[_Neue Arrangements für die Verwaltung der spanischen Nieder

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Thomas Babington Macaulay's

Geschichte von England

seit der

Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.

Aus dem Englischen.

Vollständige und wohlfeilste

+Stereotyp-Ausgabe.+

Zehnter Band:

enthaltend Kapitel 19 und 20.

Leipzig, 1856.

G. H. Friedlein.

Neunzehntes Kapitel.

Wilhelm und Marie.

Inhalt.

Seite

Wilhelm's auswärtige Politik 5

Die nordischen Mächte 6

Der Papst 6

Benehmen der Verbündeten 7

Der Kaiser 8

Spanien 9

Es gelingt Wilhelm, der Auflösung der Coalition vorzubeugen 10

Neue Arrangements für die Verwaltung der spanischen Niederlande 11

Ludwig rückt ins Feld 13

Belagerung von Namur 14

Ludwig kehrt nach Versailles zurück 17

Luxemburg 17

Schlacht von Steenkerke 19

Verschwörung Grandval's 23

Wilhelm's Rückkehr nach England 26

Schlechte Marine-Verwaltung 26

Erdbeben in Port-Royal 29

Noth in England 29

Zunahme der Verbrechen 30

Zusammentritt des Parlaments 32

Stand der Parteien 33

Die Thronrede 33

Privilegienfrage, von den Lords zur Sprache gebracht 33

Debatten über die Lage der Nation 34

Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen 39

Der Prozeß Lord Mohun's 40

Debatten über den indischen Handel 42

Geldbewilligungen 43

Mittel und Wege; Grundsteuer 43

Ursprung der Nationalschuld 46

Parlamentsreform 54

Die Stellenbill 58

Die Dreijährigkeitsbill 62

Die ersten Parlamentsdebatten über die Freiheit der Presse 65

Zustand Irland's 74

Der König verweigert die Genehmigung der Dreijährigkeitsbill 78

Ministerielle Arrangements 81

Der König begiebt sich nach Holland 83

Eine Parlamentssession in Schottland 83

[_Wilhelm's auswärtige Politik._] Während England einestheils durch die

Besorgniß einer Invasion, andrentheils durch die Freude über seine durch

die Tapferkeit seiner Seeleute erwirkte Befreiung bewegt wurde, fanden

wichtige Ereignisse auf dem Continent statt. Am 6. März war der König im

Haag angekommen und hatte seine Anstalten für den bevorstehenden Feldzug

zu treffen begonnen.[1]

Die vor ihm liegende Aussicht war trübe. Die Coalition, deren Schöpfer

und Oberhaupt er war, schwebte seit einigen Monaten in steter Gefahr,

sich aufzulösen. Durch welche unermüdliche Anstrengungen, durch welche

sinnreiche Mittel und Wege, durch welche Schmeicheleien, durch welche

Lockungen es ihm gelang, seine Verbündeten abzuhalten, sich einer nach

dem andren Frankreich zu Füßen zu werfen, läßt sich nur unvollkommen

ermitteln. Die vollständigste und authentischeste Aufzählung der Mühen

und Opfer, durch welche er acht Jahre lang eine Schaar kleinmüthiger und

verrätherischer, das gemeinsame Interesse nichtachtender und auf

einander eifersüchtiger Potentaten zusammenhielt, findet sich in seiner

Correspondenz mit Heinsius. In dieser Correspondenz ist Wilhelm ganz er

selbst. Er hatte im Laufe seines ereignißvollen Lebens einige wichtige

Aufgaben zu lösen, für die er nicht besonders befähigt war, und diese

Aufgaben löste er unvollkommen. Als Souverain von England zeigte er

Talente und Tugenden, die ihm zu einer ehrenvollen Erwähnung in der

Geschichte berechtigen; allein er hatte auch große Mängel. Er war bis

zum letzten Augenblick ein Fremder unter uns, kalt, zurückhaltend,

niemals heiter, niemals sich wohl fühlend. Sein Königreich war ein

Verbannungsort, seine schönsten Paläste waren Gefängnisse. Er zählte

stets die Tage, welche noch vergehen sollten, ehe er sein Geburtsland,

die beschnittenen Bäume, die Flügel zahlloser Windmühlen, die

Storchsnester auf den hohen Giebeln und die langen Reihen bunter

Landhäuser, die sich in den ruhigen Kanälen spiegeln, wiedersehen

sollte. Er bemühte sich gar nicht, die Vorliebe zu verbergen, die er für

seinen heimathlichen Boden und für seine Jugendfreunde empfand, und

daher herrschte er nicht in unseren Herzen, obwohl er unsrem Vaterlande

große Dienste leistete. Auch als General im Felde bewies er einen

seltenen Muth und eine seltene Tüchtigkeit; aber als Taktiker stand er

manchen seiner Zeitgenossen nach, die ihm in allgemeiner geistiger

Befähigung weit nachstanden. Das Geschäft, für das er sich ganz

vorzüglich eignete, war die Diplomatie im höchsten Sinne des Worts. Es

darf bezweifelt werden, ob er in der Kunst große Unterhandlungen zu

leiten, von denen das Wohl der Völkerrepublik abhängt, je übertroffen

worden ist. Seine Geschicklichkeit in diesem Zweige der Politik wurde

niemals strenger erprobt und glänzender bewiesen als während des letzten

Theils des Jahres 1691 und des ersten Theils des Jahres 1692.

[_Die nordischen Mächte._] Eine seiner Hauptschwierigkeiten wurde durch

die finstre und drohende Haltung der nordischen Mächte hervorgerufen.

Dänemark und Schweden hatten einmal geneigt geschienen, sich der

Coalition anzuschließen, aber sie waren bald wieder kühl geworden und

nahmen rasch eine immer feindseligere Haltung an. Von Frankreich

glaubten sie wenig zu fürchten zu haben. Es war nicht sehr

wahrscheinlich, daß seine Armeen über die Elbe gehen oder daß seine

Flotten den Durchgang durch den Sund erzwingen würden. Aber die vereinte

Seemacht England's und Holland's konnte wohl in Stockholm und Kopenhagen

Besorgnisse erwecken. Bald entstanden unangenehme seerechtliche Fragen,

Fragen, wie sie fast in jedem ausgedehnten Kriege der Neuzeit zwischen

Kriegführenden und Neutralen aufgetaucht sind. Die skandinavischen

Fürsten beschwerten sich darüber, daß der berechtigte Handel zwischen

der Ostsee und Frankreich despotischerweise unterbrochen worden sei.

