Die Mehrzahl der von +Sade+ geschilderten sexuell perversen
Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten
Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement
zu diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch
ist ja die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf
gerichtet, die junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den
conträrsexualen Genüssen bekannt zu machen, und +Sade+ schildert
mit richtiger Erkenntnis, wie diese Novize der Wollust alle Lehren
begierig in sich aufnimmt und praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass
die +Einbildungskraft+ der Stachel des Vergnügens sei und immer neue
Arten der geschlechtlichen Befriedigung erfinde. (Phil. dans le
Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-Ange ist die Einbildungskraft die
„capricieuse portière de notre esprit“, Feindin aller Regel, Anbeterin
der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr gelehrigen Eugenie muss man
der Imagination freien Lauf lassen in Bezug auf die unnatürlichen
Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem Massstabe des
„Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr drastisch
schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen gegen
die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran bekommen
und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen anderen
vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel der
Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico
geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein --
anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch
das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III,
67).
Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der +hereditären+ Natur
der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die
sexuelle Perversion des Menschen eine +Funktion seiner Organe sei+.
Daher ist der sexuell perverse Mensch ein +Kranker+, er ist „wie eine
hysterische Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen
anderen Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist
zu beklagen, aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr
vervollkommnet sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der
Organisation des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird
aus den Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese,
den Göttern und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass
ein bestimmter Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern,
ein bestimmter Grad von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern
genügen, um aus einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung
zu machen. (Justine II, 212-213.) Ebenso meint Bressac, dass der
Pathicus von Natur ein Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt
diese Leidenschaft für angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen
Struktur“. Es wäre eine Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis
164).