Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution
und nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die
hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und
beginnen mit der gewöhnlichsten, der +Onanie+.
Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei +Sade+ lautet, kehrt fast
auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine
über den Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im
Kloster diese Praktiken erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung
durch Manustupration. Diese wollüstige Erregung, die man sich jeden
Augenblick ohne einen anderen verschaffen könne, sei der beste Trost
über alles Leid, da die Onanie mit Sicherheit alle Schmerzempfindungen
zum Verschwinden bringe. (Justine I, 5). Delbène, die Oberin des
Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine sehr wollüstige Frau,
hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger daran gewöhnt, den
Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In der „Société
des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für Masturbation“
(Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch die
„französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292).
Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans
le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen
Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie
bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“
(Philosophie dans le Boudoir I, 43). --[281]
+Mairobert+ lässt die Madame +Richard+ sich in charakteristischer Weise
über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern.
Diese so raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und
Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei
den Alten sehr in Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei,
werde immer mehr Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der --
Philosophie. In den berühmten Bordellen der +Florence+, der +Paris+,
der +Gourdan+, der +Brisson+, könne man diese Künste sehen. „Viele
treiben auch einfache und mutuelle Onanie, um keine Kinder zu bekommen
oder die syphilitische Ansteckung zu vermeiden.“[282]
Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert +La Mettrie+
die „voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle
Onanie zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das
folgende boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
Il est des Dames cruelles,
Et l’on s’en plaint chaque jour:
Savez-vous pourquoi ces belles
Sont si froides en amour?
Ces Dames se font entr’elles,
Par un généreux retour
Ce qu’on appelle un doigt de cour.
Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie im
18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von +Simon André Tissot+
über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten
Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres
Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten
französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner
Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl auch
infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu europäischer
Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der damaligen
Zeit fast verschlungen wurde.“[286]