Obwohl sie im allgemeinen nicht auf einem sehr freundschaftlichen Fuße

miteinander gestanden, begannen sie doch jetzt sich eng an einander

anzuschließen, intriguirten an jedem kleinen deutschen Hofe und

versuchten das zu bilden was Wilhelm eine dritte Partei in Europa

nannte. Der König von Schweden, der als Herzog von Pommern verpflichtet

war, dreitausend Mann zur Vertheidigung des deutschen Reichs zu stellen,

sandte anstatt ihrer den Rath, die Alliirten möchten unter den besten

Bedingungen, die sie erlangen könnten, Frieden schließen.[2] Der König

von Dänemark nahm eine große Anzahl holländischer Kauffahrteischiffe weg

und zog in Holstein eine Armee zusammen, die seinen Nachbarn keine

geringe Besorgniß einflößte. »Ich fürchte,« schrieb Wilhelm in einem

Augenblicke tiefer Niedergeschlagenheit an Heinsius, »ich fürchte, daß

der Zweck dieser dritten Partei ein Friede ist, der die Knechtung

Europa's im Gefolge haben wird. Die Zeit wird kommen, wo Schweden und

seine Verbündeten zu spät erfahren werden, welchen großen Fehler sie

begangen haben. Sie stehen der Gefahr allerdings ferner als wir, und

deshalb sind sie so eifrig bestrebt, unsren und ihren eignen Untergang

herbeizuführen. Daß Frankreich jetzt auf billige Bedingungen eingehen

wird, ist nicht zu erwarten, und es wäre besser, mit dem Schwerte in der

Hand zu fallen, als sich Allem zu unterwerfen was es dictiren würde.«[3]

[_Der Papst._] Während der König so durch die Haltung der nordischen

Mächte beunruhigt wurde, begannen auf einer ganz andren Seite ominöse

Anzeichen sichtbar zu werden. Es war von vornherein kein leichtes Ding

gewesen, Souveraine, welche die protestantische Religion haßten und sie

in ihren eigenen Landen verfolgten, zur Unterstützung der Revolution zu

bewegen, welche diese Religion aus einer großen Gefahr errettet hatte.

Glücklicherweise aber hatten das Beispiel und die Autorität des Vatikans

ihre Bedenken gehoben. Innocenz XI. und Alexander VIII. hatten

Wilhelm mit schlecht verhehlter Parteilichkeit betrachtet. Er war zwar

nicht ihr Freund, aber er war ihres Feindes Feind, und Jakob war ihres

Feindes Vasall und mußte es im Fall seiner Restauration wieder werden.

Sie liehen daher dem ketzerischen Neffen ihren wirklichen Beistand, den

rechtgläubigen Oheim aber speisten sie mit Complimenten und

Segenswünschen ab. Doch Alexander VIII. hatte wenig über funfzehn Monate

auf dem päpstlichen Throne gesessen. Sein Nachfolger Antonio Pignatelli,

der den Namen Innocenz XII. annahm, verlangte ungeduldig danach sich mit

Ludwig zu versöhnen. Ludwig sah jetzt ein, daß er einen großen Fehler

begangen, indem er zu gleicher Zeit den Geist des Protestantismus und

den Geist des Papismus gegen sich aufgeregt hatte. Er erlaubte den

französischen Bischöfen, sich dem heiligen Stuhle zu unterwerfen. Der

Streit, der einmal den Anschein gehabt hatte, als werde er mit einem

großen gallikanischen Schisma enden, wurde beigelegt, und es war Grund

zu der Annahme vorhanden, daß der Einfluß des Oberhauptes der Kirche

dazu angewendet werden würde, die Bande zu lösen, welche so viele

katholische Fürsten an den Calvinisten knüpften, der den britischen

Thron usurpirt hatte.

[_Benehmen der Verbündeten._] Mittlerweile war die Coalition, welche die

dritte Partei auf der einen und der Papst auf der andren Seite

aufzulösen versuchten, in nicht geringer Gefahr, aus bloßer Fäulniß zu

zerfallen. Zwei von den verbündeten Mächten, und nur zwei waren der

gemeinsamen Sache herzlich zugethan: England, das die anderen britischen

Königreiche mit sich fortzog, und Holland, das die anderen batavischen

Republiken mit sich fortzog. England und Holland waren zwar durch innere

Parteispaltungen zerrissen und durch gegenseitige Eifersüchteleien und

Antipathieen von einander getrennt, aber beide waren fest entschlossen,

sich der französischen Oberherrschaft nicht zu unterwerfen, und beide

waren bereit, ihren Theil, ja noch mehr als ihren Theil von den Lasten

des Kampfes zu tragen. Die meisten Mitglieder des Bundes waren nicht

Nationen, sondern Personen: ein Kaiser, ein König, Kurfürsten und

Herzöge, und unter diesen gab es kaum Einen, der mit ganzer Seele bei

dem Kampfe gewesen wäre, kaum Einen, der sich nicht gesträubt, der nicht

eine Entschuldigung für die Nichterfüllung seiner Verpflichtungen

gefunden, der nicht gehofft hätte, zur Vertheidigung seiner eigenen

Rechte und Interessen gegen den gemeinsamen Feind gemiethet zu sein. Der

Krieg aber war der Krieg des englischen Volks und des holländischen

Volks. Wäre er dies nicht gewesen, so würde weder England noch Holland

die Lasten, die er nöthig machte, nur ein einziges Jahr getragen haben.

Als Wilhelm sagte, daß er lieber mit dem Schwerte in der Hand fallen als

sich vor Frankreich demüthigen wolle, sprach er nicht nur seine eigene,

sondern die Gesinnung zweier großer Staaten aus, deren erste

Magistratsperson er war. Leider sympathisirten mit diesen beiden Staaten

andere Staaten nur wenig. Sie wurden in der That von anderen Staaten so

angesehen, wie reiche, ehrlichhandelnde, freigebige Tropfe von

bedürftigen Gaunern angesehen werden. England und Holland waren reich

und sie waren thätig. Ihr Reichthum erweckte die Habgier der ganzen

Allianz und zu diesem Reichthum war ihre Thätigkeit der Schlüssel. Sie

wurden mit schmutziger Zudringlichkeit von allen ihren Bundesgenossen

verfolgt, vom Cäsar, der im stolzen Bewußtsein seiner einzigen Würde

König Wilhelm nicht mit dem Titel Majestät beehren wollte, bis herab zu

dem geringsten Markgrafen, der aus den zerbrochenen Fenstern des

ärmlichen und verfallenen alten Hauses, das er seinen Palast nannte,

sein ganzes Land übersehen konnte. Es war noch nicht genug, daß England

und Holland viel mehr als ihre Contingente zum Landkriege stellten und

die ganze Last des Seekriegs allein trugen. Sie waren auch noch von

einem Schwarme vornehmer Bettler belagert, einige roh, andere demüthig,

alle aber unermüdlich und unersättlich. Ein Fürst kam alljährlich mit

einer kläglichen Darstellung seiner Noth zu ihnen betteln. Ein andrer

trotzigerer Bettler drohte der dritten Partei beizutreten und einen

Separatfrieden mit Frankreich zu schließen, wenn seine Forderungen nicht

gewährt würden. Jeder Souverain hatte überdies seine Minister und

Günstlinge, und diese Minister und Günstlinge gaben beständig zu

verstehen, daß Frankreich bereit sei, sie zu bezahlen, wenn sie ihre

Gebieter bewegen könnten, von der Coalition zurückzutreten, und daß

England und Holland klug daran thun würden, Frankreich zu überbieten.

