Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung

hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese

glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer

gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden.

Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im

Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen

Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei

ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch

gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden

ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst

nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von

Burgund vorhabe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht

einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge,

und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen

Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und

vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand

an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf

das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau

bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu

ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte

man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen.

Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß

sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich

nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche

Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier

wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz

giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog

von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so

fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und

drang damit in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit

gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die

gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele

Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.

Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und

wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte

es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von

Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe

zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants,

an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer,

wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu

beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all

zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen.

Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals

viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.

Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht.

Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem

Heldenmuth, der ihrem Geschlecht sonst nicht eigen ist, stellte sie

sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem.

Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der

Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte,

wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte

Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr

nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte

nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese

Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so

verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten,

und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen

Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf

seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs

von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig

in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine

stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge!

sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen

der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz

meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten

Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die ich spielen muß, schikte sich weit

besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer

Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit

seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum

stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen

so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge

verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten

Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der

mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner

mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun

an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von

Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du

im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen.

-- Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein

Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind

Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu

seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und

geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In

beiden Fällen sind Sie unschuldig. -- Ich war zu leichtgläubig und

zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner

Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht

vorzuwerfen.

Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte,

verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen

Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen

Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von

verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von

Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden,

erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester

für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen

sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde

beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der

gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene

Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung

gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so

fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester

auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts

mehr zu schaffen haben wollte; und wenige Tage drauf, heurathete er

die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren

Vorwürfen so überrascht hatte.

Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe,

verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen

Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen

Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog

von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte,

glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.

Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem

sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder

folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält

war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten,

deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz

zueignete.

Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage

übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die

Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich

mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in

Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des

Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden,

gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner

Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren

haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen

von Holland abstammte,[M] die ganze Provinz dadurch aufzubringen.

Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt

nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich

anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund,

ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten

Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von

ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte,

zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von

Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen

jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten

und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur

über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre

und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im

Triumpf, mit sich nach Bergen.

Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen

Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie

befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo

sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar

einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler

Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den

Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und

verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von

Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche

Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den

Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt,

unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet

in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr

Blutsfreund war -- was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht

alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den

untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als

daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in

Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste

Frauenzimmer, das aller elendste auf Erden war, worüber der Herzog

von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von

Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht

unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von

ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber

verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen

zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen,

da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen

gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr,

als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen

Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer

im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen

gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich

dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er

doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich

in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen.

Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als

Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald

gewahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die

Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es

und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie?

antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet

ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen?

Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und

wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest

du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete

zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht

von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut

entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die

Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können

Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der

Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? -- He! Wer hat dir denn

gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm

ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf

nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung

zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie

haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft eingeflößt. In

diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein

tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und

bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so

bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete

bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein

erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog

von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene,

die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins

Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens

eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so

behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige

Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten

vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein

werde. -- Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße

Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute

Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen

so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler

und demohnerachtet sind Sie unglüklich. -- Sie sind zu ausschweifend

in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern

Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen

Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat,

und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht?

Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese

wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur

strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von

jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf

sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer

undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu

begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte

vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind.

-- Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben;

ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig,

daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von

meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache

Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch

unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verursachen, und sollte das

traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie

haben? -- Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger

Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist

so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin,

darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind

vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige,

die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich

sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den

Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als

des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht

weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den

die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem

beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied

zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen

theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine

empfindsame Leidenschaft nicht. -- Borselle! antwortete Jacobine, ich

habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung

die Sprache benommen hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst

in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals

zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben,

daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon

eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß

man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und

daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es

vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären;

denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich

verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug

war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn

es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand

mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie

diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken,

und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. -- Ich

würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen

gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist,

läßt sich nicht bezwingen Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß

sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben,

und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen

wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen

Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle?

Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum

hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? -- Sie haben, erwiederte

Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen;

aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und

überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie

das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den

Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte,

sezte vor jezt nicht weiter in sie.

Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt,

Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest

gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies

günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die

Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich

wurde, legte Borsellens unbedeutenste Handlungen großen Werth bei.

Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht

wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach

Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre

treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte

seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch

seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung

zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet.

Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren.

Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund

angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes

befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie

sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens

Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie

alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich

stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten

machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug

sein? -- Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und

leite mich aus einem Irrweg in den andern: weil es deine und meine

Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod

fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du

mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast

du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine

Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie

ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher

gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng,

jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich

mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben.

