Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in
Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir
glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen
hat, wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier
spiegeln die Werke +de Sade’s+ getreu das Bild jener Zeit wieder und
belehren über die Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen
Liebe.
Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der
wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters
Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer
ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein
ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden
Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann
gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet
(Juliette II, 138-150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst
findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese
(Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V,
259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese
Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische
Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III,
284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV,
116).
Auch an Andeutungen zu einer +Erklärung+ der Tribadie lässt es +Sade+
nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand
betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres
Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als
Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III,
60-64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“
zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt +Sade+ bei einer anderen Tribade
Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst
20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine
‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines
Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen
Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194).
+Sade+ behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio
übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren
Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le
plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de
leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253).
Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch
+Mirabeau+ in „Ma conversion“.[289]
Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch +Diderot+ mit seiner
„Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit
nicht überboten. +Mairobert+ hat nämlich in seinem „Espion anglais“
mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen
überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser
Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte
„Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und
welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte
Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern,
war von der Madame +Gourdan+ für ihr Bordell eingefangen worden.
Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam
zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits
für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass
der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie
schwanger. +Mairobert+, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem
Mädchen, die sich Mademoiselle +Sapho+ nannte, ihre Lebensgeschichte
erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass +Mairobert+,
als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft
eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen
Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte
einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des
vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung
widmen.
Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel,
faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine
Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass
sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig
benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je
caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir
qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais
légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu
dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; +contre
une petite sœur+ que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich
und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt.
Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der +Gourdan+ entführt worden,
wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne
Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar,
dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den
Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an
ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein
Bedürfnis geworden wäre. Die +Gewohnheit+, das +Erworbensein+ der
conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die
Heredität sehr skeptisch.
Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter
überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem
Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame
+Gourdan+ eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren
Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im
Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich
mit Freuden aufgenommen und von der +Gourdan+ nach Paris gebracht, wo
sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht
wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der +Gourdan+’schen
Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion
des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches
Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die
+Gourdan+[293]:
„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner
Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem
diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer
eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition
mit Gold aufwiegen.“
Von dieser Entdeckung benachrichtigte die +Gourdan+ sofort Madame +de
Furiel+, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden
Brief:
„Madame,
ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück
entdeckt -- für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren
depravierten Geschmack haben -- denn ich kann eine meinen Neigungen
ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich
kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität
etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren
Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau
von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und
ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können.
Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass
Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine
ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
Verbleibe in Hochachtung u. s. w.