Dass die Schriften des Marquis +de Sade+ viele Proselyten gemacht
haben, erscheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der merkwürdigen
Arten von sexuellen Vergehen, die auch heute noch beobachtet werden
und manchmal geradezu eine Szene aus der „Justine“ und „Juliette“
zum Vorbilde zu haben scheinen. Nach +Eulenburg+ fehlt es bis in
die Gegenwart hinein durchaus nicht „an modernen Nachahmungen,
natürlich nur im Kleinen und in schwächlicher Form, wie die in
regelmässiger Wiederkehr nicht allzu selten die Polizei und die
Gerichte beschäftigenden, öfters mit wahrhaft bestialischen Akten der
Verstümmelung, mit Anthropophagie, Nekromanie u. s. w. verbundenen
Lustmorde an Kindern und Frauen beweisen. Unsere Zeit, bekanntlich die
Zeit der Spezialitäten, weiss sich auch auf diesem Gebiete eigenartige
Spezialisten zu züchten. Der Eine verschafft sich durch Erwürgen von
Mädchen und Frauen eines wollüstigen Reiz; der Andere schlitzt der
Geschändeten den Leib auf, um gewisse Eingeweide herauszureissen; noch
Andere trinken das Blut ihrer Opfer oder verzehren kannibalisch Stücke
der ausgeschnittenen Eingeweide (Brüste und Genitalien). Die nicht ganz
so Gefährlichen begnügen sich damit, ihren Opfern -- ausschliesslich
jungen Mädchen -- Schnitt- und Stichwunden an verschiedenen
Körperteilen, mit Vorliebe am Unterleib, beizubringen, um sich durch
den Anblick des herabfliessenden Blutes geschlechtlich zu erregen (die
vielzitierten Geschichten des ‚Mädchenschneiders‘ von Augsburg und des
‚Mädchenstechers‘ von Bozen).“[687]
In einem grossen Werke über den berüchtigten Lustmörder +Vacher+, der
1898 in Lyon hingerichtet wurde, hat +Lacassagne+ alle „sadistischen
Verbrechen“ des 19. Jahrhunderts zusammengestellt. Hier finden sich
ausführliche Nachrichten über den berüchtigten Londoner Lustmörder
„Jack the Ripper“, den +Paul Lindau+ in Amerika bereits in einem
Sensationsdrama verewigt sah (+Eulenburg+ a. a. O. S. 109), über Ben
Ali in New-York, Piper und Pomeroy in Boston, über die Affäre von
Pont-Laval u. a. m.[688]
Eine weitere Aufzählung derartiger Attentate geben +Brierre de
Boismont+[689], ferner A. +Moll+[690], v. +Krafft-Ebing+[691], auf die
wir den Leser verweisen.
Wir heben nur einige +ganz direkt an Szenen+ aus +Sade’s Romanen+
erinnernde Fälle hervor.
a) Fall von Hypochorematophilie.
Ein im höchsten Grade decrepider russischer Fürst liess sich von seiner
Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen musste,
auf die Brust defäcieren und regte nur auf diese Weise die Reste
seiner Libido an. -- Nach v. +Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 67 (Vergl. die
ähnliche Szene bei Juliette Bd. III, S. 54.)[692]
b) Statuenschändung.
Das Journal L’évènement vom 4. März 1877 teilt die Geschichte eines
Gärtners mit, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebte und
über Coitusversuchen an dieser Bildsäule betroffen wurde. -- Nach +von
Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 79 (Vergl. dazu Juliette I, 334).
c) Körperliche Gebrechen als Reizmittel.
Der berühmte französische Schriftsteller +Charles Baudelaire+ hatte
Liebesverhältniss mit hässlichen, widerwärtigen Personen, Negerinnen,
Zwergdamen, Riesinnen. Gegen eine sehr schöne Frau äusserte er den
Wunsch, sie an den Händen aufgehängt zu sehen und ihr die Füsse
küssen zu dürfen. -- Nach v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen etc.“
(Unzweifelhafte Entlehnungen aus +Sade+).
d) Sadistische Venaesectio. (Affäre T.....).[693]
Ein 36jähriger Kommandant, der ein Verhältnis mit einer jungen Dame
angeknüpft hatte, zwang dieselbe, nachdem er sie mit Schimpfworten
überhäuft hatte, unter schrecklichen Drohungen, sich Blutegel an die
Geschlechtsteile und den Anus ansetzen oder sich zur Ader zu lassen.