Die durch die Habgier der verbündeten Höfe verursachte Verlegenheit war

jedoch kaum größer als die durch ihren Stolz und ihren Ehrgeiz

herbeigeführte Verlegenheit. Der eine Fürst hatte sich auf eine

kindische Auszeichnung, auf einen Titel oder einen Orden capricirt und

wollte nicht eher etwas für die gemeinsame Sache thun als bis seine

Wünsche erfüllt waren. Ein andrer geruhte sich einzubilden, daß er

zurückgesetzt worden sei, und wollte sich nicht rühren, bis ihm

Genugthuung verschafft worden. Der Herzog von Braunschweig-Lüneburg

wollte kein Bataillon zur Vertheidigung Deutschland's stellen, wenn er

nicht zum Kurfürsten gemacht würde.[4] Der Kurfürst von Brandenburg

erklärte, er sei noch eben so feindselig gegen Frankreich gesinnt als

je; aber die spanische Regierung habe ihn übel behandelt und er werde

daher seine Soldaten nicht zur Vertheidigung der spanischen Niederlande

verwenden lassen. Er sei zwar bereit, am Kriege Theil zu nehmen, aber

nur in der ihm convenirenden Weise; er müsse das Commando einer

besonderen Armee haben und seine Stellung zwischen dem Rhein und der

Maas bekommen.[5] Der Kurfürst von Sachsen beschwerte sich, daß seinen

Truppen schlechte Winterquartiere angewiesen worden seien, und er rief

sie daher gerade in dem Augenblicke zurück, wo sie hätten Anstalt

treffen sollen, ins Feld zu rücken, erbot sich aber ganz kaltblütig sie

wieder zu schicken, wenn England und Holland ihm vierhunderttausend

Reichsthaler gäben.[6]

[_Der Kaiser._] Man hätte erwarten sollen, daß wenigstens die beiden

Häupter des Hauses Oesterreich in diesem Augenblicke ihre ganze Kraft

gegen das rivalisirende Haus Bourbon aufbieten würden. Leider waren sie

nicht zu bewegen, auch nur für ihre eigne Erhaltung energische

Anstrengungen zu machen. Sie hatten ein großes Interesse daran, die

Franzosen von Italien abzuhalten. Gleichwohl konnten sie nur mit Mühe

dazu vermocht werden, dem Herzoge von Savoyen den geringsten Beistand zu

leihen. Sie schienen zu glauben, daß es England's und Holland's Sache

sei, die Pässe der Alpen zu vertheidigen und die Armeen Ludwig's zu

verhindern, die Lombardei zu überschwemmen. In den Augen des Kaisers war

der Krieg gegen Frankreich in der That eine untergeordnete Aufgabe.

Seine Hauptaufgabe war der Krieg gegen die Türkei. Er war beschränkt und

bigott. Es beunruhigte ihn, daß der Krieg gegen Frankreich in gewissem

Sinne ein Krieg gegen die katholische Religion war, und der Krieg gegen

die Türkei war ein Kreuzzug. Sein neuerlicher Feldzug an der Donau war

glücklich gewesen. Er hätte leicht einen ehrenvollen Frieden mit der

Pforte schließen und seine Waffen gegen Westen richten können. Aber die

Hoffnung war in ihm erwacht, seine Erblande auf Kosten der Ungläubigen

vergrößern zu können. Visionen von einem triumphirenden Einzuge in

Konstantinopel und von einem Te Deum in der Sophia-Moschee waren in

seinem Kopfe aufgestiegen. Er beschäftigte nicht nur im Osten eine

Truppenmacht, die mehr als ausreichend gewesen sein würde, Piemont zu

vertheidigen und Lothringen wiederzuerobern, sondern er schien auch zu

glauben, daß England und Holland verpflichtet seien, ihn für die

Vernachlässigung ihrer Interessen und für die Wahrnehmung seiner eigenen

glänzend zu belohnen.[7]

[_Spanien._] Spanien war damals schon was es bis auf unsre Zeit

geblieben ist. Von dem Spanien, das über Land und Meer, über die alte

und neue Welt geherrscht, von dem Spanien, das in der kurzen Zeit von

zwölf Jahren einen Papst und einen König von Frankreich, einen Souverain

von Mexico und einen Souverain von Peru als Gefangene fortgeführt, von

dem Spanien, das eine Armee unter die Mauern von Paris gesandt und eine

gewaltige Flotte ausgerüstet hatte, um in England einzufallen, war

nichts mehr übrig als eine Anmaßung, die einst Schrecken und Haß erweckt

hatte, die aber jetzt nur noch ein geringschätzendes Lächeln hervorrufen

konnte. An Umfang übertrafen zwar die Gebiete des katholischen Königs

die Gebiete Rom's, als Rom auf dem Gipfel der Macht stand. Aber die

ungeheure Ländermasse lag erstarrt und hülflos da und konnte ungestraft

beleidigt und beraubt werden. Die ganze Verwaltung, des Heeres und der

Marine, der Finanzen und der Kolonien, war völlig desorganisirt. Karl

war ein entsprechender Repräsentant seines Reichs, körperlich, geistig

und moralisch impotent, in Unwissenheit, Sorglosigkeit und Aberglauben

versunken, doch aber vom Gefühl seiner Würde aufgebläht und sehr bereit,

sich Beleidigungen einzubilden und solche zu ahnden. Seine Erziehung war

so erbärmlich gewesen, daß, als man ihm den Fall von Mons, der

wichtigsten Festung seines großen Reichs mittheilte, er fragte, ob Mons

in England liege.[8] Unter den Ministern, welche durch seine krankhafte

Laune erhoben und gestürzt wurden, war keiner befähigt, ein Heilmittel

gegen die Gebrechen des Staats anzuwenden. Die Nerven dieses gelähmten

Körpers neu zu stählen, würde allerdings selbst für einen Ximenes eine

schwere Aufgabe gewesen sein. Kein Diener der spanischen Krone

bekleidete einen wichtigeren Posten und keiner war unfähiger zur

Bekleidung eines wichtigen Postens als der Marquis von Gastanaga. Er war

Gouverneur der Niederlande und es war wahrscheinlich, daß in den

Niederlanden das Schicksal der Christenheit entschieden werden würde. Er

hatte sein Amt verwaltet, wie damals jedes öffentliche Amt in jedem

Theile dieser großen Monarchie verwaltet wurde, von der man hochtrabend

sagte, daß die Sonne nie darin untergehe. So fruchtbar und reich das

Land war, das er verwaltete, wälzte er doch auf England und Holland die

ganze Last, es zu vertheidigen. Er erwartete daß Alles, Waffen,

Munition, Wagen und Lebensmittel, von den Ketzern geliefert würde. Es

war ihm nie eingefallen, daß es seine und nicht ihre Sache sei, Mons in

den Stand zu setzen, eine Belagerung aushalten zu können. Die

öffentliche Stimme beschuldigte ihn ganz laut, diese berühmte Festung an

Frankreich verkauft zu haben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß man ihm

nichts Schlimmeres zur Last legen konnte als die seiner Nation eigene

hochmüthige Apathie und Trägheit.

