_Cinchonen_ nach Europa zu bringen, machte ~de la Condamine~,
den ersten Versuch, _Cinchonen_ in ihrer Heimat zu kultivieren,
~Mutis~ in Bogotá -- doch sei daran erinnert, daß noch früher die
Jesuitenpatres den Cascarilleros das Versprechen abnahmen, für jeden
gefällten Chinabaum 5 Stecklinge in Kreuzesform ⸭ zu pflanzen.
Die _Vanille_ wurde besonders auf ~Morrens~ Betreiben 1841 nach Java
überführt. Schon 1820 war sie durch ~Perrottet~ nach Réunion gebracht
worden. 1839 wurde dort mit der künstlichen Befruchtung begonnen. Die
erste _Vanille_ von Réunion erschien 1862 im Großhandel. «Vanilleries»
finden sich aber dort schon seit 1841. _Vanilla_ gelangte im ersten
Drittel des XVIII. Jahrh. nach England und wurde zuerst in den
Warmhäusern von ~Ph. Miller~ kultiviert, zur Blüte gelangte sie 1800
in den Gärten ~Grevilles~ in Paddington. Von hier kam sie (1812)
nach Amsterdam, Paris, Brüssel, Löwen, Gent, Lüttich und (1819) nach
Buitenzorg. Es waren von ~Greville~ erhaltene Pflanzen, an denen
~Morren~ sein berühmtes Befruchtungsexperiment (1836) in Lüttich
vornahm.
Jetzt gibt es keine wertvolle amerikanische Heil- und Nutzpflanze,
die nicht z. B. im Kultur-Tuin des botanischen Gartens in Buitenzorg
kultiviert würde, _Coca_ und _Myroxylon_, _Hevea_ und _Manihot_,
_Cacao_, _Bixa Orellana_, _Ipecacuanha_ und viele andere werden dort
gezogen und auch für die in Indien heimischen Pflanzen ist der Garten
eine Pflegstätte geworden. Daß wir der allmählichen Ausrottung der
wilden Guttaperchabäume ohne große Besorgnis entgegensehen können,
verdanken wir besonders den daselbst und in Tjipetir schon vor
vielen Jahren in weitsichtiger Weise angelegten _Palaquium_- und
_Payena_-Kulturen.
Aber nicht nur die Verbreitung der amerikanischen Heilpflanzen über
andere tropische Gebiete, zunächst Asiens, dann Afrikas ist versucht
und erfolgreich durchgeführt worden, auch unter sich tauschten die
Länder Asiens ihre Produkte aus. So gelangte der Teestrauch von Assam
nach China und in neuerer Zeit auch nach Vorderindien und Java. Die
Verbreitung der _Gewürznelken_ und der _Muskatnuß_ füllt ein ganzes
Kapitel, das in seinem ersten Teile, wo von der Verhinderung der
Verbreitung seitens der holländisch-ostindischen Kompagnie die Rede
ist, nicht in die Ehrentafeln der Kulturgeschichte der Menschheit
gehört. Das _Muskat_monopol der genannten Kompagnie, das durch die
berüchtigten Hongitogten geschützt wurde, bestand von 1621–1796. Aber
schon 1750 (bezw. 1754) brachte trotz aller Wachsamkeit der Holländer
der französische Gouverneur von Isle de France und Bourbon, ~Poivre~,
die ersten _Muskatnüsse_ und _Nelken_ nach Isle de France. Eine zweite
Expedition brachte 1769 450 _Muskat_- und 70 _Nelken_pflänzchen, 10000
_Muskat_nüsse und eine Kiste _Nelken_samen dorthin und die Kultur hatte
Erfolg. Nach Penang wurde die _Muskatnuß_ durch ~Chr. Smith~ (c. 1797)
überführt, nach Sumatra brachte sie ~Hugh Moore~ 1798. Die ersten
Nelken gelangten schon 1793 nach Cayenne und bald darauf (1800) von
Mauritius nach Sansibar. Zur Zeit, da England die Gewürzinseln besetzt
hielt (1796–1802), brachte ~Roxburgh~ den _Muskatbaum_ nach Bengkulen
und Penang.
[Illustration: Fig. 14.
Rubber-Plantage von _Hevea brasiliensis_ (Para rubber tree) in
Heneratgoda (Ceylon).
[Kew Museum.]]
