22. Diebstahl und Räuberwesen.

Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit

einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis +de

Sade+ deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens,

übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der

„berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet

hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in

Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen

verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen

Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein

kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später

besprechen. -- Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti

ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der

Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384]

Ungeheuerlich war ja die +Geldgier+ im Frankreich des 18. Jahrhunderts,

was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt:

„Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur

Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, +man entehrt

sich, wenn man nicht reich ist+. Gold ist Alles und das übrige ohne

Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich

vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige

es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das

Geld“. Graf +Tilly+ sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un

siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous

parlerons un autre jour de vos vertus. +Montrez moi de l’or+“. Das

Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame

+du Hausset+ sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch

in +Sade’s+ Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der

Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in

der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl,

Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast

während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der

ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle

und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen

der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und

deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die

Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen

Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan,

die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu

machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder

Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten

immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den

zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen

fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf

den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry

im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von

Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess

und sogar durch +öffentliche Anschläge+ zum Eintritt in ihre Reihen

einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in

Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete

sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die

Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „+tagtäglich Diebstähle+ und

Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer

der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“.

Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris.

Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter

Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser

+Bourdroux+ war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande.

Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit

unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen

sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung

vollzogen“.[388]

Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und

Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung

der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der

Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution,

zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den

Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren

Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt

würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen

der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die

Spielhäuser.[389]

In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen

durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle

Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle.

Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen

Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein

und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis

ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten

machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters

und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen

sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht

nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen

so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich

anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke

festzubinden!“ +Schmidt+ betont besonders die „grauenhafte Thatsache“,

dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und

unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der

andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige

Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit:

man würde sicher nach allen Richtungen hin zu +schaudererregenden

Ziffern+ kommen.“[390]

Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und

Räubereien in +Sades+ Romanen verstehen.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 52 / 180 题