Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der
Marquis +de Sade+ ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen
nur die +grossen Flagellationsszenen+ in der „Justine“ und „Juliette“
(Justine III, 129; Juliette II, 138-150 zwischen Frauen; Juliette V,
335). Juliette besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen
Modistinnen den Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie
darin besteht, junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs
Blut zu geisseln, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte.
(Juliette I, 344 ff.).
Der Marquis +de Sade+ hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien
gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften
über den Flagellantismus von +Meibom+ und +Boileau+ (Juliette V, 169).
Diese Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es
gewesen sind, welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen.
Er wundert sich deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des
Weibes dieses der aktiven Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen
habe (?)[327], und er lässt durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung
aussprechen, dass die Frauen auch dieser Spezialität bis zu dem „point
où je le désire“ ausbilden möchten (Phil. dans le Boud. I. 157).
Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert
teilt +Cooper+ mit[328]. +Voltaire+ erwähnt die Rute oft in seinen
Schriften, namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen
kann. Auch in den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig
erwähnt.
Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die
Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden.
In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge
Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei
dem Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen
Schwestern straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise,
wie die heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf,
um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall
der +Théroigne de Méricourt+, die auf der Terrasse „Des Feuillants“
öffentlich von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber
den Verstand verlor. Auch nach dem Sturze +Robespierre’s+ wurden von
den Anti-Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und
gegeisselt.
Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „+Rutenklub+“
bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit
entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu
diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen
kann.
Ueber +Jean Jacques Rousseau’s+ Vorliebe für diese Art geschlechtlicher
Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf
verzichten, die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle
+Lambercier+ nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v.
+Krafft-Ebing+ verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten
Jahrhunderts ist nach +Cooper+ reich an Geschichten von Prügelstrafen,
die namentlich bei dem schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber
einige causes célèbres dieser Art berichtet ebenfalls +Cooper+.
+England+ ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen
Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war +Theresa Berkley+
in London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst
erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen
Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her
shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped,
fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed,
furse-brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed,
phlebotomized and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt
sie für die Ausübung der aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine
Negerin und eine Zigeunerin. Sie erfand eine Maschine, auf der die
Männer festgebunden wurden und die eine sehr sinnreich-wollüstige
Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs. Berkley’s memoirs,
representing a man upon it quite naked. A woman is sitting in a
chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed: she
is +manualizing+ his +embolon+, whilst Mrs. Berkley is birching his
posteriors. The female acting as +frictrix+, was intended for Fisher,
a fine, tall, dark haired girl, all must remember who visited
Charlotte Street at that day, as well as the good humoured blonde,
Willis; the plump, tight, frisky and merry arsed Thurlow. Grenville
with the enormous bubbies; Bentinc, with breadth of hip and splendour
of buttock; Olive, the gipsy, whose brown skin, wicked black eye, and
medicean form would melt an anchorite; the mild and amiable Palmer with
luxuriant and +well fledged+ wount, from whose tufted honors many a
noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the pleasing and complaisant,
who, if birch was a question, could both give and take.“[331] Die
+Berkley+ starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis 1836 über
10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die Dr.
+Vance+, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von
Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde
vernichtet.
Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau
+Berkley+ in den neueren Werken über Flagellantismus und auch
sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für
Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den
Romanen des Marquis +de Sade+ ganz +ähnliche Maschinen+ vorkommen,
auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an
dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des
englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden
Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England,
vorzüglich in +London+ untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen
sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332]
Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der +Aderlass+ bei
+Sade+ spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt
ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung
verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er
dieselben hat reichlich essen lassen. +Sade+ verfehlt nicht, solche
Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der
Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen
geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte
Operation. +Brissaud+ erzählt, dass in den Klöstern die Regel des
Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B.
fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct
Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen
gefeiert:
Seigneur du jour Saint Valentin
Fait le sang net soir et matin
Et la saignée du jour devant
Garde des fièvres en tout l’an.
+Raulin+ pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe
zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von +Dyes+ u. A. in
unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt.
Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines
+Broussais+ und +Bouillaud+ mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder.
Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. +Brierre
de Boismont+ berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den
Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen
liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er
Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er
befriedigte dieselbe an dieser Person.[334]
Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und
einfach die Handlungen des Grafen Gernande +nachgeahmt+ hat. Später
werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen
einzelner Vorkommnisse in +Sade’s+ Romanen bringen.
20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18.
Jahrhundert.
Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet +Sade+ in seinen Werken
eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht
deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie
dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher
Wert zukommt.
Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche
Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei +Sade+ künstlicher Anregung
und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch
kein Mangel an den verschiedensten +Aphrodisiaca+ zur Belebung der
entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse
reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer
Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon
„composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro
lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223).
Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer
„anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette
(Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“
auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. -- Neben diesen äusserlichen
Aphrodisiaca kennt +Sade+ auch innerliche. Juliette gebraucht als
solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in
Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand
betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette
III, 229).
Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der
Madame +Gourdan+ reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war.
Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben
gerade in Beziehung auf den Marquis +de Sade+ von Wichtigkeit sind und
ihr Hauptbestandteil, die +Canthariden+ nach +Binz+ eine „berüchtigte
Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag
vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am
Platze sein. Bis schon von +Dioscurides+ (Materia medica Lib. II. Cap.
65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles
Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter +Lucretius+ infolge
des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben
sein. +Ambroise Paré+ berichtet über mehrere derartige Todesfälle.
Zu +Paré’s+ Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in
Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden
Bonbons war Italien, von wo besonders +Catharina von Medici+ dieselben
in Frankreich einführte. Am Hofe +Heinrich’s+ III. und +Karl’s+ IX.,
fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es
besonders der Herzog von +Richelieu+, der von diesen so unschuldig
aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch
machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte
zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren +Ludwig’s+
XV. Mode wurden[338]. +Gerade in diese Zeit+ fällt die Affäre des
Marquis +de Sade+ in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle
spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame +Du
Barry+, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst
wahrscheinlich cantharidenhaltig.
Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht
Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die
durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung
der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu
Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der
Wirkung beobachtet werden.[339]
Die +Kosmetik+ erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer
besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur
höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im
Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des
Pont-Neuf Vermietungsstände für +Sonnenschirme+ zu errichten, damit
die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die
Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten
könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen
Mengen angewendet, dass +Casanova+ gewiss Recht hatte, wenn er --
der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte -- der Herzogin von
+Chartres+, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer
Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel -- was gewiss sehr
zweckmässig war -- und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches
im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.
Als +Enthaarungsmittel+ erwähnt der Marquis +de Sade+ das +Rusma+,
das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer
Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus
Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes
und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta
depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird
hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½
Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. +Plenck+, einem
berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist
noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis +de
Sade+ allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt.
Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen
Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen,
dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit
Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst
die Veranlassung, dass +Sade+ sich über die mannigfaltigsten Dinge zu
belehren suchte.
Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren
die sogenannten +falschen Jungfrauschaften+, deren grosse
Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch
adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder
zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern.
Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte
zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und
Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes +Heinrich de
Mondeville+, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche
Ausbeute liefernden Schriften von J. +Pagel+ im Urtext zum ersten Male
herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung
der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten
Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die
in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit
die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus
schlüpfrige und weiche Vulva haben, +um denen, die mit ihnen
zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche
Dirnen zu erscheinen+. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die +nicht
verheiratet+, aber unseligerweise +defloriert+ sind, ihre Zuflucht,
um als +unverfälschte Jungfern+ dazustehen, wenn es dazu kommt, sich
mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck
suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas
bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in
die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen,
der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe
man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie,
beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem +adstringirende Pflanzen+,
wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind,
oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie
nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den
Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut
und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze
es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie
hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen
Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder
an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der
Madame +Gourdan+ berichtet. Auch +Sade+ kennt verschiedene Mittel zur
Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der
sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette
I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine
„Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben
soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179).
Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I,
187).[346]
Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene
Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die
Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten,
obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘
so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals
Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und
Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die +Schminken+, vor
allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque
chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt
folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348]
(Die Marquise klingelt)