Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte +Philosoph des
Lasters+. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie +Stirner+
und +Nietzsche+, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die
„Herrenmoral“ und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene
-- wir möchten es so nennen -- „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen,
teuflischen Verbrechens finden wie bei +Sade+.
Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis +de Sade+
für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und
Ethiker zu einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis.
Diese Werke sind vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, +was
alles im Leben mit dem Geschlechtstriebe zusammenhängt+, der, wie der
Marquis +de Sade+ mit unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, +fast alle
menschlichen Verhältnisse in irgend einer Weise beeinflusst+. Jeder,
der die +soziologische+ Bedeutung der Liebe untersuchen will, muss
die Hauptwerke des Marquis +de Sade+ gelesen haben. Nicht +neben+ dem
Hunger, sondern +mehr als+ der Hunger regiert die Liebe die Welt!
Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in
den Romanen des Marquis +de Sade+ soll durch eine gewisse geistige
Tünche verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in
grosser Ausführlichkeit entwickelten +philosophischen Betrachtungen+.
In ihnen offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie
+d’Alembert+ sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“
Delbène meint: „Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern
auch analysieren. Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören
als sie selbst zu geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben
kann, ist es göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme
sagt, dass die in Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische
Discussionen unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten
beging, bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette
III, 45). Diese theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur
„Entwickelung der Seele“ (Justine IV, 173).
Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es
bei +de Sade+ nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor
gewöhnlichen Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine
ganz ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, +um eine direkt aus
dem Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt+“[597].
Daher wird ein kurzer Blick auf das +philosophische System+ des Marquis
+de Sade+ gerechtfertigt sein.
Alle Anschauungen +Sade’s+ entspringen, wie dies nicht anders zu
erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten +Materialismus+.
Er vergöttert die Natur, die er stets als das +gute+ Prinzip der ihr
feindlichen Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene
Kraft bewegt, und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen,
um ohne eine „erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen.
+Die beständige Bewegung der Materie erklärt alles.+ Wozu brauchen
wir einen Beweger (moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das
Weltall ist eine Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig
und succesive auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine
Grenze. Ueberall ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande
zu einem andern in Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander
verschiedene neue Formen annehmen. (Juliette I, 72-73.)
Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle körperlichen
und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als „aktives“ und
als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist sie
teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper
herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie.
-- Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite).
Der „Geist“ könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den
Eindrücken des Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im
Alter, unterliegt also allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie.
(Juliette I, 86.) Noch leichter macht sich Bressac die Beweisführung.
Als der Körper der toten Frau des Grafen Gernande noch eine zuckende
Bewegung macht, ruft er entzückt aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu
ihrer Bewegung keine Seele braucht!“ (Justine IV, 40.)
Die +Unsterblichkeit der Seele+ ist daher natürlich eine Chimäre.
Dieses blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern,
Bösewichtern gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur
dort ist Tugend, wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette
erlaubt sich gegenüber der Delbène die schüchterne Frage, ob der
Gedanke der Unsterblichkeit nicht tröstlich für manche Unglückliche
sei. Delbène antwortet, dass man seine Wünsche nicht zum Massstabe der
Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut, glaube an das allgemeine Gesetz,
füge Dich mit Resignation in den Gedanken, dass Du in den Schoss der
Natur zurückkehrst, um in anderen Formen wieder aus ihm hervorzugehen.
Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem Grabe Virgil’s, und es ist besser,
für immer vernichtet zu werden, als in der sogenannten Hölle zu
brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was wird aus mir
werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese Dunkelheit macht
mich schaudern.“ -- „Was +warst+ Du vorher, vor Deiner Geburt? Dasselbe
wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein. Aber littest
Du? Nein. +Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern+ für die
Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83-85.)[598]
Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die
man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die
Seele ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in
die Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht
Saint-Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus
„bösen Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit,
das Uebel, die Unordnung und das Verbrechen. +Das Böse existierte vor
Erschaffung der Welt+ und wird nachher existieren. Warum ist das Alter
schlechter als die Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen
Elemente in den Busen der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich
anschicken. Saint-Fond glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach
dem Tode erwarte, also an eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse
gewesen ist, dem wird die Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden.
