Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen B

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1791 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Dies gilt

insbesondere für eine Vielzahl altertümlicher Ausdrücke in

unterschiedlichen Schreibweisen, welche nur dann harmonisiert

wurden, wenn eine Variante im Text mehrmals auftritt, die andere

dagegen nicht mehr als einmal. So werden etwa Wörter, die die

Buchstabenkombination ‚tz‘ enthalten, in mehreren Schreibweisen

gleichberechtigt verwendet (z.B. ‚setzen‘, ‚sezen‘ oder ‚sezzen‘).

Oftmals wird ‚wann‘ für ‚wenn‘ verwendet; auch dies wurde so

belassen, soweit der Sinn erkennbar bleibt. Personen- und

Ortsnamen wurden nicht in deren heute üblichen Schreibweisen

übertragen.

Wie in der damaligen Zeit üblich, folgt auf Kardinalzahlen oft ein

Punkt, auf Ordinalzahlen aber nicht; umgekehrt wie in den heutigen

Rechtschreibregeln festgelegt. Diese Regel wurde im Original zwar

nicht konsequent eingehalten, eine Harmonisierung erfolgte im

vorliegenden Text dennoch nicht.

Korrekturen aus der Liste der ‚Druckfehler‘ am Ende des Buches

wurden bereits in den Text eingearbeitet. Offensichtliche

typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden

in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen

gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

gesperrt: +Pluszeichen+

Kapitälchen wurden in GROSSBUCHSTABEN umgewandelt.

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JACOBINE

von

_BAIERN_

GRÄFIN VON HENNEGAU,

Holland, Friesland und Zeeland.

Eine vaterländische Geschichte aus dem

fünfzehenden Jahrhundert.

[Illustration]

Frankfurt

bei Johann Daniel Knoop

1791.

IHRO KÖNIGLICHEN HOHEIT

DER

PREISWÜRDIGSTEN

STATTHALTERIN

BELGIENS

FRIEDERIKE SOPHIE WILHELMINEN

unterthänigst gewidmet.

Da Tausende, die DEINER Huld sich freu’n,

Von Dank durchglüht, DIR reichen Weihrauch streu’n,

Leg ich auf den Altar

Ein Blümchen hin. -- Nimms gnädig an,

Erhabenste! ich gebe, was ich kann

Und brings voll Ehrfurcht dar.

_Jordan._

[Illustration]

Vorbericht.

Ob zwar die Begebenheiten einer Fürstin, die vor mehreren Jahrhunderten

gelebt hat, eben die Neuheit nicht haben, auch denen, die nur

einigermaßen in der Geschichte älterer Zeiten bewandert sind, bekannt

sein werden; so scheinen sie mir doch, besonders bei jezigen, in

den befragten Ländern herrschenden Unruhen, interessant genug, aus

verschiedenen Bruchstücken und einer französischen Handschrift einen

Auszug zu verfertigen und solchen zum Druck zu befördern. Wollte man

diese Geschichte ganz zum Roman bilden, so lies sie sich freilich viel

weiter ausdehnen; allein in solchem Fall müste nothwendiger Weise oft

von der Wahrheit der Sache selbst abgewichen werden. Auch hätte ich um

der Geschichte einen glänzendern Anstrich zu geben, sie mit Turniren,

Bällen und andern dergleichen galanten Lustbarkeiten ausschmücken

können; allein eine Fürstin, deren Leben durch so viele und anhaltende

Widerwärtigkeiten vergället war, konnte wenig an dergleichen

Ergözlichkeiten denken. Ausserdem glaub ich dem Leser einen Gefallen

zu thun, wenn ich diese Tändeleien, so wie den verliebten Stil ganz

weglasse und nur buchstäblich bei der Geschichte bleibe. Ueber die vier

Gemahle, die meine Heldin theils aus Gehorsam, theils aus Schwachheit,

genommen hat, wird sich freilich manche Spröde ärgern; indessen wenn

sie die unglükliche Verfassung, in der sie sich befand, genau erwegen,

werden sie gewis nicht so streng in ihrer Beurtheilung sein; dann

sie war von ihrer eigenen Mutter verlassen; auf Veranlassung der

Päbste muste sie Fehler begehen, die einigermaßen gegen den Wohlstand

stritten, und bei ihren stetigen Widerwärtigkeiten konnte sie sich bei

niemanden Raths erholen. Ob man ihr freilich manchen Vorwurf machen

kann, so ist sie doch nichts destoweniger auf der andern Seite so viel

mehr zu bedauern. Sie besas sehr viel gute Eigenschaften, und hatte die

gerechtesten Ansprüche auf ein glänzendes Glück. Diese Vortheile aber

vermochten nicht, sie für dem empfindlichsten Elend zu schüzen, und

ihre grossen und vielen Widerwärtigkeiten beweisen, welch vergängliche

Dinge, Ehre, Reichthum und Schönheit in der Welt sind.

