Der Marquis +de Sade+ hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden.
Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche
einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis +de Sade+ deutlich
erkennen lassen.
Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der
+Sade+’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach +Gay+
„denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der
Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. +Toulotte+ verfasste Roman „Le
Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat
réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12^o). Das
Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist
sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch
Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen
sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de
la vertu“ (2 Bände in 8^o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug
aus der Vorrede des Marquis +de Sade+ aus dessen echter „Justine“.
Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte
ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr
untergeordneten Autor, dem Vielschreiber +Raban+ verfasst und von einem
Verleger +Bordeaux+ (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch
wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit
schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000
Francs Geldstrafe verurteilt.[662]
Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der +Sade+’schen Romane direkt
gefährlich geworden zu sein scheint, ist +Jacques Baron Révérony de
Saint-Cyr+, wohl der +erste+ sadistische Autor. Er wurde im Jahre
1767 geboren, wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer
Schriftsteller, Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen
Werken und Romanen. Er starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn
haben die Werke +Sade’s+ offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in
seinem Roman „Pauliska ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une
Polonaise“, Lemierre et chez Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12^o mit
2 Bildern in der Art von +Chaillu+) schildert er ähnliche grausame
Akte aus Wollust wie der Marquis +de Sade+, hinter dem er aber weit
zurückbleibt.[664] Nach +Cohen+ enthalten auch die übrigen Romane
dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de l’imagination“
Paris 1797-1798 (2 Bde. in 12^o) und „La Torrent des passions, ou
les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.) Schilderungen und
Doctrine im Genre des Marquis +de Sade+[665].
„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis +de Sade+
in seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von +Borel+ (P. +Borel+,
Le Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, +Capo de
Feuillade+ schrieb, dass die „Lelia“ der +George Sand+ ihm ähnliche
Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis +de Sade+.
+Proudhon+ nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige
Tochter des Marquis +de Sade+.[667] Wie wir sahen, hat übrigens
Proudhon selbst über den Diebstahl ähnliche Ansichten wie +Sade+
entwickelt.
Der französische Sozialist +Fourier+ entwickelt eine sadistische
Theorie der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig
besitzen: einen époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur,
von dem sie ein Kind hat; einen favori, ausserdem noch beliebig
viele amants, die gesetzlich keine besonderen Rechte haben. Gegen
Uebervölkerung wird diese harmonische Welt durch vier organische Mittel
geschützt: la régime gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice
intégral, und -- les mœurs phanérogames![668]
Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten
und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum
genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf +Nordau’s+
„Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.
+Baudelaire+ ist nach +Bourget+ „ein Wollüstling; und Vorstellungen,
+die bis zum Sadismus verderbt+ sind, erregen denselben Mann, der den
erhobenen Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten
der gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die
kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse
der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten
seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger
Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) +Baudelaire+ besingt
die „geheimnisvolle Wut“ der Wollust:
Quelquefois pour apaiser
Ta rage mystérieuse,
Tu prodigues, serieuse,
La morsure et le baiser.[670]
„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von +Barbey d’Aurévilly+ sind eine
Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in
der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel
anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass
sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.
Echt sadistische Typen schildert +Paulhan+ in seinem Buche „Le nouveau
mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57-99).
Ein reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen
fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine
Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch
geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst
wenn ich reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den
Anblick körperlicher Leiden. +Paulhan+ meint sogar, dass „im Geiste
eines Menschen unserer eigenen Zeit +eine gewisse Freude daran erwacht,
die Ordnung der Natur zu stören, die früher+ nicht mit solcher Stärke
aufgetreten zu sein scheint“.[671]
Aehnliche Theorien werden in +Joseph Péladan’s+ „Vice suprême“, dem
„äussersten Laster“ entwickelt.
Die von +Sade+ so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei
dem Decadenten +Maurice Barrès+. Er lässt seine „kleine Prinzessin“
erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein
war, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in
warmen Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir
Lustschauer über den ganzen Körper“, und ähnlich wie +Sade+ seine
Helden an Personen mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge
und Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch +Barrès+ von diesen
Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als
Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde,
sie zu lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen
hatte.“[672]
J. K. +Huysmans+ rollt in seinem Roman „à rebours“ das
Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf.
Dem Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa
sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine
schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes
schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café
und lässt ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein
Freudenhaus, wo seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert.