Die Tugendhaften werden grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine
Hölle, dann ist der Gedanke an den Himmel nicht fern. Thatsächlich
glaubt Saint-Fond an das Jenseits, an Belohnungen und Strafen. Um nun
zu verhindern, dass seine Opfer in den Himmel kommen, schliesst er
sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle Weise ein und lässt sie mit
ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele dem Teufel verschreiben,
quam chartam membro suo ano eorum inserit, wobei die Betreffenden
schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.) Clairwil dagegen
erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette II, 292
ff.)
Nach dem Vorgange +Holbach’s+, der jede religiöse Regung als geistige
Verirrung bezeichnete, wird +Sade+ nicht müde, über die Begriffe
„Gott“ und „Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein
+Atheismus+ geberdet sich „in konsequenter Weise zugleich als
fanatischer +Misotheismus+, der von dem bekannten Worte: ‚si Dieu
n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur Gebrauch zu machen
scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott blasphemisch zu
beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer solchen Chimäre
und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das einzige Unrecht,
das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein Blut kocht bei
seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden Schatten aller
Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche Aberglaube auf der
Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des Klerikalismus und
der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss die auch im
Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des unglücklichen
+Dreyfus+ nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf die
verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von
einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in
kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen
und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser
behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese
Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die
in der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet.
Und wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle
Welt zerstreut als das odium generis humani. Bei den Juden darf
man Gott nicht suchen. Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber
vielleicht bei den Christen? Doch hier findet Delbène noch grössere
Absurditäten. Jesus ist nach ihr entschieden schlauer als Moses. Dieser
lässt das Wunder durch Gott geschehen. Jener macht es selbst! La
religion prouve le prophète, et le prophète la religion.
Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die
Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene
Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des
gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender
Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer,
ohne dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als
wirklich vorhandene Objekte ansieht, so ist das +Einbildung+, und
diese Einbildung ist die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die
Imagination besteht aus „objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches
anzeigen, und die Erinnerung besteht aus „reellen Ideen“, die uns
wirklich existierende Dinge anzeigen. Gott ist nun das Produkt der
Imagination, der „erschöpften Einbildungskraft“ derer, die zu träge
sind, um die lange Reihe der Ursachen und Wirkungen zu durchdenken
und mit einem kühnen Salto mortale zu einer letzten Ursache greifen,
deren Wirkung alle anderen Ursachen sind, die selbst aber keine
Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“ einer „débile
imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale Existenz zu
denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der Menschen
aussaugt. (Juliette I, 49-62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht
existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich
befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber
vom Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an
das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine
Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber
lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange
gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden
ruhen müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie
nach Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung
der Materie inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach
Massgabe ihrer Kraft zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und
fortzuführen, wie wir dies in dem unseren Sinnen fassbaren Universum
erblicken, in welchem wir eine Unzahl von Weltkörpern um und über uns
sehen, deren Anblick uns überrascht, deren gleichmässiger, geregelter
Gang uns mit Bewunderung und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann
noch einen fremden, ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da
die bewegende und schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst
befindet? Diese Natur ist aber an und für sich nichts anderes als
eine wirkende Materie (ib. I, 58). Nach allem dem ist dieser Gott
ein launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem
Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher
Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so
grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er
verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott,
ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das
Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen
vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren,
zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans
über uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt
seinem einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen
sterblichen weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser
Sohn Gottes müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von
glänzenden Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften
Jüdin in einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor
dem ewigen Tode retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören
wir, was er spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches
Geheimnis offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche
That lässt er uns seine Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine
unbekannte Kindheit, einige Dienste, die er den jüdischen Priestern
des Tempels von Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden,
während welcher Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften
lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn
Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet
mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens, des heiligen
Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen seien
nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um uns
zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und
setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während
eines Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein.
Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen
gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten,
um sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier
oder dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte
Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler
schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben
wollen, und verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt
nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch
bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird
endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er
seinen Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von
ihnen -- essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass
sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser erhabene Gott, auch nur das
Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen Tode zu retten. Seine
Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die Menschheit sei verloren,
wenn sie dieselbe durch einen auffallenden Handstreich nicht retteten.
Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen wir den Leichnam,
verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an
dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue
Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber
und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch will in
dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen Gott
glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das
Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit
halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in
den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen
werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern
verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten
Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der
Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die
ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines
Galimathias, ein Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie
dans le Boudoir I, 60-64.) -- Man darf sich nicht wundern, wenn nach
diesen Anschauungen der Marquis +de Sade+ oft die Heiligenschändung für
ein Pflichtgebot erklärt und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien,
Heiligenbilder, Crucifixe u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen
lässt, dass es sein grösstes Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen,
gegen dieses Phantom unflätige Worte auszustossen. Dieser möchte gern
eine Art ausfindig machen, um diese dégoûtante chimère noch mehr zu
insultieren, und ist wie Moberti böse darüber, dass es gar keinen Gott
giebt, so dass er in solchen Augenblicken seine Existenz herbeiwünscht
(Philosophie dans le Boudoir I, 125-126).
Von diesen +theoretischen+ Maximen gelangt der Marquis +de Sade+ zur
Begründung einer +praktischen Lebensphilosophie+, eben der „Philosophie
des Lasters.“
Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu
verwirklichen, muss eine zweckentsprechende +Paedagogik+ gehandhabt
werden. Der Marquis +de Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Jugend+
verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit
überhaupt. Diese Jugend, von der +Alexander von Humboldt+ in seinen
unvergleichlichen Briefen an den König +Friedrich Wilhelm+ IV. sagt,
dass sie das „+unzerstörbare+ uralte sich immer erneuernde Institut
der Menschheit“ sei[600], die muss man nach +Sade+ für sich gewinnen.
„C’est dans la jeunesse qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie
les préjugés inculqués dès l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn
+Sade+ in der „Philosophie dans le Boudoir“ gewissermassen einen
Leitfaden der Erziehung zum Laster nach dem Vorbilde von +Mirabeau’s+
„Education de Laure“ geschaffen, in dem er seine theoretischen
Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung in der Verführung
und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. -- Die Erziehung
muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch welche die
„jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren Stelle den
Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen sie in
den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden. Wenn
es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln zu
wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le
Boud. II, 62 ff.) +Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Gewohnheit+ in
der Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen
Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle
lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft!
Dann wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man
nicht mehr entbehren kann. Das Laster muss eine +Tugend+ werden! Und
die Tugend ein +Laster+! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen
Blicken aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine
Nerven durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen,
in welcher das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst
Du neue ruchlose Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner
perversen Gelüste. So gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege
zu den letzten Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt
machen, zögern und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss
für immer verloren geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht,
deren gefährliche Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der
Hydra gleicht, deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“
Diese Worte ruft Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I,
27-30.) Diese selbst wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s,
ihre eigene Tochter und Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen,
deren verderbliche Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik
des Grafen Belmor zur Anschauung gebracht werden.
So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt,
von denen wir nur die wichtigsten hervorheben.
+Liebe und Ehe+ sind für +Sade+ chimärische Begriffe. Mit einer Art
von jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten
der Liebe, die +moralische+ und die +physische+. Eine Frau kann
moralisch ihren Geliebten oder Gatten anbeten und physisch und temporär
denjenigen lieben, der ihr den Hof macht. Zudem hat die Frau von
Temperament stets mehrere Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène,
diese grosse Paedagogin des Lasters, monologisiert lange für die
Nutzlosigkeit der Moral für junge Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich
im Anfang erstaunt: Ist ein weibliches Wesen besser oder schlechter,
wenn sie einen gewissen Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat?
Nach ihr müssen die Sitten das individuelle +Glück+ verbürgen.
Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein Mädchen nicht zwingen,
die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es +glücklich+ ist und danach
brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich hingiebt,
um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es glücklich.
Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.[601]
(Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die
Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der
ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die
Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der
Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine
„conventionelle Mode“, +deren erster Ursprung nur ein+ „+raffinement
du libertinage+“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und
Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete
zurückhält.[602] +Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen+ ist das
einzig wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die
Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der
beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen.
