Ihre +Gourdan+.“

Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die

+Furiel+ verkauft.

Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame +de

Furiel+. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes

Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte

zunächst der Zahnarzt der +Furiel+ Saphos Mund, brachte die Zähne

in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser.

Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an

Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und -- überflüssigen

Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle

Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement

alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen.

Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen,

frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf

Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd

à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten)

und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“

d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an

den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre

neue Kleidung. So wurde sie zu Madame +de Furiel+ geführt.

Madame +de Furiel+ empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine

Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas

beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus

darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur

„ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie,

zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la

bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr

schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie

sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae.

Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam

magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi

Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.

Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen

Liebe, rief Madame +de Furiel+ zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide

gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen

Souper zu erholen, bei welchem die +Furiel+ Sapho Aufklärungen über

die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert

im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau

erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten.

Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn

bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir

ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“

befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender

Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken

stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher

Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen

auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch

sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die

„postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war,

von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass

sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler

Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel

einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung

und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei

Stunden.

Nach dieser Erzählung versprach Madame +de Furiel+ unserer Sapho schöne

Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht

im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe

bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich

Sapho bereit.

Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen,

Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit

allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen

Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den

Corridoren: „+Die Furiel+ hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues;

welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“

Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien

der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen

Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal

von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten

Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale.

Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus

gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu

präsidieren. +Sie schwebte ganz in der Luft+, ohne dass dies Wunder die

Eingeweihten überraschte.[295]

Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem

2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge

bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber

befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden

Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar

stand die Büste der +Sappho+, der Schutzheiligen des Tempels, der

ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von

+Houdon+ angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) +d’Eon+,

der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen

die Büsten der von +Sappho+ besungenen griechischen Tribaden, der

+Thelesyle+, +Amythone+, +Kydno+, +Megare+, +Pyrrhine+, +Andromeda+,

+Cyrine+ u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager

von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin

ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen

Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées,

chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach

mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des

Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen

geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de

l’amour conjugal“[297], in +Buffon’s+ „Histoire naturelle“ und bei den

„geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren.

Die Aufnahme unserer +Sapho+ gestaltete sich folgendermassen: Alle

Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“

trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse

Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder

ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie

zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter

und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen

gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten

wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle

+Raucourt+, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française,

niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame +Furiel+ sagte: „Schöne

Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘:

Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals

mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei

den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und

Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei

uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen

zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho,

dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete

sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in

einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier

wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt,

gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin

untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten

+dreissig+ Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der

ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten

lateinischen Gedichtes vor.[299]

Que celles prétendant à l’honneur d’être belle,

De reproduire en soi le superbe modèle.

D’Hélène qui jadis embrasa l’univers,

Etale en sa faveur trente charmes divers!

Que la couvrant trois fois chacun par intervalle

Et le blanc et le noir et le rouge mêlés

Offrent autant de fois aux yeux émerveillés,

D’une même couleur la nuance inégale.

Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour

La nature prodigue, avare tour à tour,

Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre

De ses dimensions lui trace la mesure:

Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits,

D’un ensemble divin les contrastes parfaits.

Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire,

Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur,

Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire,

Que son poil des entours relève la blancheur.

Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille.

La chevelure longue et la taille et la main,

Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille.

Elevé soit son front, étendu soit son sein:

Que la nymphe surtout aux fesses rebondies,

Présente aux amateurs formes bien arrondies:

Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser,

Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer,

Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible,

Annonce du plaisir l’accès étroit pénible.

Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis,

Soient doucement gonflés et jamais applatis.

Un petit nez plaît fort, une tête petite.

Un tétin repoussant le baiser qu’il invite;

Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats

Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]

Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas

mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h.

mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine

Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das

Resultat. Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser

Beschluss wurde dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt,

worauf +Sapho+ als Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin

einen Eid ablegen musste, nie mit Männern zu verkehren und nie die

Mysterien der Versammlung zu verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte

eines goldenen Ringes von Madame +Furiel+ und der Sapho ihr Name

eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin, Mademoiselle +Raucourt+ eine

+Aufnahmerede+,[301] deren Inhalt in Kürze angegeben werde.

