11. Die Kunst im 18. Jahrhundert.

Auch die französische Kunst des 18. Jahrhunderts ist ein getreuer

Spiegel der Zeit. Baukunst, Malerei, Schauspiel- und Tanzkunst dienen

dazu, die +Sinne zu erregen+. Das berühmte „Rococo“ ist nichts weniger

als ein Bild der Harmonie. Es wäre dies ja auch ein Wunder gewesen.

Denn niemand kann aus seiner Zeit heraus. Der Rococostil folgte in der

Kunst den Eingebungen der künstlich erregten Sinne, die an überladenen

Verzierungen, an unruhig verschlungenen Linien ein Gefallen fanden,

sowie an den Darstellungen wollüstiger Szenen, raffiniert erdachter

„Nudités.“ Eine prachtvolle Schilderung der bildenden Kunst, vorzüglich

der Architektur im 18. Jahrhundert, entwirft +Georg Brandes+: „Was man

unter Ludwig XIV. in der Baukunst erstrebt hatte, war das Imponierende.

Man opferte sogar jede Rücksicht auf Behagen und Bequemlichkeit der

kalten Prunksucht und der steifen Etikette auf. Wer das Schlafzimmer

Ludwigs XIV. in Versailles gesehen hat, wird einräumen, dass ihm selten

ein unleidlicher gelegenes Schlafgemach vor Augen kam. Jetzt werden

die unbewohnbaren und majestätischen Säle von den ‚petites maisons‘

abgelöst, wie damals jeder Mann von Welt sie besass, und in welchem

die tändelnde Konversation und der üppige Leichtsinn sich ebenso gut

befanden. Daher verschwinden in der Architektur die grossen, einfachen

Verhältnisse, die reinen und klaren Massenwirkungen. Die Härte und

Schwere des Steins wird verleugnet, die Strenge der Linien gebrochen,

alles wird rund und schwellend, alle Linien werden ausschweifend und

übermütig. Der Barockstil erreicht sowohl in der Baukunst wie in

der Bildhauerkunst seinen Gipfel. Ueberall stösst man auf unendlich

wiederholte Amoretten und Grazien, ganz wie auf den Kupferstichen zu

Voltaires ‚Poésies fugitives‘. In den Gärten umarmt der bockfüssige

Pan schlanke, weisse Nymphen am künstlichen Wasserfalle. In der

Malerkunst entstehen jene ländlichen Bilder, deren entferntes Vorbild

Rubens Liebesgarten ist, die aber statt seiner breiten Lebenslust und

schweren Figuren gleichsam hingehauchte und feine Gestalten in koketten

Trachten, und statt Rubens derber Sinnlichkeit ein erotisches Spiel,

ein Liebeln und Flüstern aufweisen, einen Hintergrund schattiger

Gänge, mit stillen Verstecken, mit üppigen Statuen und frischen

Rasenteppichen.

Unter Ludwig XIV. war die ganze Tracht steif gewesen; man trug grosse

Ueberschläge und Kragen, selbst die Rock- und Westenschösse waren

gesteift, Halskragen und Manschetten gestärkt, so dass nicht eine

Falte sich verändern konnte; die unbequeme Allongeperrücke machte eine

gravitätische Haltung zur Notwendigkeit. Unter der Regentschaft war

alles auf Zwanglosigkeit und Leichtigkeit gerichtet. Das steife Futter

der Schösse verschwand, an die Stelle der grossen Allongeperrücke trat

das gepuderte Haar, steif frisiert, so dass keine noch so hastige

Bewegung es in Unordnung bringen konnte; überall in Tracht und Benehmen

überliess man sich einer gewissen Nachlässigkeit. Man verweilte in

Boudoirs. Wie Tee und Kaffee aus dem Orient eingeführt wurden, so auch

das orientalische Sofa, welches dem jüngeren Crébillon den Titel für

seine bekannteste und berüchtigste Erzählung gibt.[181] Der weiche

Lehnsessel verdrängt den hohen, unbequemen Armstuhl mit schnurgerader

Rückwand. Das Zimmergerät besteht aus schweren Seidengardinen, welche

wollüstig das Licht dämpfen, aus grossen Spiegeln in Goldrahmen, aus

reich verzierten Pendeluhren, aus üppigen Malereien und schnörkelhaften

Möbeln. Das ganze Zimmer duftet von einem wollüstigen Parfüm.“[182]

Noch deutlicher als die Architektur bringt die +Malerei+ des 18.

