Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse
Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen
französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt
der edle +Karl von Villers+, der wie +Adalbert von Chamisso der
Unsrige+ geworden ist, eine ganz hervorragende Stelle ein. +Charles
François Dominique de Villers+, geboren den 4. November 1765 in dem
lothringischen Städtchen Bolchen von französischen Eltern aus dem
Languedoc, war anfangs Offizier, ging nach Deutschland, wo er in Lübeck
von seiner Freundin +Dorothea Schlözer+, der Tochter des berühmten
Göttinger Historikers und der +ersten+ deutschen Frau, die (am 17.
September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors (der Philosophie)
erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt wurde,
dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen Senators
+Rodde+ war. Diese Frau erschloss unserem +Villers+ das Verständnis für
deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel des
Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie
in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung
dieses Mannes, der für die +direkten+ geistigen Beziehungen zwischen
Deutschland und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über
+Luther, Kant+ und über die Provinz +Westfalen+ sicher mehr gethan
hat als +Chamisso+, ins rechte Licht zu setzen, genügt es, daran zu
erinnern, dass +Goethe+ von +Villers+ in einem Brief an +Reinhard+
sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons herüber und hinüber
sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im ästhetischen
Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] +Viller’s+ Beispiel
hat bekanntlich +Benjamin Constant+ und Frau von +Staël+ zu gleichen
teutophilen Bestrebungen ermuntert.
Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene französische
Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter +Villers+
war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und
deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen
Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft
bekannt zu machen. Besonders war +Hamburg+ auch schon vor der
Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten
wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische
Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier
gaben +Bandus+ (Marie +Jean Louis Amable de Bandus+, lebte von 1791 bis
1802 in Hamburg), +Boudens de Vanderbourg+ und +Villers+ vom Januar
1797 bis zum Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal
politique, littéraire et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren
auf 24 Bände brachte. Die Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]
Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre 1797
die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“,
welche +M. L. Hoffmann+ mit Recht dem +Charles de Villers+ zuschreibt.
Eine Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis
+de Sade+ wurde im Jahre 1877 von +A. P. Malassis+ veranstaltet, der
wir in der Analyse folgen.[659]
+Villers+ erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“
viel verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit
den Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches
erspart werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine.
Speziell ist er von einer +Dame+ zur Lektüre des Buches und zum Bericht
über dasselbe aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal
Ekel und Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die
„grosse Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende
durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es
bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu
haben und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es
war ohne Zweifel +unserem Jahrhundert+ vorbehalten, es hervorzubringen.
+Denn dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen
Erschütterungen concipiert werden+, die Frankreich heimgesucht haben.
Es ist eine der +widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis+,
eines der stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S.
14). In der That ist das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf
die bizarrsten und grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte
Grausamkeit. Es giebt Werke, die von den +Grazien+ inspiriert zu
sein scheinen. Dieses haben die +Furien+ inspiriert. „Es ist mit
Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern, was +Robespierre+
unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser Tyrann, als
+Couthon+, +Saint-Just+, +Collot+, seine Minister, der Mordthaten
und Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas
wie Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der
zahlreichen, noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie
nur einige Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben
zu können. Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“
(S. 16.)
+Villers+ setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen
Theorien des Marquis +de Sade+ auseinander und sagt, dass dieses Buch
„alle pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich
überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den
Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur
auf Scheusale wie +Robespierre+ und +Couthon+ Eindruck machen könne,
nicht für gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller
anständigen Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf,
damit alle noch vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden.
„Ich werde drei Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind,
und sie ins Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare
nur noch in Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische
Hoffnung!
+Villers+ kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher
Weise die Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das
Zartgefühl „selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt
und dumm sei, lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge
enthalte, und dass es sogar das Theorem in +Boileau’s+ „Art poétique“
verleugne:
Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,
Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.
Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge
noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke
so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man
von einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung
eines solchen Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein
Publikum, um ihn zu kaufen?“ (S. 22-23.)
Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen
+Villers+ ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.