5. Der Sadismus in der Litteratur.

Der Marquis +de Sade+ hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden.

Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche

einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis +de Sade+ deutlich

erkennen lassen.

Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der

+Sade+’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach +Gay+

„denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der

Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. +Toulotte+ verfasste Roman „Le

Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat

réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12^o). Das

Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist

sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch

Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]

Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen

sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de

la vertu“ (2 Bände in 8^o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug

aus der Vorrede des Marquis +de Sade+ aus dessen echter „Justine“.

Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte

ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr

untergeordneten Autor, dem Vielschreiber +Raban+ verfasst und von einem

Verleger +Bordeaux+ (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch

wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit

schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000

Francs Geldstrafe verurteilt.[662]

Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der +Sade+’schen Romane direkt

gefährlich geworden zu sein scheint, ist +Jacques Baron Révérony de

Saint-Cyr+, wohl der +erste+ sadistische Autor. Er wurde im Jahre

1767 geboren, wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer

Schriftsteller, Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen

Werken und Romanen. Er starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn

haben die Werke +Sade’s+ offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in

seinem Roman „Pauliska ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une

Polonaise“, Lemierre et chez Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12^o mit

2 Bildern in der Art von +Chaillu+) schildert er ähnliche grausame

Akte aus Wollust wie der Marquis +de Sade+, hinter dem er aber weit

zurückbleibt.[664] Nach +Cohen+ enthalten auch die übrigen Romane

dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de l’imagination“

Paris 1797-1798 (2 Bde. in 12^o) und „La Torrent des passions, ou

les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.) Schilderungen und

Doctrine im Genre des Marquis +de Sade+[665].

„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis +de Sade+

in seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von +Borel+ (P. +Borel+,

Le Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, +Capo de

Feuillade+ schrieb, dass die „Lelia“ der +George Sand+ ihm ähnliche

Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis +de Sade+.

+Proudhon+ nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige

Tochter des Marquis +de Sade+.[667] Wie wir sahen, hat übrigens

Proudhon selbst über den Diebstahl ähnliche Ansichten wie +Sade+

entwickelt.

Der französische Sozialist +Fourier+ entwickelt eine sadistische

Theorie der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig

besitzen: einen époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur,

von dem sie ein Kind hat; einen favori, ausserdem noch beliebig

viele amants, die gesetzlich keine besonderen Rechte haben. Gegen

Uebervölkerung wird diese harmonische Welt durch vier organische Mittel

geschützt: la régime gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice

intégral, und -- les mœurs phanérogames![668]

Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten

und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum

genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf +Nordau’s+

„Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.

+Baudelaire+ ist nach +Bourget+ „ein Wollüstling; und Vorstellungen,

+die bis zum Sadismus verderbt+ sind, erregen denselben Mann, der den

erhobenen Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten

der gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die

kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse

der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten

seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger

Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) +Baudelaire+ besingt

die „geheimnisvolle Wut“ der Wollust:

Quelquefois pour apaiser

Ta rage mystérieuse,

Tu prodigues, serieuse,

La morsure et le baiser.[670]

„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von +Barbey d’Aurévilly+ sind eine

Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in

der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel

anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass

sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.

Echt sadistische Typen schildert +Paulhan+ in seinem Buche „Le nouveau

mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57-99).

Ein reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen

fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine

Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch

geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst

wenn ich reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den

Anblick körperlicher Leiden. +Paulhan+ meint sogar, dass „im Geiste

eines Menschen unserer eigenen Zeit +eine gewisse Freude daran erwacht,

die Ordnung der Natur zu stören, die früher+ nicht mit solcher Stärke

aufgetreten zu sein scheint“.[671]

Aehnliche Theorien werden in +Joseph Péladan’s+ „Vice suprême“, dem

„äussersten Laster“ entwickelt.

Die von +Sade+ so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei

dem Decadenten +Maurice Barrès+. Er lässt seine „kleine Prinzessin“

erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein

war, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in

warmen Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir

Lustschauer über den ganzen Körper“, und ähnlich wie +Sade+ seine

Helden an Personen mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge

und Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch +Barrès+ von diesen

Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als

Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde,

sie zu lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen

hatte.“[672]

J. K. +Huysmans+ rollt in seinem Roman „à rebours“ das

Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf.

Dem Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa

sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine

schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes

schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café

und lässt ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein

Freudenhaus, wo seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert.