[_Es gelingt Wilhelm, der Auflösung der Coalition vorzubeugen._] In

diesem Zustande befand sich die Coalition, deren Oberhaupt Wilhelm war.

Es gab Momente, wo er sich überwältigt fühlte, wo ihm der Muth sank, wo

seine Geduld erschöpft war und seine angeborne Reizbarkeit sich Luft

machte. »Ich kann,« schrieb er, »keinen Vorschlag machen, ohne daß mir

eine Subsidienforderung entgegengehalten wird.«[9] »Ich habe rund

abgeschlagen,« schrieb er ein andermal, als er dringend um Geld

angegangen worden war, »denn es ist unmöglich, daß die Generalstaaten

und England die Lasten der Armee am Rhein, der Armee in Piemont und der

ganzen Vertheidigung von Flandern tragen können, der ungeheuren Kosten

des Seekriegs gar nicht zu gedenken. Wenn unsere Alliirten nichts für

sich thun können, dann ist es am besten, die Allianz löst sich je eher

je lieber auf.«[10] Aber nach jedem kurzen Anfall von Entmuthigung und

Verstimmung raffte er wieder die ganze Energie seines Geistes zusammen

und legte seinem Temperament einen starken Zügel an. So schwach,

engherzig, falsch und selbstsüchtig nur zu viele seiner Verbündeten auch

waren, nur unter ihrem Beistande konnte er durchführen, was er von

Jugend auf als seine Mission betrachtet hatte. Wenn sie ihn verließen,

so wurde Frankreich der unbestrittene Beherrscher Europa's. Wie sehr sie

auch bestraft zu werden verdienten, wollte er doch, um ihrer Bestrafung

willen, nicht in die Unterjochung der ganzen civilisirten Welt willigen.

Er nahm sich daher vor, einige Schwierigkeiten zu überwinden, und andere

zu umgehen. Die skandinavischen Mächte gewann er, indem er, allerdings

mit Widerstreben und nicht ohne schweren inneren Kampf, auf einige

seiner Seerechte verzichtete.[11] In Rom hielt sein Einfluß, obwohl nur

indirect ausgeübt, dem des Papstes selbst die Wage. Ludwig und Jakob

überzeugten sich, daß sie außer Innocenz keinen Freund im Vatikan

hatten, und Innocenz, der von sanftem und unschlüssigem Character war,

scheute sich, einen den Gesinnungen seiner ganzen Umgebung direct

zuwiderlaufenden Weg einzuschlagen. In Privatunterredungen mit

jakobitischen Agenten erklärte er sich dem Interesse des Hauses Stuart

zugethan; in seinen öffentlichen Handlungen aber beobachtete er eine

strenge Neutralität. Er schickte zwanzigtausend Kronen nach

Saint-Germains; aber er entschuldigte sich bei den Gegnern Frankreich's,

indem er versicherte, daß dies keine Subsidie zu irgend einem

politischen Zwecke, sondern lediglich ein unter arme britische

Katholiken zu vertheilendes Almosen sein solle. Er gestattete die

Verlesung von Gebeten für die gute Sache im englischen Collegium zu Rom;

aber er bestand darauf, daß diese Gebete in allgemeine Ausdrücke gefaßt

sein müßten und daß kein Name darin genannt werden dürfe. Umsonst

beschworen ihn die Gesandten der Häuser Stuart und Bourbon ein

entschiedeneres Verfahren zu beobachten. »Gott weiß,« rief er einmal

aus, »daß ich mit Freuden mein Blut für die Wiedereinsetzung des Königs

von England vergießen würde. Aber was kann ich thun? Wenn ich mich

rühre, sagt man mir, daß ich die Franzosen begünstige und ihnen zur

Aufrichtung einer Universalmonarchie behülflich sei. Ich bin nicht wie

die früheren Päpste. Die Könige wollen nicht auf mich hören, wie sie auf

meine Vorgänger hörten. Es giebt jetzt keine Religion, sondern nichts

als gottlose, weltliche Politik. Der Prinz von Oranien ist der Gebieter.

Er beherrscht uns Alle. Er hat eine solche Gewalt über den Kaiser und

den König von Spanien gewonnen, daß keiner von Beiden es wagt, sein

Mißfallen zu erregen. Gott helfe uns! Er allein kann uns helfen!« So

sprechend schlug der alte Mann in einer Regung ohnmächtigen Zornes und

Unwillens mit der Hand auf den Tisch.[12]

Die deutschen Fürsten standhaft zu erhalten, war keine leichte Aufgabe;

aber sie wurde durchgeführt. Es wurde Geld unter sie vertheilt, zwar

viel weniger als sie verlangt hatten, aber doch viel mehr als sie

anständigerweise beanspruchen konnten. Mit dem Kurfürsten von Sachsen

wurde ein Abkommen getroffen. Er hatte neben einem starken Gelüste nach

Subsidien großes Verlangen danach, Mitglied der auserlesensten und

höchsten Ritterorden zu werden. Wie es scheint, begnügte er sich anstatt

der verlangten vierhunderttausend Reichsthaler mit hunderttausend und

dem Hosenbandorden.[13] Sein Premierminister Schöning, der habgierigste

und treuloseste Mensch von der Welt, wurde durch eine Pension

gewonnen.[14] Dem Herzoge von Braunschweig-Lüneburg verschaffte Wilhelm

nicht ohne Mühe den lange ersehnten Titel eines Kurfürsten von Hannover.

Durch solche Mittel wurden die Risse, welche die Coalition zerklüftet

hatten, so geschickt ausgebessert, daß sie dem Feinde noch immer eine

feste Stirn bot.