Während der Knabe von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt
die Wirtin des Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr
zu führen. Der Decadent antwortet: „+Ich suche einfach einen Mörder
anzufertigen+. Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und
gewöhne ihn an Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später
wird er stehlen, um zu Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch
morden. Dann wird mein Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit
den Worten: „So, nun gehe. Thu den Anderen, was du nicht willst, dass
sie dir thun. Mit diesem Grundsatz kommst du weit.“
In +Huysmans’+ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte
von +Gilles de Rays+, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten
Jahrhunderts, auf den nach +Nordau Moreau de Tours’+ Werk über die
Geschlechtsverirrungen die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf
dem Sondergebiete der Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker
aufmerksam gemacht hat, und dies giebt +Huysmans+ Gelegenheit, mit
Schweinebehagen im schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]
Auf einen typischen sadistischen Dichter, der +Nordau+ anscheinend
entgangen ist, hat +Alcide Bonneau+ aufmerksam gemacht. Es ist dies
+Emile Chevé+, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“
veröffentlichte, in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende
Verherrlichung des Marquis +de Sade+ und des Sadismus darstellt. Wir
zitieren einige der charakteristischsten Verse aus dem sehr langen
Gedichte:[674]
Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang;
Il aime à le verser dans des luttes sauvages;
Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant
Des clairons précurseurs du meutre et des ravages.
Partout où le sang coule, où plane la terreur,
Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse,
Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur;
La brise des charniers nous flatte et nous caresse.
L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs,
Le drame palpitant des angoisses secrètes,
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Un attrait monstrueux, un prurit sensuel,
Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan,
Qui mariant le sang, la fange et le blasphème,
D’un Olympe de boue effroyable Titan,
Dans la férocité mit le plaisir suprême!+
+Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir
Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme;
Nul ne pourra jamais après toi réunir,
En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.+
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons
Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale.
Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers,
Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches!
Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers,
Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches.
+Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!+
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours
Utopistes niais dont la sensiblerie,
Rêve un monde baigné d’éternelles amours,
Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie,
Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux,
Vierge dont le front pur a des reflets d’opale,
Petit enfant rieur jouant sur nos genoux,
Tout être humain en lui renferme un cannibale.
+Paul Bourget+ lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude
Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir
diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und
zart zugleich, den wallenden Busen, die schlanken Hüften, ganz nackt,
und mich mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese
Glieder mit Blut besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls
erzitterten, -- und +ihren Schmerz+... Nein, das werde ich nie thun,
weil bei mir, dem Kulturmenschen in der Periode des Niederganges, die
Handlung nie die Schwester der Begierde sein kann.... Himmel! wie oft
habe ich mir das schon geträumt, und nichts schafft mir Linderung als
dieser Traum.“[675]
Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani
ou deux nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren
gedruckt wurde, und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren
nachgedruckt ward. Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze
des Schriftstellers +Paul Lindau+, der es A. +Moll+ zur Durchsicht
liess. Dieser teilt mit, das in dem Nachdruck der Autor als A. D. M.
bezeichnet wird. Es soll +Alfred de Musset+ sein, und „man glaubt,
dass +Musset+ sich als der ehemalige Geliebte der +George Sand+ an
dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der Heldin Gamiani
eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.[676] Wir
sahen schon oben, dass +Capo de Feuillade+ ebenfalls die +George Sand+
sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die
Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem
Vorbilde von +Apulejus’+ „goldnem Esel“.[677]
Auch die +deutsche+ Litteratur weist einige sadistische Specimina
auf. So hat +Heinrich von Kleist+ in seiner „Penthesilea“ ein von
rasender Liebeswut ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich
ihren geliebten Achilles mit einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden
zerreissen lässt, und
Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
Penthesilea! meine Braut! was thust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?