Sobald Blut floss, verwandelte sich seine Wut in Zärtlichkeit, und er
zwang sie, ihm zu Willen zu sein.
Ein verheirateter Mann stellte sich +Krafft-Ebing+ mit zahlreichen
Schnittwunden an den Armen vor und gab an, dass, wenn er sich seiner
jungen nervösen Frau nähern wolle, er sich stets zuvor einen Schnitt
beibringen müsse. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich erst bei ihr
die sexuelle Erregung einstelle.[694] (Vergl. „Juliette“ III, 233 ff.).
e) Affäre Michel Bloch.[695]
Die Einzelheiten über diese echt sadistische Affäre finden wir in
der Pariser Zeitung „Gil Blas“ (Nummern vom 14. und 16. August
1891). Die Anklage richtete sich gegen einen in Paris wohlbekannten
+Michel Bloch+, Diamantenmakler, vielfachen Millionär, Besitzer
der Herrschaft La Marche u. s. w., einen Mann von etwa 60 Jahren,
glücklich verheiratet, Vater einer 18jährigen und einer 16jährigen
Tochter. Mitangeklagt war eine Kupplerin Frau Marchand, bei der die
Zusammenkünfte Bloch’s mit seinen Opfern gewöhnlich stattfanden.
Die erste Zusammenkunft Bloch’s mit der Klägerin Claudine Buron
gestaltete sich folgendermassen. Das Mädchen wurde in ein Zimmer der
Marchand geführt und musste sich mit zwei Altersgenossinnen, die sie
dort vorfand (schon früheren Bekanntschaften Bloch’s) vollständig
entkleiden. Ganz nackt, ein Spitzentaschentuch in der Hand, betraten
alle drei ein blaues Zimmer, in dem ein älterer Herr sie erwartete.
Dieser Herr, den Clientinnen des Hauses unter dem Namen „l’homme qui
pique“ bekannt, war der Angeklagte Bloch. Er empfing seine Opfer,
nachlässig auf einem Sopha hingestreckt, in einem Rosa-Atlas-Peignoir,
das reich mit weissen Spitzen garniert war. Die Mädchen mussten sich
ihm einzeln, stillschweigend und mit einem Lächeln auf den Lippen
(dies war ausdrücklich verlangt) nähern; man reichte ihm Nadeln,
Batisttaschentücher und eine Art Geissel. Die Novize, Claudine Buron,
musste vor ihm niederknieen; er stach ihr in die Brüste, ins Gesäss,
fast in alle Teile des Körpers im Ganzen gegen hundert Nadeln. Dann
faltete er ein Taschentuch dreieckig zusammen und befestigte es mit
etwa zwanzig Nadeln auf dem Busen des jungen Mädchens, so dass ein
Zipfel zwischen die Brüste, die beiden übrigen auf die Schultern zu
liegen kamen, und riss das so festgesteckte Tuch mit einem brutalen
Griff plötzlich ab. Nun erst, wie es scheint, recht erhitzt, fiel
er über das junge Mädchen her, peitschte sie, riss ihr Büschel von
Haaren am Unterleib aus, presste ihr die Brustwarzen u. s. w. und --
befriedigte sich endlich an ihr vor den Augen ihrer Genossinnen. Diese
hatten während der Zeit ihm den Schweiss von der Stirne abtrocknen und
plastische Stellungen annehmen müssen. Alle drei wurden nun entlassen
und empfingen von Herrn Bloch ein Honorar von 40 Francs. -- Derartige
Sitzungen wiederholten sich noch mehrmals. -- Bloch, der als ein Mann
von abschreckendem säuferartigen Aussehen, mit fliehender Stirn, gelber
Perrücke, kleinen bläulichen Augen, roter Plattnase und Knebelbart
geschildert wird, legte sich bei den Verhandlungen anfangs aufs
Leugnen, lachte dann, als man ihn an die Einzelheiten der obigen Szene
erinnerte, und nahm eine Miene der Verwunderung darüber an, dass man um
solche Lumpereien so viel Aufhebens mache. Der Gerichtshof verurteilte
ihn zu einem halben Jahre Gefängnis und 200 Francs Geldbusse, ausserdem
civilrechtlich zu einem Schadenersatz von 1000 Francs an Claudine
Buron; seine Helfershelferin, die Marchand, zu einem Jahre Gefängnis.
