Des Marquis +de Sade+ Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das
ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und
nach ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination
geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz
in seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts:
+Wollust+ und +Blut+! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht!
Deshalb wirken seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns
aus ihnen eine Welt der Hölle an. Denn der +Schrecken+ verging, alle
+wirklichen+ Qualen jener Zeit sind dahin und die ungeheuren Ströme von
Blut in die dunkle Erde hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber
in +Sade’s+ Werken +lebt+ jener Schrecken noch, da wird er vielleicht
für ewige Zeit bis zur Vernichtung der Welt leben: „Justine“ und
„Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen Zeit. Leichengeruch
weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des 18. Jahrhunderts
wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
Konnte dies +ein+ Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier
ist es das +Gemälde+ der +Zeit+. Wir wollen +Sade+ Gerechtigkeit
widerfahren lassen. Und das können wir nur, indem wir ihn +erkennen+.
Denn die Erkenntnis ist das Höchste in der Welt. Sie allein führt
zur Gerechtigkeit, nicht das blosse dumpfe Gefühl, welches sich von
solchem Graus mit Abscheu abwendet. Schon +Jules Janin+ sagte, dass der
Marquis +de Sade+ ein Objekt der „histoire naturelle“ sei, dass man
über ihn schreiben müsse, wie man die Monographie des Skorpions oder
der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte wissenschaftliche Analyse kann
das Wesen dieses Mannes erleuchten und das endgiltige Urteil über ihn
feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem Urteil.
Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der
unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
Die +Hinrichtungen+ waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor
der Revolution die +Grausamkeit+ derselben depravierend auf die
Zuschauer, so wirkte +während+ der Revolution die +Massenhaftigkeit+
der Enthauptungen vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte
der edle +Beccaria+ in seiner klassischen Schrift „Ueber Verbrechen
und Strafen“, die jeder Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die
Hinrichtungen, für den grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel
werden und die Menschen grausam machen.[396] Das französische Volk,
von Natur zur Grausamkeit geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade
ausgesetzt als jedes andere. Die grossen Geister jener Zeit erkannten
dies wohl. So verdammt +Montesquieu+ im „Esprit des lois“ die Foltern
und die schrecklichen Martern bei der Hinrichtung, und +Voltaire+ hörte
niemals auf, gegen diese Unmenschlichkeiten zu protestieren.
Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen
hauptsächlich die +Vierteilung+, das +Rad+ und der +Galgen+
gebräuchlich. Die mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass
sie sogar von den Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des
Grafen +de Lally+ im Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der
Hinrichtung war das +Rad+, das denn auch bei +Sade+ öfter vorkommt. Der
unglückliche Delinquent wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der
Henker zerbrach ihm mit einer schweren eisernen Stange die Knochen
der oberen und unteren Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser
Geschicklichkeit, um sich den Beifall der Zuschauer (les suffrages
des spectateurs) zu erwerben.[398] Sodann wurde der Delinquent in die
Speichen des Rades geflochten und sterbend zur Schau gestellt.
Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der
schauerlichen Hinrichtung des +Damiens+ kennen lernen.
Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von
Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen
und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese
Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die
des Strassenräubers +Cartouche+ und seiner Bande (27. November 1721),
des Räubers +Nivet+ und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des
+Deschauffonis+, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der
Gattenmörderin +Lescombat+ durch den Galgen (1755), des +Damiens+ durch
Vierteilung (1757), des Giftmörders +Desrues+ und seiner Frau durch das
Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung
und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge
versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen
und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder
nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen
Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte.
Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines
Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert,
ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher.
Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte
bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man
ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf-
und Zornesrufen überschüttete.[399]
Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden
ist, war die des unglücklichen +Robert François Damiens+, der am 5.
Januar 1757 einen Mordversuch auf den König +Ludwig+ XV. machte und
dafür am 28. März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben
zum Tode gebracht wurde. +Thomas Carlyle+, dieser, was den Ausdruck des
Affects betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen
Revolution, bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit
in den Ruf aus: „Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder,
wie glänzende von Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll
Mitleid über der Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass +tausend+
Hinrichtungen mit der Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution
des armen +Damiens+ aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit
und das Mitleid der Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien
régime selbst durch die während der Revolution geflossenen Ströme
von Blut kaum gelöscht worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten
derselben vernehmen, dann wird uns ein Blick in die Grausamkeit der
französischen Volksseele eröffnet, der mit einem Schlage die Werke
eines Marquis +de Sade+ begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst
der Revolution vorherahnen lässt.
