4. Analyse der „Juliette“.

Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“,

die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung

der „Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft

infernalischen Bildern schildert.

Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont

erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“

seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame

Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die

Juliette und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende

Freundin Euphrosine in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht.

Sie besitzt „le tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und

ist von einer „deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen

Mädchen von 8 bis 15 Jahren ihr materialistisches und antimoralisches

System der Philosophie, hat +Holbach+ und +La Mettrie+ studiert,

definiert das Gewissen als ein „Vorurteil, das durch die Erziehung

eingepflanzt wird“, spricht von Nerven- und Elektricitätsfluida,

objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w. Sie inszeniert

grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de Volmar,

„die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die

17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie,

sowie Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und

bescheiden. Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird

die Virginität ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène

vermittelst eines Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze

Gesellschaft nachts durch ein Grab in der Kirche in die Katakomben des

Klosters hinab. In diesen befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern

versehener, künstlerisch ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige

Laurette ihrer Defloration harrt neben zwei Mönchen, dem 30jährigen

Abbé Ducroz, Grossvikar des Erzbischofs von Paris, der besonders

mit der Aufsicht über das Kloster Panthémont betraut ist, und dem

36jährigen Pater Télème, einem Franziskaner und Beichtvater der Novizen

und Pensionärinnen des Klosters. Mit cynischer Offenheit erklärt die

Delbène der erstaunten Juliette, dass man sich hier mit den Priestern

zum Zwecke sexueller Ausschweifungen und Grausamkeiten (horreurs,

atrocités), versammle, möglichst fern von der Oberwelt. Hier werden

die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun folgenden Orgien spielt

die natürliche und künstliche Paedicatio inter mulieres et viros eine

grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten Mädchen empfohlen

mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais de maladies, et

des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem Tische

festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit

den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die

arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen.

Die Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette

mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man

in den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von

ihr ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer

Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende.

Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der Delbène

sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer gewissen

Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich befindet.

Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester Justine.

Vom Kloster kommt also Juliette ins Bordell, wo sie allerlei Abenteuer

erlebt. Die einsame Lage dieses Bordells haben wir bereits geschildert

(S. 135). Juliette verkehrt hier mit Prinzen, Edelleuten, reichen

Bürgern u. s. w., ist bald als Hofdame, bald als Grisette, bald als

„Poissarde“ gekleidet und kommt allen möglichen Gelüsten entgegen. Sie

schliesst Freundschaft mit Fatime, einer 16jährigen Prostituierten,

deren Spezialität das Bestehlen ihrer Kunden ist, wozu einer der

berühmtesten Diebe von Paris, Dorval, sie angeleitet hat, der sich

durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichten,

diese durch Dirnen verführen und berauben lässt, wobei er heimlich

zuschaut, unter starker sexueller Erregung. Er besitzt bereits 30

Häuser. Eines Tages müssen Juliette und Fatime zwei ehrliche Deutsche

Scheffner und Conrad, bestehlen, nachdem sie dieselben durch Weine

berauscht haben. Diese werden dann nackt in einer finsteren Strasse

ausgesetzt. +Dorval+, dessen sexuelle Perversität der cunnilingus

post coitum alterius viri ist, entwickelt in einer langen Rede seine

Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls, dieser „pierre angulaire

de la société.“ Darauf lässt er Fatime und Juliette in eine dunkle

Folterkammer werfen, wo er sie durch zwei Knechte entkleiden lässt

und dann unter ungeheurer erotischer Erregung seinerseits ihnen das

Todesurteil verkündet, das an dem bereitstehenden Galgen vollzogen

werden soll. Es wird dann an Beiden eine Scheinhinrichtung vollzogen.

Dorval befriedigt seine Lust an den Scheintoten, die darauf nackt in

einem Wagen zur Duvergier zurückgebracht werden.

Hierauf wird Juliette zu dem Erzbischof von Lyon in die Abtei von

Saint-Victor in Paris geschickt. Dieser Gotteshirte paedicat eam unter

Assistenz einer gewissen Lacroix und wird zum Schluss von einer

dritten Frau mit Ruthen gepeitscht.

Nachdem Juliette glücklich der Gefahr der Ansteckung durch einen mit

schwerer Syphilis behafteten Mann entgangen ist, der besonders durch

den Gedanken ergötzt wird, seine Schönen zu infizieren, macht sie die

Bekanntschaft eines gewissen Noirceuil, eines reichen Wüstlings und

grandiosen Bösewichts. Dieser empfindet das absonderliche Bedürfniss,

dass seine Frauen -- er besitzt deren bereits die 18te -- Zeuginnen

aller seiner Ausschweifungen und ihm sogar dabei behilflich sein

müssen. Ausserdem begehrt er nur Jungfern. Zwei nackte Knaben müssen

während dieser Orgien seine eigene Frau schlagen und stechen. Diese

muss dann ebenfalls in adamitischer Tracht bei dem der Orgie folgenden

Mahl Noirceuil und seine Maitressen bedienen.

