ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines
unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths
war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen
eines Andern Preiß giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein
Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich
unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen
schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich
zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht
bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer
Gerechtsame desfals rächen?[J] Ganz bezaubert über diese Rede,
erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von
Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten.
Sie hat mehr für uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es
zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne
Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und
freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner
Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst
darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium
zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde
meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses
schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig
sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht
zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach
Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie
verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so
suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese
Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie
unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen,
nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und
ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog
fallend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen
Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. -- Der Herzog, ganz von der Degre
geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen
Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung,
versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann
auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst
Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene
Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und
Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad
ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an;
schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen
zu können.
Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr
willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als
ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die
minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war.
Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht
zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub
ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden mit dem Herzog von
Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes
Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu
erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit
des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von
Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein;
die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog,
frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute
sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie
Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der
schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern.
Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich
über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders;
allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.
Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich
Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich
zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches
ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und zu beruhigen.
Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein
Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem
dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich
wäre.
Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte
der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von
Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders
an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen;
wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der
Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin
zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker,
als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden
Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais
über.
Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie
die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie
gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen
hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in
dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch dieser noch einzig übrig
gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von
Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten
Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog
von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük
bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte
lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht
nehmen.
Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von
Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und
gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen
Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen.
Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines
Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit
sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten
Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt
an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten
verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und
die Päbste gegeneinander aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden
Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf
keine Weise unserer zu schonen. -- Madame! erwiederte Jacobine, es
wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende
Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die
Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen
nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen
und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und
mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz
uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein,
was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es
mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir
Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben,
alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige
theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte
übertroffen haben. -- Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin:
Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner
grossen Wichtigkeit, da sie nur aus dem Mond[K] ihre Entstehung
hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich
glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch
Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken
anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten
vorwerfen werden. -- Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine,
will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen;
allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im
Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich
selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu
sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten,
dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben
muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen
noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß
eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze
vorzuschreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? --
Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles,
was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein
schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer
durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez
gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen
wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein
Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich
nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung
seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter
nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und
Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.
Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner
Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das
Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich
so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant
hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten,
indem der Herzog sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht
hätte.
Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr
angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen,
den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin,
Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester
trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der
keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals
seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung
äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner
Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte
anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu
machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu
beziehen.
Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge,
begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige
Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge
gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von
Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein
nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe
so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar
Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da
der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser
Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und
eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das
sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das
Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem
Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir
meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den
Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr
sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung
und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es
mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte
eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind
nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine
Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er
mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich unter
Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein
glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten
edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt
haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.
Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare
Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn
erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich
nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in
der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel
wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte
er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen
nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit
urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen
Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt
von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne
ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich
aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn
augenbliklich aus den Augen verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in
Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man
ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!
Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich
bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük
nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste
Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr,
so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen
Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche
in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs
von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und
die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel
empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie
bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu
entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte
Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen;
denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht.
So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob
er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn der Herzog von Glocester
vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt
hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene
sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen?
Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den
mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von
Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel,
den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat,
nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin
honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit
Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach
England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere
Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ
sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit
einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu
ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt
habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig
denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine
Unbekannte aus der Erde empor kommen, der es vermuthlich der Himmel
eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was
mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an
meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester
überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste.
Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht
sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten
entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie
einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von
solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen
Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal
ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige
Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er
Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen
sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre
Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht
gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn
diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte,
würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten
suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen
Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er
schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen
konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu
freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von
weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen.
Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir
allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken.
Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz
tiefsinnig.
Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr
dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer
von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester
ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London
geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige
wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete
sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer
schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.
Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten
sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die
Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten
nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch
dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens
Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen
Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein
Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit
vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen
Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines
unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche
Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit
Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von
Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter
Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte
durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge
welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum
verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben
wiederfahren wären, zu vergessen und zu vergeben versprach, und daß
Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof
anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur
sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.
Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte
ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit
ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr
gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte
sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles
so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie
diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant
zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie
selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine
würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog
von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England
vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten
Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:
„Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung
meines bejammernswürdigen Zustands zu machen; denn das Gerücht
trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu
sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu
bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert
haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde
mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen,
das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne
Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige,
getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist
keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs
von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen.
Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich
verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende
Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar
gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser
Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie
dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen
mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die Versicherung,
daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c.
Jacobine.“
Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte,
beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige
Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an,
nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert
hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern
Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von
Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig
bedient ward.
Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er
säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach
Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des
Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel,
Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie
anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser
Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache
zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war.
Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben,
sie besser bewirthen zu können, führte er sie auf einige Tage nach
Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so
ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht
wurde.[L] Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war,
wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen.
Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Ungestüm. Er fühlte
diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu
rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache
bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf
auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von
Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein
so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen
sollten.