Dieser Papst war nach +Sade+ (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling,
dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller
Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV,
285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede
halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die
„einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und
in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht
zurückbleibt (V, 1 ff.).
War +Pius+ VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden.
+Pius+ VI. (1775-1798), vorher +Giovanni Angelo, Graf Braschi+, war
einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem
Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand
mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen -- Beine
zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas
aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses
Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende
Distichon:
Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum.
Luxuriante coma, luxuriante pede.
Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen
gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal
ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen
mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war +Pius+ ein Gott, im Vatican
ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so
riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete,
dass +Pius+ sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch
die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal +Bernis+ nannte ihn ein
lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch +Coletta+
schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe
zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu
seinem Vorgänger +Clemens+ XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein
Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte
er nach +Casanova+ (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach
+Gorani+ selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer
natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller
Hinsicht ganz rein und sagt, dass +Pius+ VI. seine Zeit zwischen den
religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen
Bibliothek teilte.[468]