+Homburg vor der Höhe+

im Heumonat 1790.

Der Verfasser

[Illustration]

Da öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig

Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu

verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in

diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur

gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit

begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das

Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz

entsaget.

Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden,

war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle

berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen

noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre

ausserordentliche Schönheit, und über dieses alles, ihr erleuchteter

Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr

Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen,

daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren,

allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit

mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.

_Jacobine_, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die

einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von

Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der _Margaretha_ Herzogs

Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig

des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und

der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten,

sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von

Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um

ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch

wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398.

gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung

weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch Jacobine von Stund

an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung.

Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem

besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten

sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart

sprach.

Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte sie

bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben,

sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog

von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf

einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche

Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen

Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr

eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher

sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm

als dem Dauphin zugefallen wären.

Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei

sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen

so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht

auskommen konnten.[A] Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das

heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene

zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes

zu rühren.

Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser

Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte

sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht,

und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast

der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem

Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung

haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung

ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide

Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den

Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte _Barbette_ in Paris

meuchelmörderischer Weise umbringen.[B]

Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten

diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern

geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von

Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da

aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen

wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen

Vergleich.

Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil

an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit

während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach,

mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem

Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische

Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept.

1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach

Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit

des Königs[C] die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im

Königreich, und entzündete dadurch den noch unter der Asche glimmenden

bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.[D]

Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste

liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu

ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen

herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte.

Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher

erwies man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers

eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten

Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.

Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die

Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines

Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht

für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander

werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit

diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die

Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie

können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander

gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener

Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter

gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf

Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre

Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber

Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann

ich desfalls zwei noch unschuldigen Kindern verständliches sagen? Sie

glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort;

denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat,

ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und

ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die

sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. -- Ihre Vorsicht

scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um

Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines

Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß

man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. -- Thun Sie

nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was

andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.

Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die

man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der

Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er

die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir

sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen

Ihre Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen,

Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen

Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes

Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen

Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung,

antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich

Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen;

denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten

werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß

ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht

kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? -- Ihre

kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden

nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in

Ihren Staaten zurück bleiben. -- Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief

er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen

Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres

Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender

Weise an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen

scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren

Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den

Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders

gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit

gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen

Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich

nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem

ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden

hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin

von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs

überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er

recht geurtheilt habe.

Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender,

und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von

Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen

Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen,

leistete ihm in seinen jugendlichen Begierden bei dieser zärtlichen,

doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die

Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von

sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als

ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.

Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des

Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete,

wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von

Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei

dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten

Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine

Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn

bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich

gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren

Vetter hatte.

Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von

Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und

Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der zum

strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten

schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und

hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.

Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden

sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur

Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine,

die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten

sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch

besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der

schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von

Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der

Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der

Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der

arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament

ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir

bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht

unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt

schon vergißt. -- Dieser Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte

von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß,

da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch

alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. -- Um Dich

wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine

scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des

Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und

Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die

Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte

sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner

Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis

meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine

vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. -- Nun gut

Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein,

nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß

Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte

von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der

glücklichsten, da Sie schon eine der vollkommensten in der Welt sind,

werden mögen.

Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine

ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von

Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin

erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht

ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der

Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß

unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des

Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und

mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen

wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über

welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und

die Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,[E] und nachdem

man verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die

Königin zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der

Gräfin ihrer Mutter aber nach Compiegne. Der Graf von Hennegau, der,

wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte

sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen

beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter

sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung,

ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das

Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen

Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er

den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen

liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen

unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse

Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für

beide Familien, war dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung

sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich

anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit

ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und

eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den

Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch

niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant

sei hingerichtet worden.

Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des

Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie

noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen

ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater,

der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in

der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach

Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis

dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam

wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch

diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur

Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige Erbin aller

seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame,

in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu

Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der

Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen

heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den

Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von

Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte

nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.[F]

Die Verlegenheit, in welche diese beiden Wittwen hierdurch versezt

wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger

Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen

durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte

den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust

war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er

war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in

gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte,

sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag

zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser

Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche

Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das

schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in

welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig

uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar,

ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod sind Sie frei; Sie können

daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden,

wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen

gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine;

allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen

Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem

sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt,

daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief

gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns

ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten.

Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin

und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen

noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen,

erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen

den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen

Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog

von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen;

je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten

vermag, desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst

nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei,

sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen

einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich

mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß

es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen,

der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen

Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das

hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich

beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren

Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin

weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil

er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, --

mich dieses Ausdrucks zu bedienen -- wie ein unvernünftiges Thier, und

urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre

Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit

gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige

gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach haben sollte. Die

Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten kann

man sie zur Einwilligung bringen; -- Wir haben tausend Beispiele von

dergleichen Ehen. -- Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die Achseln

zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen Mutter den

Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste.

Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe,

verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs

von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm

die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr

willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang;

und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit

ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich

allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so

bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da

nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug

darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen

blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn nachdem Du mir

sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo

eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte.

Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret,

erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen,

daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen,

antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich

nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie

hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß

zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu

besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner

andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie

grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für

Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen

Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein

lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen.

Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung

Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab

demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz die Einwilligung und

Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe

man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl

gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das

Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in

etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete

die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht

hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der

Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus

Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie

doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von

Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der

Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen.

Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen

Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der

Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich,

indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte

Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten

und wahrscheinlichsten Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch

erfüllet.

Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte,

und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war,

schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten

Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu

bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne

seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der

Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust

dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch

die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit

erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog,

unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es

gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und

beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen,

und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei,

so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht

frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif that daher

die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl

vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen

über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen

blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen,

welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls

etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug

sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere

haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es

mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar

nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus:

Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere

Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige

Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten

Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch

bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre

Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so

gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer

Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. --

Nach diesen Worten eilte Jacobine, von Schmerz durchdrungen, zu ihrer

Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau

aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie

selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen,

daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde.

Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm

verlangte, wirklich that.

Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit

einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß

die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben

ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz

andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen,

der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben

würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen

ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen,

und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei

dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern

könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen,

innerlich erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen

Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende

Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über

alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und

will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie

mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre

Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige

gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre

ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie

nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn

Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz

genugsam dafür belohnet worden. -- Bei diesen Reden der von Degre,

seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben,

auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das

heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte,

sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken,

daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie

eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige

verliebte Schmeicheleien vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge,

dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen,

und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize

verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke

nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf

meine Schönheit einzubilden. -- Ich kan zugleich meinem Herrn dienen,

erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie

wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch

alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können;

kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein

ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht

auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht

einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen

auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu

ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen;

und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset,

verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung

verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den

Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und

benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht.

Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er

zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte,

und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen

Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er

für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen

dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich

mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und

daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der

alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre.

Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die

von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens

darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit,

den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere

Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete

ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit

als vorher an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte

man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung

redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre

Gebieterin? -- Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von

Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie

mir aufgetragen hat, abzustatten. -- Bleiben Sie einen Augenblick,

sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte

inständigst. -- Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu

gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die

Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. -- Nicht auf

diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn

wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen

zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind

schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre

mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt

bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich

durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im

Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein würde, will ich solche

nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. -- Glauben

Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man

glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil

bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen

werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte

von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten

Beobachter. -- Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den

meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit

wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner

unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. -- Dieses würde ein Wunder

und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre,

Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren

Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können,

werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr

gering sind, vermögen. -- Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als

ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug,

mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe

es ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein

wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin

erweiset.

Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre

Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie

wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei

dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die

Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die

Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe

keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem

Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner

Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß

Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist

es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber!

versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich

Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat.

Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und

Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so

unverschämt sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht

aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen

beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur

Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu

sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie

noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch

Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die

ich ihr schuldig bin, belohnet werde. -- Mit freudigem Herzen nehme

ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen

gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe,

versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage.

Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war,

saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der

Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber

nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede

war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen

Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen

gelehrt? Begehe ich einen Fehler, wenn ich sie liebenswürdig finde, so

fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte,

als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die

Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte

die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene

Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem

Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige

Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind

es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe

zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht

übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein

ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch

nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. -- Verlieben Sie sich nur nicht

in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie

verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken,

und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in

meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend,

wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? -- Wenn

Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete der Herzog, würden

Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein

Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. -- Sein Sie desfalls

ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche

Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre

nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten

geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.[G]

In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden

sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft

wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den

Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der

Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher

Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und

so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch lange genug, bis

sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten

Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände

der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu

belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit

sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch

Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche

anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte

öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht

Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet.

So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin,

ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und

Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen

Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche

ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will.

So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der

seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte

sein Ansehen immer weiter und auf den höchsten Gipfel bringen.

Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen

in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden

zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des

Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen.

Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war

der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte,

überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine

nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte,

und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht

zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe,

es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der

aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg

unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte.

Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert · 第 1 / 7 段