Noirceuil macht der Juliette ein überraschendes Geständnis: „Ich

habe Ihren Vater wohl gekannt. Ich bin nämlich der Urheber seines

Bankerotts. Ich habe ihn ruiniert. Ich verfügte einen Augenblick über

sein ganzes Vermögen, konnte es verdoppeln, oder es in meine Hände

übergehen lassen! Consequent meinen Principien habe ich +mich+ ihm

vorgezogen. Er ist im Ruin gestorben, und ich habe 300000 Livres

Rente. Nach diesem Geständnis müsste ich nun eigentlich das Unglück

gut machen, in das ich Sie gestürzt habe. Aber das wäre eine Tugend.

Ich werde das nicht tun; denn ich verabscheue die Tugend zu sehr.

Dies richtet unübersteigliche Schranken zwischen uns auf. Ich kann

Sie nicht wiedersehen.“ -- Nach dieser gemütlichen Auseinandersetzung

des Verderbers ihres Vaters bricht Juliette in ein Jubelgeschrei aus:

„Schrecklicher Mensch, wie sehr ich auch das Opfer Deiner Laster

bin, ich liebe dieselben! Ja, ich bete Deine Grundsätze an.“ -- „O,

Juliette, wenn Du alles wüsstest!“ -- „Lass mich alles erfahren!“

-- „Dein Vater, Deine Mutter!“ -- „Was denn?“ -- „Ihre Existenz

konnte mich verraten... Ich musste sie opfern; ich habe sie kurz

hintereinander durch ein Gift umgebracht, das ich ihnen beim Souper in

meinem Hause ins Essen mischte.“ Nach dieser schrecklichen Enthüllung

ruft Juliette: „Ungeheuer, Du machst mich schaudern, aber ich liebe

Dich!...“ „Den Henker Deiner Familie?“ -- „Was macht das? Ich urteile

über alles ‚par les sensations‘. Die von Dir Gemordeten haben mir

keine solchen Sensationen erregt, aber Dein Geständnis, dass Du ihr

Mörder bist, entflammt mich, und erregt meine Geschlechtslust.“

Die Idee, de devenir la putain du bourreau de tous ses parents,

verursacht ihr höchste Wonne. Noirceuil, hoch erfreut, eine solche

Gesinnungsgenossin gefunden zu haben, behält sie bei sich in seinem

Hause. Sie besucht aber immer noch das Bordell der Duvergier. Diese

hält auch ein Absteigequartier für vornehme, sich prostituierende Damen

und junge Mädchen, die alle mit einem mehr oder weniger hohen Grade von

Nymphomanie behaftet sind und ihr Leben teils in der Predigt und Messe,

teils im Bordell verbringen. Darunter befinden sich wieder verschiedene

sexualpathologische Typen. Die Herzogin von Saint-Fal, die Tochter

eines Parlamentsrates, verkauft gern ihre „pucelage antiphysique“ und

eine Frau liebt nur den Umgang mit Priestern.[578] Noirceuil bekommt

jeden Abend von der Duvergier eine Jungfrau geliefert, die in Gegenwart

Juliettens, der beiden Knaben und seiner Gattin ein Opfer seiner

Lüste wird. Einmal lässt die Duvergier Juliette und sechs andere

Mädchen an einer Orgie bei einem Millionär Mondor teilnehmen. Mondor,

ein decrepider Greis von 66 Jahren, bedarf endloser Vorbereitungen,

um sein Ziel zu erreichen. Er muss durch eine tribadische Szene der

sechs Mädchen, durch künstliche Paedicatio und durch defaecatio in

os potent gemacht werden ad paedicationem. Juliette stiehlt diesem

erotischen Scheusal 60000 Fr., findet aber bei ihrer Rückkehr nach

dem Hause Noirceuil, dass sie dort gleichfalls bestohlen worden ist

und zwar von Noirceuil selber, der aber Juliettens Kammermädchen

Gode anschuldigt und ins Gefängnis Bicêtre werfen lässt, nicht ohne

vorher diese Heldenthat durch eine Orgie gefeiert zu haben und nicht

ohne nachher einen grossen Vortrag über das Verbrechen und dessen

Nützlichkeit zu halten. -- Juliette trifft sich dann im Auftrage der

Duvergier mit drei jungen Modistinnen im Café de la Port Saint-Antoine,

um zu einem Herzog Dendemar in St.-Maur zu fahren, dessen Manie die

Flagellation von Mädchen, am liebsten von nicht prostituierten ist,

wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlt. Auch lacerat

digitis cunnum, bindet um Juliettens Leib einen Dornenkranz, giesst

brennendes Oel über die nackten Leiber der vier Mädchen. Juliette

bestiehlt ihn ebenfalls um eine grosse Summe, trennt sich dann

endgültig von der Duvergier und lebt ein Jahr im Hause Noirceuils, ab

und zu auf eigene Abenteuer ausgehend, bis Lubin, der Kammerdiener

des von ihr bestohlenen Herzogs Dendemar sie eines Tages sieht, sie

überfallen und gefangen setzen lässt. Sie wird aber von Noirceuil durch

Vermittelung des Staatsministers Saint-Fond befreit und veranlasst,

dass eine ihrer Begleiterinnen zu dem Herzog Dendemar als die Diebin

denunciert wird, worauf sich Noirceuil und Juliette an dem Gedanken

wollüstig berauschen, dass nun die unschuldige Minette wegen des ihr

aufgebürdeten Diebstahls gehängt werden wird. Noirceuil teilt Juliette

mit, dass sein Freund Saint-Fond aus Freude über ihr Verbrechertalent

ihr eine sehr bedeutende Summe schenkt. Darauf begeben sie sich zu

einem Souper bei diesem Minister.