Die +heutigen+ _Ceylonzimt_-Plantagen (Cinnamom gardens) wurden 1770
von ~de Koke~ gegründet und von dem Gouverneur ~J. W. Falck~ 1785
konsolidiert. Die Kultur des Zimtes in Ceylon reicht übrigens bis
in das XIV. Jahrh. zurück; sie nahm zuerst unter den Portugiesen
(1505–1656), dann unter den Holländern (1656–1797), die beide die Insel
besaßen, einen großen Aufschwung. Die englisch-ostindische Kompagnie
monopolisierte dann den _Zimt_ (bis 1833).
Mitte der siebziger Jahre des XIX. Jahrh. wurde die wichtigste
_Kautschuk_pflanze, die im Amazonasgebiet heimische _Hevea
brasiliensis_, nach Indien, speziell Ceylon, gebracht. Die Anpflanzung
von _Kautschuk_pflanzen in Ceylon hat in kurzer Zeit enorm zugenommen.
Während 1890 nur 300, 1900 1750 acres damit bepflanzt waren, waren 1905
schon 40000, 1907 bereits 120000 acres (1 acre = 4000 qm) mit _Hevea
brasiliensis_ bepflanzt (Fig. 14). Auf der malayischen Halbinsel gab es
1906 schon 6 Millionen _Hevea_bäume.
Ein solches rasches Ansteigen nennt man in Englisch-Indien einen
«+rush+». Es gab seinerzeit auch einen «rush into coffee» und einen
«rush into tea». Solche rushes sind in Niederländisch-Indien unbekannt.
Der bedächtige Holländer meidet solche Sprünge.
Die _Teepflanze_ kam 1826 durch ~Siebold~ nach Java. Schon 1827 besaß
Buitenzorg eine Pflanzung von 800 Bäumchen und 1839 waren schon
8 Millionen Teesträucher auf Java. Die ersten Versuche, _Tee_ in
Vorderindien zu pflanzen, wurden schon Ende des XVIII. Jahrh. von
~Kyd~ in Kalkutta gemacht, im größeren Stil aber erst 1834 bezw.
1839. 1852 brachte ~Fortune~ 20000 lebende Teepflanzen aus China in
die Himalayagegenden. 1842 kam die Teepflanze nach Ceylon. Lebende
Teepflanzen erhielt ~Linné~ 1763 für den Garten in Upsala.
Die _Kaffeepflanze_ gelangte im VI. Jahrh. nach Arabien, im IX.
Jahrh. nach Persien, 1696 nach Java, aber erst im Anfang des XVIII.
Jahrh. nach Amerika. _Theobroma Cacao_ kam schon in der Mitte des
XVI. Jahrh. nach Celebes, aber erst im XVIII. Jahrh. von dort nach
Java. Die Holländer brachten dann die Pflanze auch nach Ceylon.
_Nicotiana Tabacum_ gelangte 1558 nach Frankreich und Italien, 1605
nach Japan. Der _Ölbaum_ kam um 1560 nach Peru, wenig später nach
Chile und Kalifornien, auch die _Tamarinde_ wurde um diese Zeit nach
Amerika gebracht; der _Ingwer_ gelangte zu Beginn des XVI. Jahrh. oder
schon Ende des XV. Jahrh. durch die Spanier (~Francisco Mendoca~)
nach Westindien. Die _Tapiokapflanze_ (_Manihot utilissima_) wurde
von den Portugiesen aus Brasilien nach Indien gebracht. 1786 kam sie
von Mauritius nach Ceylon, 1794 aus Südamerika nach Kalkutta und
Serampur. _Aloe vera_ (_A. vulg._) ist im XVI. Jahrh. nach den Antillen
(Barbados) gekommen. 1650 war sie in Barbados schon ganz heimisch.
[Illustration: Fig. 15.
Ein Wald von _Pinus Laricio_ in Niederösterreich mit geharzten
Stämmen.
[+Mitlacher+ phot.]]
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß auch vielfach, und zwar natürlich
erfolgreich, der Versuch gemacht worden ist, =tropische Heil- und
Nutzpflanzen in ihrer Heimat selbst zu kultivieren=. Dies geschieht
z. B. mit der _Cinchona Calisaya_ in Bolivien, mit _Castilloa_ in
Nicaragua und Mexico, mit _Vanille_ in Mexico, mit _Ipecacuanha_ in
Brasilien, mit den _Balsambäumen_ in San Salvador, mit _Mate_ in
Südamerika (s. oben).
