4. Die Jugendzeit.

Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis +de Sade+ in

das Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim

Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän

in einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen

Krieg in Deutschland mitmachte. Er soll nach +Lacroix+[492] erst im

Jahre 1766 nach Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm

„+mehrere Jugendthorheiten+“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten

suchte. +Marciat+[493] hat nachgewiesen, dass +Sade+ bereits im Jahre

1763 wieder in Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften

Autographensammlung von +Michelet+ aus Bordeaux, befand sich ein Brief

des Marquis +de Sade+, datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem

als der Tag seiner Heirat der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht

nach +Marciat+ für dieses Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des

Marquis, +Louis-Marie de Sade+ im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment

Soubise wurde. Wenn dieser erst 1767 geboren wäre, so würde er mit 16

Jahren Lieutenant gewesen sein. Die Rückkehr des Marquis +de Sade+ und

seine Heirat fand also im Jahre 1763 statt.

Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen +Jacob+ nach

den Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn +Lefébure+ sehr

ausführlich erzählt worden.[494] +Marciat+ ist geneigt, derselben

vom psychologischen Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen,

da sie die Erklärung für die moralische Entartung (déviation) des

Marquis +de Sade+ liefere. Wir können dem nicht beistimmen. Mag

auch jenes Ereignis, das wir gleich darstellen werden, irgend einen

Einfluss in dieser Beziehung auf +Sade+ ausgeübt haben: seine sittliche

Depravation war schon vorher da. Als er nach Paris zurückkehrte, warf

der Vater ihm bereits einige „Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat

bisher daran gedacht, dass der Marquis +de Sade+ den ganzen 7jährigen

Krieg mitgemacht hat und ganz sicher teilnahm an jener „schrecklichen

Entsittlichung, welche durch die Anwesenheit des französischen Heeres“

in Deutschland gepflanzt und genährt wurde[495] und deren auch

+Casanova+ in seinen Memoiren gedenkt. Der Vater wollte ferner den Sohn

verheiraten, um ihn aus seinem lasterhaften Leben herauszureissen, wie

doch deutlich aus allen Berichten hervorgeht. Wenn +Eulenburg+[496]

meint, dass sich bei +de Sade+ die „krankhafte Veränderung“ im Alter

von 26 Jahren äusserte, so ist das auch nicht ganz zutreffend, da er

schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763, wegen mehrerer „débauches“,

die also nicht so ganz harmlos gewesen sein müssen, ins Gefängnis kam.

Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu sexuellen Ausschweifungen

bei +Sade+ durch das +Kriegsleben+ erweckt worden ist und durch das

tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde, ohne dass wir nötig

haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften Geisteszustandes

zu denken.

Herr von +Montreuil+, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine

langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis +de Sade+ verbunden

war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich

hübsch und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere

Figur verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und

dunklen Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm,

ohne „Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz

ihrer Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von

„himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.

Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis +de

Sade+ die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick

fügte es, dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des

Präsidenten +Montreuil+ nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere

krank war. Er verliebte sich sofort leidenschaftlich in die erstere,

die den Musikenthusiasten besonders durch ihren schönen Gesang und ihr

wunderbares Harfenspiel für sich einnahm. Als +Sade+ bei einem zweiten

Besuche die ältere Schwester kennen lernte, fühlte er gegen dieselbe

nur Abneigung und erklärte, dass er die jüngere heiraten wolle. Hierzu

verweigerte der Präsident seine Zustimmung, und so liess der Comte +de

Sade+ seinen Sohn wählen zwischen Unterwerfung unter seinen Willen

und einer sofortigen Abreise zur Armee mit der Aussicht auf Enterbung

und Verstossung. So wurde der Marquis, dessen Appell an das Herz der

Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte und heroische Erwiderung“

fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten. Schon damals erwiderte

die Jüngere die Liebe +de Sade’s+ und hatte vergeblich durch Bitten

und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen gesucht. +Lacroix+

legt ausführlich dar, wie +Sade+ nur mit dem Gedanken des sofortigen

Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere Schwester

geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten Schwester

im Einverständnis war. Frau von +Montreuil+, die vom Anfang an die

Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter

in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.

Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der

Demoralisation des Marquis +de Sade+ gewesen ist, wie +Marciat+

annimmt. Sicher erklärt sie die +Ehefeindlichkeit+, welche uns in

allen Schriften +Sade’s+ entgegentritt. Dass allerdings seine Frau,

der +Lacroix+ die Wärme des Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei

Veranlassung gab, haben die soeben von +Paul Ginisty+ veröffentlichten

„Lettres inédites de la Marquise de Sade“ gezeigt, die für die

Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis des Charakters des

Marquis +de Sade+ sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart sich

in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit

leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht

aufhört mit heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und

zu beten, wenn er -- wie dies gewöhnlich geschah -- diese Liebe mit

rohen, unedlen Worten und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese

Frau, die Zeugin des lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch

hervorgerufenen grossen Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu

lieben, war ihm bei der Flucht aus dem Gefängnisse behilflich und

erwies ihm in seinem Gefängnisleben tausend Dienste, die nur eine

hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet wirklich darauf hin, dass

der Marquis +de Sade+ etwas von dem an sich hatte, was er selbst als

die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen unwiderstehlich

anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat +Ginisty+ ausführlich

dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm seine

Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst.

Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du

auf mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“

+Sade+ schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt

lügen?“[498]

Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht

Wunder nehmen, dass der Marquis +de Sade+, nachdem er vergeblich den

Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von +Montreuil+ zu erkunden

gesucht hatte, sich nach +Lacroix+[499] schon im ersten Jahre seiner

Ehe in den Strudel wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit

und seine Reichtümer mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit

vergeudete, und die „Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs

von +Fronsac+ und des Prinzen +Lamballe+ wurde, aber es auch nicht

verschmähte, sich mit Lakaien zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen.

Eingeweiht in die „Geheimnisse der petites maisons und der Bordelle“

suchte er seine Gefährten in dem Ersinnen neuer raffinierter Lüste

zu übertreffen. Das war jene Zeit, in welcher ein deutscher Autor

den Marquis +de Sade+ zum Arrangeur der Orgien des Hirschparks

macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber glaubwürdig sein

kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde +Sade+, der erst

23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer „petite

maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr

zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung

des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und

bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom

2. November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung

Nachricht gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen

Priester zu sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich

bin, beklage ich mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die

göttliche Strafe; meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen,

soll meine einzige Beschäftigung sein.“[501] +Schon damals muss er

ein obscönes Buch geschrieben haben.+ Denn in diesem Briefe spricht

er von dem Datum des „unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni

stamme, während er sich am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst

im Juni jenes genannte Haus aufgesucht. Darauf habe er sich drei

Monate auf dem Lande aufgehalten und sei acht Tage nach seiner Rückkehr

verhaftet worden. Welche seiner +Schriften de Sade+ hier im Auge hat,

ist vorläufig noch nicht festzustellen. Wenn +Cabanès+ (a. a. O. Seite

262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so ist das eben mit dem bis

heute vorliegenden litterarischen und archivalischen Material nicht zu

beweisen. Indessen geht doch aus dem vorliegenden wichtigen Briefe mit

aller Sicherheit hervor, dass +Sade+ frühzeitig, schon mit 23 Jahren,

anfing, pornographische Schriften zu verfassen.

Vielleicht hat +Marciat+ Recht mit der Annahme, dass dieser an den

Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen

Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier

eine der bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden

religiösen Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet

an den Gefängnispriester +Griffet+ vom 4. November 1763 erhalten

(veröffentlicht im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei +Cabanès+). Es

heisst in demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes,

welcher einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre

Dienste nöthig hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis +de

Sade+, ein junger Mann von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie

möglich zu besuchen, und wenn Sie mit ihm gesprochen haben, so werden

Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 63 / 180 题