Ueber die Hinrichtung des +Damiens+ besitzen wir den Bericht eines
Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]
An +Damiens+ wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder
+Heinrich’s+ IV., +François Ravaillac+, am 27. Mai 1610. Er (Damiens)
wurde zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit
glühenden Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in
die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs
und Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags
wurde der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum
Grève-Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste,
waren von einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die
„weder Hass noch Mitleid“ bezeugte. +Charles Monselet+ berichtet:
„Wohin auch der Blick sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge,
immer wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die
Menge in den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie! Die Menge in
der Rue de la Vannerie! Die Menge in der Rue de la Tannerie! Die Menge
an der Kreuzung der Rue de l’Epine und der Rue de Mouton! Die Menge
an allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine compakte
Menge, bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem
Pöbel. In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren
und grosse Damen, grosse Damen besonders, die mit dem Fächer spielten
und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402]
Um 4½ Uhr nahm dann jenes grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen
blosse Schilderung uns -- wir wollen dies nicht verschweigen -- noch
heute Thränen des Mitleids und des Wehs über die unsäglichen Leiden
eines längst in Staub Zerfallenen entlockt hat.
In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet,
auf welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen
zeigte, sondern nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von
den sechs Henkern mit eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass
der Rumpf vollkommen fixiert war. Darauf fesselte man ihm die
rechte Hand und liess sie in einem schwefligen Feuer verbrennen,
wobei der Bejammernswerte ein entsetzliches Geschrei erhob. Man sah
(nach +Monselet+), während die Hand verbrannt wurde, die Haare des
Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil emporrichten! Darauf zwickte
man wieder den Körper mit glühenden Zangen und riss ihm Fleischstücke
aus der Brust und an anderen Stellen aus, goss dann flüssiges Blei und
kochendes Oel in die frischen Wunden, was, wie es in den „Mémoires“
von +Richelieu+ heisst, die Luft auf dem ganzen Grève-Platze durch den
entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr befestigte man um Oberarme
und Oberschenkel, um Hand- und Fussgelenke grosse Taue, die mit dem
Geschirr von vier Pferden verbunden wurden, welche an den vier Ecken
der Plattform standen. Dann trieb man diese Pferde an, die so den
Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese waren nicht gewohnt,
solche Henkersdienste zu tun. +Mehr als eine Stunde+ hieb man auf sie
ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten abzureissen. Nur
die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die „nombre prodigieux
de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier ein menschliches
Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor, die alle zugleich
in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des +Damiens+ steigerte sich
zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser Mensch.“ Wieder
blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von den Richtern die
Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der Gelenke zu
erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der Unglückliche
„hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“ schrie aber
nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm entgegengehaltenen
Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf ihn einsprachen.
Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“, wurde der
linke Schenkel zuerst abgerissen. +Das Volk klatschte in die Hände+!
Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“
gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder
an zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen
hatte, wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des
Unseligen wurde schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst
beim Abreissen des linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war
nur der zuckende Rumpf übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen
Haare plötzlich weiss geworden waren. Er lebte noch! Während man
die Haare abschnitt und die vier Gliedmassen sammelte, stürzten die
Beichtväter zu ihm. Aber +Henri Sanson+ (der Scharfrichter) hielt
sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass +Damiens+ soeben den
letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt der
zuverlässige +Bretonne+, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und
den Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“
Dieser Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die
Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male
in die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen
Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder
in den Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden
auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde
zerstreut.[404] „Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der -- man
möge es glauben -- die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch
erlitten hat, was die +Dauer+ derselben anbetrifft.“ So schliesst
der Herzog von +Croy+, ein Augenzeuge, seinen Bericht, den wir fast
wörtlich übersetzt haben. Und +Monselet+ ruft aus: „Dass man mir nicht
mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des achtzehnten Jahrhunderts
spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig befleckt mit dem Blute
des +Damiens+!“ Noch einige andere Nachrichten von Augenzeugen teilen
wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine infernalische Ruchlosigkeit
zur Seite stellen, wie sie selbst ein +Sade+ kaum hat schildern
können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten, +wirklich+
geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an den
entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!
„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war
unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der
entfernten Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu
der glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem
Gerichtsplatz zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden
mit einem rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern
zu sehen. +Am meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der
Frauenzimmer+, die sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem
grässlichen Schauspiel nachzugehen, +sich daran zu weiden+, und es mit
aller seiner Schrecklichkeit bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung
zu betrachten, während alle Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht
wegwandten.“[405]
Madame +du Hausset+ erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar
während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres.
