21. Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert.

„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind

auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis

+de Sade+ ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach

einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a

beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10).

„Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil

(Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in

+Sade’s+ Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös

in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden

gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret,

trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait

excessivement.“ (Juliette II, 151).

„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen

Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332).

Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus

leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu

der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich

die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten

Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man

sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde

Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin

Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen

Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet,

dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein

entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach

der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit,

ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem

Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen

Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser

Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden

der Liebe macht (Justine III, 231-232).

Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen

Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des

grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“,

vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu

bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen

Esser“. Der Feldzug des Prinzen +Soubise+ in Deutschland wurde

bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der

Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100

Thaler kostete.[374] +Voltaire+ sprach sich sehr scharf gegen die

überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach

seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche

unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden

hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung +Ludwigs+ XVI.

wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt

und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira,

der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die

Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das

Werk krönten“.[377] Nach +Brillat-Savarin+ waren die Chevaliers und

die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et

philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie +Paul Lacroix+ bemerkt,

ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378]

Präsident +Henault+, der intime Freund der Madame +Du Deffand+, war

bekannt durch seine vortrefflichen Diners. +Voltaire+ redet ihn einmal

an:

Henault, fameux par vos soupers!

+Rétif+ beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre

bei +Grimod de la Reynière fils+“[379] und berichtete über mehrere

„pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan +Guilbert

de Préval+, wo der Dichter +Robé+ seine cynischen Poeme vorlas, bei

Herrn +de Morfontaine+ und beim Grafen +de Gémonville+.[380] Ganz

wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren

„Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. +Casanova+ schildert

ein solches Souper in Marseille.[381]

Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen

zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert

+Reichardt+[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung

entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen

Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein

trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit

Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches

ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten,

folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke,

welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen

Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und

diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen

Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster

Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu

trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit

vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein

umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la

liberté)“.

Merkwürdig ist, dass der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen bereits

den Typus des +Vegetarianers+ und des +Antialkoholisten+ gezeichnet

hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich

J. +Newtons’s+ Schrift „Return to nature or defence of vegetable

regime“, die 1811 in London erschien. +Sade+ führt in Bandole einen

typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese

Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur

Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein

Vorläufer von +Leopold Schenk+. Zwar entwickelt er keine vollständige

„Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert

wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé

in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des

Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit

Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von

Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen

Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben

verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden

durchaus glücklich.[383]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 51 / 180 题