Die +Lüge+ ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution
und der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf
mit Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass
man sich auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die
Sucht zu lügen, sagt +Parent-Duchatelet+, ist bei den öffentlichen
Mädchen allgemein und ein Kind der immer falschen Stellung, des
peinlichen Zustandes, worin sie leben, der Meinung, die man, wie sie
wissen, von ihnen hegt... Man muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen
sehr vorsichtig sein“.[621] Ein anderer ausgezeichneter Kenner der
Prostitution äussert sich noch schärfer: „Die Prostituierte lügt aus
Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei vollkommen gleichgiltigen Dingen,
nach denen sie gefragt wird, sie lügt selbst dort, wo es leicht ist,
sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne Rücksicht darauf, ob
sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es unter Umständen
selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622]
Fast alle Helden und Heldinnen der +Sade+’schen Romane lügen. Die Lüge
ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft der
Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei
der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59).
Allen diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss.
Zwar rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht
sofort von der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange
bezweifelt wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig
falsch und lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein,
in der man mit Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen
und nur ihre Tugenden zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein.
Denn dann würde man ihnen gegenüber im Nachteil sein. Die +Heuchelei
und die Lüge sind uns von der Gesellschaft auferlegt worden+. Niemand
ist so verderbt wie ich. Und doch halten mich alle für anständig“.
(Philosophie dans le Boudoir II, S. 7-8.) Die Delmonse proklamiert
ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der Wollust (Justine I, 28-29).