Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“ erschien
zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de Justine“
in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden mit 10
Bildern und seitdem öfter.
Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von +Mirabeau+
und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des +Nicolas Chorier+. Das
Hauptthema: die +Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster+ wird in
Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab
und zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen
unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen
Erörterungen.
Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die
Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch
widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren
Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch
kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter
als Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in
Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf
diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch
zum Glück zu leiten im Stande ist.
„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein möge,
verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen
Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in
Fesseln hält.
„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten
worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften
Moral erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der
glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie
es thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern
eingeprägt wurden.
„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine
anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden
leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch
der Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit,
wenn Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen
bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur
eine Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes
und Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man
seinem Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich
der Mensch, welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese
Weise aus den Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“
Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im
ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier
de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit
ihr in Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv
und tritt in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des
Dolmancé zurück. Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit
seiner geistreichen Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er
ist nach Mirvels Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften
Lebenswandel hart geworden und besitzt anstatt des Herzens nur
tierische Begierden. Er ist Paederast und hört nicht auf, in Apologien
dieses Lasters zu schwelgen.
Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine
Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange
unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im
Laster erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral
ausgeredet und sie so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung
anvertrauen will. So soll sie denn heute -- die ganze Handlung
spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab -- in die Mysterien des
Venusdienstes und -- Sodoms eingeweiht werden. Eugenie kommt und
verrät ihre wahre Natur sofort durch das Bekenntnis, dass sie ihre
Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé erscheint als Letzter
und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange Scham heuchelt,
zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen und weiblichen
Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt darauf in
den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“ Unterricht.
Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der Chevalier und
ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass Eugenie das
Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend, als Eugenie
sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt hat, kommt
ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter den
Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von
einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische
geht, muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.
Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden
durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.