Von Kulturen europäischer Heilpflanzen seien nur einige erwähnt. (Im
übrigen verweise ich auf die Tabellen weiter hinten.)
Die Kultur der _Lactuca virosa_ zur _Lactucarium_gewinnung im
Moselgebiet wurde besonders durch den Apotheker ~Alois Goeris~ in Zell
an der Mosel 1847 in Gang gebracht.
[Illustration: Fig. 16.
Junge Plantage von _Myroxylon Pereirae_ im Kultur-Tuin in Tjikeumeu bei
Buitenzorg (Java).
[+Tschirch+ phot.]]
_Mohn_kulturen zwecks _Opium_gewinnung fanden sich 1828–1830 bei
Erfurt, 1860 bei Bern, 1870 in Süddeutschland und Schlesien; noch in
der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. bei Clermont Ferrand (Frankreich).
_Mohn_, zum Teil zur _Opium_gewinnung, wird übrigens auch seit 1788 in
den Vereinigten Staaten östlich vom Mississippi gebaut.
[Illustration: Fig. 17.
_Mannaeschen_-Hain bei Castelbuono (Sizilien). [+Benedicenti+ phot.]]
[Illustration: Fig. 18.
Kinatuin (Chinaplantage) von _Cinchona Succirubra_ in Lembang (Java).
[Aus Verslag der Gouvernements Kina-Onderneming Java.]]
[Illustration: Fig. 19.
_Cocospalmen_-Hain, Java. [+Tschirch+ phot.]]
Im allgemeinen besteht ein =Vorurteil gegen kultivierte
Arzneipflanzen=. Dasselbe gründet sich darauf, daß in einer Anzahl
von Fällen kultivierte _Digitalis purpurea_, _Aconitum Napellus_,
_Artemisia Absinthium_, _Atropa Belladonna_, _Hyoscyamus niger_ und
_Datura Stramonium_ bisweilen eine geringe Verminderung ihres Alkaloid-
bezw. Glukosidgehaltes gegenüber den wildwachsenden Pflanzen zeigten.
(Trotzdem verlangt übrigens Pharm. nederl. ausdrücklich kultivierte
_Atropa_, _Digitalis_, _Conium_, _Hyoscyamus_.)
Das kommt nun aber nicht daher, daß die Kultur überhaupt den
Alkaloidgehalt vermindert. Die _Cinchonen_ sind ja ein flagrantes
Beispiel dafür, daß man durch Kultur sogar den Alkaloidgehalt erhöhen
kann -- sondern daher, daß die obengenannten Arzneipflanzen in
+ungeeigneter+ Weise kultiviert wurden. Wenn man eine Schattenpflanze
in der Sonne, eine Sonnenpflanze im Schatten, eine an Sandboden
akkomodierte Pflanze in fetten Böden mit starker Düngung, eine an
nährstoffreiche Böden angepaßte in armen Böden kultiviert, so wird
die natürliche Folge die sein, daß sich ihre Bestandteile ändern. Es
kommt also nur darauf an, die Arzneipflanzen in geeigneten Böden und
unter dem natürlichen Standorte nahekommenden Beschattungsverhältnissen
anzubauen und man wird nicht nur gleichwertige, sondern unter
Umständen sogar höherwertige Produkte erzielen. Nicht die Kultur
an sich beeinflußt also den Gehalt der Arzneipflanzen an wirksamen
Bestandteilen ungünstig, sondern die +ungeeignete+ Kultur. Alle
Erfahrungen sprechen dafür, daß dies richtig ist. Die _Cinchonen_ sind
schon oben erwähnt. Auch alle unsere Nutzpflanzen, die _Obstsorten_,
der _Wein_, das _Getreide_, die _Feige_ sind gegenüber den wilden
Mutterpflanzen wertvoller geworden und haben erst durch die Kultur
ihre Bedeutung für uns erlangt. Die _Dattelpalme_ ist zum Fruchtbaum
erst durch die Veredelung geworden, die ihr in ihrer Heimat, den
Ebenen des Euphrat und Tigris zuteil geworden ist; von hier aus hat
sich der Baum dann nach Palästina, Phönizien und Afrika, besonders
Ägypten und Kyrene weiter verbreitet. Fortdauernd vollziehen noch
heute die Gärtner die «Veredelung» durch Auslese und geeignete Kultur.