Saint-Fond ist ein Mann von 50 Jahren, ein falscher und grausamer

Wüstling, Verräter und Dieb. Er hat zahlreiche „lettres de cachet“

angefertigt, und mehr als 20000 Menschen schmachten auf seine

Veranlassung in den königlichen Festungen, von denen, wie er sagt,

„nicht ein einziger schuldig ist.“ Der erste Parlamentspräsident

d’Albert ist ebenfalls beim Souper anwesend. Ausserdem Madame

Noirceuil, vier Jungfrauen und Juliette. Sechs nackte als Frauen

frisierte Knaben servieren. Jeder der drei Wüstlinge hat also je

zwei Knaben zu seiner Verfügung. d’Albert verspricht Julietten einen

Sicherheitsbrief, der sie gegen jede gerichtliche Verfolgung, für

welches Verbrechen es auch sei, schütze, und Saint-Fond sichert ihr

das gleiche zu, verlangt aber, stets von ihr mit der gebührenden

Hochachtung behandelt zu werden und stets von ihr mit dem seinem

Reichtum und Range gebührenden Titel „Monseigneur“ angeredet zu werden.

Er gehört zu den wenigen „Genossen“, die wie die Gestirne am Firmament

die Welt erleuchten, ohne jemals zu ihr herabzusteigen, kurz, er

leidet an Grössenwahn und dünkt sich mehr zu sein als der König. Er

hasst die ganze Welt ausser Noirceuil, d’Albert und einigen Anderen.

In sexueller Beziehung non amat anum nisi sordidum, faeces edit

atque ejaculatio ejus maximo fit cum delirio. Dabei wird er als der

Typus eines schönen, kraftvollen und gesunden Menschen beschrieben.

Er ist Alkoholist. Im Verlauf der nun folgenden Orgie wird die Frau

des Noirceuil auf schreckliche Weise getötet. Man reibt ihr den ganzen

Körper mit Spiritus ein, steckt brennende Lichter in omnia orifica

corporis, so dass sie am ganzen Leibe verbrannt wird und vergiftet sie

schliesslich, wobei unter dem Jauchzen des Gatten Noirceuil die übrigen

Anwesenden dem Todeskampfe zuschauen. Juliette wird dann von dem

Minister Saint-Fond zur Arrangeurin seiner geheimen Orgien bestimmt,

richtet sich mit seinem Gelde ein grosses Hôtel in der Rue du Faubourg

Saint-Honoré ein, erwirbt ein hübsches Landgut oberhalb von Sceaux,

eine sehr wollüstig eingerichtete „petite maison“ an der Barrière

Blanche, das für die Soupers seiner Excellenz bestimmt ist. Sie wird

als 17jährige Schönheit in die sie bewundernde Gesellschaft eingeführt,

hat vier Kammerfrauen, eine Vorleserin, zwei Nachtwärterinnen, eine

Haushälterin, einen Coiffeur, einen Koch, zwei Dienerinnen, drei

Equipagen, zehn Pferde, zwei Kutscher, vier Lakaien und zwölf --

Tribaden zu ihrer Verfügung. Ausserdem setzt sie der Minister, der

Giftmord im Grossen betreibt, an die Spitze des „Departements der

Vergiftungen“. Er setzt ihr die Notwendigkeit auseinander, in der

sich oft der Staat befindet, irgend eine unbequeme Persönlichkeit zu

beseitigen. Juliette soll diese Leute vergiften und für jeden Mord

30000 Francs bekommen. Es sind wohl fünfzig in jedem Jahr. Das macht

für sie eine Rente von 1500000 Francs. Die Opfer der geheimen Orgien

-- denn man tötet gewöhnlich drei Mädchen bei jedem Souper -- es

giebt zwei Soupers in der Woche -- werden das Stück mit 20000 Francs

bezahlt. Juliette erhält also 12000 Livres Rente aus ihren persönlichen

Einkünften, eine monatliche Pension von Noirceuil, eine Million von

Saint-Fond für die allgemeinen Kosten der Soupers, die Anweisungen

auf 20 oder 30000 Francs für jedes Opfer, im ganzen jährlich 6734000

Francs. Saint-Fond fügt noch 210000 „Livres de menus plaisirs“ hinzu.

Er kann dies ja mit Leichtigkeit thun, da es nicht sein Geld ist,

sondern das des Staates, den er ausplündert.

Die Amüsements bei den „petits soupers“ und in den wollüstigen Boudoirs

der Barrière-Blanche beginnen nunmehr und werden von Juliette in der

vortrefflichsten Weise geleitet. Saint-Fond, der zu diesen Vergnügungen

auch einen königlichen Prinzen zugezogen hat, lässt durch Juliette

seinen eigenen Vater vergiften, führt dann zusammen mit Noirceuil

seine Tochter, mit der er längst im Incest lebt, zu dem Sterbenden

und ante oculos ejus eam paedicat. Dasselbe thut Noirceuil. Welch ein

Genuss für Saint-Fond! Er ruft triumphierend aus: „Je parricidais,

j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais!“ Hierauf

folgt ein luxuriöses Mahl, bei dem kleine Mädchen brennende Lichter ano

inseruntur, so dass sie schliesslich verbrannt werden. Andere Mädchen

werden auf den Bratspiess gesteckt und lebendig geröstet. Juliette

wünscht noch eine jüngere Freundin und in Grausamkeiten erfinderische

Gehilfin, worauf man sie mit Lady Clairwil, einer kalten, herzlosen

englischen Schönheit bekannt macht. Diese, den Freuden der Tafel bis

zum Uebermass huldigende Gourmande, ist leidenschaftliche Tribade und

Männerfeindin. Sie verübt nur gegen Männer ihre Grausamkeiten. Sie

liebt passive und aktive Flagellation in gleicher Weise, was sie

gleich bei einer tribadischen Orgie mit Juliette und vier anderen

Frauen beweist. Zum Ueberfluss engagiert Saint-Fond noch den Henker

von Nantes, Delcour, zur Vollziehung der geheimen Hinrichtungen.

Der Gedanke, mit einem veritablen Henker zusammen zu sein, erregt

in Juliette die höchste Wollust. Sie lässt sich von Delcour, der

ausführt, dass besonders die Libertinage zur Grausamkeit und zum

Verbrechen führe, flagellieren und zugleich mulier ei cunnilingum

facere debet. Darauf werden unter Assistenz von Clairwil und Delcour

die entsetzlichsten Grausamkeiten verübt. Cloris, ein Verwandter

Saint-Fond’s, dem dieser seine ganze Carrière verdankt, wird gerade

deswegen zum Opfer ausersehen, zumal da seine Frau und Tochter dem

begehrlichen Ansinnen des Saint-Fond nicht nachgegeben haben. Dieser

hat die beiden Frauen bei der Königin Marie-Antoinette verleumdet,

die ihm drei Millionen (!) für ihre Ermordung zur Verfügung stellt.

Nachdem die ganze Familie in die Falle gelockt ist, wird sie zunächst

gezwungen, die scheusslichsten Arten von Incest mit einander zu

begehen. Dann werden Vater, Mutter und Kinder, einer nach dem anderen,

hingemordet. Recht langsam muss der Henker Delcour der Tochter des

Cloris den Hals abschneiden, damit Saint-Fond als ihr Paedico maximam

habeat voluptatem. Juliette hat einen Saal schwarz drapieren lassen,

in dessen zahlreichen Nischen sich puellae nudae befinden. Die Köpfe

der Getöteten werden dort aufgehängt, um später der Königin gebracht

zu werden. Ausserdem befestigt man an den Wänden die -- Nates!

Zahlreiche Folterinstrumente werden herangeschleppt. Ein Mädchen Fulvie

wird gerädert. Anderen werden die Augen ausgestochen, die Glieder

zerbrochen. Ein Jüngling wird in einen hohlen, innen mit scharfen

Klingen besetzten Cylinder, den ein Folterknecht wie eine Kaffeemühle

dreht, in kleine Stücke zerschnitten.

Nach einigen Tagen werden Clairwil und Juliette von Verwandten des

ermordeten Cloris überfallen, aber durch Saint-Fond befreit, wobei

Clairwil und Juliette in coitu zwei Männer erschiessen. Saint-Fond

erdrosselt in derselben Situation ein Mädchen. Faustine und Felicitas,

Dormon und Delnos, die beiden Schwestern der Frau Cloris und ihre

Verlobten, werden nach einem „enormen Diner“ geopfert. Dormon wird

„in einem Augenblick“ geknebelt, die Clairwil zerfleischt ihn mit den

Zähnen, worauf er von zwei alten Weibern aufs Rad geflochten wird.

Faustine, die mit den Haaren an der Decke aufgehängt ist, stirbt vor

Schreck. Delnos wird von Juliette mit Nadeln zerstochen[579], Felicitas

wird lebend „gepfählt“. Clairwil lässt den noch lebenden Delnos wie

„Jésus, ce plat coquin de Galilée“, kreuzigen. Zum Schluss wird ein

natürlicher Sohn des Saint-Fond, der Marquis de Rose vergiftet. Ebenso

lässt Saint-Fond die Mutter des Marquis umbringen, um sich in den

Besitz ihres grossen Vermögens zu setzen.

