die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude,
daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück
wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife
nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten
zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier
grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht
mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen
Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den
nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so
ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen
weniger Zeitlebens verknüpft? -- Nein Madame! antwortete die Climberge,
er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit
befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine
unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben;
und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. --
Schweig! und verschone mich mit deinen Träumereien, erwiederte die
Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen
mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre,
daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch
gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen
wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben.
Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb
der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten,
und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz
niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein
besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter
Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht
noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht
weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden.
Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir
eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts
in der Welt davor schützen kann. -- Also Madame! erwiederte Climberge,
Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß
die eingebildeten künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten,
gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen,
daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre
bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind
Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine
Schonung mehr schuldig. -- Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin,
wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste
ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen
Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen
und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt
nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu
entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre
aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu
sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch
macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein
entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit
streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte
ich alles dulden müssen, seine Unbeständigkeit, seine Verachtung,
ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte
Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich
war zu schwach, ihnen nachzuahmen. -- Setzen Sie noch hinzu Madame,
unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz
aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu
Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von
Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen
verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie
sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und
Ihnen alle Drangsale anthun wird.
Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich
der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese
Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme
vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so
schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe
zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon
zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren,
so würde ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden
sein. -- Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die
wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen
wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge,
die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen,
stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse
Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller
meiner Bedürfnisse, schuldig sein. -- Die Staatsklugheit, erwiederte
der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern
die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. --
Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich
die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein
Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen;
denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so
habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene
Dankbarkeit entgegen zu setzen. -- Madame! erwiederte Humphrei, so
grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig:
denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll, den jedes
empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten
schuldig ist. -- Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr
mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte
ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich
ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen
Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch
neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner
Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen,
vereiteln und sich verdächtig machen würden. -- Sie könnten, Madame!
unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine
Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig
der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad
Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel
gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er
ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er
wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher,
Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig
anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten
wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. -- Ganz mißfiel Jacobinen (die
wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der
Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr
daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem
Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu
hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden.
Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht
genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen
Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die
Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und
Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen
sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was!
sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem
Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit
genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er
mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines
Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird, und gewis nach keinem
andern mehr geizen. -- Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die
Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie
vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf
einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist
die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion
betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden?
Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche
noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften
Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst,
und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese
geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von
beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein
gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark,
so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen,
dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die
Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf
mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. -- Ich glaubte
nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen der Herzog, daß Sie
in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten
zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und
schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute
daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere
Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?[I] Wir haben
Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind,
die Macht, auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten
wir uns bemühen, die Gültigkeit ihres Berufs zu untersuchen? Steht
mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen Martin mit seinen
Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger
befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung
dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß von allen
denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen
wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil
durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den
übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der
sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie
ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und
Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die
mir erwiesene Güte zu bereuen.
Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer,
hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte
sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun
auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen
gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich
sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen,
wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also
verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war
einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß
Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich erschüttert war, wollte er
vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und
überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen.
Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch
einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der
Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze
furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht
noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch
einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der
ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich
gemacht hat, zu entsagen? -- Ich verabscheue ihn auch, erwiederte
Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben
habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird
man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester
einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand
es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel
auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten
Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner Unschuld,
würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß
man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. -- Aber
Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater,
Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben,
was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von
Glocester? -- Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine,
ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas
Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen
Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu
viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das
mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen
öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen
würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann
sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. -- Also Madame!
unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie
lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame
Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie
sich keines derselben bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so
schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten
wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich
gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen,
hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie
begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie,
Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der
eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller
Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester
ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie
schon so viel gelitten haben, befriedigen. -- Climberge! erwiederte
Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz
verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele
Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich
sein müssen, zernichten? -- Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen
auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu
ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht
dahin genommen hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in
dergleichen Fall unterlies.
Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser
daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er
zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner
Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte
Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht
öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von
Brabant zurückfallen werde.
Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer
Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von
Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach
doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte
bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem
Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen
Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche
Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu
geben.
Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt
wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von Glocester
unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England
theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen
Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu
zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er
täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben,
und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die
Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern
vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben,
berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den
Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte
Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß
er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide
aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere
Leiden in der Welt zu erdulden hätten.
Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus
einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere
Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im
Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf.
Das Concilium zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch
alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte
Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur
erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze
Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und
Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand
nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht,
der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den
Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen
Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo
nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und
meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal!
Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod
meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? -- Sie bereuen also, daß
Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine
Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur
in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was
habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet,
und was kann ich mehr thun als Ihnen die theure Versicherung zu
geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem
Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so
lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent
der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben
kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth
mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage
verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen
nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den
tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe
aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung
geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize,
die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des
Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind
die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und
vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen
mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen
Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. -- Sie
bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte
der Herzog seufzend, und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in
meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen
äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll
ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung,
die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen
Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des
Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von
aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und
wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört
beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am
Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß
Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß
ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe
gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen
Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig.
Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide
vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie
beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von
Brabant haßte, und die gegentheils dem Herzog von Glocester, der sie
mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich,
die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch
oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden
wären.
Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter
ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine
junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war
ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des
Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt
habe, unzulässig sei.
Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant
in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste
sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit
dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an
Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.