Protestant von großer Gelehrsamkeit, der sich damals in Frankreich

aufhielt, Burnet schriftlich mitgetheilt, daß man den schwachen und

überspannten Grandval prahlend von einem Ereignisse habe sprechen hören,

welches die Welt in Erstaunen setzen werde, und daß er mit großer

Zuversicht prophezeit habe, der Prinz von Oranien werde das Ende des

nächsten Monats nicht erleben.

Diese warnenden Winke wurden nicht unbeachtet gelassen. Von dem

Augenblicke an wo Grandval die Niederlande betrat, war er von

Fallstricken umgeben. Alle seine Bewegungen und Reden wurden beobachtet;

er wurde festgenommen, verhört, mit seinen Complicen confrontirt und in

das Lager der Alliirten geschickt. Ungefähr acht Tage nach der Schlacht

von Steenkerke wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt. Ginkell, der für

seine großen Dienste in Irland mit dem Titel eines Earl von Athlone

belohnt worden war, führte den Vorsitz, und Talmash befand sich unter

den Richtern. Mackay und Lanier waren ebenfalls zu Mitgliedern des

Tribunals ernannt worden; aber sie waren nicht mehr, und ihre Plätze

wurden daher durch jüngere Offiziere ausgefüllt.

Die Aufgabe des Kriegsgerichts war sehr einfach, denn der Gefangene

machte gar keinen Versuch sich zu vertheidigen. Sein Gewissen schien

plötzlich erwacht zu sein. Er gab mit Ausdrücken der Reue die Wahrheit

aller Beschuldigungen zu, legte ein ausführliches und anscheinend

aufrichtiges Geständniß ab und erkannte an, daß er den Tod verdient

habe. Er wurde verurtheilt, gehängt, geschleift und geviertheilt zu

werden, und erlitt seine Strafe mit großer Standhaftigkeit und einem

Anschein von Frömmigkeit. Er hinterließ einige Zeilen, in denen er

erklärte, daß er im Begriff stehe sein Leben zu verlieren, weil er den

Befehlen Barbesieux' zu gewissenhaft nachgekommen sei.

Sein Bekenntniß erschien alsbald gedruckt in mehreren Sprachen und wurde

mit sehr verschiedenen und sehr heftigen Empfindungen gelesen. Daß es

ächt war, konnte nicht bezweifelt werden, denn es war durch die

Unterschriften einiger der ausgezeichnetsten lebenden Militärs verbürgt.

Daß es von der Hoffnung auf Begnadigung eingegeben sein sollte, war kaum

anzunehmen, denn Wilhelm hatte dafür gesorgt, jede derartige Hoffnung

niederzuschlagen. Noch weniger konnte man annehmen, daß der Gefangene

Unwahrheiten ausgesagt habe, um der Tortur zu entgehen, denn obgleich es

in den Niederlanden allgemein gebräuchlich war, überführte Mörder auf

die Folter zu spannen, um ihnen die Namen ihrer Auftraggeber und

Mitschuldigen abzupressen, so hatte doch Wilhelm anbefohlen, bei dieser

Gelegenheit die Folter weder anzuwenden noch auch nur zu nennen. Es muß

hinzugesetzt werden, daß der Gerichtshof gar kein strenges Verhör mit

dem Gefangenen anstellte, sondern ihm seine Geschichte nach seiner Weise

erzählen ließ. Man darf daher wohl annehmen, daß seine Erzählung im

Wesentlichen wahr ist, und kein Theil derselben trägt unverkennbarer den

Stempel der Wahrheit als sein Bericht von der Audienz, mit der Jakob ihn

in Saint-Germains beehrt hatte.

