Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis
+de Sade+ mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre
aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der
italienischen Zustände, die +mehr als drei Bände+ der „Juliette“ in
Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten
Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er
Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III,
290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit
einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe
de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem
Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel
vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die
‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die
wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe.
Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch
nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff
der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich
der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung
kommen in +Sade’s+ Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und
Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“
sehen werden. Aber ein +Kern+ von Wahrheit ist auch hier nachweisbar,
bestimmte von +Sade+ geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar,
so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen
kurzen Blick werfen wollen.
+Italien+ ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen,
raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den
spezifisch +katholischen+ Ländern, an den Stätten der +Askese+ und
des +Coelibats+ gediehen ist. Brauchen wir an +Pietro Aretino+, an
+Papst Alexander+ VI., an +Lucrecia+ und +Cesare Borgia+, an +Giulio
Romano+ und +Augusto+ und +Annibale Carracci+, diese grossen Praktiker
und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten
uns dagegen die Liebesabenteuer in +Boccaccio’s+ „Decamerone“ an!
Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die +Renaissance+ und
der +Jesuitismus+ bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben
Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen
aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer
genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die
Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.
Der Marquis +de Sade+ schildert die Verbreitung der +Prostitution+ in
Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette
besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die
besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen +Festen+
in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im
allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. +Sade+ berichtet denn
auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des
Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst.
Nur diejenige könne man eine +wahre Hure+ nennen, die 23000 Mal --
gesündigt habe![446] +Casanova+ fand die Gärten des Grafen +Friedrich
Borromeo+ auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm
junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt
bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne
Geschlecht an“. -- Bologna, dessen sittliche Corruption auch von +Sade+
geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und
tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben
in Venedig, von dem der Marquis +de Sade+ schreckliche Dinge erzählt
(Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten
„die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber
auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss
jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der
Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu
einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen
schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens?
Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der
Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch
Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und
die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten,
so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere
Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke
des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere
Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte
der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen?
Nach +Venedig+ ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge;
verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue,
kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der
Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole
der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen
Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur
+ein+ bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der
Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig
die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren
sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze
streng verpönten Luxus der Nobili.[449] +Montesquieu+ schreibt:
„In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen
Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die
Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich
dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten
Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber
das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] +Casanova+ berichtet
interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen
Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. +Sade+
erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators
im Bordell der Durand. Bei +Casanova+ kommen ebenfalls die galanten
Abenteuer des Prokurators +Bragadin+ vor.[451]
Italien ist das gelobte Land der +Paederastie+, noch heute. Drastisch
sagt der Marquis +de Sade+, in diesem Punkte gewiss ein richtiger
Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III,
290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von
Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich
ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt,
wie das Beispiel unseres J. J. +Winckelmann+ beweist. Schon +Dante+
erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung
der Männerliebe in Italien.[452] Papst +Sixtus+ IV. (1471 bis 1484)
huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede
zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der
heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die
Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf +Sixtus+ IV. fand der folgende
obscöne Vers Anwendung:
+Roma+ quod inverso delectaretur amore
Nomen ab inverso nomine fecit +Amor+.
+Sixtus+ war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele.
Sein angeblicher Neffe +Pietro Riario+, wahrscheinlich aber sein
Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war
ebenfalls Paederast. +Michel Angelo+ soll der Knabenliebe gefröhnt
haben.[453] Der Maler +Giovanni Antonio Razzi+ (1479-1564) bekam wegen
dieser Neigungen den Beinamen +il Sodoma+.[454] Papst +Julius+ III.
(1550-1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il
pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son
service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser
surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455]
Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung.
Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu
werden. +Casanova+ erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann
auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben +Petronius+, der als ein
gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal
+Brancaforte+, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach
+Casanova+ „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie
sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris
eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann
sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den
Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein
Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die
Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei
jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist
ungeheuer! -- Es ist monströs! -- Ach, meine Teure, Sie haben eine
abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456]
Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von +Casanova+ mitgeteilt.
Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie
in keinem anderen Lande. In +Neapel+ „bieten sich abends auf der Via
Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler
preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche
Ware an.“ +Moll+, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die
Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern
Europas. J. L. +Casper+ berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien
dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern
un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge,
Weiber betreffend, zurückwies.[457]
Dass der italienische +Klerus+ des 18. Jahrhunderts einen grossen
Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir
wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu
ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande
verbreitet waren. +Gorani+, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir
mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch
neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass
das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000
Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von
einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche
crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche
aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind
ihnen vertraut.“ +Gorani+ berichtet über verschiedene haarsträubende
Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der
wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein
Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn
auch in der Liebe den Ton an. Das war seit +Boccaccio’s+ Zeiten nicht
anders geworden. +Casanova+ berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert
allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein +Mönch+ in Chiozza in
ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als
+Casanova+ noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf
der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären
überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei
zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der +Castraten+ für
geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des
italienischen Klerus.
+Zoophilie+ und +Sodomie+ waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr
verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis +de Sade lässt+ denn
auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn,
eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir
aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach
+Metzger+ die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass
sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal +Bellarmin+ trieb
seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier
schöne Ziegen auf der Streu.“[461]
Einzelne von +Sade+ erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18.
Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der
„Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von +Francavilla+
geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen
Granden sind historisch. +Casanova+ berichtet ebenfalls, dass
+Francavilla+, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und
Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden
gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im
Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen
sehr gut unterhielten“[462]. Der bei +Sade+ (Juliette IV, 156 u. ö.)
erwähnte Kardinal +Bernis+ wird auch von +Casanova+ als sehr unheilig
geschildert.
+Leopold+ I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain
de France“ (Juliette IV, 36) soll nach +Sade+ ebenfalls ein erotisches
Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus
Oesterreich ein Wort mitgeredet. +Casanova+, der ein fesselndes Bild
von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über +Leopold+ aus,
dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber
hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des
Papstes +Pius+ VI. und der Königin +Karoline+ von +Neapel+ bei +Sade+.