Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein
„Sparren“, mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens,
die Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und +selbst die
Blutschande ist nichts anderes.+ „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl,
diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend
in der Tugend grau gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für +Stirner+
ebenfalls ein Nichts. „Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden,
wenn Ich mir’s selbst nicht verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor
dem Morde als vor einem ‚Unrecht‘ fürchte.“
Schon +H. Ströbel+ hat hervorgehoben, dass +Stirner’s+ Theorie des
Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen
+Holbach+, +La Mettrie+ und +Helvetius+ erinnere.[686] Wir können uns
dem Gedanken nicht verschliessen, dass +Stirner+ auch die Schriften des
Marquis +de Sade+ gekannt hat. Denn weder +Holbach+ noch +La Mettrie+
und +Helvetius+ verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt
+sadische+ Gedanken.