14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte.

In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis +de Sade+ das Bordell der

Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen-

und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen

Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine

und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors

bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle

Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel

sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet.

Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei

heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich

mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art

begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit

seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus

einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die

aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette

VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du

crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten

Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche

Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“

und Harems oder +Serails+, wie +de Sade+ sie nennt, in denen die Opfer

von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden.

Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen

worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme

Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern,

Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.).

Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette

V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand

gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).

+Alcide Bonneau+ meint, dass der Hirschpark dem Marquis +de Sade+ als

Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens

auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei

Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis

+de Sade+ doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und

danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333)

davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen

Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode +Ludwig’s+

XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt

hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte

deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten

Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen

Quellen zu haben.

Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis +de

Sade+ seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens

der +Wirklichkeit+ entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese

Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg

auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die

geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten

sollen im Folgenden geschildert werden.

a. +Das Freudenhaus der Madame Gourdan.+[211]

Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen

Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das

Freudenhaus der Madame +Gourdan+ in der Rue des deux Portes, das unter

den Regierungen +Ludwig’s+ XV. und +Ludwig’s+ XVI. als Bordell für den

Hof und die vornehmen Fremden galt.

Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen

aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu

befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,

1. +Das Serail.+ Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de

corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend

sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden

die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde

alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se

débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent

s’y commettre!“ ruft +Pidanzat de Mairobert+ bei dieser Schilderung

aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für

die „Serails“ bei +Sade+ hergegeben hat. Ebenso lässt +de Sade+ in

seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die

Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren.

2. +Die+ „+Piscine+“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man

zuerst die in der Provinz und in Paris für die +Gourdan+ aufgegriffenen

Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich

gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden

sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das

berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem

Madame +Gourdan+ etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte

und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass

der Marquis +de Sade+ dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und

praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der

Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine

Arbeit nach berühmten Mustern. -- Weiter fand sich in der „piscine“

die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch

Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger

Grausamkeit anreizte. -- Das „Spezificum“ des Doktor +Guilbert de

Préval+ (von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird),

war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik

und Heilung der Syphilis zugleich! Madame +Gourdan+ injicierte etwas

davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien.

Also ein sexuelles +Tuberkulin+ des 18. Jahrhunderts! Alles ist schon

dagewesen.

3. +Das+ „+Cabinet de Toilette+“. Hier empfingen die Schülerinnen

dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.

4. +Die+ „+Salle de bal+.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer

in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der

+Gourdan+ unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die

Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer

Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider

aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der

Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten,

die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier

„erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen

eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin

ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“

Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und

genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen.

5. Die „+Infirmerie+.“ Das war das Gemach für Impotente, deren

erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt

wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige

Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische

Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven

befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände

aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen

Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte

Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in

allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu

geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“

Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen

als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht, dass die berüchtigte

Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquis +de Sade+ in jener

Zeit nicht vereinzelt war. --- Auch für die Frauen war in dieser

„Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren

vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt

wurden. +Mairobert+ konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen

Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung

haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ -- Der

„Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern

erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die +Gourdan+ trieb mit diesen

künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass

„zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der

Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war

unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption

in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. -- Grosser schwarzer Ringe,

der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen

Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten

Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war

ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute

„Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das

Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“.

Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen

das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht +Ricord+,

sondern +Pidanzat de Mairobert+, der es 70 Jahre früher aussprach![212]

6. Die „+Chambre de la question+“. -- Das war ein Kabinet, in welches

man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die

Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören

konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.

7. Der „+Salon des Vulcan+“. -- In ihm befand sich ein Fauteuil von

sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort

eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit

gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl

war eine Erfindung des Herrn +de Fronsac+, Sohnes des Herzogs von

+Richelieu+, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt

in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur

zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt

fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch

die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf

keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium

des Lasters finden wir auch bei +de Sade+ wieder.

Die +Gourdan+ war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie

konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In

+Villiers-le-Bel+ hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus,

wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die

Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes

Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten

dasselbe ironisch das „Kloster“.

Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die

Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon

deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass

man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die +Gourdan+ gehörte

zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst

offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert

wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht

über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir

werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213]

Im Hause der +Gourdan+ wurden die Maitressen für die vornehme Welt

herangebildet. So hatte die spätere Gräfin +Du Barry+ ihre glänzende

Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der +Gourdan+ zu verdanken. Aber

auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme

Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der +Gourdan+

entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.

b. +Justine Paris und das Hôtel du Roule.+

Am 14. November 1773 hielt Madame +Gourdan+ auf ihre verstorbene

Kollegin +Justine Paris+ eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd.