[_Neue Arrangements für die Verwaltung der spanischen Niederlande._]

Wilhelm hatte sich bei der spanischen Regierung bitter über die

Unfähigkeit und Trägheit Gastanaga's beklagt, und die spanische

Regierung konnte, so hülflos und schläfrig sie auch war, nicht ganz

gleichgültig gegen die Gefahren sein, welche Flandern und Brabant

drohten. Gastanaga wurde abberufen und Wilhelm ersucht, die Verwaltung

der Niederlande mit Gewalten, welche denen eines Königs nicht

nachstanden, selbst zu übernehmen. Philipp II. würde so leicht nicht

geglaubt haben, daß innerhalb eines Jahrhunderts nach seinem Tode sein

Urenkel den Urenkel Wilhelm's des Schweigsamen bitten würde, in Brüssel

die Autorität eines Souverains auszuüben.[15]

Der Antrag war in einer Hinsicht lockend; Wilhelm aber war zu klug, um

ihn anzunehmen. Er wußte, daß die Bevölkerung der spanischen Niederlande

der römischen Kirche fest anhing. Jede Maßregel eines protestantischen

Regenten konnte sicher sein, von dem Klerus und der Bevölkerung dieses

Landes mit Mißtrauen betrachtet zu werden. Gastanaga hatte bereits im

Aerger über seine Entlassung den römischen Hof schriftlich

benachrichtigt, daß man Veränderungen im Sinne habe, welche Gent und

Antwerpen eben so ketzerisch machen würden wie Amsterdam und London.[16]

Ohne Zweifel hatte Wilhelm auch erwogen, daß, wenn es ihm auch durch

eine milde und gerechte Regierung und durch Bezeigung einer geziemenden

Achtung für die Gebräuche und Diener der katholischen Religion gelingen

sollte, sich das Vertrauen der Belgier zu erwerben, er unvermeidlich auf

unsrer Insel einen Sturm von Vorwürfen gegen sich heraufbeschwören

würde. Er wußte aus Erfahrung was es hieß, zwei Nationen zu regieren,

welche fest an zwei verschiedenen Kirchen hielten. Eine zahlreiche

Partei unter den Episkopalen England's konnte es ihm nicht vergeben, daß

er in die Einführung der presbyterianischen Kirchenverfassung in

Schottland gewilligt hatte. Eine zahlreiche Partei unter den

Presbyterianern Schottland's tadelte ihn, daß er die episkopale

Kirchenverfassung in England aufrecht erhielt. Wenn er jetzt Messen,

Processionen, geschnitzte Bilder, Mönchsklöster, Nonnenklöster und, was

das Schlimmste von Allem war, Jesuitenkanzeln, Jesuitenbeichtstühle und

Jesuitencollegien unter seinen Schutz nahm, was konnte er dann Andres

erwarten, als daß England und Schottland einen einstimmigen Tadelsschrei

erheben würden? Er weigerte sich daher, die Verwaltung der Niederlande

zu übernehmen und schlug vor, sie dem Kurfürsten von Baiern zu

übertragen. Der Kurfürst von Baiern war nach dem Kaiser der mächtigste

katholische Potentat Deutschland's. Er war jung, tapfer und lüstern nach

militärischer Auszeichnung. Der spanische Hof war geneigt, ihn zu

ernennen und er sehnte sich danach, ernannt zu werden; aber eine alberne

Schwierigkeit verursachte eine lange Verzögerung. Der Kurfürst hielt es

unter seiner Würde, das zu verlangen, was er so sehr wünschte, und die

Formalisten des Cabinets von Madrid hielten es unter der Würde des

katholischen Königs, etwas zu geben, um was nicht nachgesucht worden

war. Eine Vermittelung war nothwendig, und sie führte endlich zum Ziele.

Aber es war viel Zeit verloren worden, und das Frühjahr war schon weit

vorgerückt, als der neue Gouverneur der Niederlande seine Functionen

antrat.[17]

[_Ludwig rückt ins Feld._] Wilhelm hatte die Coalition vor der Gefahr

behütet, durch Uneinigkeit zu Grunde zu gehen. Aber durch keine

Vorstellungen, durch keine Bitten, durch keine Bestechungen konnte er

seine Verbündeten bewegen, bei Zeiten im Felde zu stehen. Sie hätten die

harte Lection, die ihnen im vorhergehenden Jahre gegeben worden war,

benutzen sollen. Doch abermals zauderte Jeder und wunderte sich warum

die Anderen zauderten, und abermals erwies sich der Mann, der allein die

ganze Macht Frankreich's in seiner Hand hatte, wie seine stolze Devise

sich dessen seit langer Zeit rühmte, einer Menge von Gegnern

gewachsen.[18] Während seine Feinde noch immer nicht schlagfertig waren,

erfuhren sie mit Schrecken, daß er persönlich an der Spitze seines Adels

ins Feld gerückt war. Noch bei keiner Gelegenheit war dieser tapfere

Adel mit größerem Glanze in seinem Gefolge erschienen. Ein einziger

Umstand mag genügen, um einen Begriff von der Pracht und dem Luxus

seines Lagers zu geben. Unter den Musketieren seiner Haustruppen ritt

zum ersten Male ein siebzehnjähriger Jüngling, der bald nachher den

Titel eines Herzogs von Saint-Simon erbte und dem wir die unschätzbaren

Memoiren verdanken, welche zur Unterhaltung und Belehrung vieler Länder

und vieler Geschlechter das lebensvolle Gemälde eines längst

entschwundenen Frankreich erhalten haben. Obgleich sich die Familie des

Knaben damals in arger Geldverlegenheit befand, reiste er doch mit

fünfunddreißig Pferden und Saumthieren. Die Prinzessinnen von Geblüt,

jede von einer Gruppe vornehmer und anmuthiger Damen umgeben,

begleiteten den König, und das Lächeln so vieler reizender Frauen

beseelte den Schwarm der eitlen und üppigen, aber hochsinnigen Cavaliere

mit einem mehr als gewöhnlichen Muthe. In der glänzenden Schaar, welche

den französischen Augustus umgab, sah man auch den französischen Virgil,

den eleganten, zarten, melodischen Racine. Er war, in Einklang mit der

herrschenden Mode, fromm geworden, hatte das Schriftstellern für die

Bühne aufgegeben, und da er sich entschlossen, den Pflichten, die ihm

als Historiographen Frankreich's oblagen, energisch nachzukommen, hatte

er sich persönlich eingefunden, um die großen Ereignisse mit anzusehen,

welche der Nachwelt zu erzählen sein Amt war.[19] In der Nähe von Mons

bereitete Ludwig den Damen das Schauspiel der prächtigsten Revue, die

man im modernen Europa je gesehen hatte. Hundertzwanzigtausend Mann der

schönsten Truppen der Welt waren in einer acht Meilen langen Linie

aufgestellt. Es steht zu bezweifeln, ob eine solche Armee jemals unter

den römischen Adlern vereinigt gewesen war. Das Schauspiel begann früh

am Morgen und war noch nicht vorüber, als der lange Sommertag sich zu

Ende neigte. Racine verließ den Platz erstaunt, betäubt, geblendet und

todtmüde. In einem vertrauten Briefe wagte er es, einen liebenswürdigen

Wunsch zu äußern, den er im Hofzirkel auszusprechen sich wahrscheinlich

gehütet haben würde: »Wollte Gott, daß alle diese braven Burschen

wieder in ihren Hütten, bei ihren Frauen und ihren Kleinen wären.«[20]

[_Belagerung von Namur._] Nach diesem prächtigen Schauspiele kündigte

Ludwig seine Absicht an, Namur anzugreifen. In fünf Tagen war er an der

Spitze von dreißigtausend Mann unter den Mauern dieser Stadt.

