2. Die übrigen Vorfahren.

+Hugo de Sade+, der Gatte +Laura’s+, der Stammvater der Familie,

genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen +Paul de Sade+

Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin +Jolande+

von +Aragonien+. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale

von Marseille.

+Hugo+ oder +Hugonin de Sade+, der dritte Sohn des ersten +Hugo de

Sade+ und der schönen +Laura+ war der Stammvater der drei Zweige des

Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon.

Sein ältester Sohn +Jean de Sade+ war ein gelehrter Jurist, der

von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten

Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder +Elzéar

de Sade+, Grosskanzler des Gegenpapstes +Benedikt+ XIII., dem Kaiser

+Sigismund+ so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in

sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe

schmückt.

+Pierre de Sade+, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste

Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen

schlechten Elementen.

+Jean Baptiste de Sade+, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb

„Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698).

Er starb am 21. Dezember 1707.

+Joseph de Sade+, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei

Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens,

nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein

und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde

er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte

belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.

+Hippolyte de Sade+, dem +Voltaire+ zu seiner Hochzeit am 12. November

1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben

Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef

(1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus.

Er starb vor Cadix im Jahre 1788.

+Jacques François Paul Alphonse de Sade+, der +Onkel+ unseres Marquis

+de Sade+, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss

deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren

als der dritte Sohn von +Gaspar François de Sade+ und widmete sich

dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von

Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo

er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame

+de la Popelinière+, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte.

Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich

„allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur

rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten

Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche

Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben

fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über

die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten

Genius seines Hauses weihte. Die schöne +Laura+ wurde für +François de

Sade+ der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes

Werk über +Petrarca+ und seine +Laura+, welches noch heute durch die

Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger

Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich

ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764,

3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des

Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die

Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers

poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778.

Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis +de Sade+

sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist

häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des

Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung

des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in

potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität

und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch

der Marquis +de Sade+ war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in

der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die +Wollust+ in

Theorie und Praxis zu seiner +Lebensaufgabe+.

Der +Vater+ des Marquis +de Sade+, der Graf +Jean Baptiste François

Joseph de Sade+ wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische

Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und

1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen

durch seine Verheiratung mit +Marie Eléonore de Maillé+, der Nichte

des Kardinals +Richelieu+, Hofdame der Prinzessin +Condé+. Auch der

grosse +Condé+ hatte eine +Maillé+ geheiratet. Der Comte +de Sade+

wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey

ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als

Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch

in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767

und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und

philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den

Krieg in den Jahren 1741-1746.

Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis +de Sade+, der sich

als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das

ist +Louis-Marie de Sade+, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er

hatte zu Pathen den Prinzen +Condé+ und die Prinzessin +Conti+, wurde

Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben

rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794

nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb

dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation

française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“,

trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der

Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in

Otranto ermordet.[482]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 61 / 180 题