Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit
einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis +de
Sade+ deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens,
übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der
„berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet
hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in
Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen
verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen
Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein
kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später
besprechen. -- Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti
ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der
Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384]
Ungeheuerlich war ja die +Geldgier+ im Frankreich des 18. Jahrhunderts,
was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt:
„Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur
Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, +man entehrt
sich, wenn man nicht reich ist+. Gold ist Alles und das übrige ohne
Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich
vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige
es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das
Geld“. Graf +Tilly+ sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un
siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous
parlerons un autre jour de vos vertus. +Montrez moi de l’or+“. Das
Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame
+du Hausset+ sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch
in +Sade’s+ Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der
Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in
der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl,
Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast
während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der
ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle
und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen
der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und
deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die
Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen
Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan,
die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu
machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder
Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten
immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den
zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen
fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf
den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry
im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von
Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess
und sogar durch +öffentliche Anschläge+ zum Eintritt in ihre Reihen
einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in
Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete
sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die
Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „+tagtäglich Diebstähle+ und
Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer
der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“.
Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris.
Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter
Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser
+Bourdroux+ war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande.
Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit
unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen
sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung
vollzogen“.[388]
Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und
Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung
der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der
Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution,
zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den
Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren
Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt
würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen
der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die
Spielhäuser.[389]
In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen
durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle
Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle.
Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen
Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein
und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis
ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten
machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters
und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen
sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht
nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen
so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich
anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke
festzubinden!“ +Schmidt+ betont besonders die „grauenhafte Thatsache“,
dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und
unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der
andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige
Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit:
man würde sicher nach allen Richtungen hin zu +schaudererregenden
Ziffern+ kommen.“[390]
Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und
Räubereien in +Sades+ Romanen verstehen.