gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er
zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr
furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen
alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher den Uebermuth des Beghe
und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst
zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache
nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden,
wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien
ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete
und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an:
Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine
Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß
verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des
Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen
lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch
sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich
erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen.
Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer
Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich
im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des
Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen
entstehen werden, und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen,
wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. -- Lieber
Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für
diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes
Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu
übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde
er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten
Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes
Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich
Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe
sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja!
selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen
mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser
zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen
Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet;
und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes
Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten
und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen sein werde, wird es
Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen,
und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten
Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine
Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost
und Hülfe suchen? -- Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen
Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen
Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe
entledigen. -- Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? -- Dieses
ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder!
schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu
brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue
ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich
seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker
nicht werden. -- Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu
sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie
sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft
mißbraucht man Ihre allzugrosse Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht
die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig
widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen.
Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem
Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen
sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue
Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt
antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an.
Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe
Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen
eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden,
und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen,
und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein
ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den
Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck
mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die
ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so
erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm
ein gleiches widerfahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den
Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche
durch seine eigne.
Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen
war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an
jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren
Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen
öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen
darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es,
Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben
lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich
auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends
Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen.
Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze
und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was
wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben,
und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch -- Ich habe
Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm
ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr,
Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt
darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der
Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich
weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf
meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe
ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz
gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin
finden. -- Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn
man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von
Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und
ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche
Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. -- Sie werden wohl
thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste
das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und
Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich,
daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er
aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt sich
wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt
anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der
heftigsten Gemüthsbewegung beweinte.
Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum
heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat
es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre
zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses
war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin.
Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel
Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich
verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe
mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis
böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es
eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die
Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte
eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung;
der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe
benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust des Verstandes
vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie
sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und,
da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr
die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie
selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer.
Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein
für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt,
machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne
nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig
ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da
er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich
legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng
an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu
ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von
Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung,
und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein?
-- Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemänner, besonders
die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen
befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften
gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren,
und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also
diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird.
-- Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters
Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein
Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und
sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm
Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben,
das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog,
das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt
ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges
Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu
sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden?
-- Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin.
Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf
setzen, die niemals entstehen werden. -- Ha! Madame, erwiederte
die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen
Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch
zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. -- Sie legen mir
also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese
unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen,
und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes
sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. -- Hierauf verlies sie das
Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich
unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du
siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß
fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine
Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen
wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so
viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen
habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde
ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom
Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen sein.
Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine
Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! -- Ich gestehe
aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts
weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem
unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen.
Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit
dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie
an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln.
Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die
von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die
wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden
kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt,
noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen
Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der
Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise
entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses
deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an
dieses Verfahren denken. -- Laß mich! rief die Herzogin schluchsend,
laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter
allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten
einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch
wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können.
Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich
noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der
Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame!
sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat
denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer
zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für
wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf
haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren
müssen? -- Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die
Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug.
Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner
Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich
Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht
unbekannt war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam?
Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden
mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein
Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner
Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach
der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen
den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen
Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung
der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich
für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters
angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet,
und Ihre Vorschriften befolget hat. -- Ha! Grausamer, welche Folgen
von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft,
Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie
nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie
in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über
meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz
einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe, und auf den ich von
Grund der Seele Verzicht thue.
Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng
in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch
eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue
Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich
nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne
trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr
ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und
konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten
Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr
Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf
die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte.
Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin;
allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie
ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut
halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen
verursachen. -- Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von
Degre ohne alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die
Schuld selbst beimessen. -- Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin.
Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt
hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem
verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir
in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen
niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu
angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung
zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern,
wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu
dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis
gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig
war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem
strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich
umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des
Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. -- Die von Degre,
die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu
ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher Weise zog sie der
Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie
können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles
was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre
unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu
stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen
zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern
Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen.
Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der
Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu
ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich
länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme.
-- Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen
Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen
Sache fassen? -- Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin;
allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir
alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine
Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr
schuldig bin, befreien. Ob sie mich gleich verlassen hat, muß ich sie
doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener
meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf
dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. -- Climberge
befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr
Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß
sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng
nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft
nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht
umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise
nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren.
Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit;
sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte
Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm
Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner
nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon
gethan hat. -- Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz
rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von
mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung meiner zärtlichsten
Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung
Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres
Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit
und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von
Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die
Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl
leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete
Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert,
um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen.
-- Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem
Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen,
als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer
Bemühungen abwarten.
Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund,
ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben
schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des
Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war,
fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil der Herzogin gereichen
konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten,
sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren,
anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen.
Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner
gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise
seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden,
antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann
sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster
schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm
vorgeschlagen habe. -- Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige
Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die
Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach
Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen,
als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die
Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren
vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange
überdacht hatte, faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen.
Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo
sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London
glücklich anlangte.
Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell
leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs
Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit
und galante Lebensart an demselben.[H] Humphrei, Herzog von Glocester,
des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England.
Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen
ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln; selten sahe er ein schönes
Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die
Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber
verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden
mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre
Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr
die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als
Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit
noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant
konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht
dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige
Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung
ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der
Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie
mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und
es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine
Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu
erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte
bald den Unterschied, der zwischen einem großmüthigen Beschützer und
einem unwürdigen Gemahl ist.