+Casanova+, der einer von den Ausländern war, welche der Execution
beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche
Illustration zu der Lehre +Sade’s+ ist, dass die Qualen eines Anderen
die eigne Wollust aufstacheln. +Casanova+ erzählt: „Am 28. März, dem
Tage des Märtyrertums von +Damiens+, holte ich die Damen schon früh
bei der +Lambertini+ ab, und da der Wagen uns kaum fassen konnte,
nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoss
und wir begaben uns so nach dem Grèveplatze. Die drei Damen drängten
sich zusammen, so viel sie vermochten und nahmen die erste Reihe an
dem Fenster ein; sie bückten sich dabei und stützten sich auf die
Arme, um uns nicht zu verhindern, über ihre Köpfe hinwegzusehen. Das
Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und die Damen standen auf dem
zweiten. Um über sie wegsehen zu können, mussten wir uns auf dieselbe
Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir sie überragt haben.
Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese näheren Umstände an.
Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu erraten, die ich ihnen
verschweigen muss.
„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen
Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des +Damiens+ ist zu bekannt,
als dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung
zu lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur
empören. Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407]
musste ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das
herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper
hatte; aber die +Lambertini+ und die dicke Alte machten nicht die
geringste Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens?
Ich musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten,
der Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte
sie gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der
Anblick der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste.
Die Thatsache ist, dass +Tiretta+ die fromme Alte während der Zeit der
Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht
war das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung
machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr
stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu
schlagen, um nicht die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in
der Ordnung; allein als ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite
machte, bemerkte ich, dass +Tiretta+ die Vorsicht zu weit getrieben
hatte.“[408]
Jeder Commentar zu der Erzählung +Casanova’s+ ist überflüssig. Dass
es sich nicht um einen +momentanen+ Anfall von Satyriasis gehandelt,
sondern um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung
+begleitende+ und durch sie +hervorgerufene+ wollüstige Ekstase, geht
mit aller Evidenz daraus hervor, dass diese scheusslichen sexuellen
Manöver +zwei Stunden+ lang dauerten, wie +Casanova+ ausdrücklich
hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde wiederholt und ohne einen
Widerstand.“
Dass +Ludwig+ XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten
dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die
Hinrichtung des Giftmischers +Desrues+, der am 6. Mai 1772 gerädert und
dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge
an, „spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable
spectacle“, und die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer
vermietet.“[411]
Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes
Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass +Sade+ alle Greuel der
Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und
nur von Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder
im Gefängnis sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde,
die Erstürmung der Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles
(5. Oktober 1789), die blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren
1790 und 1791, lassen erkennen, welche Rolle die +Frauen+ bei den
Hinrichtungen und Morden spielen würden, und dass keineswegs den
französischen Frauen des Volkes der Blutdurst und die Grausamkeit
eigentümlich war. In Avignon war der Streit zwischen den päpstlichen
Aristokraten und dem patriotischen Volke aufs heftigste entbrannt.
Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche Galgen“ seine Opfer, um
bald nach Ankunft des berüchtigten +Jourdan+ von dem „patriotischen“
Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791 wurde Avignon
dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung von „sechs
leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab sich
einer derselben, +l’Escuyer+ in die Cordelierskirche, um dort die
Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen
zu sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der
+aristokratisch-päpstlichen+ Andächtigen, worunter +viele Weiber+
waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da +l’Escuyer+
nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum
tausendfüssigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit
dem Stechen von Nadeln, Scheren und anderen weiblichen zugespitzten
Instrumenten. Grässlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und
Petrarcas Laura schlafen, der Hochaltar und brennende Kerzen und die
Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen
und von der natürlichen Farbe des Steins. -- +l’Escuyers+ Freunde
stürzen wie Hiobsboten zu +Jourdan+ und der Nationalmacht. Aber der
schwerfällige +Jourdan+ will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen,
eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der
Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; +l’Escuyer+, ganz
allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend,
von Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt
noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412]
Nun folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des
„Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat.
Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und
in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen
befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt),
der berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die
grosse Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend
hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern
liess. Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die
die Sprache keine Namen besitzt.“ -- Undurchdringliches Dunkel und
Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker,
diesen Glacièreturm. Nur dies ist klar, dass viele eintraten, wenige
zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr. 1791 der General +Choisi+ in
Avignon einrückte und +Jourdan+ absetzte, da fand man im Eisturme
„+hundertdreissig Leichname+ von Männern und Weibern, ja selbst Kindern
(denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind
nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter
Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“
Unverkennbar hat der Marquis +de Sade+ diesen Eisturm von Avignon,
der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe
mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen
Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine
Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten
unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen
(Justine IV, 176, 221).
Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August
1792, von der +Carlyle+ sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte
der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche
Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden
Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene +Septemberwelt+
„dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom
Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6.
September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man
der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen
Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an
die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft +Carlyle+
aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und
Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen!
Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen
hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit
war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja
man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413]
Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen
hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke
gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein
hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das
Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern,
das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen
wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde
niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder
erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei,
das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin +Lamballe+
wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt.
Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten,
obscönen Greueln von Schnurrbart -- grands-lèvres, die die Menschheit
gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von
+Jourgniac’s 38stündiger Todesangst+[414], von +Matons Erlebnissen+
vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen
+Abbé Sicard+.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer
Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig
ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für
uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen
+Tausendundneunundachtzig+, worunter Zweihundertzwei Priester, die
ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in
schwarzem Tode erstickt.“[417]
Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat
in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei
+Carlyle+ nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die
„grands terroristes“, die +grossen Schreckensmänner+, Gestalten der
Hölle, die +Fouché+, +Collot+, +Couthon+ in Lyon, die +Saint-André+
in Brest, die +Maiquet+ in Orange, +Lebon+ (der Namensvetter eines
modernen ebenso scheusslichen +Lebon+) in Arras und +Carrier+ in
Nantes, diese „Weltwunder“ (nach +Carlyle+) schwelgen in „Strömen sich
ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des
Marquis +de Sade+ in -- Wollust.
Schon +Brunet+ hat den grössten der grossen Terroristen, +Jean Baptiste
Carrier+ als einen derjenigen bezeichnet, die +Sade+ als Vorbild
für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und
ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben
würden“[420].
Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen +Fleury+[421]
haben dies vollauf bestätigt. +Carrier+ war ein Schlächter und Henker
aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner
Geliebten und Oberaufseherin +Caron+ sich den widerlichsten Orgien
hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu
finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles
présida le représentant. Er +liess schöne Frauen, nachdem er sie
genossen hatte, ertränken.+ In seinem Serail an der Barrière de
Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe +Julliens+
an +Robespierre+ heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und
niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die
+Caron+ diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden
war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der
Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei
hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde
ward und zu den „+Noyades+“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt
geworden sind für alle Zeiten.“
In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel
der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf
ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt
+Carrier+, „wurde +senkrecht+ vollstreckt“. (Déportation verticale).
Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu
Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der
Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten,
liess der scheussliche +Grandmaison+, der Helfershelfer +Carrier’s+,
die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen
ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle,
bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen
versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man
kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde:
„Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden
zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „+republikanischen
Hochzeiten+“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit.
Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und
Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da
ruft +Carrier+ aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da
verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen
Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen
Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en
orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet
die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860
Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423]
Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht
untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (+Carlyle+).
Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem
Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie +Sade+ und mit
ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach
der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution
alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden
vor dem ‚+flambeau de la philosophie+‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
In +Lyon+, wo +Collot-d’Herbois+ haust, „fliessen die Gossen auf
der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper
auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über
den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und
Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu
grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die
Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so
zur +Gewohnheit+ geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis
1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine,
+Mordbanden+ wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche
im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl
der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die
Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der
Königin bis hinab zum Schuster +Simon+ mussten sie alle dahin. Und wahr
wurde auch das Wort des düsteren +Saint-Just+, dass „für Revolutionäre
es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie
Saturn, ihre eigenen Kinder (+Verguiaud+).
In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern
vergewaltigt (Madame +Roland+ in ihren Memoiren); aus den Haaren
guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in
Meudon war nach +Montgaillard+ eine „Gerberei von menschlichen Häuten,
solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und
woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem
Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die
Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im
Gewebe.“[426]
Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er
sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des
Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat
guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen
Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es
+Houssaye+ in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427]
Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: +André
Chénier+.
La sainte guillotine va tous les jours!
Und endlich kommt jener +neunte Thermidor+, der das Ende der
Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen
+Robespierre+, jener Tag, dem +Marie-Joseph Chénier+ in der wunderbaren
„Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt:
Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance:
Tu vins purifier un sol ensanglanté:
Pour la seconde fois tu fis luire a la France
Les rayons de la Liberté!