(Vergl. die ähnlichen Szenen in „Juliette“ II, 284; III, 55.)
f) Wort-Sadismus.
Ein dem Anschein nach sehr respectabler älterer Herr knüpft im
Palais-Royal Garten, den er regelmässig besucht, mit einem für seine
Zwecke geeignet scheinenden weiblichen Wesen Bekanntschaft an, lässt
sich auf derselben Bank, jedoch immer in geziemender Entfernung von
ihr nieder und bringt im Laufe der Unterhaltung die Frau, die in ihm
einen Kunden wittert, dahin, sich in ihren Reden immer freier und
unzweideutiger zu ergehen. Ist das erreicht, so zittert und „gluckst“
er vor Entzücken, händigt seiner Partnerin fünf Franken zum Lohn ein,
und empfiehlt sich[696]. (Vergl. „Philosophie dans le Boudoir“ I, 129
u. ö.).
g) Nachahmung des Marseiller Skandals.[697]
Im Jahre 1840 erregte der amerikanische Gesandte in Madrid grosses
Aufsehen durch eine Skandalaffäre ähnlich derjenigen, welche der
Marquis +de Sade+ im Jahre 1772 in Marseille veranstaltet hatte.
Der Gesandte hatte schon öfter Excentricitäten im Genre des Marquis
+de Sade+ begangen. Eines Tages lud er etwa 20 „Manolas“ zu einem
Souper ein, bei dem er an diese Mädchen stark irritierende Substanzen
verteilte, die sie in eine hochgradig wollüstige Aufregung versetzten.
* * * * *
Wir könnten die Liste dieser offenbaren Imitationen des Marquis +de
Sade+ noch vergrössern, halten es aber für unnötig und erwähnen
nur noch, dass augenblicklich in „einer kleinen Strasse im Südwesten
Berlins“ ein sadistisch veranlagter Arzt wohnen soll.[698]
Schluss.
Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis +de Sade+ eine
Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die
ganz anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der
aberwitzigen antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften
finden. Der Marquis +de Sade+ ist der Erste gewesen, +der bewusst
alle Erscheinungen der Natur und des sozialen Geschehens unter dem
Gesichtspunkte des menschlichen Geschlechtslebens betrachtet hat+.
Ueber den entsetzlichen Bildern entarteter Geschlechtslust, welche aus
einer genauen Kenntnis sexualpathologischer Phaenomene entsprungen
sind, darf jene eben angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei
des Marquis +de Sade+ nicht vergessen werden. Sie verdient in
kulturhistorischer, nationalökonomischer, juristischer und ärztlicher
Beziehung die ernsteste Beachtung des wissenschaftlichen Forschers.
Es giebt auch hier nur, wie +Eulenburg+ -- der mit seiner wertvollen
Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in Deutschland die
Sade-Forschung inauguriert hat -- sich ausdrückt, ein +Objekt und
ein Problem des Erkennens+. Ein geistvoller Psychiater, Dr. +Paul
Naecke+ in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die
Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer
klarer und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf
die Bildung des Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu
Tage.“[699] Wir fügen hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des
sexuellen Faktors in +Gesellschaft+ und +Staat+. Wir haben selten
ein solches Denkerurteil gehört, wie uns gegenüber ein berühmter
Anthropologe, der früher mehrere Jahre in Paris gelebt hatte, über die
gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte. Er führte zu unserem
nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen Erscheinungen, wie
sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage traten, auf zwei
Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche Verbreitung der
+sexuellen Perversionen+ aller Art und auf den -- Absynth! Dies ist
ein erleuchtendes Wort. Wenn in der französischen Zeitung „Siècle“
der ehemalige Dominikaner +Hyacinthe Loyson+ und der Schriftsteller
+Yves Guyot+ den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den,
wie uns scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt
hätte, und Frankreich daher nach +Mirabeau’s+ Rezept zunächst
entkatholisiert werden müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit.