Zwanzigtausend Landleute, die man in den von den Franzosen besetzten

Theilen der Niederlande gepreßt hatte, mußten als Schanzgräber dienen.

Luxemburg hatte mit achtzigtausend Mann eine feste Stellung auf der

Straße zwischen Namur und Brüssel inne und war bereit, jeder

Truppenmacht, die es versuchen sollte, die Belagerung aufzuheben, eine

Schlacht zu liefern.[21] Diese Theilung der Aufgaben nahm Niemanden

Wunder. Es war längst bekannt, daß der große Monarch ein Freund von

Belagerungen, nicht aber von Schlachten war. Er sprach die Ansicht aus,

daß eine Belagerung der wahre Prüfstein militärischer Tüchtigkeit sei.

Der Ausgang eines Zusammenstoßes zwischen zwei Armeen im offenen Felde

wurde seiner Meinung nach oft durch einen Zufall entschieden; aber

Ravelins und Bastionen, welche die Wissenschaft erbaut, konnte nur die

Wissenschaft bewältigen. Seine Verleumder nannten es spöttelnd ein

Glück, daß der Zweig der Kriegskunst, den Se. Majestät für den edelsten

halte, ein solcher sei, der ihn selten nöthigte, ein seinem Volke

unschätzbares Leben ernster Gefahr auszusetzen.

Namur, am Zusammenflusse der Sambre und der Maas gelegen, war eine der

großen Festungen Europa's. Die Stadt lag in einer Ebene und besaß keine

andre Stärke als die durch die Kunst hervorgerufene. Aber Kunst und

Natur hatten sich vereinigt, um die berühmte Citadelle zu befestigen,

die vom Scheitel eines hohen Felsens auf eine von zwei schönen Flüssen

bewässerte unabsehbare Fläche von Kornfeldern, Waldungen und Wiesen

herniedersieht. Die Bevölkerung der Stadt und Umgegend war stolz auf ihr

uneinnehmbares Kastell. Sie bildete sich etwas darauf ein, daß in allen

Kriegen, welche die Niederlande verwüstet, Geschicklichkeit oder

Tapferkeit nie im Stande gewesen waren, durch diese Mauern zu dringen.

Die benachbarten Festungen, in der ganzen Welt wegen ihrer Stärke

berühmt, Antwerpen und Ostende, Ypern, Lille und Tournay, Mons und

Valenciennes, Cambray und Charleroi, Limburg und Luxemburg, hatten ihre

Thore den Siegern geöffnet, noch niemals aber war von den Zinnen Namur's

die Fahne herabgenommen worden. Damit nichts fehlte, um die Belagerung

interessant zu machen, standen die beiden Großmeister der

Befestigungskunst einander gegenüber. Vauban war viele Jahre hindurch

als der erste Ingenieur betrachtet worden; aber ein gefährlicher

Nebenbuhler war seit Kurzem aufgetaucht: Menno, Baron von Cohorn, der

geschickteste Offizier im Dienste der Generalstaaten. Die

Vertheidigungswerke von Namur waren unlängst unter Cohorn's Oberleitung

verstärkt und ausgebessert worden, und er befand sich jetzt innerhalb

der Mauern. Vauban war im Lager Ludwig's. Es ließ sich demnach erwarten,

daß Angriff wie Vertheidigung mit ausgezeichneter Geschicklichkeit

geleitet werden würden.

Die verbündeten Armeen hatten sich inzwischen versammelt, aber es war

zu spät.[22] Wilhelm eilte nach Namur. Er bedrohte die französischen

Werke zuerst von Westen, dann von Norden, dann von Osten. Aber zwischen

ihm und den Circumvallationslinien stand die Armee Luxemburg's, allen

seinen Bewegungen folgend und stets in so starker Position, daß es die

größte Unklugheit gewesen wäre, ihn anzugreifen. Mittlerweile machten

die Belagerer unter Vauban's geschickter Leitung und durch Ludwig's

Anwesenheit angefeuert rasche Fortschritte. Es waren allerdings viele

Schwierigkeiten zu überwinden und große Beschwerden zu ertragen. Das

Wetter war stürmisch, und am 8. Juni, dem Tage des heiligen Medardus,

der im französischen Kalender die nämliche unheildrohende Stelle

einnimmt, die in unsrem Kalender dem heiligen Swithin gebührt, regnete

es in Strömen. Die Sambre stieg und überschwemmte viele mit reifenden

Ernten bedeckte Quadratmeilen. Die Mehaigne führte ihre Brücken mit sich

fort in die Maas. Alle Straßen wurden in Moräste verwandelt. In den

Laufgräben standen Wasser und Schlamm so hoch, daß man drei Tage zu thun

hatte, um eine Kanone von einer Batterie zur andren zu schaffen. Die

sechstausend Wagen, welche die französische Armee begleitet hatten,

waren nutzlos. Schießpulver, Kanonenkugeln, Korn und Heu mußten auf dem

Rücken der Kriegsrosse von Ort zu Ort transportirt werden. Nur die

Autorität Ludwig's konnte unter solchen Umständen die Ordnung aufrecht

erhalten und Freudigkeit erwecken. Seine Soldaten bezeigten ihm in der

That eine größere Ehrerbietung als dem Heiligsten ihrer Religion. Sie

verwünschten den heiligen Medardus aus dem Grunde des Herzens und

zerschlugen oder verbrannten jedes Bild von ihm, dessen sie habhaft

werden konnten. Aber es gab nichts, was sie nicht bereitwillig für ihren

König gethan und ertragen haben würden. Trotz aller Hindernisse machten

sie unaufhaltsame Fortschritte. Cohorn wurde schwer verwundet, während

er mit verzweifelter Tapferkeit ein von ihm selbst erbautes Fort

vertheidigte, auf das er stolz war. Seine Stelle war nicht zu ersetzen.

Der Gouverneur war ein schwacher Mann, den Gastanaga ernannt und dessen

Versetzung Wilhelm kürzlich dem Kurfürsten von Baiern angerathen hatte.