II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so voll +sadischen Geistes+

ist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die

Idee zu dieser Leichenrede concipierte der Prinz +Conti+, einer der

berüchtigsten Lebemänner des ancien régime. +Ausgeführt+ wurde sie

von der +Gourdan+, welche die Rede bei einer Orgie in +Conti’s+

Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante

Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos,

Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan,

sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das

charakteristische Motto:

La vérole, o mon Dieu,

M’a criblé jusq’aux os.

Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als

einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous

n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man

in den Romanen des +Marquis de Sade+ fast auf jeder Seite findet,

schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer

Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie

schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein

Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen

nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit

dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem

Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach +Italien+ und ist in Rom die

„Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz

Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht

sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie

aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern

und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin

eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.

Sollte dem Marquis +de Sade+ diese Leichenrede ganz unbekannt geblieben

sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in Madame

+Paris+ und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu

finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als

Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird.

+Casanova+, dieser geniale Schilderer, dessen historische

Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von

+Barthold+[214] überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren

von einem Besuche im Bordell der +Paris+ im Jahre 1750, dem sogenannten

Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und

Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor

Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des

Hauses +Gourdan+ hier Platz finden möge.[215] „Das Hôtel du Roule

war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hatte

+es elegant möbliert+ und hielt zwölf bis vierzehn +ausgezeichnete

Nymphen+. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten

Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, +Einsamkeit in herrlichen Gebüschen+;

ihr Koch war vortrefflich, ihre +Weine+ ausgezeichnet.

„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber

Alle befriedigte.

„+Durch die Polizei geschützt+, war sie weit genug von Paris entfernt,

um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die

über der Mittelklasse standen.

„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen

hatten einen gewissen Tarif.

„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für

ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.

Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese

Schilderung +Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen

Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“+

übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris

„einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“,

ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die

Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns,

dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch

bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein +Koch+ erwähnt wird,

dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei +Casanova+ und +de Sade+

genau dieselbe ist, endlich dass +Casanova+, der im Juni 1798 starb,

nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte

vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht

mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis +de Sade+

nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in

der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere

Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so

wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild

der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird,

mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis

+de Sade+ hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der +Justine

Paris+ geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von

uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus

ergiebt sich, dass die Werke des Marquis +de Sade ebenso ein Objekt

der Kulturgeschichte wie der Medizin sind+. Dieser merkwürdige Mensch

hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten

ihn +verstehen+, um ihn +erklären+ zu können, und wir überzeugten

uns bald, dass auch der +Arzt+ hier die wichtigste Belehrung nur aus

der +Kulturgeschichte+ empfangen kann. Das +Individuum de Sade+ wird

erleuchtet durch den +geschichtlichen+ Menschen.

Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung +Casanova’s+ zurück.

„Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach

Chaillot‘.

„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über

dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.

„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer

Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig,

öffnete und wir fuhren hinein.

„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch

Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie

uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.

„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal,

in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und

gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.

„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr

anmutige Verbeugung.

„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen

braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.

„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.

„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.

„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit

einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können,

und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner

rufen würde.

„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er

den Freuden der Liebe dienen konnte.

Madame +Paris+ sagte:

„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten

Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe

und der Gesundheit.“

„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.

„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung

erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um

uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.

„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.

Schliesslich lassen sich +Casanova+ und sein Freund dazu bewegen, die

Nacht in dem Bordell zu verleben.

Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18.

Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de

l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert

die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:

Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,

Est un temple charmant consacré par l’Amour;

C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse

Va porter son encens an dieu de la tendresse.

Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A

la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten).

Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die

+Paris+ ihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu

geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch

geschieht:

Des noms mignards, respirant la luxure,

Feront an cœur la première blessure;

Margot sera la charmant Aglaé,

Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,

Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,

Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.

c. +Das Bordell der Richard.+[216]

Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von +Geistlichen+ besucht.

Madame +Richard+ hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch

junge Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab

ihr den Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe

florierte glänzend. Madame +Richard+ wurde die Lieferantin von jungen

Mädchen für ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“

Eine erotische Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.

d. +Ein Negerbordell.+

Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei

Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen

Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152).

Neger und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner

in Venedig eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des

Cardoville bei Grenoble, wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses

Wüstlings geführt wird, sind zwei Neger als Helfershelfer bei diesen

Orgien thätig. (Justine IV, 331.) -- Im dritten Bande von „Aline et

Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein obscönes Bild, drei nackte

Weiber darstellend und einen Mann, der die Genitalien des einen Weibes

berührt, während von vier dabei stehenden Negern zwei mit wildem

Ausdruck Keulen schwingen.