Und da auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von
Andern abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten
in keiner Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem
Gewissen Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I,
109-131.)
Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die
Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches
genossen und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der
Erinnerung der Menschen. Man hat +Lucretia+ sehr bald vergessen,
während man sich +Theodoras+ und +Messalina’s+ erinnert, die in tausend
und abertausend Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber
den blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem
Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln
der Aufgeklärten auszusetzen, welches ihnen durch ihre Askese zu Teil
werden würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin
und die Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe
selbst als ein Vergehen.[603]
Sehr merkwürdig sind bei +Sade+ die vielfachen Anklänge an die
Ideen eines +Malthus+. Die heute ja zu einer brennenden Frage
gewordene Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach
einem Bericht, den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899
entnehmen, veröffentlichte Professor +Rossignol+ in Bordeaux vor
kurzem das im Jahre 1767 herausgekommene Werk des Abbé +Joubert+
„Die Entvölkerung und die Mittel ihr abzuhelfen“. +Es geht daraus
hervor, dass fast im ganzen vorigen Jahrhundert diese Frage die
Geister beschäftigte.+ Schon 1700 bis 1715 wurde eine thatsächliche
Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das Parlament von Dijon
hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die Gefahren der
Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als Ursachen der
Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter Ammen, schlechte
gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen; Missbrauch
geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden Klassen
sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen Aufwand
fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor, die
Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders
die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und
Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären.
Auch bei +Sade+ sind hauptsächlich +Frauen+ die Vertreterinnen des
Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die
Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung
würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit
und Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig
Tausende von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet
sogar, dass dem Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner
Rasse sehr fern liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von
Einzelnen geduldet werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz
aufbinden können, welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht
vernunftgemässer, wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu
sehen, als zu altern und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit
ist ein „schwaches Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“
für die ursprüngliche Absicht der Natur, wenn das Menschengeschlecht
ausstürbe. Nur die Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung
und alle Uebel, die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege,
Seuchen, Hungersnöte[604], Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen
u. s. w. bewirken positiv die Verminderung der Menschenrasse, während
jene Handlung, die ein blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen
bezeichnet, dass um seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches
Feuer zu Grunde gegangen ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern
lobenswert ist; denn sie verbindet zwei nützliche Dinge, sie schafft
Vergnügen und hindert die Vermehrung der Menschenrasse. (Phil. dans le
Boud. I, 100-101.) Daher ist eine der Hauptsünden aller Regierungen
die Vermehrung der Bevölkerung, die ohnehin nicht den Reichtum des
Staates bildet, da sie alsbald in höherem Grade wachsen wird als die
Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr werdet erkennen, was
daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben seit jeher Mittel
gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen, indem sie
Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne Almosen liessen
(ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s allzugrosse
Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl zwinge
und die überzähligen getötet werden müssten, die gleichgeschlechtliche
Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht sich diese
vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben genannten Werke
von +Rossignol+ auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution. Madame
Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie unsere
modernen Malthusianer, die längst über +Malthus’+ späte Heiraten
und „moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten
Praeventivmittel (Condome, éponges etc....)[605] -- Der entschlossenste
Malthusianer ist Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen
kräftigen Aderlass nötig habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen
vertrieben werden, die Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen
zerstört werden, und ein Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende
Hungersnot müssen das Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei
Drittel der Bevölkerung beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein
derartiger Versuch wird von der Borghese in Rom ausgeführt. Es
werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen mehr als 20000 Menschen
umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“ entwickelt der Bischof ein
vollkommenes System des praktischen Malthusianismus. Erstens muss der
Kindermord nicht nur gestattet, sondern sogar befohlen werden. Zweitens
müssen Regierungskommissare jährliche Rundreisen bei allen Bauern
machen und alle überflüssigen, die zulässige Zahl überschreitenden
Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die durch die Revolution
gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder genommen werden; es muss
wieder unters Joch. Viertens totale Unterdrückung aller öffentlichen
Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens Ehrung der Coelibatäre,
Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller geschworenen Feinde der
Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt werden! Sechstens einfache
Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV, 280-293.)
Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R.