Während der Knabe von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt

die Wirtin des Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr

zu führen. Der Decadent antwortet: „+Ich suche einfach einen Mörder

anzufertigen+. Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und

gewöhne ihn an Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später

wird er stehlen, um zu Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch

morden. Dann wird mein Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit

den Worten: „So, nun gehe. Thu den Anderen, was du nicht willst, dass

sie dir thun. Mit diesem Grundsatz kommst du weit.“

In +Huysmans’+ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte

von +Gilles de Rays+, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten

Jahrhunderts, auf den nach +Nordau Moreau de Tours’+ Werk über die

Geschlechtsverirrungen die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf

dem Sondergebiete der Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker

aufmerksam gemacht hat, und dies giebt +Huysmans+ Gelegenheit, mit

Schweinebehagen im schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]

Auf einen typischen sadistischen Dichter, der +Nordau+ anscheinend

entgangen ist, hat +Alcide Bonneau+ aufmerksam gemacht. Es ist dies

+Emile Chevé+, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“

veröffentlichte, in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende

Verherrlichung des Marquis +de Sade+ und des Sadismus darstellt. Wir

zitieren einige der charakteristischsten Verse aus dem sehr langen

Gedichte:[674]

Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang;

Il aime à le verser dans des luttes sauvages;

Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant

Des clairons précurseurs du meutre et des ravages.

Partout où le sang coule, où plane la terreur,

Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse,

Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur;

La brise des charniers nous flatte et nous caresse.

L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs,

Le drame palpitant des angoisses secrètes,

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Un attrait monstrueux, un prurit sensuel,

Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

+Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan,

Qui mariant le sang, la fange et le blasphème,

D’un Olympe de boue effroyable Titan,

Dans la férocité mit le plaisir suprême!+

+Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir

Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme;

Nul ne pourra jamais après toi réunir,

En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.+

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons

Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale.

Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers,

Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches!

Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers,

Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches.

+Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!+

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours

Utopistes niais dont la sensiblerie,

Rêve un monde baigné d’éternelles amours,

Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie,

Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux,

Vierge dont le front pur a des reflets d’opale,

Petit enfant rieur jouant sur nos genoux,

Tout être humain en lui renferme un cannibale.

+Paul Bourget+ lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude

Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir

diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und

zart zugleich, den wallenden Busen, die schlanken Hüften, ganz nackt,

und mich mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese

Glieder mit Blut besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls

erzitterten, -- und +ihren Schmerz+... Nein, das werde ich nie thun,

weil bei mir, dem Kulturmenschen in der Periode des Niederganges, die

Handlung nie die Schwester der Begierde sein kann.... Himmel! wie oft

habe ich mir das schon geträumt, und nichts schafft mir Linderung als

dieser Traum.“[675]

Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani

ou deux nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren

gedruckt wurde, und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren

nachgedruckt ward. Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze

des Schriftstellers +Paul Lindau+, der es A. +Moll+ zur Durchsicht

liess. Dieser teilt mit, das in dem Nachdruck der Autor als A. D. M.

bezeichnet wird. Es soll +Alfred de Musset+ sein, und „man glaubt,

dass +Musset+ sich als der ehemalige Geliebte der +George Sand+ an

dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der Heldin Gamiani

eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.[676] Wir

sahen schon oben, dass +Capo de Feuillade+ ebenfalls die +George Sand+

sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die

Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem

Vorbilde von +Apulejus’+ „goldnem Esel“.[677]

Auch die +deutsche+ Litteratur weist einige sadistische Specimina

auf. So hat +Heinrich von Kleist+ in seiner „Penthesilea“ ein von

rasender Liebeswut ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich

ihren geliebten Achilles mit einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden

zerreissen lässt, und

Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend,

Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:

Penthesilea! meine Braut! was thust du?

Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?

Doch sie --

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,

Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,

Sie und die Hunde, die wetteifernden,

Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,

In seine linke sie; als ich erschien,

Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]

Ein deutscher Roman, in dem der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt

wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das

berüchtigte Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald

Chesterfield (Altona 1862 kl. 8^o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest,

Jac. Casanova). Es soll dies eine Autobiographie der berühmten

Sängerin +Wilhelmine Schröder-Devrient+ (1804-1860) sein. Der Roman

schildert in Briefen an einen Arzt die Fortschritte, welche die

Sängerin in der Ars amandi macht. Die „Justine“ des Marquis +de Sade+

hat besonders den zweiten Band des Werkes beeinflusst, aus dem wir

daher das in dieser Richtung Wichtigste mitteilen. In Budapest lernt

die +Schröder-Devrient+ eine gewisse Anna kennen, eine Demimondaine

und genaue Kennerin der seit langer Zeit berüchtigten Corruption in

der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach ihrer Ansicht über

die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe, von der sie

aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr darauf den

Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies bereitet

der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa

wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen,

bei der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so

ausschliesslich reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten

und die Männer noch viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in

Dienst und präpariert sie im Kaiserbade für den amor lesbicus. Der

Gedanke an die künstliche Defloration von Rosa bereitet ihr schon

im voraus eine unendliche Wonne, und am selben Abend vollzieht sie

diesen Akt in Gesellschaft ihrer Freundinnen Anna und Nina mit einem

„doppelten“ künstlichen Phallus, während Anna nach der Operation

„das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr besuchen sie die berühmtesten

Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus der Resi Luft feiern sie mit

Damen und Herren der vornehmen Budapester Gesellschaft eine grosse

Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber sonst nackt erscheinen,

und deren Einzelheiten zum grossen Teil der „Justine“ des Marquis

+de Sade+ entnommen werden. Die +Schröder-Devrient+ lernt hier einen

gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue defloriert, und die

Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer Räuberbande im

Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“ spielt. Die

+Schröder-Devrient+ kommt darauf in Begleitung von Rosa nach Florenz,

wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn, kennen

lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und

sie in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine

Kirche führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen,

Knaben und verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper

der beiden Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild

der „Juliette“ deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese

Memoiren zum Teil auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen

aus Paris und London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders

die Laufbahn einer gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und

zahlreicher sadistischer Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie

mit dem Sänger Sarolta nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt.

Sie besucht eine Frau Meredyth, eine reiche Lebedame, die sie mit

allen öffentlichen und geheimen Freuden Londons bekannt macht, sie

nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly Saloon, ins Holborn Casino,

in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie als Prostituierte in den

Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin die verlockendsten

Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer geliebten

Rosa treu. Hier endet die Erzählung. -- Der Einfluss +Sade’s+ ist

unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des

Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei

+Sade+ kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs.

Meredyth eine Gesellschaft von Frauen +drei Tage lang+ nackt auf! Und

das im englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten

Bande (S. 177) spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn

von H...“, von dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a.

als von „wahrem Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes

Buch auszunehmen scheint.

In +Sacher-Masoch’s+ „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber

neben Narda stellt +Sacher-Masoch+ eine Afrikanerin, die dieselbe noch

an Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz

geschnitzt, berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen

Leibes, in dem grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen

Funkeln ihrer wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen

Menschen getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! --

Lass mich sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll.

Mein Herz verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]

+Eulenburg+ zitiert den modernen Dichter +Detlev von Liliencron+, der

„die im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische

Entladung“ in folgenden Versen schildert:

Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,

Feuer und Flammen entlodern der Haft,

Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,

Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]

Auch in +Kretzers+ Roman „Drei Weiber“, in +Karl Bleibtreu’s+ Novellen

„Schlechte Gesellschaft“, in M. G. +Conrad’s+ „Die klugen Jungfrauen“

werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im

modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman

die „Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande,

Ehebruch studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche

Erziehung, überreizte Nerven zurückgeführt und -- verteidigt.“[682]

Dass einzelne Doctrinen des Marquis +de Sade+ sich bei neueren

deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B.

bei +Stirner+ und +Nietzsche+, ist ja bekannt.

Von +Nietzsche+, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur

die folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: +Wink+. -- Aus alten

florentinischen Novellen, +überdies+ -- +aus dem Leben+. buona femmina

e mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: +Ueber allen

Gesetzen+ -- Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von

Gut und Böse.[684] Auf +Nietzsche’s+ allmählich schon zum Ueberdruss

werdende „Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher

einzugehen, halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten

der übrigen „Bildungsphilister“.

Ein noch grösserer Sophist als der Marquis +de Sade+ und +Nietzsche+

ist +Max Stirner+, der leider die dialektische Methode für seine

geistigen Salti morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das

+Ich+ auf eine geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets

gross, um seine Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken.

„Ob, was Ich denke und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es

menschlich, liberal, human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was

frag’ Ich danach? Wenn es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich

darin befriedige, dann belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt

Mir gleich.“ -- „Es giebt keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus!

-- Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein

Mensch, der ein Sünder wäre!“ -- „+Eigner+ bin Ich Meiner Gewalt, und

Ich bin es dann, wenn Ich Mich als +Einzigen+ weiss. Im +Einzigen+

kehrt selbst der Eigene in sein schöpferisches Nichts zurück, aus

welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei

es der Mensch, schwächt das Gefühl Meiner Einzigkeit und erbleicht erst

vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen,

meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen

Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 95 / 180 题