+Die Neger sind auch keine Erfindung Sade+’s! Es existierte schon vor

1790 in Paris ein +Negerbordell+! Dies befand sich im Hause einer Mlle.

+Isabeau+, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge,

welches letztere Haus einem gewissen +Marchand+ gehörte. In diesem

Bordell waren Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab

keine festen Preise, sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man

die Sklavinnen einer Karawane verkauft.“[217]

+Fraxi+ meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht

den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in

mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare

dieser schwarzen Schönheiten. Auch +Hagen+ macht in seiner „Sexuellen

Osphresiologie“ (S. 179-181) ausführliche Mitteilungen über diese

Vorliebe der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf

Geruchsreize zurückführt.

e. +Die „petites maisons“.+

Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18.

Jahrhunderts auf das berühmte Werk von +Rétif de la Bretonne+

verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790),

erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine,

wo nach +Rétif’s+ Erzählung der Herzog von +Orléans+, der Graf

von +Artois+ sich den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten

hingaben, wo man „Bestialitäten“ beging, die später der Marquis +de

Sade+ in seinem „exécrable roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu

beschrieben habe.[220]

Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem

Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust

bei sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren

und reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“

gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature.

Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte

zum vornehmen Ton bei Jung und Alt. +Casanova+ lernte in Paris den

+80jährigen+ Chevalier d’+Arzigny+ kennen, den „Aeltesten der petits

maîtres“, der sich rot schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke

pomadisierte, die Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und

ein Gebiss von Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner

Geliebten zärtlich zugetan, die ihm sein +kleines Haus+ führte, in

welchem er stets in Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die

sämtlich jung, sämtlich liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für

die seinige aufgaben“.[221]

Auch der Marquis +de Sade+ besass im Jahre 1772 auf der butte

Saint-Roch sein „petite maison“.[222]

f. +Die geheimen pornologischen Klubs.+

Das, was der Marquis +de Sade+ in der „Société des amis du crime“

geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den

Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit.

Es gab in Paris +geheime+ Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke

des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“

hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der

geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.

Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder

die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub.

Gegründet wurde er vom Herrn von +Chambonas+.[223] Diese geheime

Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle

Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen

an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“;

„Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und

„Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue

und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des

Glückes führen liessen.[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“

wurden die obscönsten Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied

dieses obscönen Klubs war +Moët+, der Verfasser des „Code de Cythère“

(Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine

Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von +Dühren+ „Das Geschlechtsleben

in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch

„L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la

Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis

(Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das

„Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich

einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse

femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite;

„goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le

corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des

Klubs verkündigen folgende Verse:

L’isle de la Félicité

N’est pas une chimère;

C’est où règne la volupté

Et de l’amour la mère;

Frères, courons, parcourons

Tous les flots de Cythère

Et nous la trouverons.[226]

Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch

einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr

Geheimnis zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem

Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]

Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten,

der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms

de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses

Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in

dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie die +Goncourts+ sie nennen,

wälzten.[228]

Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte

Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine

Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen

Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.

Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der

Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken,

da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit

einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ +de

Sade’s+ Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde

des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm

bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene

Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden

sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben

bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser

appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues,

bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann

auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen.

In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer,

Frauen und -- Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust

gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den

Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten

Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird

Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die

man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat,

empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude

aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien

werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229]

g. +Die Freudenmädchen.+

Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen,

dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen

Wollust das Jahrhundert der +Dirne+ ist. Die Dirne wird vergöttert,

idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr

Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie

dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der

Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie

zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52-53): „So nennt man diese

öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereit

sind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind

glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen

Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der

Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut

besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber,

die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren

diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich

dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich

sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung

höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist

das, was die +Goncourts+ „den Verlust seines guten Rufes geniessen“

nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts

erklären.

+Rétif de la Bretonne+ erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem

„Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht

zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid

doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr

gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten

Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen

unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre

Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt

daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre

Priesterinnen der Wollust. +Achtet Euch+!“[230]

Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach

ein Chevalier +de Forges+ bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in

den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine

Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben

dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im

Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231]

Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert

spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der +Polizei+

ihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dass +de Sade+ das Bordell der

Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So

war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während

der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der

Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar

nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert,

jene berühmte Erzählung des Abbé +Prévost+, mit welcher übrigens

die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des

18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl

wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste

der bekannte Polizei-Inspektor +Marais+ dem Könige +Ludwig+ XV. über

die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine

ernsthafte Aufsicht fehlte. +Parent-Duchatelet+ hat die Archive der

Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und

aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreff

der öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in

sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen

entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte,

ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden.