Warum in aller Welt sollen allein die Arzneipflanzen von dem Gesetze,
daß Kultur veredeln kann, eine Ausnahme bilden? Es kommt also nur
darauf an, die Verhältnisse bei jeder Pflanze genau zu studieren
und die Kulturen richtig zu leiten. Das kann aber nur geschehen,
wenn wir, von physiologischen Gesichtspunkten ausgehend und mit
physiologischen Methoden arbeitend, nicht nur die Ernährungsbedingungen
der Arzneipflanzen, die zu einem kräftigen Wachstum führen, sondern
auch den Stoffwechsel innerhalb der Pflanze und die Bedingungen, unter
denen Alkaloide, Glukoside und andere für die Arzneiwirkung wertvolle
Substanzen in vermehrter Menge entstehen, kennen lernen. Gerade in
diesen physiologischen Studien liegt eine der Hauptaufgaben der
künftigen Arzneipflanzenkunde (vgl. S. 7). Einige Anfänge sind schon
gemacht (vgl. meinen Artikel «Arzneipflanzen» in der Realenzyklopädie
der gesamten Pharmazie und das Kapitel Pharmakophysiologie).
[Illustration: Fig. 20.
Am Rande einer Muskatnussplantage (Perk). Rechts zwei Muskatnussbäume
(Java).
[+Tschirch+ phot.]]
Wenn wir die Bedeutung der einzelnen Stoffe für die Pflanze selbst
erkannt haben, so werden wir auch Mittel und Wege finden, hier hemmend,
dort fördernd einzutreten und durch geeignete Kultur die Stoffe, auf
die wir namentlich Wert legen, in größerer Menge zu erzielen. Auf rein
empirischem Wege ist man hier schon zu einigen Resultaten gelangt.
Man hat durch Schälen bei den _Cinchonen_ eine alkaloidreichere Rinde
(renewed bark), bei der _Korkeiche_ einen besseren _Kork_ erzielt.
Auch das Studium der einzelnen Bestandteile zueinander führte schon
zu einigen Resultaten. Wir wissen beispielsweise, daß zwischen dem
Stärkegehalte und dem Gehalte an mydriatischen Alkaloiden bei der
_Belladonnawurzel_, zwischen dem Gehalte an Stärke und dem an Harz bei
dem _Galgantrhizom_ Beziehungen bestehen.
Wir wissen, daß der Boden von großem Einfluß für die Bildung gewisser
Stoffe ist, daß z. B. trockener Boden die Bildung ätherischer Öle
und Schleimstoffe begünstigt. Auf trockenem Boden erzogene _Althaea_
ist schleimreicher als auf feuchtem gewachsene, auf trockenem
Boden gebauter _Baldrian_ ist ölreicher und kein Boden erzeugt so
aromatischen _Ceylonzimt_ wie der trockene weiße Quarzsand der Cinnamon
Gardens an der Küste Ceylons. «Bei _Taraxacum_ zeigt die Wurzel in
chemischer Hinsicht große Unterschiede, je nach ihrem Standorte und der
Jahreszeit» (+Grundlagen+).
[Illustration: Fig. 21.
Plantage von _Cinchona Ledgeriana_, davor eine Pepinière von _Cinchona
Succirubra_ in Lembang (Java). [+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Fig. 22.
Tabakpflanzung in Sumatra. [Abbild. im Kew Museum]]
Das sind Verhältnisse, die in das Kapitel Pharmakophysiologie gehören
und die von physiologischen Gesichtspunkten betrachtet werden müssen.
Der Fall, daß Arzneipflanzen in der Kultur -- aber einer Kultur
jedenfalls am unrechten Orte -- degenerieren, kommt allerdings vor. Die
Rhizome der in Europa kultivierten _Rheum officinale_ und _palmatum_
z. B. gleichen nicht mehr dem echten _Rhabarber_ und sind chemisch
minderwertig geworden. Daß aber ein _Rhabarber_, der bei uns in der
Ebene gebaut wird, degeneriert, ist leicht begreiflich, da er in den
Gebirgen von Szetchuan am besten zwischen 8000 und 12000´ gedeiht und
bis auf 14000´ steigt.
[Illustration: Fig. 23.
Balsamal in San Salvador. Kultivierte (und wilde) Pflanzen von
_Myroxylon Pereirae_.
[Nach +Preuss+.]]