Auch auf ihrem Landgut verübt Juliette Greuelthaten. So fährt sie eines

Tages in der Umgebung von Sceaux spazieren, kommt an die Hütte eines

braven Bauern, der über den Besuch einer „so grossen Dame“ ganz ausser

sich gerät. Sie lobt die Reinlichkeit und Ordnung in dem Häuschen, die

heiteren Mienen der Kinder, das anständige Verhalten der Familie und

-- benutzt einen Augenblick der Abwesenheit des armen Mannes, um Feuer

anzulegen. Dieser findet bei seiner Rückkehr die Hütte in Flammen,

die Kinder lebendig verbrannt, da Juliette Sorge getragen hat, alle

Ausgänge verschliessen zu lassen. Sie amüsiert sich über den Schmerz

des Unglücklichen und eilt dann nach Paris, um ihr Heldenstück der Lady

Clairwil zu erzählen. Diese runzelt beim Anhören der Geschichte die

Stirne wie ein Institutsprofessor. Denn es fehlt noch etwas. Man hätte

den Bauern selbst als Brandstifter anzeigen müssen, damit er gehängt

oder gerädert worden wäre!

Diese vortreffliche Lehrerin führt Juliette, um deren mangelhafte

Erziehung zu vollenden, in die „Gesellschaft der Freunde des

Verbrechens“ ein, deren Haus sich in einer Vorstadt von Paris befindet.

Die Einrichtung desselben ist bereits beschrieben worden (S. 137).

Nach Vorlesung der 45 Statuten, aus denen hervorgeht, dass nur die

grössten Verbrecher und Lüstlinge in diese ehrenwerte Gesellschaft

aufgenommen werden, wird Juliette aufgenommen, und unerhörte erotische

Ausschweifungen folgen, an denen wiederum die Geistlichkeit sehr stark

beteiligt ist. Episcopus in nasum suum mingi imperat. Femina ad feminae

alterius mammam defaecat. Julia clysteribus excitatur. Ein Mann lässt

sich eine grosse Zahl von Nadeln in die testes et nates stossen.

Ein Anderer per duas horas lingit os, oculos, aures, nares, spatia

interdigitalia pedum, anum. Senex devorat faecem filiae, quam paedicat.

Depilat alter cunnum filiae lingua lambens anum. Clairwil trinkt das

Blut eines von ihr getöteten Knaben und edit testes. In +vier+ Sälen

für „Masturbation, Geisselung, Folter und Hinrichtungen“ werden diese

scheusslichen Wollustorgien gefeiert und die grässlichsten Inceste

begangen. An bombastischen Reden über die Herrlichkeit des Lasters

fehlt es ebenfalls nicht, und man ist im Zweifel, wer das meiste

Vergnügen hat, der „coniste“, der „bougre“, der „masturbateur“ oder der

„f...... en bouche“!

Aber weder Saint-Fond, noch Noirceuil, weder ihr halbes Dutzend

Lakaien, das aus den stärksten Kerlen ausgewählt ist, noch ihre

zwölf Tribaden, noch Clairwil, die alle zusammen aufwiegt, weder

die zahllosen männlichen und weiblichen Opfer, die Soupers und die

Harems der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“, können dem

unersättlichen Temperament unserer Heldin Genüge leisten. Sie braucht

noch allerlei sonstige Zerstreuungen. Clairwil und Juliette gehen

bei dem Karmelitermönch Claude zur Beichte, bei welcher Gelegenheit

sie entdecken, dass dieser wunderbare Mann drei -- Testikel hat und

er ihnen gesteht, dass er seinen Klosterbrüdern als Pathicus diene

und auch ein grosser Atheist sei. An der Barrière de Vaugirard hat

dieser Diener Gottes ein kleines Separatlogis, in dem die beiden

Freundinnen gute Weine, mollige (mœlleux) Sophas und eine ausgewählte

pornographische Bibliothek finden, ausserdem Godmichés, Condome und

„Martinets“. Aber lange soll die Freude des braven Mönches nicht

dauern. Er wird eines Tages von den Beiden in einen Hinterhalt gelockt

und ablatione membri virilis facta, das Clairwil als Godmiché benutzt,

getötet.

Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole,

ein schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige

Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier,

dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater

durch Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen

Grundsatzes sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. +Bernole ist

ihr wirklicher Vater+ und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt

der Gedanke eines Incestes mit diesem Elenden in der zartfühlenden

jungen Dame auf. Sie realisiert diese Idee und lässt sich absichtlich

von ihrem eigenen Vater schwängern, den sie dann in Gegenwart der

sich an ihr sexuell bethätigenden Noirceuil, Saint-Fond und Clairwil

erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der Tochter Saint-Fond’s,

die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen, bereits von

ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht ist,

trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss einer

Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei „Satansmessen“

gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen Bekanntschaft sie durch

Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat die Manie, kleine

Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden zu lassen,

sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo sanguis

decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist er

ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass

ein Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann;

das macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur

zum vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede

Generation nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach

zwei Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen!

Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest

empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im

Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin Durand,

die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden Person

hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als

fünf Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald

sie aufhört, lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle

dieser blutdürstigen Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die

Geheimnisse der Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen

werden ausgeführt, die von den Messalinen bejubelt und durch

anthropophagische und fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil

cor pueri eripit et vaginae inserit.)

So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur

noch an den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack

findet. Sie ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer

vertraulichen Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er

will Frankreich entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern

lassen! Dies macht selbst die hartgesottene Juliette schaudern.

Saint-Fond bemerkt es und zieht sich wütend zurück. Juliette empfängt

von Noirceuil ein Billet mit der Mitteilung, dass Saint-Fond sie wegen

ihres „Rückfalles in die Tugend“ zu verderben trachte und dass sie

daher so schnell wie möglich Paris verlassen möge. So verlässt sie

Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei der Flucht aus: „O

verhängnisvolle +Tugend+! Du hast mich wieder einmal einen Augenblick

getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man mich nochmals zu

den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird. Ersticken wir die

Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen zu verderben.

Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz verderbten Welt

zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen Corruption

schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres, ihre

Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als

Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der

Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und

viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange,

der über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie,

nachdem sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben

enthüllt hat. In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst

Thränen entlockt, sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena

in ihrer neuen Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche

kleine Rede“ hat Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine

Zeit lang das ihr allerdings neue eheliche Leben ertragen hat, siegt

ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und Aberglauben“. Sie versüsst sich

die zwei mit dem „harmlosen“ Manne verlebten „monotonen“ Jahre durch

heimliche Excesse, besonders durch tribadische Genüsse, bis sie bei

einer Messe den famosen Abbé Chabert, eines der früheren Mitglieder der

„Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die

alte Herrlichkeit wieder. Feste und Orgien werden gefeiert, obgleich

Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen das Leben zu geben, um „das

Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch fängt dessen Existenz schon

an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt, dass Saint-Fond ihr

nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen, vergiftet ihren

Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und seine Witwe

als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen mit vielen

Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt ihre

Tochter bei Chabert zurück.

Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina!

Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern

ihr Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich

überall als solche anzukündigen. So kommt sie zuerst nach Turin,

der „regelmässigsten und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das

fromme abergläubische Volk, das wenig Sinn für Vergnügungen hat,

gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer Ankunft lässt sie die Signora

Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der Stadt benachrichtigen,

dass eine junge und hübsche Französin zu „vermieten“ sei. Alsbald

kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in hellen Scharen zu der

Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von Chablais sagt,

bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller

Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier

so etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich

warten, dessen Manie das -- Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser

der Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen

Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des

Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten

Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani

soll sie als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen

zunächst nach Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird

und ihnen die Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich

zustatten kommt. In Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs

höchste entwickelt und beteiligen sich an einer derartigen Orgie in

einem Nonnenkloster. Die Reise über die Apenninen verschafft ihnen

die Bekanntschaft mit einem sieben Fuss drei Zoll hohen Riesen und

anthropophagischen Ungeheuer. Minski -- so heisst das Scheusal -- lebt

als „Eremit des Apennin“ in einem befestigten Hause auf der Insel eines

Teiches. Die Stühle in diesem Hause sind aus menschlichen Knochen

angefertigt; das Haus selbst ist voll von Skeletten. In unterirdischen

Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten Opfer eingesperrt. Minski

stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat grosse Reisen gemacht, um

die „Unzucht und die Verbrechen auf der ganzen Erde zu studieren und

nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die Einsamkeit zurückgezogen, um im

Verborgenen seinen verbrecherischen Gelüsten freien Lauf zu lassen.

Er ist hauptsächlich Menschenfresser und schreibt dieser lieblichen

Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er lauert den Reisenden

auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf seinem Tische serviert

werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und Sbrigani sollen diesem

Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er ihnen die Honneurs

in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten Harems, die

Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die Liebenswürdigkeit

Juliettens verspricht er ihr schliesslich, sie am Leben zu lassen;

wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es jeden

Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein

extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden

Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit

gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die

Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes

satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der

Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse

eines besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht

heraus, ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es

ist Ihre Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen

Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist

in ein Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante

Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt

einige Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger

werfen. Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen

auf einmal erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht

amüsant, und Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr

Ueberraschungen, aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani

teilt ihre Befürchtungen. Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt

dem Menschenfresser Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass

er betäubt wird, denn „ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie

raubt aus seinen Schränken alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise

und Raymonde, mit. So kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und

Silber, nach Florenz.

Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und

einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen

Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren,

Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder

der Marie-Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute

la morgue allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter

zu einer Orgie, die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino

veranstalten und bei der Juliette sehr hochmütig als „Französin“

auftritt, eingeladen. Leopold, dieser „grand successeur de la première

putain de France“ betreibt als Sport die künstliche Herbeiführung des

Abortus der von ihm geschwängerten Frauen. Heute aber hat er etwas ganz

Besonderes darzubieten. Er bewirtet Juliette mit einer Aufführung von

Enthauptungen mit Musikbegleitung! Die Köpfe fallen nach dem Takte und

à la ritournelle!

Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer

sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher

nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie

dort. Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel.

Tizians „Venus“ in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die

obscönen Darstellungen in der Malerei, wobei die „Venus von Medici“,

der „Hermaphrodit“, „Caligula caressant sa sœur“ erwähnt werden.

Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter

ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen

Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen,

Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen

Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und

des Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den

gewöhnlichen Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer

Selbstironie eine die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode

auf dem Priapus“. Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die

Herzogin von Grillo. Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester,

Mönche, Abbés u. s. w. sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese

auf die Idee, alle Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in

Brand zu stecken. Sie will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und

den Grafen Bracciani, den ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen.

Ghigi lässt besonders gern die Menschen aufhängen, da er als Zuschauer

gerade dadurch sexuell erregt wird, und führt auf Verlangen Juliettens

und der Borghese eine solche Szene vor. Bracciani, dieser grosse

Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“ ein Mädchen. Endlich

werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei mehr als 20000 Menschen

umkommen, und Olympia und Juliette in grösster sexueller Erregung

zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei einer Orgie im Hause der

Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein Eunuch, ein Hermaphrodit,

ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner Knabe von 4 Jahren,

eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein Truthahn!

Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im Moment der

Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat natürlich in

ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie zum Feuertode

verurteilt und sofort auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.

Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit

seinem früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt

über den kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält,

was Pius VI., der selbst als schrecklicher Atheist und als ein

geschlechtliches Ungeheuer geschildert wird, mit grossem Beifall

aufnimmt. Bisweilen versucht er zwar, sie zu unterbrechen, wird aber

durch ein: „Schweig, alter Affe!“ eingeschüchtert und ruft nach

Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man hat mir zwar gesagt,

dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht erwartet. Ein

solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer Frau.“

Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen.

Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen,

lässt sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei

sie sehr cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit

einer sehr intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine

materialistischen und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581]

Beim nächsten Male wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert.

Der Papst celebriert selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse

einige Menschen getötet werden. Juliette siedelt nunmehr in das

Schlafgemach des heiligen Vaters über und benutzt die Gelegenheit

einer in der grossen Gallerie stattfindenden sexuellen Unterhaltung,

um den Papst zu bestehlen. Hierauf reist sie mit Empfehlungen an die

königliche Familie nach Neapel ab. Unterwegs wird sie von den Räubern

des berüchtigten Brisa-Testa überfallen, auf dessen Schloss geführt

und mit ihren Begleitern in einem dunklen Verliess eingesperrt. Sie

hören von der blutdürstigen Frau des Räuberhauptmanns sprechen, der

sie geopfert werden sollen. Juliette erkennt in derselben ihre alte

Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester des Brisa-Testa ist,

aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine lange

Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland, Sibirien

und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen und

Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais

tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht.

Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den

Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach

Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält

ihm einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel

und dessen Zustände, über die sittliche Verkommenheit der Bevölkerung,

dieser „halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen

Ausfällen gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die

Königin Charlotte (Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche

Tribade, deren Reize „d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten

Bekanntschaft kennen lernt, bei der es zu einer tribadischen Szene

zwischen den beiden kommt und der Godmiché sowie die defaecatio ad os

eine Rolle spielen. Ferdinand ist Nekrophile. Paedicat cadaver eines

von ihm erdrosselten Pagen. Die herrlichen Umgebungen Neapels, die

aber auch die Erinnerungen an die Greuel Nero’s wachrufen, werden

durch Orgien am Cap Misenum, in Puzzoli, in den Ruinen der Insel

Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im Venustempel zu Bajae

geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese gemeinen Fischern

hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen von Francavilla,

einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. -- Er veranstaltet ein

üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig ausgestattete

Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und --

automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die

Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und

Liköre“ bacchantisch wütet. -- Bei einem Besuch des Antikenmuseums in

Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer

Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden

König Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die

Ruinen von Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli,

der Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno

ein Haus für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er

findet hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen

Befriedigung mit -- Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen

Weiber bei einer tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter

hat. Natürlich werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus

laceratis. Sorrent, Castellamare und die blaue Grotte werden dann

besucht. Und auf Capri ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners

der Insel, des Kaisers Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten

Zeit nach Neapel zurück, um ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei

dem es wild hergeht und 400 Personen getötet werden. Karoline und

Juliette schmieden ein Complott gegen den König Ferdinand, das durch

den folgenden von der Königin unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet

wird: „Ich werde meinem Gatten alle Schätze stehlen und sie derjenigen

geben, die mir das Gift liefern wird, das notwendig ist, um ihn

in die andere Welt zu befördern“. Dieser Vertrag wird durch eine

tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König erfreut Juliette

noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt zwei Frauen

auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf einander

stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das Merkwürdigste

aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen Aufführungen etwas

ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder Hinrichtungen! Das

ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder Eingeladene hat

seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben verschiedenen Arten

von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick, Rad, Pfählung,

Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der Loge 50

Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und jeder Art

der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen Druck auf

einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den Glockenton

benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des

Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton:

Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt

und schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist

herrlich! Die Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten

Combinationen zu finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden

1176 Personen vom Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass

das alles ganz genau so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung

gesehen hätten, wir sie nicht treuer hätten beschreiben können!