Der Muth der Besatzung schwand, und die Stadt übergab sich am achten

Tage der Belagerung, die Citadelle etwa drei Wochen später.[23]

Die Geschichte des Falles von Namur im Jahre 1692 ist der Geschichte des

Falles von Mons im Jahre 1691 sehr ähnlich. Sowohl 1691 wie 1692 konnte

Ludwig, der einzige und unumschränkte Gebieter über die Hülfsquellen des

Landes, den Feldzug eröffnen, bevor Wilhelm, der Feldherr einer

Coalition, seine zerstreuten Streitkräfte zusammengebracht hatte. In

beiden Jahren entschied der Vortheil des ersten Zuges den Ausgang der

Partie. Bei Namur sowohl wie bei Mons leitete Ludwig unter Vauban's

Beistand die Belagerung; Luxemburg deckte sie, Wilhelm versuchte

vergebens sie aufzuheben und mußte zu seinem tiefen Schmerze dem Siege

seines Gegners als Zuschauer beiwohnen.

In einer Hinsicht war jedoch das Schicksal der beiden Festungen ein ganz

verschiedenes. Mons wurde von seinen eigenen Einwohnern übergeben. Namur

hätte vielleicht gerettet werden können, wenn die Besatzung eben so

begeistert und entschlossen gewesen wäre wie die Einwohnerschaft.

Merkwürdigerweise herrschte in dieser so lange einer fremden Herrschaft

unterworfenen Stadt ein Patriotismus ähnlich dem der kleinen

griechischen Republiken. Man hat keinen Grund zu glauben, daß die Bürger

sich um das Gleichgewicht der Macht kümmerten oder eine Vorliebe für

Jakob oder für Wilhelm, für den Allerchristlichsten König oder für den

Allerkatholischsten König hatten. Aber jeder Bürger glaubte seine eigene

Ehre mit der Ehre der jungfräulichen Festung verknüpft. Die Franzosen

mißbrauchten zwar ihren Sieg nicht. Es wurden keine Gewaltthätigkeiten

verübt, die Privilegien der Municipalität wurden geachtet, die Behörden

nicht gewechselt. Dennoch aber konnte das Volk einen Sieger nicht ohne

Thränen der Wuth und Scham in das bis dahin unbezwungene Schloß

einziehen sehen. Selbst die barfüßigen Carmeliter, die allen Genüssen,

allem Eigenthum, allem geselligen Umgang, allen häuslichen Zuneigungen

entsagt hatten, deren Tage lauter Fasttage waren, die einen Monat nach

dem andren verlebten, ohne ein Wort zu sprechen, waren heftig ergriffen.

Umsonst bemühte sich Ludwig, sie durch Beweise von Achtung und

fürstlicher Freigebigkeit zu beschwichtigen. So oft sie einer

französischen Uniform begegneten, wendeten sie sich mit einer Miene ab,

welche bewies, daß ein Leben des Gebets, der Enthaltsamkeit und des

Schweigens ein irdisches Gefühl in ihnen nicht zu ersticken vermocht

hatte.[24]

Dies war vielleicht der Augenblick, wo Ludwig's Arroganz den höchsten

Grad erreichte. Er hatte die letzte und glänzendste Kriegsthat seines

Lebens vollbracht. Seine verbündeten Feinde, Engländer und Deutsche,

hatten gegen ihren Willen seinen Triumph erhöht und waren Zeugen des

Ruhmes gewesen, der ihnen das Herz brach. Seine Freude war grenzenlos.

Die Umschriften auf den Denkmünzen, die er zur Verewigung seines Sieges

schlagen ließ, die Schreiben, durch welche er den Prälaten seines

Königreichs befahl, das Te Deum zu singen, waren prahlerisch und

sarkastisch. Sein Volk, ein Volk, zu dessen vielen edlen Eigenschaften

Mäßigung im Glück nicht gerechnet werden kann, schien eine Zeit lang

trunken von Stolz. Selbst Boileau, durch die herrschende Begeisterung

mit fortgerissen, vergaß die Gelassenheit und den guten Geschmack, denen

er seinen Ruf verdankte. Er bildete sich ein, ein lyrischer Dichter zu

sein und machte seinen Gefühlen in hundertsechzig Strophen geistlosen

Bombastes über Alcibiades, Mars, Bacchus und Ceres, die Leier des

Orpheus, die tracischen Eichen und die permessianischen Nymphen, Luft.

Er sagte, er möchte wohl wissen, ob Namur, wie Troja, von Apollo und

Neptun erbaut worden sei. Er fragte, welche Macht eine Stadt bezwingen

könne, welche stärker sei als die, vor der die Griechen zehn Jahre

lagen, und er gab sich selbst die Antwort darauf, daß ein solches Wunder

nur durch Jupiter oder durch Ludwig bewerkstelligt werden könne. Die

Feder am Hute Ludwig's war der Leitstern des Sieges. Vor Ludwig müsse

sich Alles beugen, Fürsten, Nationen, Winde und Wasser. Zum Schluß

wendete sich der Dichter an die verbündeten Feinde Frankreich's und

ersuchte sie höhnisch, die Nachricht mit nach Hause zu nehmen, daß

Namur vor ihren Augen gefallen sei. Doch es waren noch nicht viele

Monate verstrichen, als der prahlerische König und der prahlerische

Dichter belehrt wurden, daß es eben so klug als anständig ist, in der

Stunde des Sieges bescheiden zu sein.

Eine Kränkung hatte Ludwig selbst inmitten seines Glückes erfahren.

Während er vor Namur lag, hörte er Töne des Jubels im fernen Lager der

Alliirten. Ein dreifacher Donner aus hundertvierzig Geschützen wurde von

drei Salven aus sechzigtausend Flinten beantwortet. Man erfuhr bald, daß

diese Salven wegen der Schlacht von La Hogue abgefeuert wurden. Der

König von Frankreich bemühte sich heiter zu erscheinen. »Sie machen

einen entsetzlichen Lärm um das Verbrennen einiger Schiffe,« sagte er.

In der That aber war er sehr besorgt, dies um so mehr, als die Nachricht

nach den Niederlanden gelangt war, daß ein Seetreffen stattgefunden und

daß seine Flotte geschlagen worden sei. Seine gute Laune wurde jedoch

bald wieder hergestellt durch den glänzenden Erfolg der Operationen, die

unter seiner unmittelbaren Leitung vor sich gingen.