Der günstige Einfluß einer richtigen und der ungünstige einer falschen
Kultur wird vortrefflich durch das Beispiel der _Chinarinden_
illustriert. Während die von wildwachsenden Pflanzen gesammelten
_Chinarinden_ Südamerikas c. 2% Alkaloid enthalten, bringen es
die einer geregelten Kultur entstammenden Rinden Javas auf 10–16%
Alkaloid; die in europäischen Gewächshäusern -- also unter ungünstigen
Bedingungen erzeugten -- Rinden enthalten dagegen gar kein Chinin (~A.
Vogel~, 1886).
Daß Klima und Standort von Einfluß sind, zeigt auch die Beobachtung
~Rochleders~, daß der in Schottland wachsende _Schierling_ nicht
giftig ist (war der untersuchte aber auch wirklich echter _Schierling_
oder nicht vielmehr eine physiologische Varietät?) -- zeigten die
ersten verunglückten Kulturversuche der _Cinchonen_ in Java. Jetzt
wissen wir, daß man _Cocos_ und _Cacao_ nicht in den Bergen, _Tee_,
_Kaffee_ und _Cinchonen_ nicht im tropischen Tiefland kultivieren
darf. Bevor man heutzutage eine Kultur in Angriff nimmt, werden nicht
nur die klimatischen Bedingungen (Meereshöhe, Regenmenge, mittlere
Jahrestemperatur) der alten Heimat der Arzneipflanze, sondern auch die
der neuen aufs sorgfältigste studiert. Bisweilen ist der Erfolg, d. h.
die Erzielung vollwertiger Droge, von scheinbar ganz nebensächlichen
Dingen bedingt, wie Anpflanzung an Südhängen, Schutz gegen Wind u. a. m.
Daß vernünftige Kultur den Gehalt der Indigopflanze an Indican
bedeutend zu steigern vermag, zeigten neuere Versuche in Indien und
die in Shenandoah Valley (Virginia) unter vernünftigen Bedingungen
kultivierte _Belladonna_ lieferte Blätter mit 0,32–0,68% Alkaloid
(~Reppetoe~), also vollwertige Droge.
Auch für das «Harzen» der Coniferen gilt das gleiche: Nur
unvernünftiges und irrationelles Harzen schädigt den Baum.
[Illustration: Fig. 24.
Terassiertes Reisfeld (Savah) in Mitteljava.
[+Tschirch+ phot.]]
Natürlich sind +die chemischen und physikalischen Eigenschaften des
Bodens+, Drainage oder Wasserzufuhr von größter Wichtigkeit für das
Gelingen der Kultur der Arzneipflanzen. Für jede Pflanze müssen die
Bedingungen ihrer Kultur besonders ermittelt werden. Hier können die
Großkulturen in den Tropen als mustergültige Vorbilder betrachtet
werden, bei denen diese Bedingungen oft bis ins kleinste ermittelt
wurden.
Der erste, der den Einfluß verschiedener Bodenarten auf die Entwicklung
der Arzneipflanzen studierte, war der erste Direktor des botanischen
Gartens in Montpellier, ~P. R. de Belleval~ (1593).
~Gordon~ machte Kulturversuche mit _Belladonna_, _Hyoscyamus_ und
_Carthamus_ auf verschiedenen Böden (Am. Journ. pharm. 1900).
Den Einfluß der Kalidüngung studierten ~Felber~ und ~Walta~ (Die
Kalidüngung in den Tropen und Subtropen, Halle 1907); die
Elektrokultur ~Lemström~ (Elektrokultur, Erhöhung der Ernteerträge
aller Kulturpflanzen durch elektrische Behandlung, übers. v. ~O.
Pringsheim~, Berlin 1902).
[Illustration: Fig. 25.
_Musa paradisiaca_ (Pisang, Banane) in Plantagenkultur auf Java.
[+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Fig. 26.
Links: _Indigofera_-, rechts: _Lemongras_-Kultur. Im Hintergrunde ein
Dorfwäldchen mit _Mango_, _Areca Catechu_, _Musa_ u. a.
[+Tschirch+ phot.]]
Neuerdings (1905) wurde von ~A. Poehl~ mitgeteilt, daß ein Radiumgehalt
des Bodens die Arzneipflanzenkultur günstig beeinflußt (?).
