12. Die Mode.

Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet

werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus,

viele Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine

Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die +Moden+, die ja

in Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider

tragen, die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen

der Flora, sollten gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. --

Das ist die Rolle, welche der Marquis +de Sade+ durch den Minister

Saint-Fond (Juliette II, 197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe

Saint-Fond empfiehlt der Juliette, sie sollte sich, um den letzten Rest

von Scham zu ersticken, halbnackt dem Publikum auf der Promenade zeigen

(Juliette III, 125).

Auch hier lässt +de Sade+ die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des

Saint-Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es

noch Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen

auf den Champs-Elysées, +vollständig nackt+, nur mit einer dünnen

Gaze bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten

Brüsten. Bei diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man

führte diese Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter

und heftigem Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196]

Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert

von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen

einer üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf

merkwürdige Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die

Natur zu verbessern und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren

Haaren das Weiss des Alters verliehen.[197] Die +Goncourts+ schildern

unübertrefflich[198] die unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18.

Jahrhundert mit ihren bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und

Verhüllungen, die gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die

Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode

huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater +Girard+ erschienen

die Bänder +à la Cadière+, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire

darstellten. Laws System hatte Schleifen „du système“ zur Folge. Den

„rubans +à la Cadière+“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende

die „rubans +à la Cagliostro+.“

Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr

traten die +Nuditäten+ in der Mode hervor. Der +Cult der Gaze+, die

Vorliebe für ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die

Kleidung der „Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das

Kleid zog sich immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur

Schulter entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen

um die entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In

den öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die

nur mit einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen

geschmückten Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher

der Eröffnung des Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem

Tage mehrere Göttinnen in so leichten und durchsichtigen Kostümen

erschienen, dass man alles sehen konnte, was man sehen wollte. Die

Baronin +de V...+ traf einmal in den Champs-Elysées eine ebensolche

„nackte“ Dame am Arme eines vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher

Berichterstatter schrieb: „Besuchen Sie einmal das Konzert im Theater

de la rue Feydeau, und Sie werden von der Menge Juwelen und Gold

geblendet werden, womit die Damen bedeckt sind. Betrachten Sie diese

brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden leicht bemerken, dass sie

entweder gar keine oder höchstens nur halbe Hemden tragen. Der ganze

Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist bloss. Verschiedene haben

ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite hinaufgeschürzt, so dass sie

auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz, die Indecenz der Trachten

dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame Tallien erschien auf

dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht nur den Kopf,

die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie hatte

sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder

Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque,

deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte +Therese

Cabarrus+, die Geliebte +Tallien’s+, in Paris eingeführt, nachdem sie

schon während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer

überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“

entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich

nach dem Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur

Revolutionszeit nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke

der Muskeln für das höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in

Herkulesse, die Wollust wird brutal.[203]

Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert einen

Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und

Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige

Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche

Teil, der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist,

so sehr die Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen

Weiber der Freude die Manier, eben diesen Teil, den die verschämte

Sittsamkeit bescheiden in den gehörigen +Hintergrund+ zurückzieht,

recht frechlüstig zu präsentieren, und durch Bewegungen im Gange alle

seine Formen recht anschaulich zu machen.“[204] Unter +Ludwig+ XVI

war bei den Frauen jene das Gesäss stark hervortretenlassende Mode

sehr verbreitet, von der +Dulaure+ sagt, dass er die Trägerinnen der

„Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals besang +Piron+

in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche Sinnlichkeit

folgendermassen[206]:

L’aimable C.. de Briséis

N’a point de pareil ni de prix!

Plus rond qu’une boule d’ivoire --

Le croira qui le voudra croire.

J’en ai presque mes sens ravis

Mon cœur de joie en est épris

Et j’ai toujours dans ma mémoire.

L’aimable C...!

Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse

+Effeminatio+ in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen,

Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold,

Silber und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind

so elastisch, schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und

von Rosenduft umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene

Amoretten wären“[207].

Andererseits war die immer mehr um sich greifende +Tribadie+ Ursache

besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten

sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der

Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes

Kostüm. +Mercier+ erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft

über die Moden spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen

+Tribaden+ sind, welche die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann

zu frisieren, Hüte und Männerstiefel zu tragen.“[209]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 30 / 180 题