Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der
merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen
Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause
des grossen +Condé+, wo +Donatien Alphonse François, Marquis+[483]
+de Sade+ geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur
de crime“, wie ihn +Michelet+ und nach ihm +Taine+ genannt haben.
Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die
sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem
Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht
erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue
Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut
galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die
Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten
öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen
veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den
Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe
nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der
Persönlichkeit des Knaben +Sade+, die alle wenig verbürgt sind. Nach
+Uzanne+[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling,
mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse +schwarze+ Augen
hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre
des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche
verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche
Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. +Lacroix+
verleiht ihm eine „zierliche Figur, +blaue+ Augen und blonde, schön
frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden
Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit,
dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war,
stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern
verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein
Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins
Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach
der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht
hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor.
Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen
Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er
den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres
Zeitalters.“[487]
Richtig ist wohl nur, dass der Marquis +de Sade+ wenigstens als
Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein
authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten
kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte
Lithographie, die den Marquis +de Sade+ darstellen soll, aber ein
blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel
zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich
in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn +de la
Porte+ stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis
von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung
„H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in
Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen
desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des
vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr.
2/3 S. 122) eine sah.
Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
In welcher geistigen Verfassung der Marquis +de Sade+ das Collège
Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach
jenem deutschen Autor, der das Leben +Sade’s+ mit kühner Phantasie
aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester
Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes
philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis.
Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein
tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in
Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich
in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch
sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass
+Sade+ die +Musik+ sehr liebte, bestätigt +Paul Lacroix+[490], und
dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der
Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
+Janin+ meint, dass +Sade+ schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die
Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als +Maximilian de
Robespierre+ in dieselbe eintrat.[491]