Zwei bedeutende französische Schriftsteller, +Rétif de la Bretonne+ und
+Charles Villers+ eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“.
Zunächst beschäftigen wir uns mit +Rétif’s+ „L’Anti-Justine, ou
les délices de l’amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“
Au Palais-Royal 1798, chez feue la veuve Girouard, très-connue. (2
Bände in 12^o.) Auf dem Titel werden 60 Bilder angegeben, die aber
nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die +Rétif+ in der Vorrede
ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. +Monselet+
glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt
worden sei, nach dem Bibliophilen +Jacob+ giebt es aber +sechs+
bekannte Exemplare dieses Werkes, das +Rétif+ in seiner kleinen
Druckerei fertigstellte. +Drei+ zum Teil unvollständige von diesen
sechs Exemplaren besitzt die Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser
Nationalbibliothek, welche aus der grossen Confiscation stammen, die
der erste Consul im Jahre 1803 bei den Buchhändlern des Palais-Royal
und in den Bordellen vornehmen liess, wobei bestimmt wurde, dass zwei
Exemplare jedes pornographischen Werkes auf der Nationalbibliothek
secretiert werden sollten; die übrigen wurden vernichtet.[651] Eins
von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein reicher englischer
Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek des Herrn
+Cigongne+ und kam dann in den Besitz des Herzogs von +Aumale+. Heute
ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet
wurden, (2 Bände in 18^o mit schlechten kolorierten Lithographien;
die anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12^o mit Gravuren) sehr
verbreitet[652]. +Rétif+ veröffentlichte das Werk unter dem Namen des
bekannten Advokaten +Linguet+, den er als +Jean Pierre Linguet+ die
Erklärung abgeben lässt, dass er dieses „schlechte Buch“ in guter
Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der Verfasser der „Cacomonade“
nicht Jean Pierre, sondern +Simon Nicolas Henri Linguet+.
Nach +Monselet+ enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus
dem +eignen Leben Rétifs+ und bildet ein Supplément zum „Monsieur
Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei
einigen die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ -- „Des
Conditions du Mariage“ -- „Du Dédommagement“ -- „Du chef-d’œuvre de
tendresse paternelle“ -- „D’une nouvelle Actrice“. -- Das Buch strotzt
von Obscönitäten, die aber nach +Rétif+ einen moralischen Zweck
verfolgen und eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“
bilden sollten. „Il est destiné à ramener les maris blases auxquels
les femmes n’inspirent plus rien. Tel est le but de cette étonnante
production que le nom de Linguet rendra immortelle.“ Er will die Frauen
vor der Grausamkeit bewahren. Die „Anti-Justine“ ist deswegen ebenso
+obscön+ wie die „Justine“, damit die Männer für diese einen Ersatz
+ohne+ die Grausamkeiten des +Sade+’schen Werkes haben. Er hält die
Publikation dieses „Antidots“ für dringend notwendig (urgente). Es muss
also damals wohl die Verbreitung der „Justine“ eine ausserordentliche
gewesen sein. +Rétif+ erklärt endlich noch in der cynischsten Weise
die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk beigegeben werden
sollten.[654]