Besonders wichtig ist für die Kultivateure die ertragreichste und das
beste Produkt liefernde Art zu finden. So hat man _Coffea arabica_
vielfach durch die fruchtreiche, großfrüchtige und kräftigere _Coffea
liberica_, die kleinblätterige _Thea sinensis_ durch die großblätterige
_Thea assamica_ ersetzt und statt _Theobroma Cacao_ wird jetzt vielfach
(z. B. in Ecuador) _Theobroma bicolor_, die fettreichere Samen
liefert, kultiviert. (Über physiologische Varietäten vgl. das Kapitel
Pharmakophysiologie.)
[Illustration: Fig. 27.
_Citrus_-Kulturen am Gardasee.
Liefern jährlich c. 15 Millionen _Citronen_.]
Daß die Besitzer einträglicher Kulturen den Wunsch hegen, sich ein
Monopol für dieselben zu sichern, ist natürlich. Heutzutage ist dies
aber kaum mehr möglich, da Samen aller Gewächse jetzt erhältlich
sind. Früher ist der Versuch aber öfter gemacht worden und die 1602
gestiftete holländisch-ostindische Kompagnie hat bekanntlich durch
künstliche Einschränkung der Muskatnuß- und Nelkenkultur auf wenige
Inseln, Einführung einer +Zwangskultur+ und strenge Überwachung der
Kulturen durch die Hongitogten (Hongifahrten) viele Jahre sich das
Monopol gesichert. Das Monopol erlosch ganz erst 1873.
Die _Nelke_ wurde auf Amboina beschränkt und auf Ternate, Loho und
Cambello ausgerottet, die _Muskatnuß_ wurde auf Banda und Amboina
beschränkt und auf Kelang und Nila (südlich von Ceram) ausgerottet.
Die holländisch-ostindische Kompagnie handhabte auch das Zimtmonopol
mit großer Strenge und eine künstliche Einschränkung der Kulturen
ordnete auch zur Zeit der Herrschaft der englisch-ostindischen
Kompagnie der englische Gouverneur ~North~ 1802 bei den Cinnamon
Gardens auf Ceylon an.
Die in Rußland noch heute bisweilen an einzelne Unternehmer erteilten
Handelskonzessionen für gewisse Drogen machen die Konzessionäre zu
Monopolisten. So besitzt z. B. eine Kapitalistengruppe das alleinige
Ausbeutungsrecht für _Flor. Cinae_ in Turkestan.
Die Phönizier hatten lange Zeit den Handel mit Farbdrogen (_Purpur_,
_Safran_, _Granatblüten_) monopolisiert und ebenso Kreta zur Zeit der
Römer die Kultur und den Handel mit Arzneikräutern.
Die Kulturen der _Mastix-Pistacie_, die schon im Altertum bestanden und
vom XIII.–XVII. Jahrh. von genuesischen Kaufleuten ausgebeutet wurden,
waren später türkisches Staatsmonopol.
Die _Krapp_kulturen bei Braunschweig und Speyer waren im XIV. Jahrh.
durch strenge Gesetze eingeschränkt, um sie ertragreich zu erhalten.
In Java bestand ehedem (seit 1850) =Zwangskultur= für _Kaffee_,
_Zucker_, _Indigo_, _Pfeffer_, _Tee_, _Tabak_, _Zimt_ und _Cochenille_.
Dieselbe war aber für die meisten schon 1865 eingegangen, für _Zucker_
erlosch sie 1890 (~Greshoff~).
[Illustration: Fig. 28.
_Citronen_-Kultur am Gardasee in Limone.
[Nach O. +Zieher+.]]
[Illustration: Tafel I
Kaffeeplantage (ohne Schattenbäume) in +Ceylon+ mit Pulping Mill und
(rechts oben) Assistentenwohnung.]
[Illustration: Tafel II
Teeplantagen im Hochlande von Ceylon (ohne Schattenbäume).]
[Illustration: Tafel III
Die großen Kulturen von _Rosa_, _Mentha_ usw. bei Miltitz (Leipzig).
Inmitten der Felder die Fabrik ätherischer Öle von Schimmel & Co.]
[Illustration: Fig. 29.
_Tee_-Plantage in Ceylon. Eine Singhalesin beim Pflücken. [+Tschirch+
phot.]]
[Illustration: Fig. 30.
Junge _Ceylonzimt_-Plantage in Cinnamon gardens bei Colombo auf Ceylon.
[+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Fig. 31.
Die großen _Citrus_kulturen im Redlands-Tal in Kalifornien am Fuße des
San Bernardino-Gebirges. [Aus d. +Prometheus+.]]
[Illustration: Fig. 32.