„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und

Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von

verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die

grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.

„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch

keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der

Polizeikommissare und ihrer Diener abhing.

„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen

Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder

roh und eilig war“.

Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände,

wie sie +de Sade+ in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit.

Nach +Parent-Duchatelet+[234] wurden von 1791 an alle alten

Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr

besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22.

Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel

der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von

öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte

der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge

Leute des einen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem

Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts,

und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu

üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen

die persönliche Freiheit sei.

So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich

gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit

frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der

Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie

zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.

Eine zügellose Frechheit, ein +beispielloses+ Aergernis war die Folge.

Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der

Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer

Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon

jetzt daran, dass der Marquis +de Sade+ diese ganze Zeit, von 1790

bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller

Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des

Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.

Jetzt wurde die +Dirne+ zur „Göttin der Vernunft“, die +alle+ anbeten

müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater

der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“.

Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die

Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter

unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis

ablegt: „+Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu

Teil werden+!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich

auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité

und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen,

in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste

Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen

Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer

unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten

Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple

das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In

Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein

wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren

zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden

Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die

Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die

Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig

ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht

dar.[236]

Hier wurde das Ideal, das der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen

aufstellt, verwirklicht: +Die Massensuggestion der Wollust+! Zu dem

unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die

unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben,

um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten

Begierden hinabzuziehen. Diese +Infection+ der Moral durch das Gift

der Wollust hat +Rétif de la Bretonne+ sehr schön wiedergegeben in

seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]:

„Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre

elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung

ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen

erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten -- und

unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen

das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der

gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines

Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die

angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht

ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse

nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt

ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach,

aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die

Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die

oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe

Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet

sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden

sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche

Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges

-- Kinder haben es vor Augen -- und man wundert sich noch über die

Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration

zu diesen Worten berichtet A. +Schmidt nach Polizeiberichten+ --

wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint --

dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich

die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen

und Mädchen +im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren+ angefüllt waren,

die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht

hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten

den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein

Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793

zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in

Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der

Zeit der Terroristen erreicht wurde. +de Sade+, der im Dezember dieses

Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit

Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke

eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen

Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „+nackte Bälle+“,

bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der

+täglichen+ Dirnenbälle auf +mehrere Hundert+ stieg[240], auf denen die

„Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in

23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.

Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so

betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000.

Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].

Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen

werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des

ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte.

Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier

besonders in Betracht.

+Mercier+ erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen

ganz besonderen Reiz ausüben[242]. +La Mettrie+ ruft emphatisch aus:

„Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus

magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten

Tänzerin +Camargo+ und der +Jalé+[243]. d’+Alembert+ meinte

derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen

und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung

sei“.[244]

Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von +Casanova+

erzählte Erlebnisse. Sein Freund +Patu+ führte ihn zu einer berühmten

Sängerin der Oper, der Mademoiselle +Le Fel+, beliebt in ganz Paris

und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei

allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten.

-- „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre

Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen

Gesichtsausdruck hat.“ -- „Das glaube ich gern! Der älteste ist der

Sohn des Herzogs von +Anneci+, der zweite der des Grafen von +Egmont+

und der jüngste verdankt sein Leben +Maisonrouge+, der eben die

+Romainville+ geheiratet hat.“ -- „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte

Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ -- „Darin haben Sie sich auch

nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie

+Patu+ an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter

aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe

auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.

„Mademoiselle +Le Fel+ war gleichwohl nicht frech und +gehörte sogar

der guten Gesellschaft an+, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile

erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde

ich gewusst haben, +dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren+.

Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten,

liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben

starke Pensionen zahlten. +Folglich lebten diese Damen um so mehr im

Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.+“[245]

Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah

+Casanova+ bei +Lani+, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge

Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und

von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die

sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte

sich über Kopfschmerz. Während +Casanova+ ihr sein Riechfläschchen

bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht

geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes,

„ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten

Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für

eine Jungfrau gehalten hatte, sagte +Casanova+: „Ich glaubte nicht,

dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht

an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die

Wette.[246]

Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage,

sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“.

Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen

„verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere

Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu

nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten.

Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede

Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]

Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die

+berühmtesten Dirnen+ von Paris erfahren wir, dass dieselben fast

durchweg der Theaterwelt angehören.[248]

Die Opernsängerin +La Guerre+ war jene Dame, für welche der Herzog von

+Bouillon+ in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.

Die Dirne +La Prairie+ gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich

dem Marschall Prinzen von +Soubise+ in dessen „petite maison“ nackt

zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé

Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue

Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige

Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der

Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est

le costume“, bemerkte der +Abbé+ kaltblütig, indem er ihr durch diese

Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben

wünschte.

Die berühmte Mademoiselle +Du Thé+ war anfänglich als „Rosalie“

Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen

Herzog von +Chartres+ in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie

von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte

dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle

eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt

gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig.

Später wurde sie die Geliebte des Grafen von +Artois+. Ein junger in

sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes

malitiöse Gedicht:

Du Thé tu cherches à plaire

A qui peut t’enrichir;

Moi qui suis mousquetaire

Je n’ai rien à t’offrir.

Mais je sais faire usage

D’un moment de loisir,

Un homme de mon âge

Ne paie qu’en plaisir.[249]

Die +Du Thé+ schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des

Polizeiinspektors +Marais+ vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern

hatte die +Du Thé+ keinen +Sou+! sie musste sich einen Thaler und 6

Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]

Die Schauspielerin +Dubois+ von der Comédie française hatte einen

Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits

16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro

Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die

gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“

Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis +de Sade+

beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94)

die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10-

bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der

Wirklichkeit.

Die +La Chanterie+, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer

seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als

Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar

einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der

Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater

nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam

und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà

la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]

Neben den Theaterdamen erfreuten sich die +Modistinnen+ und

+Verkäuferinnen+ einer grossen Beliebtheit. Die „+jeunes ouvrières+“

kommen denn auch bei +de Sade+ mehr als einmal vor. +Rétif de la

Bretonne+ hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe

in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen

Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in

der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine

Madame +Devilliers+, die für die Gräfin +du Barry+ arbeitete. Letztere

war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der

+Gourdan+ eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert

+Rétif+ besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach

+Parent-Duchatelet+[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit

mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen

im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen

Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von

verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt

waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch

mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche

aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die

beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle

und -- eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern

auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen

Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst

wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr

besuchen.

Dass in den +Restaurationen+, +Cafés+, +Kneipen u. s. w.+ die

Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. +Casanova+

pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen,

um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen

Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte,

Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten,

100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt

er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für

jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei

man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]

Auch das +Zuhältertum+ war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt.

Der Marquis +de Sade+ zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den

+Dorval+ (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit

seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789

spricht +Peuchet+ in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und +Rétif

de la Bretonne+ ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen

„Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser

Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich

darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer

bestehen. -- Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um

anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im

Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen,

so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn

in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit

anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen

einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann

sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn

loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum

noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]

Zahlreich waren endlich die +Unterhändlerinnen+, +Kupplerinnen+,

+Begleiterinnen u. s. w.+, dieses notwendige Correlat der Prostitution,

das natürlich bei +Sade+ in allen Gattungen vertreten ist. Auf den

letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser

„mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen

hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr

ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es

wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die

verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]

Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen

„maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“,

„mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796

auf.[257]

In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht

reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier

den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten

geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des +Knaben+-

und +Mädchenhandels+ im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen,

musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel

ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und

für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258]

Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt +Rétif de la Bretonne+

ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“

sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder

beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von

Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu

Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den

Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“

sagt +Rétif+, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen

Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“

Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime

existierte und -- horribile dictu -- eine +Haupteinnahmequelle des

Inspektors der Prostituierten bildete+, der davon vielleicht dem

Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals

unterdrückt. Der Censor +Mairobert+ kannte alle Details und machte

+Rétif+ damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen

teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes

enthüllte.[259]

+Rétif de la Bretonne+ hat sich vielfach mit der +Organisation+ der

Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769,

1770, 1786), einem Buche, in dem man nach +Parent-Duchatelet+ „Fragen

von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt

findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers +Lewis

Moore+, des Advokaten +Linguet+ und des königlichen Censors +Pidanzat

de Mairobert+.[260] +Rétif+ schlug darin der Polizei vor, in grossen

Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche

+alle+ (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu

den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem

sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann.

So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer

Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein

Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses;

ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen,

welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht

nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken,

Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er

nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung,

wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser

Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab

ein vielleicht von +Rétif+’s Schrift begeisterter Anonymus in einer

Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris

heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich

auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine +Superiorin+

haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu

erleichtern, auf +fünfhundert+ (!) beschränkt.[261]

+Rétif+’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses

Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. +Robert+ nahm

in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la

population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan +Rétif+’s wieder auf und

schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der

Marquis +de Sade+, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt,

versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten.

Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf +Sade+

sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis

entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das

Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ -- jede derselben

dient einer besonderen Art von Folterung -- genau beschrieben werden.

Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben

werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren

erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird

das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 32 / 180 题