Denn die Ursache des Triumphes der schwarzen Bande in Frankreich
ist nach unserer Ueberzeugung vor allem die geradezu grauenhafte
geschlechtliche Entartung in Frankreich, von der man in Deutschland
kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse Frankreich stürzt sich
mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse Ekstasen, und bedarf
der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige des Brodes.
Es ist kein Zufall, dass z. B. +Maurice Barrès+, dieser dekadente
Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt.
Nur vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man
gewisse direkt an +sadistische+ Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen
und Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie
z. B. die planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen
+Dreyfus+. +Mercier+ bekommt vom General +Boisdeffre+ den Auftrag, ein
belastendes Document gegen +Dreyfus+ herzustellen. Er lässt dasselbe
durch den berüchtigten +Esterhazy+ schreiben und dann in den Papierkorb
der deutschen Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation
und Deportation eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze
Generalstab, und nicht weniger die Herren +Drumont+ und +Rochefort+
genaue Kenntnis hatten. Aber das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch
weiter gemartert werden. Man entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm
ungeniessbare, widerliche Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die
Untreue seiner Frau vor; schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit
ein Wort auf Papier, so wurde ihm dieses entrissen; schliesslich legte
man ihn in Ketten, die ins Fleisch schnitten. +Max Nordau+ hat mit
Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen Grausamkeiten gegen einen
Unschuldigen die ganze Lügner- und Fälscherbande in echt sadistischer
Weise geradezu berauschte.[700] Er hat auch darauf aufmerksam
gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden Antidreyfusards aus
Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie bei der Dreyfus-Affäre
zeigten sich auch in der Affäre +Voulet-Chanoine+ sadistische
Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden hatten
ihren Vorgesetzten, den Obersten +Klobb+, mitten in Afrika einfach
erschiessen lassen. Auch sie fanden -- so unglaublich es klingt --
in der nationalistisch-antisemitischen Presse leidenschaftliche
Verteidiger, die von Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer
Verhältnisse u. s. w. faselten.[701] -- In allen diesen Dingen macht
sich jenes „eigentümliche gallokeltische Element des französischen
Volkscharakters bemerkbar, dem neben dem +frivol-erotischen+ auch der
+lüstern-grausame+ Zug von jeher nicht fehlte und der in +Voltaire’s+
Kennzeichnung seiner Landsleute als ‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten
Ausdruck findet.“[702]
Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande
auch ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der
zunehmenden sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem
Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem
deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein
gewaltiger Unterschied, und schon +Kurtz+ hat darauf aufmerksam
gemacht, dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast
zwischen beiden Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung
der germanischen Sitte und Zucht bei +Tacitus+ und der bei +Gregor von
Tours+ in dessen Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber
edle Einfalt, Gradheit der Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens,
Heilighaltung der Ehe, Treue, Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale
Entartung der merowingischen Zeit, brutale Zuchtlosigkeit, treulose
Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke, Mordpläne, Giftmischerei,
Unersättlichkeit nach Schätzen, Ausschweifungen im geschlechtlichen
Leben. Und obschon die schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes
den Kreisen des Hoflebens angehören, so behauptet +Kurtz+ ganz richtig,
dass Entartung auch im Volke eingerissen war.[703] Schon +Salvian+ von
Marseille († 485 n. Chr.), der von der sittlichen Verwilderung seiner
Zeit in Frankreich ein schreckliches, aber getreues Bild entwirft,
behauptet, dass Gott den deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil
sie frömmer als die Römer seien.[704]
Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder
durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll
in Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr
Platz greifenden verderblichen Einflüsse aller Art.
Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten
deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer +E. Kraepelin+
teilen, dass die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten
+erworben+ und nicht angeboren ist. Nichts reizt so zur Nachahmung wie
sexuelle Dinge und Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In
der dritten Szene von +Molière’s+ „La Critique de l’Ecole des Femmes“
kommt ein Zwiegespräch vor, das auf eine höchst naive Weise diese
Wahrheit ausdrückt:
„+Climène.+ -- Il a une obscénité qui n’est pas supportable.
+Elise.+ -- Comment dites-vous ce mot-là, madame?
+Climène.+ -- Obscénité, madame.
+Elise.+ -- Ah! mon dieu, obscénité. +Je ne sais ce que ce mot veut
dire; mais je le trouve le plus joli du monde.+“
Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, +fast jeden
Menschen+! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine
lange Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist
Manches „le plus joli du monde.“
Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche
mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt,
statt dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten
sind für die Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der
+Entartungen des Geschlechtstriebes+. Eine traurige Wahrheit spricht
+Rétif de la Bretonne+ in der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus,
wenn er schreibt: „+Fontenelle+ sagte: ‚Es giebt keinen Kummer,
der gegen eine Stunde Lektüre Stand hielte.‘ -- Nun ist aber von
allen Lektüren diejenige der erotischen Werke die anziehendste (la
plus entraînante), besonders wenn dieselben mit ausdrucksvollen
(expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die Worte
beherzigen, die +Emile Zola+, dieser freie und grosse Geist, an einen
Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den
„Doktor Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „+Ich schreibe nicht für
junge Mädchen+, und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne
gut ist, die noch in der Entwickelung begriffen sind. -- Später, wenn
das Leben sie frei macht, werden sie lesen, was sie wollen.“[705]
Den verderblichen Einfluss der modernen naturalistischen Litteratur
schildert +Seved Ribbing+ in seinem ausgezeichneten Buche über die
„sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir jedem Paedagogen empfehlen
möchten.[706]
Auch die +Kunst+ hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der
Wollust und der sexuellen Perversion gestellt. +Seved Ribbing+
versichert, dass er öfter bei einem Besuche von Studenten oder
anderen jungen Männern Wände und Schreibtisch derselben mit
Abbildungen mehr oder weniger entblösster Frauen bedeckt gefunden
habe, mit Photographien der Fräulein X. und Y., von Kunstreiterinnen,
Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne Kleidung in den unglaublichsten
Stellungen und Verrichtungen dargestellt sind.“ Rechnet man noch
allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit „Cigarrenetuis,
Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen eingeschmuggelt, wohl
auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt werden, so findet
man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise arbeitet.“[707]
Nach +Eulenburg+ existiert sogar ein +Sadismus in der Kunst+ oder
„mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik
ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender
Schöpfungen in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt +Rodin’s+ „Pforte
der Danteschen Hölle“, +Frémiet’s+ „Gorilla, der ein Weib raubt“,
+Galliard-Sansonetti’s+ „Brunhild“, +Rochegrosse’s+ „Andromache“,
„Jacquerie“, „Eroberung Babylons“, +Albert Keller’s+ „Mondschein“,
+Richir’s+ „Verderbtheit“ und +Klinger’s+ „Salome“.[708] Dass +J.
J. Winckelmann+ durch das Studium des griechischen Altertums und
der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich bekehrte, ist uns sehr
wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm so sehr geliebten
„Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur Gewissheit geworden.
+Hössli+ sagt in seinem gedankenreichen Werke über den „Eros“[709]:
„Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das Studium der
Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London, Paris, Rom
und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte sein,
welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der
naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“
Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem
überboten durch die +direkte Verführung+, von der sich behaupten
lässt, dass sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen
vermag. +Tarnowsky+ erklärt paederastische Kreise als „mächtige
Centren für die Propaganda der Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung
und Beispiel“ junge Subjekte verführen. In Paris werden zehn- bis
zwölfjährige Kinder durch Ueberredung und Drohungen allmählich zur
Masturbation und Sodomie verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden
herangebildet -- „les petits Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und
angesichts dieser Thatsachen denkt man an Aufhebung des § 175 des
deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den Teufel durch Beelzebub
austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen hereditären Urninge
leiden als dass die Paederastie, das entsittlichendste aller sexuellen
Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird.
Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt +Tarnowsky+
ebenfalls (S. 70).
Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von +Hobbes+ in
seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus
nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. +Nam
ut aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi
impossibile.+“ Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die
altrömischen Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde
auch die Zahl der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir
in den Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder
bekommen. +Hobbes+ kannte die menschliche Natur zu schlecht.
Wie die einzelnen sexuellen Perversionen +allmählich erworben+ werden,
schildert unübertrefflich +Tarnowsky+: „Der entsittlichte Mensch wendet
Alles an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht,
das Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle
Sinne werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt,
um die geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen.
Unter diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie
vor, als zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die
Erregung steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf
mit einem Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch
äusserer und innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften
hinzugezogen u. s. w.“[711]
Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des
+Molière+’schen „le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses
erfahrenen Kenners des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das
Laster in den Augen der Mehrheit nicht nur verführerisch durch die
Kraft, Neuheit oder Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es
verleiht in der Sphäre der eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem
Wüstling einen gewissen Anstrich von Epikuräismus, Ausgesuchtheit,
Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor anderen Menschen, die anscheinend
weniger entwickelt, aber sittsamer und enthaltsamer sind.“[712]
Der geschlechtlichen Corruption kann nur auf eine einzige Weise
entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des
Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen
kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder
eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der Verführung
durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel. Schon
+Seved Ribbing+ betont, dass nur die +Aufklärung+, d. h. geistige
Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne
(a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das
wahre Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken,
den Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen
gelernt. Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand,
den +W. Stern+ mit grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen
will.[713] Er will die Ethik ganz auf die Gemütswelt basieren. Das
ist Utopie. Nur wo der Geist, der Begriff in der Welt herrscht,
kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die wahre geistige Natur des
Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie hebt es nur mit sich
empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt man alles in „einer
eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des Wirklichen“.[714]
Schön sagt +Hegel+, dass gerade „aus dem Ueberdruss an den Bewegungen
der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur Betrachtung
und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder die Liebe,
noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und Religion +an
und für sich+ vermögen die dem Menschen innewohnende Sehnsucht nach
dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen. „Die +Seligkeit
des Erkennens+ ist die höchste menschliche Befriedigung, sie ist die
unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt;
sie ist das, was ich den +absoluten Genuss+ nenne. Die Sehnsucht nach
dem Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im +Wissen+
befriedigen; in allen früheren Formen der Befriedigung, in dem
natürlichen Genusse, in der Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion,
konnte sich das wahre Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede
dieser Formen blieb mit einem Widerspruch behaftet, der erst in der
Philosophie sich zur vollen Befriedigung auflöste.“[715]
Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen
Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen
englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen
Lebenskünstler +Buckle+ und +Lecky+. Nach Letzterem versteht es sich
von selbst, dass „jeder Einfluss, welcher den Bereich und die Kraft des
Vorstellungsvermögens vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden
befördert, und ist es ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung
im höchsten Grad besitzt. Ein ungebildeter Mensch kann sich von den
ihm fremd gebliebenen Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen
und Existenzen keine Vorstellung machen, +während jede Erweiterung
des Wissens eine Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles
mit sich bringt+. -- Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die
Vergegenwärtigung des Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt,
erleichtert auch die Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen,
und erzeugt daher Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der
intellectuellen Sympathie ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen
und gebildeten Geistes.“[716]
Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher
manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder
bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, +die Sinnlichkeit
zu schüren+, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende
katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere
Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der
siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des +Spinoza+
als eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit:
„Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod;
und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern
über das Leben.“
Was nach dem Tode sein wird, das hat +Sokrates+ in den herrlichen
Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber
sind im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende
und der Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des
+Septimius Severus+ gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir
unausgesetzt an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist
als durch geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die
„Seligkeit des Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein
Bekenntnis ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des
18. Jahrhunderts, der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich
nicht, beneiden Sie vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für
glühende und gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen
der Leidenschaften preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück
auf Erden giebt.“