Der Marquis de +Sade+ singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten.
Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in
der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen
Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans
l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore
plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir
I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und
betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit
verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen
Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht
paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem
„Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im
Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg
homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen
das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt.
Er ist, soweit wir uns erinnern, +der einzige Typus mit hereditärer
sexueller Inversion+, den +de Sade+ gezeichnet hat. +Alle übrigen haben
die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben.+
Wir sind überzeugt, dass +Sade+, der sich überall als ein genauer
Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist,
hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning
durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch
lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die
Regel. -- Bressac entwickelt (Justine I. 162-164) die Theorie, dass der
+Pathicus+, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die
übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend
auf einer „construction toute différente“. +Es wäre eine „stupidité“,
sie zu bestrafen+! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der
Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen
dürfte. „+Ah!+ sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas
que nous f.... des culs, aurait-+elle aussi justement proportionné leur
orifice à nos membres+; cet orifice n’est-il pas +rond+ comme eux, quel
être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou +ovale+ puisse
avoir été créé par la nature pour des membres +ronds+. Ses intentions
se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). --
Selbst die Tribaden fröhnen bei +Sade+ der griechischen Liebe, sei
es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. -- Die
Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die
Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die
Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est
en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal
der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316]
behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf
Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est
bien recherché en Italie (III, 290).“
Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in
Frankreich gefunden. +Mirabeau+ versichert, dass während der Regierung
+Heinrich’s+ III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les
portiques du Louvre“, und dass unter +Ludwig+ XIV. die Paederastie
ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] +Heinrich+ III.
war selbst homosexuell gewesen. +Heinrich+ IV. „trat zwar wieder sehr
dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter +Ludwig+
XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte
zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. +Philipp von
Orléans+, Bruder +Ludwigs+ XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt,
in wie unglücklicher Ehe durch +Philipp’s+ Vorliebe für Männer seine
Frau, die deutsche Fürstentochter +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz,
oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was +Ludwig+ XIV. anbetrifft,
so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor
seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln,
um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der
junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer
gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der
Kammerdiener des Königs, +Pierre de la Porte+, berichtet in seinen
Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal +Mazarin+ im Jahre 1652
nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit
ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt
und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten
Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von +Bussy-Rabutin+
bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in
dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von
+Grammont+, der Malteserritter +de Tilladet+, +Manicamp+, der Marquis
+de Biran+ als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden
untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient
saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit
vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den
„rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue
au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete,
musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner
Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu
gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich
musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange
bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses
Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal
wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit
jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen,
welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den
vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in
diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur
griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht
werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die
Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf
welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen
trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm
anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil
gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
Wenn +Bouchard+ von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass
dieser „cour était extrêment impie et débauchée, +surtout pour les
garçons+. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler
la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils
voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur
chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une
heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen
der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“
zurückzuführen, wie +Havelock Ellis+ und +Symonds+ annehmen, als auf
das ihnen am Hofe dieses Herzogs von +Orléans+ gegebene Beispiel und
auf direkte Verführung. Und wenn +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz
über eben diesen Herzog von +Orléans+ schreibt: „Monsieur denkt an
nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts;
das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir
+Bouchard’s+ obige Angaben einigermassen bezweifeln.
Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen
Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen,
wenn +Ludwig+ XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio
und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird
berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae
jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings
wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der
auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben
gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet +Dupin+, der Regierungscommissar
des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch
+schändlichere+ Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über
die Paederastie häufen sich in +schreckenerregender+ Weise. -- Die
Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit
auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux
Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt +Rétif de
la Bretonne+ in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität
und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen
Frankreich erniedrigen“.[325]
+Rétif+ sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und
weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die
grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass
auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert
werde.[326]
Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der
grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden
à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken
Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.