Doch sie --
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,
Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]
Ein deutscher Roman, in dem der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt
wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das
berüchtigte Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald
Chesterfield (Altona 1862 kl. 8^o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest,
Jac. Casanova). Es soll dies eine Autobiographie der berühmten
Sängerin +Wilhelmine Schröder-Devrient+ (1804-1860) sein. Der Roman
schildert in Briefen an einen Arzt die Fortschritte, welche die
Sängerin in der Ars amandi macht. Die „Justine“ des Marquis +de Sade+
hat besonders den zweiten Band des Werkes beeinflusst, aus dem wir
daher das in dieser Richtung Wichtigste mitteilen. In Budapest lernt
die +Schröder-Devrient+ eine gewisse Anna kennen, eine Demimondaine
und genaue Kennerin der seit langer Zeit berüchtigten Corruption in
der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach ihrer Ansicht über
die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe, von der sie
aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr darauf den
Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies bereitet
der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa
wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen,
bei der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so
ausschliesslich reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten
und die Männer noch viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in
Dienst und präpariert sie im Kaiserbade für den amor lesbicus. Der
Gedanke an die künstliche Defloration von Rosa bereitet ihr schon
im voraus eine unendliche Wonne, und am selben Abend vollzieht sie
diesen Akt in Gesellschaft ihrer Freundinnen Anna und Nina mit einem
„doppelten“ künstlichen Phallus, während Anna nach der Operation
„das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr besuchen sie die berühmtesten
Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus der Resi Luft feiern sie mit
Damen und Herren der vornehmen Budapester Gesellschaft eine grosse
Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber sonst nackt erscheinen,
und deren Einzelheiten zum grossen Teil der „Justine“ des Marquis
+de Sade+ entnommen werden. Die +Schröder-Devrient+ lernt hier einen
gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue defloriert, und die
Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer Räuberbande im
Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“ spielt. Die
+Schröder-Devrient+ kommt darauf in Begleitung von Rosa nach Florenz,
wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn, kennen
lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und
sie in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine
Kirche führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen,
Knaben und verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper
der beiden Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild
der „Juliette“ deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese
Memoiren zum Teil auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen
aus Paris und London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders
die Laufbahn einer gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und
zahlreicher sadistischer Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie
mit dem Sänger Sarolta nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt.
Sie besucht eine Frau Meredyth, eine reiche Lebedame, die sie mit
allen öffentlichen und geheimen Freuden Londons bekannt macht, sie
nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly Saloon, ins Holborn Casino,
in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie als Prostituierte in den
Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin die verlockendsten
Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer geliebten
Rosa treu. Hier endet die Erzählung. -- Der Einfluss +Sade’s+ ist
unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des
Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei
+Sade+ kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs.
Meredyth eine Gesellschaft von Frauen +drei Tage lang+ nackt auf! Und
das im englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten
Bande (S. 177) spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn
von H...“, von dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a.
als von „wahrem Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes
Buch auszunehmen scheint.
In +Sacher-Masoch’s+ „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber
neben Narda stellt +Sacher-Masoch+ eine Afrikanerin, die dieselbe noch
an Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz
geschnitzt, berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen
Leibes, in dem grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen
Funkeln ihrer wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen
Menschen getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! --
Lass mich sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll.
Mein Herz verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]
+Eulenburg+ zitiert den modernen Dichter +Detlev von Liliencron+, der
„die im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische
Entladung“ in folgenden Versen schildert:
Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,
Feuer und Flammen entlodern der Haft,
Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,
Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]
Auch in +Kretzers+ Roman „Drei Weiber“, in +Karl Bleibtreu’s+ Novellen
„Schlechte Gesellschaft“, in M. G. +Conrad’s+ „Die klugen Jungfrauen“
werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im
modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman
die „Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande,
Ehebruch studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche
Erziehung, überreizte Nerven zurückgeführt und -- verteidigt.“[682]
Dass einzelne Doctrinen des Marquis +de Sade+ sich bei neueren
deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B.
bei +Stirner+ und +Nietzsche+, ist ja bekannt.
Von +Nietzsche+, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur
die folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: +Wink+. -- Aus alten
florentinischen Novellen, +überdies+ -- +aus dem Leben+. buona femmina
e mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: +Ueber allen
Gesetzen+ -- Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von
Gut und Böse.[684] Auf +Nietzsche’s+ allmählich schon zum Ueberdruss
werdende „Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher
einzugehen, halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten
der übrigen „Bildungsphilister“.
Ein noch grösserer Sophist als der Marquis +de Sade+ und +Nietzsche+
ist +Max Stirner+, der leider die dialektische Methode für seine
geistigen Salti morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das
+Ich+ auf eine geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets
gross, um seine Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken.
„Ob, was Ich denke und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es
menschlich, liberal, human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was
frag’ Ich danach? Wenn es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich
darin befriedige, dann belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt
Mir gleich.“ -- „Es giebt keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus!
-- Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein
Mensch, der ein Sünder wäre!“ -- „+Eigner+ bin Ich Meiner Gewalt, und
Ich bin es dann, wenn Ich Mich als +Einzigen+ weiss. Im +Einzigen+
kehrt selbst der Eigene in sein schöpferisches Nichts zurück, aus
welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei
es der Mensch, schwächt das Gefühl Meiner Einzigkeit und erbleicht erst
vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen,
meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen
Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: