15. Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale.

Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die +Dirnenstadt+

von Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18.

Jahrhundert, ein gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches

Objekt, das „mit seinen Spielhäusern, seinen royalistischen und

jacobinischen Verschwörern, seinen Dirnen und Banditen, seiner

vornehmen und doch verkommenen Kundschaft, seinem Luxus und

seinem Elend eine kleine, aber keineswegs schöne Welt für sich

darstellte.“[263]

Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis

1634 von +Lemercier+ an der Stelle der ehemaligen Hôtels +de Mercœur+

und +de Rambouillet+ für den Kardinal +de Richelieu+ erbaut und später

eine Zeit lang von +Ludwig+ XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es

seinem Enkel, dem Herzog von +Chartres+ schenkte, wodurch es an die

Familie Orléans kam. Der Regent +Philipp+ von +Orléans+ inaugurierte

das Palais-Royal als Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen

für die vornehme Welt. Sein Urenkel, Herzog +Louis Philipp Joseph+ von

+Orléans+, der berüchtigte +Philippe-Egalité+ liess in den Jahren 1781

bis 1786 den Palast gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt

annahm und sich zu einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden,

Kaufhallen, Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen

Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal

waren im Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de

Montpensier“, an deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre

du Palais-Royal lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden

umgaben den prächtigen +Garten+ des Palais-Royal, der in Form eines

Parallelogrammes sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde

das Theater der „Comédie française“ erbaut.[264]

In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution

jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche

Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750,

also vor dem Umbau aussah, erzählt +Casanova+[265]: „Neugierig auf

diesen so vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen

ziemlich hübschen Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser,

welche ihn umgaben, viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier

und dort Bänke, auf denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und

Kleinigkeiten verkaufte. Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man

für einen Sou vermietete, Zeitungsleser die sich im Schatten hielten,

Mädchen und Männer, die allein oder in Gesellschaft frühstückten,

Kellner, welche schnell die unter Laubwerk verborgenen Treppen hinauf

und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte +Casanova+ die Namen aller Dirnen,

die dort herumspazierten.

Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante

und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de

Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat +Gerhard

Anton von Halem+, dem Freunde der Grafen +Stolberg+ und Verfasser der

Geschichte des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris.

Schon beim Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266]

Als die Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in

Ringelreihen und sangen ein Chanson mit dem Refrain:

Viva l’amour

Viva l’amour!

Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von

Epikurs Gärten:

„Fremdling! hier wird dir wohl sein!

Das grösste Gut ist hier Wollust,“

würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen

Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las

man schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und

wenn ich Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen

Sie an keinen unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal

überlassen. Sehen Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die

Braune und die Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie

Ihre Augen, um nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der

Abend hebt, nicht ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse,

die sie so freundlich darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss,

Ihre Ohren, um weder jenes sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi,

parolette e dolci stille di pianto o sospiri, jene lockenden „Viquets“

(wie geht’s) und „good night, my dear Sir!“ noch den Sirenengesang zu

vernehmen:

„Aimons au moment du réveil,

Aimons au lever de l’Aurore,

Aimons au coucher du soleil,

Durant la nuit aimons encore.“

Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass

das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der

Freudenmädchen. +Halem+’s Schilderung ist deswegen von Interesse,

weil ihr die Ehre widerfahren ist, von +Arthur Chuquet+, dem treuen

Teutophilen, Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher,

ins Französische übersetzt zu werden[267]. +Halem+, der Mitglied des

Jakobinerklubs wurde, berichtet auch haarsträubende Dinge über die

sittliche Korruption in dem Hause, wo er Wohnung genommen hatte.

Wenn im Jahre 1772 der Marquis +de Carraccioli+ noch bemerkt, dass

das Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die

der Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der

Oper, besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande

der Oper (1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den

Bau von Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an

diesem Orte.[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender

Dunkelheit, während der Revolution und des Direktoriums alle jene

scheusslichen Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben.

Das Palais-Royal wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269],

die „Kloake von Paris“, wie es +Mercier+ in „Le nouveau Paris“ und

+Rétif de la Bretonne+ in seinem grossen Werke über das Palais-Royal

geschildert haben. +Rétif+ hat das Leben im Palais-Royal untersucht

wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur Nicolas“ schreibt er 1796:

„Man weiss, dass das neue Palais-Royal das allgemeine Rendez-vous der

Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust, Prostitution, des Spiels,

der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten, und daher das Zentrum

für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser berühmte Bazar zog mich

nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an, sondern auch durch die

Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]

+Mercier+ wünscht lebhaft, dass doch +Lavater+, der berühmte

Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein

möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst

im innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die

Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und +Niemand

täusche sich dort+. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit

all seiner Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich

um Unterscheidung sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle

studieren müsse. „Ich behaupte nun, dass Herr +Lavater+ sehr grosse

Mühe haben würde, eine Frau von Stellung von einer unterhaltenen Dirne

zu unterscheiden, und dass der gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne

grosses Studieren mehr davon weiss als er.“ Dort betrachtet man sich

mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der Welt üblich als in Paris,

und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut, man ruft sich an,

man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso ihre Gatten, ihre

Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man lacht sich ins

Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im Wirbel mit

fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. +Ja, in

Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien

machen müssen.+[271]

Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten dort

ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön

oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um

5 Uhr abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer

allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit

mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie,

und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er

doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder

thöricht! So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen

einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen,

lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber

gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und

binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“ So spricht

+Diderot+ im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach der Uebersetzung unseres

+Goethe+. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem Palais-Royal und eine

merkwürdige Vergleichung.

Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen

Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit.

Hier suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass

Männer, die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen

Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd

ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des

Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution

gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab,

hatte sich damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes

Gedicht feiert diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des

Palais-Royal.[273]

Vivent les nuits étoilées

De ce jardin enchanteur

Où nos femmes sont voilées,

Aux dépens de la pudeur!

Dessous ces fraiches allées

La moins sage est à l’abri

De la honte et du mari.

Ce mélange d’impudence,

De tendresse et de gaîté,

Depuis quelque temps en France,

Fait notre amabilité.

La prude et froide décence

Combat, brouille tous les goûts;

La licence les joint tous.

Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der

schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen

Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt,

die höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel

der beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in

der „Allée de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden

und Arcaden tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt,

verfolgt und umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen

Teilen der Welt. Hier war das Eldorado der Prostitution. Hier waren

ihre Schlupfwinkel in Gestalt zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen,

Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier lernte +Rétif de la Bretonne+ von

seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan +Guilbert de Préval+, der in

alle Geheimnisse und Arten der Wollust im Palais-Royal eingeweiht war,

„die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu amüsieren“ kennen oder

„wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer abrichtet“. +Rétif+ konnte

aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der Seufzerallee aufschreiben,

er kannte auch die „Huris“, die „Exsunamitinnen“, die „Berceuses“,

die „Chanteuses“, die „Converseuses“, lauter „dem 18. Jahrhundert

eigentümliche moralische Phänomene“ oder wie wir heute sagen würden,

lauter verschiedene sexualpathologische Typen. +Rétif+’s Werk über

das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck (bei +A. Christiaens+

in Brüssel, 3 Bände) zugänglich geworden. Der Verfasser sagt über

den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine Geschichte!“

-- Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein, machen Sie

nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen, des

Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und +Buffon+ hat Sie für den

Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen

Wesen erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische

Geschöpfe schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über

Stuten, Eselinnen und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des

Palais-Royal sind sehr hübsch, besonders die jungen. Was die Alten

betrifft, so ist es damit wie überall: ein altes Tier ist niemals

schön. -- Wie es sich auch verhalte, wir werden Ihnen merkwürdige,

unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als vor sechs Monaten. Aber

vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem Gesichte, dem Alter,

dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und Talenten dieser

Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen haben.“ Hierauf

beschreibt +Rétif+ 32 Freudenmädchen aus der „Allée des Soupirs“, die

man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde erblickt. Er

erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei häufig

die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit

fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des

Palais-Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters,

die anmutigen Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz

der Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain

ein magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch

Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche

der Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten.