Während Jacobine in einem Strom von Unruhen dahin schwamm, sahe

Borselle, der wirklich und aufrichtig liebte, wohl ein, daß er ihr

nicht verhaßt war; er sezte daher so anhaltend in sie, daß es ihm

glükte das lezte Geständnis von ihr zu erhalten. Er hatte Jacobinens

wegen außerordentlich große Ausgaben gemacht. Denn zu der Zeit,

da sie an allem Mangel litte, sezte er sie in Ueberfluß. Er trat

geheime Vorkehrungen, die des Herzogs von Burgund seine vereiteln

sollten, und heirathete Jacobinen mit der zu diesem Unternehmen

nöthigen Behutsamkeit und erforderlichem Geheimniß. Die Climberge,

der Descaillon und zwei vertraute Freunde des Borselle, waren die

einzigen, die dieser Handlung beigewohnt hatten; das neue Paar war aber

dieserwegen nicht wenig glüklich. Sicher ist es, daß Borsellens Liebe,

statt zu erkalten, täglich zunahm; denn es schien, als ob die Zeit ihr

neue Kräfte gäbe. Allein Borselle konnte nicht länger unthätig bleiben;

er hatte zu viel Muth, das Interesse einer Person, die alles für ihn

aufgeopfert hatte, zu vernachläßigen. Er muste sich daher von ihr

entfernen. Schreklich war für beide dieses nothwendige Scheiden, das

auf die beweglichste Weise, mit Versicherung ewiger Liebe, erfolgte.

Man wurde bald gewahr, daß Borselle Jacobinens Angelegenheiten wegen

in Bewegung war. Es dauerte nicht lang, so wurde der Herzog von

Burgund davon benachrichtiget; und ob gleich das Ehebündniß sehr

geheim gehalten war, erfuhr er es doch auch gar bald. Da er einer

der stolzesten rachsüchtigsten Fürsten war, geriet er bei dieser

Nachricht in die gröste Wuth. Hundert Eilboten wurden mit dem Befehl

abgefertiget, sich des Borsellens zu bemächtigen, der sich zu sehr auf

seinen Muth verlaßen, und sich mit seiner geringen Anzahl Leute zu

viel gewagt hatte, gefangen genommen und in die Hände seines Feindes

geliefert wurde.

Der Herzog von Burgund, der nun seiner Beute gesichert war, wollte

die strengste Rache ausüben. Er befahl zu dem Ende, Borsellens

Prozes zu beschleunigen. Bis zur Wuth gegen Jacobinen, die ihn so

hintergangen hatte, aufgebracht, wollte er ihr das Schiksal, das

ihrem Gemal bevorstand, selbst ankündigen. Sie können nun auf den

fünften Gemal bedacht sein, sagte er zu ihr; denn ich gebe Ihnen mein

Wort, daß ich Sie in einigen Tagen der Mühe überheben werde, den

Scheide-Brief Ihres vortreflichen Ehebündnißes mit dem Borselle, von

Rom aus kommen zu laßen. Ein Scharfrichter wird hier die Stelle des

Hohenpriesters vertreten, und Ihnen diese Erlaubniß verschaffen. Denn

ich glaube nicht, daß Sie mich feig genug halten werden, dergleichen

grobe Beleidigungen ungestraft zu laßen. Ganz unvergleichliche Ehre

haben Sie den Baierischen und Burgundischen Häusern erwießen, daß

Sie ihr Blut mit dem eines elenden Kriegers vermischt haben, der nur

meiner Gnade, das was er ist, zu verdanken hat, und der nun bald dem

Volk zum Schauspiel und den Raben zur Speise dienen wird. Schämen

Sie sich nicht, nach so erniedrigenden Ausschweifungen, noch das

Tageslicht anzuschauen? Der Herzog von Brabant that klug daran, daß er

die Gesellschaft einer Frau, wie Sie sind, mied; und der Herzog von

Glocester hat recht gehabt, Ihnen ein geschändetes Mädchen vorzuziehen.

Er würde ihr noch mehr Unangenehmes gesagt haben, wenn es sein Zorn

zugelaßen hätte. Jacobine hörte ihm schmerzlich bestürzt zu; aber da

er sie so erniedrigend behandelte, konnte sie nicht länger an sich

halten. Mit trotzigem Blik sagte sie zu ihm: Ob Sie mir gleich im

gebieterischen Ton sprechen, so sind Sie deßwegen noch lange nicht

befugt, mir Geseze vorzuschreiben; und es macht Ihnen eben keine große

Ehre, daß Sie sich mein Unvermögen und Unglük zu nutz machen. Welches

Recht haben Sie, mir meine Güter zu rauben und mich zur Sclavin zu

machen? Ja! ich habe den Borselle geheirathet, und wenn etwas vermögend

wäre, mich es bereuen zu laßen, so wären es die Leiden, die ich ihm

dadurch zugezogen habe. Schwärzen Sie sich immer damit, daß Sie ihn

Ihrem Ehrgeiz aufopfern. Es wird das Maaß Ihrer Ungerechtigkeiten voll,

und Sie vollends abscheuungswürdig machen. -- Ja! Ja! antwortete der

Herzog, ich werde der Nachkommenschaft ein Beispiel geben; denn man

soll nicht von mir sagen, daß ich einen Menschen, der die ersten Häuser

Europens beschimpfet hat, ungestraft laße. Hierauf entfernte er sich,

und verließ die erschrokene Jacobine im tiefsten Schmerz versenkt.

Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert · 第 5 / 7 段