„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese

Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. +d’Eon+.

Diese d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen

Geschlechte Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der

Rede gelten.

Zunächst verbreitete sich die +Raucourt+ über den Ursprung der

„Secte anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule

eingerichtet. Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des

Collegiums der Vestalinnen, +verkörperten das beständige Priestertum

der Tribadie+, wenn auch nur als ein schwaches Abbild der +wahren+

lesbischen Liebe wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de

formules puériles.“

Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall

Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher

als ein Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne,

dans les instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre,

dans ceux de sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les

comestibles.“ Dann helfe man sich gegenseitig und +werde einander

unentbehrlich+,[302] und das neue Leben triumphiere über alle

Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die Busskleider verwandeln sich in

Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen Geisselung würden zu Orgien;

denn die Flagellation sei ein mächtiges Reizmittel der Wollust. So wird

man im Kloster Tribade.

Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und

eifrig Propaganda für denselben machen. Die +Raucourt+ nennt jetzt die

bekanntesten Tribaden: die Herzogin von +Urbsrex+, die Marquise de

+Terracenès+, Madame +de Furiel+ (die Beschützerin unserer Sapho und

Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de +Téchul+[303] (die

sich als Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei

den Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle +Clairon+

(berühmte Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin

+Arnould+, die deutsche Tribade +Sonck+ (unterhalten von einem Bruder

des preussischen Königs).

Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der

+Arnould+ und der +Raucourt+ in die lesbische Liebeskunst eingeweiht

wurde. Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie.

Der Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz

und illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft

und hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und

Geburt ein Genuss?

Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden.

Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei

der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus

einer Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue

Schülerinnen aus.

„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer

jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie

länger, ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will,

eine +wirkliche Rose ohne Dornen durch das ganze Leben+.“

Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen

und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“,

besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder

gesungen wurden, meist aus den Werken der +Sappho+. Als alle berauscht

waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer

im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder

aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste,

sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus

renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs

que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die

Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen,

welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als

Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den

Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame

+de Furiel+ und +Sapho+.[306]

Fräulein +Raucourt+,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr

emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu

verbinden. Sie verliess den Marquis +de Bièvre+, dessen Maitresse sie

gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen.

Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu

lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine

ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente)

bezeichnete.

Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten

sapphischen Brief der +Raucourt+ mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die

Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen

zu lassen:

„An Madame de Ponty,

Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.

Brüssel, 21. Messidor.

Sonntag, 10. Juli.

Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom

fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung

zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir

niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt

hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames

Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn

Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht

bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst,

dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen

und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost

werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich

fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding:

ohne Deine Liebe zu leben. -- Ich bin entzückt, dass das Badezimmer

und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von

mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass

Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die

Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen

zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine

mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein.

Wir brauchen sie für die Boudoirs. -- Ich bin überrascht, dass Du

Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir

abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen,

dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle

diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend

erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und

mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst.

Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht

eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies

ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine

Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann

krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der

Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse

Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male

besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort,

ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach

dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren.

In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich

herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um

bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte.

Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen

wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die

Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort,

ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss,

mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir

spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion

mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine

theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher

Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück,

die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt

sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das

reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein

einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin,

welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich

hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme

trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste

meiner +Enthaltsamkeit+.. Es ist zum Sterben.“[308]

Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich

erhalten:[309]

Pour te fêter, belle +Raucourt+,

Que n’ai-je obtenu la puissance

De changer vingt fois en un jour

Et de sexe et de jouissance!

Qui, je voudrais, pour t’exprimer

Jusqu’à quel degré tu m’es chère,

Etre jeune homme pour t’aimer,

Et jeune fille pour te plaire.

Wer war aber die Mlle. +d’Eon+, deren Büste im Tribadenheiligtum der

„Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins

+d’Eon+ bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen

Vorkommnisse, dessen wir kurz gedenken wollen.

