Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller
Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra
zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen.
Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die
+Brinvilliers+ und die +Voisin+ geschlechtlich ausschweifende Weiber
waren. +Sade+, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des
menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus
erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht.
Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei
aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III,
214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen
Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der
Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm,
ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine
herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet!
wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt
befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende
Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence.
(Juliette III, 220 ff.) +Sade+ hat sie deutlich als krankhaft entartete
Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall
der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit
ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit
das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen
ganzen Garten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte,
Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren
das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet
wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten
Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de
tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft
wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nach +Sade+ unter
+Ludwig+ XV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden.
Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte
(„Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister
Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der der
+Brinvilliers+ einen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85).
Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison
royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium
in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und
Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften
eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung +Ludwig’s+ XIV. eine
wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen
Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem
Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé
+Guibourg+, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie
mit Giften und Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand,
dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre
royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die
ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am
bekanntesten ist die Giftmischerin +Marie Madeleine Marquise de
Brinvilliers+, die auch der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt.[392]
Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer
unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab, +von frühester
Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete+.
Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben.
Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier,
welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus,
macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese
Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen
Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem
Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte die +Brinvilliers+
von ihrem Geliebten +de Sainte-Croix+ die Giftmischerei kennen, die
sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater,
ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach
Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet;
ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut,
so dass, wie Madame +de Sévigné+ in ihren Briefen erzählt, „ganz Paris
Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem
Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in
erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten
Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive +Voisin+,
die +Vigouroux+, des +Œillets, Delagragne+ sind die berühmtesten
Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde
dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt.
Die bekanntesten Giftmischer sind +Desrues+ und seine Frau, die
sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der
ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394] +Sade+, der alle ihm
naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesen +Desrues+
zusammen mit dem grossen Räuber +Cartouche+ als Henker bei einer
Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese
berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzählt +Rétif
de la Bretonne+ im vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S.
1166 ff.) die Affaire +Desrues+.