7. Charakter der Werke des Marquis de Sade.

Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis +de Sade gilt+, was

+Macaulay+ von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. +Burney+ sagt. Es

ist kein Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine +Aufgabe+. Wer sich

überzeugen will, eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die

ausschliessliche Beschäftigung mit dem +rein Geschlechtlichen+ im

Menschen hervorbringt, der lese die Werke des Marquis +de Sade+. Man

wird dies aus der blossen Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“

gegeben haben, entnehmen können. Und dann hat +Sade+ das gethan, was

+Fritz Friedmann+ in seiner lesenswerten Studie über „Verbrechen

und Krankheit im Roman und auf der Bühne“ als eine „litterarische

Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das +kalte und nackte Verbrechen+ zum

Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht! Diese Verbindung des

Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven Vorgängen aller Art

muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine +Einbildungskraft

ohnegleichen+ tausendfach variirt wird. Schon +Janin+ hat erkannt, dass

+de Sade+ die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die vielleicht

jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte ein

pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch

den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen

und rein mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592].

Diese enorme Einbildungskraft spricht sich nach +Eulenburg+ ferner

aus in dem „bizarren Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten,

vielgliedrigen Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden

Ausgestaltung mit all ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl

der nacheinander auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert

durchgeführten allmählichen Steigerung und mit der fast nie versagenden

Treue der Erinnerung und Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der

+Sade’schen+ Werke, den Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette

IV, 87) bezeichnet, die endlosen, immer wiederkehrenden, immer dasselbe

wiederholenden +philosophischen Discussionen und Dialoge+.

Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft

+ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen+, stupide Hyperbeln

einer ausschweifenden Phantasie. Minski trinkt 60 Flaschen Wein auf

einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei

Testikel (Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel

werden 1176 Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22-26) u. s. w.

u. s. w. Nicht selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen

erwarten lässt, grobe chronologische und geographische Irrtümer. So

lässt er Moses die Geschichte Loths während der Gefangenschaft der

Juden zu Babylon schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und

Pompeji und Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593]

Mögen also auch die Werke des Marquis +de Sade+ in kulturhistorischer

und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein,

wie wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend.

Die Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen

auf ein schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer

Betrachtung und wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine

verderbliche Wirkung ausüben, wie schon +Janin+ erkannt hat, wenn er

in beredten Worten diese Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht.

Weniger gefährlich sind die den Werken beigegebenen +obscönen

Bilder+. Nach +Renouvier+ sollen die berühmten Künstler +Chéry+ und

+Carrée+ die Zeichnungen zu diesem „Werke eines Maniakus geliefert

haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.[594] Wir haben

die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines Pariser

Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also

nicht beurteilen, ob diese den Angaben +Renouviers+ entsprechen. Nach

den der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir

nur dem Urteil beistimmen, welches der geistreiche +Eulenburg+ über

diese Bilder gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit

des Dargestellten ist der künstlerische Wert dieser Illustrationen

überaus gering. Grobe Fehler der Zeichnung, der Perspektive,

gänzlicher Mangel an Individualisierung, dürftige, fast ärmliche

Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl der Bilder, denen

man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen an die oft

recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein immerhin

zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn schon

Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts

zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten

von Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser

ausgeführt sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le

boudoir“ in der uns vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen

sich auch andere pornographische Werke des 18. Jahrhunderts durch

schlechte Bilder aus wie z. B. +Mirabeau’s+ „Ma conversion“. Die

Neuzeit leistet dank ihrer verbesserten Technik darin leider mehr.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 78 / 180 题