Der Chevalier +d’Eon+[310] war ein talentvoller burgundischer

Landjunker, der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor,

litterarischen Dilettanten, vor Allem aber zum Liebling hochadliger

Familien emporgearbeitet hatte. Er galt als findiger Kopf. Den

entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine

+eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung+ herbei. Als +Ludwig+

XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges einen geheimen

Agenten +Douglas+ nach Petersburg schickte, gesellte man diesem

+d’Eon+ bei, der -- auf Wunsch +Conti’s+ oder des Königs +Frauentracht+

anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der

Kaiserin eigenhändige Briefe +Ludwigs+ XV. in die Hände spielte, das

Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer

Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung

seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging

dann wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch

als Mann durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen

Gesandten +Guerchy+ in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in

seinem Besitze befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung

auszuliefern. Es gelang jedoch +Ludwig+ XV. den Chevalier vorläufig

durch eine Rente von 12000 Livres zu beschwichtigen, und damit

dieser sich gegen seine Feinde schützen könne, riet der König ihm in

einem unter dem 4. Oktober 1763 geschriebenen Briefe, dass er wieder

Frauenkleider anlegen solle, was aber +d’Eon+ noch nicht befolgte. Nach

dem Tode des Königs wiederholte +d’Eon+ seine Drohungen, als er Gefahr

lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht eine neue Person in dieser

Komödie auf. Das war kein Geringerer als der Autor der „Hochzeit des

Figaro“, +Beaumarchais+, der als Abgesandter König +Ludwig’s+ XVI. nach

London ging, um +d’Eon+ zur Auslieferung der Geheimpapiere zu bewegen.

Schon scheint die Rückkehr +d’Eons+ gesichert, die Auslieferung der

Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn des ehemaligen

französischen Gesandten +Guerchy+, dass er das Andenken des Vaters an

diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es immer wagen

sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.

Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf --

wahrscheinlich +Beaumarchais+ selbst, -- auf den Einfall, alle

Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man +d’Eon+ zu der

öffentlichen Erklärung vermöchte: +er sei überhaupt kein Mann, sondern

ein -- Weib+. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt:

alle Vergehen wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen

Anfeindungen +Guerchy’s+ würden dadurch als Unarten einer in ihrer

Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von

Genugthuung als Narretei erscheinen. In den Friedens-Unterhandlungen

+Beaumarchais+’ war es mithin der erste und der entscheidende Punkt,

+d’Eon+ zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen,

er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare

Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben umgethan habe.[311]

So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande, ein

Unicum in der Weltgeschichte:

„Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais

einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo.

25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon vorgewiesen

und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde)

und

+Fräulein+ Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon

de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des

königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen

von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen

Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für

belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach

Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen,

französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers

am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des

Herzogs von Nivernais etc. andererseits -- sind über folgende

Vertrags-Bestimmungen einig geworden:

Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der

politischen Papiere.)

Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der

Correspondenz d’Eons.)

Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie

fortan in Frieden zu lassen.

Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den

Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät,

+dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines

Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen

lassen, völlig aufhöre+. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise

Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser

Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld

einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen

und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen,

das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt

hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über

ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu

Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die

sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange

ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde

und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige

Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in

Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese

Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon

kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312],

als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter,

welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und

ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird.

Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit

zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter

dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos

Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er

hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr

der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen

Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“

+d’Eon+ verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob

aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und

Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz

tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung

von -- Mädchenwäsche und Frauenkleidern.

Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in

ganz Frankreich -- mit Ausnahme der Eingeweihten -- als Mädchen.[313]

Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel

der Vesta“ errichteten. +Casanova+ erklärt geradezu: „Der König

wusste und hat es stets gewusst, +dass er (d’Eon) eine Frau sei+, und

der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der

auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König

bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314]

+Louvet de Couvray+ lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom

Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur

rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich -- enthüllt.

Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen

Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt.

+Sade+ hat mehrere solche Typen geschildert.

Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus

einer Bemerkung des Grafen +von Tilly+ über die lesbische Freundin

eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un

genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela

m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 36 / 180 题