+Malthus+ erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis +de
Sade+, der gleich +Malthus+ die Gefahren der Uebervölkerung schildert,
kann also als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die
französischen Physiokraten wie +Quesnay+ in seinen „Maximes générales“
und +Mirabeau+ in der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich
mit den Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen
wie Malthus entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst
gebührt, in einer Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre
diese zuerst formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in
den Mittelpunkt der Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen
erst aufgedeckt hat.“[607] Jedenfalls hat auch der Marquis +de Sade+
dieser wichtigen Frage ein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass
er nicht blos Personen geschildert hat, die Praeventiv- und sogar
positiv destruktiven Massregeln in der Populationistik das Wort reden,
beweist Zamé in „Aline et Valcour“, der den Incest und die Paederastie
verbietet, die Klöster aufhebt, indem er die Nonne mit dem Paederasten
vergleicht, die beide „frustrent la société“. Auch sorgt er für Findel-
und Waisenhäuser und unterdrückt den sich breitmachenden Egoismus.[608]
Seine +Theorien des Verbrechens+, welche mit den malthusianischen Ideen
aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis +de Sade+ an verschiedenen
Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten aber in der
„Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus einer im
Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“ erklärt
Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord
verändert nur die +Form+ der Materie, vernichtet diese letztere aber
nicht. Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen
von der Natur eingegeben und daher keine Sünde. (Justine I, 209 ff.)
-- Noch anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens.
Die Natur hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w.
gemacht. Dabei will sie auch +verschiedene+ Schicksale derselben, und
es wird von ihr bestimmt, dass die Einen glücklich werden, die Anderen
unglücklich. Letztere sollen von den Glücklichen gequält und gefoltert
werden. Das Verbrechen liegt also im „Plane der Natur“ und ist ihr so
nötig wie Krieg, Pest und Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil
findet das ganze Geheimnis der +Civilisation+ darin, dass die Schurken
und Schlauen sich bereichern, die Dummen unterdrückt werden. Der
Schwache ist von +Natur+ schwach und dem Starken auf Gnade und Ungnade
preisgegeben. Man handelt also +gegen die Natur+, wenn man als Starker
dem Schwachen hilft, statt ihn zu quälen und zu vernichten (Juliette I,
311-312).
In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die
Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie
können im allgemeinen auf +vier+ verschiedene Hauptverbrechen
zurückgeführt werden, auf die +Verleumdung+, den +Diebstahl+, die
+Sittlichkeitsverbrechen+ und den +Mord+.
Die +Verleumdung+ trifft entweder einen schlechten oder einen
tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man
über ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften
Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders
wird auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein
läuterndes und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend
erst ins rechte Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran
gelegen sein, die Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften
Handlungen werden dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht
gefährlich im sozialen Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die
Laster der schlechten Menschen als auch die Tugenden der guten ans
Licht zu fördern, darf somit nicht bestraft werden. (Phil. dans le
Boud. II, 78-81.)
Der +Diebstahl+ war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt,
z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend
betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit
erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat
sogar Völker gegeben, wo der +Bestohlene+ bestraft wurde, weil er
sein Eigentum nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz
durch ein Gesetz zu sanctionieren, da hierdurch allen Verbrechern die
Thüren geöffnet werden, welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen
Besitz zu sichern.[609] Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen
zu züchtigen als den Dieb. (Phil. dans le Boud. II, 81-84.) Nach
Dorval, diesem grossen Diebe und Theoretiker seines Berufes, ist die
+Macht+ die erste Ursache des Diebstahls. Der Mächtige bestiehlt den
Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze gegen den Diebstahl
sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt „juridiquement“. Die
Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung bezahlen lässt, die
eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der Priester stiehlt,
indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und Mensch bezahlen
lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den reellen Wert
verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von Steuern.
Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den verschiedenen
Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende der Regierung
+Ludwig’s+ XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich bezahlte, wovon
nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich sind 500
Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203-222.)
+Alcide Bonneau+ macht darauf aufmerksam, dass +Proudhon+ in seinem
berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben
Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei +Sade+, entwickelt.