Nachdem wir alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr,

in dem Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein

zu soupiren, dass nur die +öffentlichen Mädchen+ dort blieben. Wir

beobachteten sie neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins

der zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete

ihnen über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“.

Die +Sunamitinnen+ trugen ihren Namen nach der bekannten Beischläferin

des Königs +David+, welche durch ihre Lebenswärme die Kräfte des

alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen

Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke

zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und

vollkommen gesund sein mussten, was man durch den Genuss ausgewählter

Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der

Kur eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste

Mal war die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein

aromatisches Bad steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines

Körpers vor. Dann legte sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn

zu Bette und legte zu beiden Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut

die seinige berührte. Ein paar Mädchen konnten diesen Dienst nur 8

Nächte hintereinander versehen, dann lösten ein paar frische sich ab

und die beiden ersten ruhten aus, badeten sich die ersten beiden Tage,

und vergnügten sich 14 Tage lang, bis die Reihe wieder an sie kam. Der

Alte musste nicht nur das dienstthuende, sondern auch die ausruhenden

Mädchen bezahlen, im ganzen drei Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs

Francs und die Matrone behielt die zwölf übrigen für sich. Man gab

sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche Keuschheit dieser Sunamitinnen

unangetastet blieb. Denn sonst würden die Lebensverlängerinnen,

besonders während der Schwangerschaft, schädlich statt nützlich

sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen Mädchens,

so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch eine

beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der

„Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente

zu diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo

sie mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine

Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“,

und würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben,

die sie von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht

wurde, konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode

des sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der

Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274]

Auch in der „Justine“ des Marquis +de Sade+ muss die Titelheldin einem

greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine

II, 228).

Der dritte Band von +Rétif+’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“

und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an

der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten

mussten.

Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt +Mercier+[275].

In einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich

während der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes

Zeichen beim Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von

Wohlgerüchen der Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso

schön als -- leicht gekleidete Nymphen, die dann -- die Verdauung

befördern halfen. Eine „satanisch geistreiche“ Erfindung.

Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer

Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe

Hundert vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte,

welche einem zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht

in den hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele

Spezialitäten der Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes

Dienerinnen der Venus gemacht wurden[276].

In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der

wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf

der Prostitution, für die +Soldatendirne+. Der Garten, die Gallerie

und andere öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden

„ebenso ekelhafte als ruhestörende Tummelplätze des Militärs und

der Freudenmädchen. Auf die schamloseste Weise ergingen sie sich

beiderseits öffentlich und rudelweise in den schmutzigsten Handlungen

und Zoten, so dass die Passage gehemmt ward und kein anständiger Mensch

sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe des Jahres gestaltete sich

auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends zu einem ähnlichen

Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und liederlichen Weibsbildern,

die, den Skandal nicht achtend, hier offen Unzucht trieben und

Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der Stadt feierten die

Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in der Garde

waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste, um auf

Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]

Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten eines

der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18. Jahrhundert.

+Mairobert+ ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments du luxe

et de la volupté française +n’approchent pas+ d’une sorte de spectacle

qui s’est établi naturellement et +sans frais+, bien supérieur, suivant

moi, par l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. +Ce sont

les promenades nocturnes du Palais-Royal.+“[279]

Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen Vergnügungslokale,

die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von kurzer Dauer

waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein Entrée

erhoben. Die +Vaux-hall d’été+ und +d’hiver+, das +Colisée+ waren die

besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1

bis 3 Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse

erfreuen konnte.

Ein italienischer Artist +Torré+ oder +Torres+ eröffnete das +Vaux-hall

d’été+ im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk,

Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an

kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.

Das +Vaux-hall d’hiver+ befand sich im westlichen Teile des Stadtteils

Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3.

April 1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen

Tänzerinnen aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben

werden.

Das +Colisée+ war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang,

Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen

der Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der

Vermählung des Dauphins (späteren +Ludwig+ XVI.) eröffnet. Schon 1778

ging das Etablissement ein.

Nach +Dulaure+ war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der

vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war

der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte

dort von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 33 / 180 题