Auf unsrer Insel machte die Nachricht großes Aufsehen. Die Whigs nannten

ganz offen Jakob sowohl als Ludwig Meuchelmörder. Wie, fragte man, sei

es, ohne dem gesunden Menschenverstande Hohn zu sprechen, möglich, den

Worten, welche Grandval aus dem Munde des verbannten Königs von England

gehört zu haben erklärte, einen unschuldigen Sinn beizulegen? Und

welcher Mensch, der den Hof von Versailles kenne, werde glauben, daß

Barbesieux, ein bloßer Anfänger in der Politik und mehr Sekretär als

Minister, gewagt haben würde, das was er gethan, ohne Bewilligung seines

Gebieters zu thun? Sehr menschenfreundliche und sehr unwissende Personen

könnten sich vielleicht der Hoffnung hingeben, daß Ludwig vor

vollendeter Thatsache noch nicht Theilnehmer gewesen sei. Daß er aber

nach vollendeter Thatsache Mitschuldiger gewesen sei, könne kein Mensch

bezweifeln. Er müsse nothwendig das Verfahren des Kriegsgerichts, das

Zeugenverhör und das Geständniß gesehen haben. Wenn er also wirklich den

Meuchelmord verabscheute, wie jeder Ehrenmann ihn verabscheute, würde

dann nicht Barbesieux mit Schimpf und Schande aus seiner Anwesenheit

verbannt und in die Bastille geworfen worden sein? Barbesieux sei jedoch

noch immer im Kriegsministerium, und Niemand behaupte, daß er nur mit

einem Worte oder mit einem ungehaltenen Blicke bestraft worden sei. Es

sei demnach klar, daß beide Könige an Grandval's Verbrechen Theil

hätten. Und wenn man frage, wie zwei Fürsten, die eine große

Religiosität zur Schau trügen, eine solche Schändlichkeit hätten begehen

können, so laute die Antwort darauf, daß sie ihre Religion von den

Jesuiten gelernt hätten. Die englischen Jakobiten erwiederten sehr wenig

auf diese Vorwürfe, und die französische Regierung erwiederte gar nichts

darauf.[31]

[_Wilhelm's Rückkehr nach England._] Der Feldzug in den Niederlanden

endete ohne ein weiteres Ereigniß, das erwähnt zu werden verdiente. Am

18. October traf Wilhelm wieder in England ein. Spät am Abend des 20.

erreichte er Kensington, nachdem er durch die Hauptstadt in ihrer ganzen

Länge gefahren war. Sein Empfang war herzlich, eine große Menschenmenge

hatte sich versammelt, die ihn mit lauten Zurufen begrüßte, und alle

Fenster auf seinem Wege, von Aldgate bis Piccadilly, waren

erleuchtet.[32]

[_Schlechte Marineverwaltung._] Trotz dieser günstigen Symptome aber war

die Nation verstimmt und unzufrieden. Zu Lande war der Krieg unglücklich

gewesen. Zur See war ein großer Vortheil errungen, aber nicht benutzt

worden. Man hatte allgemein erwartet, daß dem Siege vom Mai eine Landung

an der französischen Küste folgen, daß Saint-Malo bombardirt, daß die

letzten Ueberreste von Tourville's Geschwader vernichtet und daß die

Arsenale von Brest und Rochefort in Trümmer geschossen werden würden.

Diese Erwartung war allerdings unvernünftig. Daraus, daß Rooke und seine

Seeleute die in aller Eile von Bellefonds errichteten Batterien zum

Schweigen gebracht hatten, folgte noch nicht, daß es rathsam war,

Schiffe dem Feuer ordentlicher Festungen auszusetzen. Die Regierung war

jedoch nicht weniger sanguinisch als die Nation. Es wurden großartige

Anstalten getroffen. Nachdem die verbündete Flotte in Portsmouth eiligst

wieder in Stand gesetzt worden war, stach sie aufs neue in See. Rooke

wurde abgesandt, um die Wassertiefe und die Strömungen längs der Küste

der Bretagne zu untersuchen.[33] Bei Saint-Helens wurden

Transportschiffe versammelt. Vierzehntausend Mann Truppen lagen bei

Portsdown unter dem Commando Meinhart Schomberg's, der für die Dienste

seines Vaters und für seine eigenen mit dem höchsten irischen Peersrange

belohnt worden und jetzt Herzog von Leinster war. Unter ihm dienten

Ruvigny, der für seine trefflichen Dienste bei Aghrim zum Earl von

Galway creirt worden war, La Melloniere und Cambon mit ihren tapferen

Refugiés und Argyle mit dem Regimente, das seinen Namen führte und das,

wie man sich zu erzählen begann, im vergangenen Winter in einer noch von

keinem Engländer erforschten wilden Gebirgs- und Schneegegend etwas

Sonderbares und Entsetzliches gethan haben sollte.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 2 / 27 段