+Proudhon+ zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610]
Im 18. Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie +Roscher+ ausführlich
darlegt.[611]
Auch die +Sittlichkeitsverbrechen+ müssen in einem republikanischen
Staate als ganz gleichgültig betrachtet werden, da diesem nichts daran
liegen kann, ob seine Bürger keusch sind oder nicht.
Die +Schamhaftigkeit+ ist ein Produkt der Civilisation, vor allem der
Koketterie der Frauen, denen auch die Kleidung viel mehr zu danken ist
als der Ungunst der Witterung u. s. w. Viele Völker gehen noch heute
nackt, ohne unsittlich zu sein. Im Gegenteil entsittlicht die Kleidung
durch Erregung von Begierden, Reize zu sehen, die durch sie versteckt
werden, von denen man kaum Notiz nehme; wenn sie unbedeckt wären. Die
+Prostitution+ ist die natürliche Folge der Sittlichkeitsgesetze.
Sie wird deshalb als eine Schande betrachtet, weil die Prostituierten
für die Genüsse, die sie den Männern bieten, die sie aber auch selber
empfinden, Geschenke annehmen. Dann ist die Ehe auch Prostitution. Denn
der Mann bekommt in den meisten Fällen nur dann eine Frau, wenn er sie
zu erhalten im Stande ist. Ebenso, wie wir allen Männern das Recht zum
Genusse einräumen, müssen wir es auch den Weibern geben, da ohnehin im
Naturzustande der Menschheit die Weiber allen Männern gehören, ebenso
wie dies im Tierreich der Fall ist. Ausserdem wird das Weib mit einem
brennenden Hang zum Genuss geboren. Die Folgen einer solchen Freiheit,
Kinder ohne Väter, sind in einer Republik nicht nachteilig; denn alle
Menschen haben eine gemeinschaftliche Mutter, das Vaterland (!!). Die
Freiheit des Genusses muss dem Mädchen vom zartesten Alter gestattet
werden. Durch Liebesgenüsse werden die Weiber ausserordentlich
verschönert. (!!)
Der +Ehebruch+ ist eine Tugend. Es giebt nichts Naturwidrigeres als die
„Ewigkeit“ der ehelichen Bande. Dies ist das drückendste, was es giebt.
Die Nützlichkeit des Ehebruchs wird durch zahlreiche ethnologische
Beispiele bewiesen.
Ebenso ist die +Blutschande+, der +Incest+ eine Tugend! Sie „dehnt
die Freiheit aus“ und schärft die verwandtschaftliche Liebe (!!).
Die Urinstitutionen waren sogar der Blutschande günstig. Man findet
sie überall beim Ursprung des „Gesellschafts-Vertrages“. Wiederum
werden zahlreiche ethnologische Beweise dafür beigebracht. -- Diese
Sitte müsste sogar zum Gesetz (!!!) gemacht werden, weil hier die
„Brüderlichkeit“ als Basis dient. Wie konnten auch die Menschen so
einfältig sein, gerade denen, die berufen sind, einander am meisten zu
lieben, dies nicht zu gestatten. Die Gemeinschaft der Weiber schliesst
natürlicherweise auch die Blutschande in sich.
Die +Notzucht+ ist ebenfalls kein Verbrechen und sogar weniger
schädlich als der Diebstahl. Denn dieser raubt das Eigentum, während
jene es nur verschlechtert. Ausserdem begeht der Notzüchter eine
Handlung, die früher oder später mittelst einer kirchlichen Sanction
doch von einem Anderen begangen worden wäre.
Die +Paederastie+ zu bestrafen, ist eine Barbarei, da eine „Abnormität
des Geschmackes“ kein Verbrechen sein kann. Ebensowenig ist die
+Tribadie+ ein Laster. Beide Gewohnheiten standen bei den Alten
in hoher Achtung. Die Paederastie, insbesondere war stets bei
kriegerischen Völkern im Schwange, da sie Mut und Tapferkeit einflösst.
(Phil. dans le Boud. II, 84-114.)