Dieses Schauspiel begeistert Juliette und Clairwil zu einem besonders

pikanten Verbrechen. Sie schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia

Borghese Verderben. Auf einer Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel

des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden auf die ahnungslose Olympia,

entkleiden sie und werfen sie in den Krater hinein, worauf sich ihre

sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft macht. Bei dieser

erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt ihre Kleider!“

ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem sie

alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. -- Inzwischen

hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette in

Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach

Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der

die Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit

allen Schätzen entflieht.

Clairwil und Juliette treffen die Giftmischerin Durand wieder, die

aber Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem

sie ihr vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach

der Ermordung sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie

dachte nicht daran, Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste

sterben.“ Der Vorfall wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen

mit Matrosen, denen die Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von

Ancona hingeben, vergessen. Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli

in einer Kirche den Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses

blutdürstige Scheusal besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine

Opfer ins Meer stürzen lässt, oder sie auch wie die unglückliche

Raymonde in einen Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen

gefressen werden. Aber er treibts nicht mehr lange. Die Durand und

Juliette vergiften ihn und seine Genossen und bemächtigen sich seiner

ungeheuren Reichtümer.

Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame Gourdan

errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der vornehmen

Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur Schilderung

sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter Prokurator

von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind. Aber es

darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der

Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit,

da er die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und

eine „Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte

stürzt Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs

erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen

und ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an

Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten

Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses

Mannes grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher

nicht beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche

Liebhaber in einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der

Durand mit einem Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und

Tatzen“ die Zanetti. -- Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in

ihren Allüren ganz Mann. Sie hat einen kunstvollen Phallus construirt,

der mit Spitzen für mehrere orificia corporis versehen ist. -- Ganz

eigentümliche Gewohnheiten hat ein gewisser Cornaro. Er befriedigt sich

an kleinen Knaben, aber nur, wenn deren -- Mutter und Tante zugegen

sind. Er giebt ein „anthropophagisches Souper“, bei dem die Durand,

Juliette und Laurentia, die „verderbteste, lascivste und geistreichste

Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und Negerinnen,

Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen assistieren bei

den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro zu dem Ausruf

begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses détails!“

-- Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste Satire

des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et

dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit

langem gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu

prostituiren. -- Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat

es besonders auf gravide Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode

martert, indem er ihnen allmählich die Nahrung entzieht. -- Der Senator

Contanini bringt seine Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man

spiegelt ihm später ihren Tod vor, um sie als Prostituirte auszubilden.

Auch mit Giften und Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute

Geschäfte. Sie werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer

Orgie geladen und geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt

die Freuden der lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen

Sturm, der auf offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais

einer vornehmen Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der

Rat der Zehn stellt sich ein.

Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird

aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert.

Juliette geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende

Rückkehr nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt,

dass er ihre nun schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls

nach Paris bringe, damit sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde.

Die Freude des Wiedersehens mit Noirceuil ist gross. Dieser hält

gleich eine seiner grossen Reden und sagt, dass Juliette ihn noch

tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn verlassen habe.

Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern dann ihr

Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein Bordell

ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die Waren

herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft grandiosen

Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die Kaiserin Theodora

zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche unter Gebet,

Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre Tochter und

ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser in der

Weltgeschichte einzigen Ehen dauern nicht lange. Bei einer Orgie, die

Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren, werden

die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter grässlichen

Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen!

Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern, nachdem

sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut

Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat,

alle Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt

habe. Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden

Apotheose des Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich

jetzt seht, meine Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen

leidenschaftlich. Dieses allein reizt meine Sinne, und ich werde

seine Grundsätze bis zum letzten Tage meines Lebens verkünden. Frei

von jeder religiösen Furcht, erhaben über die Gesetze durch meine

Verschwiegenheit und meine Reichtümer, möchte ich die göttliche oder

menschliche Gewalt kennen lernen, die mir meine Wünsche verbieten

könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die Gegenwart elektrisiert

mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass der Rest meines

Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem noch übertreffen

wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit sie sich über

alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und wird

immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer,

die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die

erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält

sich die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte

wieder. Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern.

Ein Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen

darf. O meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus

deren Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“

Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint.

Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils

und Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“

beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen

Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man

bringt Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom

Blitz erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters.

Die Natur hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück.

Während sie noch an der Leiche der unglücklichen Justine ihre Greuel

verüben, erscheint plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche.

Sie hat einen grossen Teil des in Venedig konfiszierten Vermögens

gerettet. Zum Schluss wird Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert

wird Erzbischof, der Marquis wird Gesandter in Konstantinopel und der

Chevalier bekommt eine Rente von 400000 Livres. Juliette und die Durand

folgen ihrem geliebten Noirceuil zu neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn

Jahren glänzender Erfolge des Lasters Juliette stirbt.

„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der

betitle sie: Die Wonne des Lasters!“

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 75 / 180 题