6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade.

„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind

die Werke, denen der Marquis +de Sade+ seinen herostratischen Ruhm

verdankt. Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und

erträglich im Vergleich mit den eben genannten. +Marciat+ nennt deshalb

die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den

„kleinen Sadismus“.[585]

„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an

avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre

1795. +Girouard+ wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von +Sade+

beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung

verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman

heimlich gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau

+Girouard’s+. Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem

Titel in den Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler

+Maradan+ die Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und

brachte das Werk so in den Handel.[586] Es ist, wie +Marciat+ richtig

vermutet, unzweifelhaft ein Vorbild der „Justine et Juliette“, da es

fast dieselben Charaktere schildert. Valcour, ein tugendhafter junger

Mann liebt Aline, die edle Tochter der edlen Frau des grausamen und

lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser möchte seine Tochter

gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten, zumal da er schon

früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter hält, diesem

alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn dieser

Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten geben,

um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft

zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de

Blamont wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster,

Dolbourg wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa

und Leonore sind zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert.

Leonore, die überall Glück hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch

an sonstigen interessanten Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis

auf die Vergiftung und einige Flagellationsszenen enthält „Aline et

Valcour“ keine Schilderungen von Grausamkeiten.[587]

+Quérard+ meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert

habe und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]

Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques

et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine

Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“,

„Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in

denen der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich

aber siegt die Tugend. Der Marquis +de Sade+ handelt über diese

Sammlung in seiner polemischen Schrift gegen +Villeterque+.[589]

Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb +Sade+ die „Idée

sur les Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die

Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine

historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde

der Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die

Geschichte ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten

Roman schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück

oder Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über

die cynische Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat,

als ungerechtfertigt zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es

verabscheut werde. Die gefährlichsten Werke sind die, welche es

verschönern und in glänzenden Farben schildern. Nein, es muss in seiner

ganzen Nacktheit vor Augen stehen, damit es in seinem wahren Wesen

erkannt und gemieden werde.

Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches +Sade+ die Ungnade

+Napoléon’s+ zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in

Paris. Zoloé ist +Josephine de Beauharnais+, die Gattin +Bonaparte’s+.

Sie wird als eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre

Freundin Laureda (Madame +Tallien+), eine Spanierin, ist „ganz Feuer

und ganz Liebe“, sehr reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste

befriedigen. Sie und Volsange (Mad. +Visconti+) nehmen mit Zoloé an den

Orgien mit ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt

man +Bonaparte+ in dem Baron d’Orsec und +Barras+ in dem Vicomte de

Sabar. Ein Wort allein würde genügt haben, wie +Cabanès+ sagt, um den

Verfasser zu enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la

+vertu+). Er erklärt in „Zoloé“: „Qu’on se rappelle que nous parlons

en historien. Ce n’est pas notre faute si nos tableaux sont chargés

des couleurs de l’immoralité, de la perfidie et de l’intrigue. Nous

avons peint les hommes d’un siècle qui n’est plus. Puisse celui-ce

en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux +les charmes de la

vertu+!“

Von den +Komödien+ des Marquis +de Sade+ sind nur „Oxtiern ou les

Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des

Verbrechens gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“

(Manuscript), eine Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 77 / 180 题