Endlich ist als vierte Gattung der sogenannten und angeblichen
„Verbrechen“ der +Mord+ zu untersuchen, und zwar muss man fragen, ob
diese Handlung in Bezug auf die Naturgesetze und auf die politischen
Gesetze, ob sie der Gesellschaft schädlich ist, wie sie unter einer
republikanischen Regierung betrachtet werden muss, und ob der Mord
durch einen Mord gerächt werden soll.
Vom Standpunkt der Natur ist der Mord kein Verbrechen. Denn zwischen
den Menschen, den Pflanzen und den Tieren existiert kein Unterschied.
Denn auch der Mensch wird geboren, er wächst, vermehrt sich, stirbt
ab und wird zu Staub und Asche nach einiger Zeit, zufolge seiner
organischen Beschaffenheit. Es wäre also ein ebenso grosses
Verbrechen, ein Tier zu töten, denn nur unsere Eitelkeit hat einen
Unterschied erfunden. Von welchem Werte kann überhaupt ein Geschöpf
sein, welches zu schaffen die Natur keine Mühe kostet? Auch sind die
schaffenden Stoffe der Natur gerade diejenigen, die aus der Auflösung
anderer Körper hervorgehen. Die Vernichtung ist ein Naturgesetz, ist
aber nur eine Veränderung der Form, der Uebergang von einer Existenz
zur andern, die Metempsychose des Pythagoras. Also ist das Töten kein
Verbrechen, da eine +Veränderung+ keine +Vernichtung+ ist. Sobald ein
Tier zu leben aufhört, bilden sich aus demselben sofort kleinere Tiere.
(!) Daher ist es sehr vernunftgemäss, zu behaupten, dass die Hülfe, die
wir der Natur in der Veränderung der Form leisten, ihre Zwecke fördert.
Es sind +Naturtriebe+, dass der Mensch den anderen töte, wie die Pest,
die Hungersnot und die Elementarereignisse. Nur die Natur hat uns den
Hass, die Rache, den Krieg gegeben. Mithin ist der Mord kein Verbrechen
gegen die Natur.
Auch ist er ein grosser Faktor in der Politik. Durch Morde wurde
Frankreich frei. Was ist der Krieg? Eine Wissenschaft des Verderbens.
Sonderbar, die Menschen lehren die Kunst des Ermordens öffentlich,
belohnen diejenigen, die ihre Feinde töten, und verdammen den Mord doch
als Verbrechen.
In sozialer Hinsicht ist der Mord ebenfalls kein Verbrechen. Was liegt
der Gesellschaft an einem einzelnen Mitgliede? Der Tod eines Menschen
übt keinerlei Einfluss auf die ganze Volksmasse. Selbst wenn drei
Viertel der Menschen ausstürben, würde keine Aenderung im Zustande der
Uebriggebliebenen eintreten.
Wie muss ein Mord im kriegerischen und republikanischen Staate
betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um
die Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten.
Alle intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der
Natur“ unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem
Morde am meisten hin. Hierfür führt +Sade+ zahlreiche Beispiele an.
Z. B. wirft man in China die Kinder, die man nicht behalten will,
ins Wasser, und der berühmte Reisende +Duhalde+ giebt die Zahl der
täglich so Ausgesetzten auf mehr als 30000 an! Ist es nicht sehr
weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen in einer Republik Dämme
entgegenzusetzen? In Monarchien muss die Bevölkerung begünstigt werden,
weil die Tyrannen nur durch die Zahl der Einwohner reich werden können.
Revolutionen sind nichts anderes als die Wirkung der Uebervölkerung.
Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige
Dich“, sagte +Ludwig+ XV. zu +Charolais+, der einen Menschen zur
Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich
töten wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in
diesen „erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man
ihn nicht bestrafen.
Diese vom Marquis +de Sade+ entwickelten Ideen entspringen keineswegs
dem Gehirn eines Wahnsinnigen. +Es sind ganz ähnliche Ideen von den
grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt
worden+. Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl
gar Verwirrung des öffentlichen Rechtsgefühls +durch Revolutionen+“
aus.[612] Es ist bemerkenswert, dass der Marquis +de Sade+ in seinen
vorrevolutionären Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und
Morde keine oder doch nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während
unter den Eindrücken der Revolution beide in sein System der sexuellen
Theorien aufgenommen wurden.