Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen
Schriften des Marquis +de Sade+ wenigstens unter dem Direktorium
öffentlich verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und
in den Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte
den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt
es nicht Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke
unter +Napoleon+ I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige
Nachdrucke sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue
Konfiskationen vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember
1843[637] trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem
Besitze dieser berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert
suchten sogar die Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen,
weil sie dann sicher waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden.
+Lalanne+ erzählt davon ein ergötzliches Beispiel.[638] Unser +Goethe+
sah auf dem Frankfurter Marktplatz einen verbotenen französischen Roman
verbrannt werden, und ruhte nicht eher, als bis er ein Exemplar erlangt
hatte. Dabei war nach seiner Erzählung dieses Exemplar durchaus nicht
das einzige, welches nach dieser Exekution gekauft wurde.[639]
+Bereits im Jahre+ 1797 schreibt +Villers+ über die Verbreitung der
„Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man
verlangt es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden
vergriffen, neu aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift,
in verhängnisvollstem Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren
die Schriften +de Sade’s+ verbreitet. +Villers+ sah in Lübeck bei
einem Buchhändler „noch drei Exemplare“. Hamburg, wo +Villers+ seine
Abhandlung für den dort erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war
der hauptsächlichste Ort für den Druck und Nachdruck der französischen
erotischen und pornographischen Autoren. +Janin+ schildert im Jahre
1834 in anschaulicher Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften
des Marquis +de Sade+ unter dem ersten Kaiserreich und unter der
Restauration waren. Und er wagt auch nur von ihnen zu sprechen, +weil
er weiss, dass seine Leser diese Werke längst kennen+. „Denn, man
täusche sich nicht darüber, der Marquis +de Sade ist überall+; er ist
in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter anderen
unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht bei
der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis +de
Sade+ gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten
verbreitet.“[641]
Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis +de Sade+
betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus
den Jahren 1791-1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800
Francs.[642] Herr +Joachim Gomez de la Cortina+ in Madrid bezahlte
nach der Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908)
die 10 Bände der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe
Ausgabe findet sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser
Buchhändler +Techener+ im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein
Pariser Antiquar bot kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de
Petit“ dieser Ausgabe für 1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni
1900 S. 123.) In der Neuzeit
wurden besonders von der Firma +Gay+ und +Doucé+ in Brüssel Neudrucke
veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150
Francs, die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem
deutschen Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise
von 120 Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und
„Aline et Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute
noch trotz ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen
Westens verbreitet und fehlen selten in den Bibliotheken (sit venia
verbo) geheimer Bordelle und vornehmer Absteigequartiere. So fand der
frühere Chef der Pariser Sittenpolizei, +Macé+, in einer „maison de
rendez-vous“ einer Wittwe F.... in der pornographischen Bücher- und
Bildersammlung auch die „Justine“ des Marquis +de Sade+.[644]
Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen
Schilderungen im +Druck+ ungleich verderblicher wirken als das
gesprochene Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen
auf zwei Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf
das Gehör. +Lino Ferriani+ hat in einer wertvollen Schrift[645]
sich eingehend mit dem namenlosen Schaden beschäftigt, den die
pornographischen Schriften und Bilder in jungen Seelen anstiften.
+Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften -- ein Uebel, das
fortzeugend Böses gebärt -- zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten
sexuellen Perversionen miterzeugen helfen.+ Schon der heilige
+Basilius+ sagte in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer
sich an schlechte Lektüre gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen
That.“ Höchst bemerkenswert ist das Geständnis des berüchtigten
Marschalls +Gilles de Rais+, der erzählt, dass er in der Bibliothek
seines Grossvaters einen +Sueton+ gefunden und darin gelesen habe,
wie +Tiberius+, +Caracalla+ und andere Caesaren Kinder gemartert
hätten. „Sur quoi je voulus +imiter+ les dits Césars, et +le même
soir me+ mit à le faire en suivant les +images de la leçon et du
livre+“[646]. Ein Masochist erklärt in seiner von +von Krafft-Ebing+
mitgeteilten Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften
des Sacher-Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei
Disponierten beigetragen haben“[647]. Auch +Eulenburg+ warnt davor,
den „vergiftenden Einfluss der überhandnehmenden pornographischen
Litteratur und einer gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes
sensationelle Verbrechen, zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl.
berichtet, zu unterschätzen.“[648]
Es ist +sicher+, dass die Schriften des Marquis +de Sade+ noch heute
auf schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben
vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst +Janin+
so dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich
ist, dass +Saint-Just+ sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen
Grausamkeiten hat inspirieren lassen, und dass +Napoléon+ I. die
Lektüre der Sade’schen Werke seinen Soldaten verboten hat[650],
so kann nicht bezweifelt werden, dass die Schriften praktische
Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort und fort die in
ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei gewissen
Lesern hervorrufen. Was +Sade+ für das vornehme +Wüstlingstum+
ist, das sind manche entsetzlichen +Hintertreppenromane+, die die
schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern
u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die +Lustmörder+ und
+Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke+. Man forsche nur nach, und man
wird mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch
auf die Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches
erklären können, was sonst unerklärlich sein würde.