Typische Dorfwäldchen, d. h. Baum- und Strauchvegetation aus allen
möglichen Nutzpflanzen gemischt.
Rechts _Cocos_hain. (Buitenzorg Java.) [+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Tafel IV
_Saccharum_, _Eriodendron_, _Cocos_, _Musa_, _Coffea_. Dorfwäldchen in
Ceylon.
Der Singhalese hält Bananen (Pisangs) feil.]
[Illustration: Fig. 33.
Jenalöbnitz b. Jena, der Typus der Kleinkultur.
Im Hintergrunde der Gleissberg (Mönchsberg), an dessen Hängen sich
vornehmlich die Arzneipflanzenkulturen befinden -- meist nur wenige
qm für jede Art. Auf dem Gipfel wird Seifenwurzel gebaut. [+Tunmann+
phot.]]
[Illustration: Fig. 34.
_Tamarinde_ in Alleekultur in Batavia. [+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Tafel V
Korkeichen in Alleekultur bei Bayonne (Frankreich).
[+Oesterle+ phot.]]
[Illustration: Tafel VI
_Cinchona Succirubra_ in Alleekultur.
Die Arbeiter sind im Begriff die Rinde in langen Streifen vom Baume
zu lösen -- behufs Erzeugung von Renewed bark. Rechts Bäume mit den
stehengebliebenen Rindenstreifen.]
[Illustration: Fig. 35.
_Dammara alba_ in Alleekultur bei Batu-Tulis auf Java. [+Tschirch+
phot.]]
[Illustration: Fig. 36.
Plantage von _Liberia-Kaffee_ mit _Albizia moluccana_ als
Schattenpflanze. [+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Fig. 37.
_Kaffee_pflanzung mit Urwaldbäumen und Bananen als Schattenpflanzen in
Nicaragua. [Aus +Preuß+, Zentral- und Südamerika.]]
[Illustration: Fig. 38.
Junge _Guttapercha_plantage (_Payena Leerii_) auf Java mit _Albizzia
moluccana_ als Schattenpflanze.
[+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Fig. 39.
Die erste _Guttapercha_plantage auf Java von _Palaquium Gutta_ ohne
Schattenbäume, Kulturtuin in Tjikeumeu.
[+Tschirch+ phot.]]
[Illustration: Tafel VII
+Tabakkultur in Portorico+
unter über mehrere Hektare große Flächen straffgespannten leichten
Stoffen. Dies neue Verfahren gibt Schatten, schützt gegen Insektenfraß
und erzeugt eine gleichmäßig hohe Temperatur und hohe Feuchtigkeit.]
Ich habe auf Grund der Erfahrungen, die ich 1888–1891 sowohl in Indien
wie bei Reisen in die Gebiete der Arzneipflanzenkultur in Europa
sammelte, vier =Typen von Arzneipflanzenkulturen= aufgestellt:
1. +die Plantagen- oder Feldkultur+, Kultur im Großen,
2. +die Kampong- oder Gartenkultur+, Kultur im Kleinen,
3. +die Alleekultur+,
4. +die Mischkultur.+
1. Die +Plantagen+- oder +Feldkultur+ ist die Kultur im Großen. Bei
ihr werden größere Areale mit der betreffenden Pflanze bestellt. In
Plantagenkultur befinden sich auf +Java+ und +Ceylon+ z. B.: _China_
(Fig. 12, 13, 18, 21), _Kaffee_ (Taf. I), _Cacao_, _Tee_ (Taf. II),
_Banane_ (_Pisang_, Fig. 25), _Reis_ (Fig. 24) und die _Kautschuk_-
und _Guttapercha_-Pflanzen (Fig. 14), auf Sumatra: _Tabak_ (Fig. 22),
auf Ceylon: der _Ceylonzimt_ (Fig. 30), bei Mitcham: die _Pfefferminze_,
in Deutschland, bei Cölleda z. B.: _Angelica_, _Mentha_, _Alant_,
in Miltitz bei Leipzig: _Rosa_ (s. Taf. III), bei Nürnberg und
Schweinfurt: _Althaea_ und andere _Malvaceen_, in Rußland: _Anis_, in
Holland: _Kümmel_, in England: _Rhabarber_, in Grasse (Fig. 11): die
Pflanzen mit ätherischem Öl, in Frankreich: die _Seestrandfichte_ (zur
Terpentingewinnung), in Österreich: _Pinus Laricio_ (Fig. 15), in der
Schweiz: _Absinth_.