[_Ludwig kehrt nach Versailles zurück._] Als die Belagerung vorüber war,

übertrug er Luxemburg das Obercommando der Armee und kehrte nach

Versailles zurück. Bald fand sich der unglückliche Tourville daselbst

ein und wurde freundlich empfangen. Sobald er in dem Zirkel erschien,

begrüßte ihn der König mit lauter Stimme. »Ich bin vollkommen zufrieden

mit Ihnen und mit meinen Seeleuten. Wir sind zwar geschlagen worden,

aber Ihre Ehre und die der Nation sind unbefleckt.«[25]

Obgleich Ludwig die Niederlande verlassen hatte, waren doch die Blicke

von ganz Europa noch immer auf diese Gegend gerichtet. Die daselbst

stehenden Armeen waren durch von verschiedenen Seiten herangezogene

Verstärkungen vermehrt worden. Ueberall anderwärts waren die

militärischen Operationen des Jahres unbedeutend und ohne Interesse. Der

Großvezir und Ludwig von Baden thaten wenig mehr, als daß sie einander

an der Donau beobachteten. Der Marschall Noailles und der Herzog von

Medina Sidonia thaten wenig mehr, als daß sie einander in den Pyrenäen

beobachteten. Am Oberrhein und längs der Grenze, welche Frankreich von

Piemont scheidet, wurde ein unentschiedener Raubkrieg geführt, durch den

die Soldaten wenig, die Landleute aber sehr viel litten. Jedermann aber

blickte in gespannter Erwartung eines großen Ereignisses nach der Grenze

von Brabant, wo Wilhelm und Luxemburg einander gegenüberstanden.

[_Luxemburg._] Luxemburg, der jetzt in seinem sechsundsechzigsten Jahre

stand, war allmälig und durch den Tod mehrerer großer Männer zum ersten

Platze unter den Generälen seiner Zeit emporgestiegen. Er stammte aus

dem edlen Hause Montmorency, das viele mythische und viele historische

Ansprüche auf Ruhm in sich vereinigte, das sich rühmte, dem ersten

Franken, der im fünften Jahrhundert auf den Namen Christi getauft wurde,

entsprossen zu sein, und das seit dem 11. Jahrhunderte Frankreich eine

lange und glänzende Reihe von Connetables und Marschällen gegeben hatte.

In Bezug auf Tapferkeit und Talente stand Luxemburg keinem seines

erlauchten Geschlechts nach. Aber trotz vornehmer Herkunft und hoher

Begabung hatte er nur mit Mühe die Hindernisse bewältigt, die sich ihm

auf dem Ruhmeswege entgegenstellten. Wenn er der Freigebigkeit der Natur

und der Glücksgöttin viel verdankte, so hatte er doch noch weit mehr

unter ihrer Ungunst gelitten. Sein Gesicht war abschreckend häßlich,

seine Gestalt klein, und ein hoher, spitzer Höcker erhob sich auf seinem

Rücken. Seine Constitution war schwach und kränklich. Gegen seinen

sittlichen Wandel waren schwere Beschuldigungen erhoben worden. Er war

des Verkehrs mit Zauberern und Giftmischern beschuldigt worden, hatte

lange in einem Kerker geschmachtet und hatte endlich seine Freiheit

wiedererlangt, ohne seine Ehre völlig wiederzuerlangen.[26] Sowohl

Louvois als Ludwig hatten ihn nie leiden können. Doch der Krieg gegen

die europäische Coalition hatte noch nicht lange gedauert, als der

Minister und der König einsahen, daß der Staat den ihnen persönlich

verhaßten General nöthig brauchte. Condé und Turenne waren nicht mehr,

und Luxemburg war ohne Widerrede der ausgezeichnetste Soldat, den

Frankreich noch besaß. An Wachsamkeit, Fleiß und Beharrlichkeit fehlte

es ihm. Er schien seine großen Eigenschaften für große Ereignisse

aufzusparen. Auf dem offenen Schlachtfelde war er ganz er selbst. Er

besaß einen raschen und sicheren Blick. Sein Urtheil war dann am

klarsten und treffendsten, wenn die schwerste Verantwortlichkeit auf ihm

lastete und wenn die Schwierigkeiten sich massenhaft um ihn her

aufthürmten. Seiner Geschicklichkeit, Energie und Geistesgegenwart

verdankte sein Vaterland einige ruhmvolle Tage. Aber obwohl in

Schlachten außerordentlich glücklich, war er nicht besonders glücklich

in Feldzügen. Er erwarb sich auf Wilhelm's Unkosten einen glänzenden

Ruf, und doch gaben die beiden Feldherren in Sachen des Kriegs einander

wenig nach. Luxemburg war zu wiederholten Malen siegreich, aber er

verstand die Kunst nicht, einen Sieg zu benutzen. Wilhelm wurde zu

wiederholten Malen geschlagen; aber von allen Feldherren verstand er es

am besten, eine Niederlage wieder gut zu machen.

Im Monat Juli befand sich Wilhelm's Hauptquartier in Lambeque. Ungefähr

sechs Meilen davon, bei Steenkerke, lag Luxemburg mit dem Gros seiner

Armee, und noch etwa sechs Meilen weiter lag ein starkes Corps unter den

Befehlen des Marquis von Boufflers, eines der besten Offiziere in

Ludwig's Diensten.

Die Gegend zwischen Lambeque und Steenkerke war von unzähligen Hecken

und Gräben durchschnitten, und keine der beiden Armeen konnte sich der

andren nähern, ohne mehrere lange und schmale Defilés zu passiren.

Luxemburg hatte daher wenig Grund zu befürchten, daß er in seinen

Verschanzungen angegriffen werden würde, und er war überzeugt, daß er

in Zeiten erfahren würde, wenn ein Angriff im Werke war; denn es war ihm

gelungen, einen Abenteurer, Namens Millevoix zu bestechen, welcher

erster Musiker und Privatsekretär des Kurfürsten von Baiern war. Dieser

Mann sandte regelmäßig authentische Nachrichten über die Pläne der

Alliirten in das französische Hauptquartier.

Im festen Vertrauen auf die Stärke seiner Position und auf die

Genauigkeit seiner Nachrichten, lebte der Marschall in seinem Zelte, wie

er in seinem pariser Hotel zu leben gewohnt war. Er war zu gleicher Zeit

ein Schwächling und ein Wüstling und in beiden Eigenschaften liebte er

die Bequemlichkeit. Er bestieg fast nie sein Pferd. Leichte Conversation

und Kartenspiel füllten den größten Theil seiner Zeit aus. Seine Tafel

war luxuriös, und wenn er einmal bei Tische saß, war es gefährlich, ihn

zu stören. Einige Spötter sagten, daß er sich bei seinen militärischen

Dispositionen nicht ausschließlich durch militärische Gründe leiten

lasse, daß er sich gewöhnlich an einem Orte verschanze, wo das

Kalbfleisch und Geflügel besonders gut seien, und daß er stets darauf

Bedacht nehme, sich diejenige Communication mit dem Meere frei zu

halten, die ihm vom September bis zum April eine regelmäßige Zufuhr von

Sandwich-Austern sicherte. Wenn es in der Nähe seines Lagers hübsche

Frauen gab, so waren sie in der Regel bei seinen Gastmählern zu finden.

Man kann leicht denken, daß unter einem solchen Befehlshaber die jungen

Prinzen und Edelleute Frankreich's in Glanz und Galanterie mit einander

wetteiferten.[27]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 1 / 27 段