„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind
auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis
+de Sade+ ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach
einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a
beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10).
„Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil
(Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in
+Sade’s+ Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös
in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden
gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret,
trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait
excessivement.“ (Juliette II, 151).
„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen
Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332).
Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus
leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu
der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich
die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten
Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man
sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde
Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin
Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen
Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet,
dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein
entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach
der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit,
ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem
Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen
Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser
Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden
der Liebe macht (Justine III, 231-232).
Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen
Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des
grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“,
vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu
bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen
Esser“. Der Feldzug des Prinzen +Soubise+ in Deutschland wurde
bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der
Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100
Thaler kostete.[374] +Voltaire+ sprach sich sehr scharf gegen die
überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach
seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche
unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden
hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung +Ludwigs+ XVI.
wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt
und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira,
der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die
Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das
Werk krönten“.[377] Nach +Brillat-Savarin+ waren die Chevaliers und
die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et
philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie +Paul Lacroix+ bemerkt,
ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378]
Präsident +Henault+, der intime Freund der Madame +Du Deffand+, war
bekannt durch seine vortrefflichen Diners. +Voltaire+ redet ihn einmal
an:
Henault, fameux par vos soupers!
+Rétif+ beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre
bei +Grimod de la Reynière fils+“[379] und berichtete über mehrere
„pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan +Guilbert
de Préval+, wo der Dichter +Robé+ seine cynischen Poeme vorlas, bei
Herrn +de Morfontaine+ und beim Grafen +de Gémonville+.[380] Ganz
wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren
„Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. +Casanova+ schildert
ein solches Souper in Marseille.[381]
Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen
zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert
+Reichardt+[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung
entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen
Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein
trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit
Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches
ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten,
folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke,
welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen
Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und
diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen
Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster
Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu
trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit
vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein
umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la
liberté)“.
Merkwürdig ist, dass der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen bereits
den Typus des +Vegetarianers+ und des +Antialkoholisten+ gezeichnet
hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich
J. +Newtons’s+ Schrift „Return to nature or defence of vegetable
regime“, die 1811 in London erschien. +Sade+ führt in Bandole einen
typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese
Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur
Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein
Vorläufer von +Leopold Schenk+. Zwar entwickelt er keine vollständige
„Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert
wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé
in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des
Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit
Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von
Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen
Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben
verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden
durchaus glücklich.[383]