Jahrhunderts den Charakter desselben zum Ausdruck. Der Wunsch Neues

zu bringen, den „blasierten Appetit zu reizen“ verlieh den Künstlern

des 18. Jahrhunderts ein raffiniertes Erfindungstalent. +Boucher+,

+Watteau+, +Fragonard+, +Lancret+, der Maler der „fêtes galantes“,

verschmähten die einfache und naive Nacktheit der Göttinnen eines

+Lebrun+ und +Nicolas Mignard+. Ihre „baigneuses“ und „bergères“ sind

nicht mehr mythologische Figuren, sondern Pariser Dirnen, die sich

gern den Beschauern nackt im Bade oder auf dem Ruhelager zeigen.

Diese vorgeblichen Najaden und koketten Schäferinnen mit entblösstem

Busen, mit mehr oder weniger aufgehobenem Kleide, sind Frauen der

Zeit, Dämchen „fort en vogue aux petites soirées de Trianon et de

Luciennes“.[183]

+Richard Muther+ hat in seiner neuen Darstellung der Geschichte der

Malerei[184] in dem Kapitel „Die Frivolen“ diese +erotische+ Richtung

in der französischen Malerei des 18. Jahrhunderts glänzend geschildert.

Er sagt u. a.: „Mit den zierlich gemessenen Menuetten +Watteaus+ hatte

die Redoute begonnen. Um Mitternacht, unter der Anführung +Bouchers+,

wurde der Cancan getanzt. Jetzt vor Tagesgrauen, folgt noch der

Kotillon. Man hatte zu viel getanzt und zu viel geliebt. Statt sich

selbst zu bemühen, will man nur noch zusehen, so wie der Pascha,

Opium rauchend, apathisch in seinem Harem sitzt. Auch Balletteusen

tanzen zu lassen, hat keinen Reiz mehr. So beginnt am Schlusse des

Rokoko die eigentlich galante Kunst, das +Tableauvivant+. Stramme

Burschen und hübsche Mädchen aus dem Volke müssen den vornehmen Herren

Liebesszenen vorspielen, für die sie selbst zu blasiert geworden ....

Als geistreichster dieser Gruppe, überhaupt als einer der feinsten des

Jahrhunderts ist +Fragonard+, der nervöse Charmeur, zu feiern, in dem

sich noch einmal alle Lebenslust und Leichtlebigkeit, die ganze Grazie

des Rokoko sammelt... Wenn der Name +Fragonard+ genannt wird, denkt

man an Reifröcke, seidene Garnierungen und hochgeschürzte Jupons, an

lustige Schaukeln, die pikante graue Strümpfe sehen lassen, an feine

Battisthemden, die von rosigen Schultern herabgleiten, an Amoretten,

Küsse und Liebesspiel.“

„Kurz nach Schluss der Salonausstellung 1763,“ erzählt +Fragonard+

selbst, „schickte ein Herr zu mir und bat mich, ihn zu besuchen. Er

befand sich, als ich bei ihm vorsprach, gerade mit seiner Maitresse auf

dem Lande. Zuerst überschüttete er mich mit Lobsprüchen über mein Bild,

und gestand mir dann, dass er ein anderes von mir wünschte, dessen Idee

er angeben würde: ‚Ich möchte nämlich, dass Sie Madame malen auf einer

Schaukel. Mich stellen Sie so, dass ich die Füsse des hübschen Kindes

sehe -- oder auch mehr, wenn Sie mich besonders erfreuen wollen.‘“

Diesem seltsamen Liebhaber dankt man das Bild „Die Schaukel“, das

erste, das den eigentlichen +Fragonard+ zeigt.... +Fragonard+ ist der

+Pierrot lunaire+, der beim Morgengrauen blass und geisterhaft seine

Sprünge macht. Manche seiner Bilder, so toll sie sind, haben etwas von

Gebeten. Altäre sind errichtet, Opferflammen züngeln lohend gen Himmel,

und bleiche Menschen legen weisse Kränze zu Füssen des allmächtigen

Eros nieder. Da heben Weiber flehend ihre Hände zu Satan empor und

beten, ihnen das Geheimnis neuer unbekannter Sensationen zu enthüllen.

Bildet schon die Verherrlichung der Geschlechtslust in einem gedruckten

Buche einen die Sinne aufs Höchste anstachelnden Reiz, der daher im

18. Jahrhundert sehr begehrt war, so muss die +bildliche+ Darstellung

der Wollust noch tausendmal schlimmer wirken. „+Le réalisme de la

peinture+, se traduisant dans les actes et les paroles, les livres

et les chants, doit exercer une funeste influence sur la jeunesse en

+surexcitant+ le sens génital“[185]. Und der Marquis +de Sade+, der in

seinen Romanen alles aufzählt, was den sexuellen Genuss zu steigern

vermag, lässt Saint-Fond (Juliette II, 15) nach einer wilden Orgie

ausrufen: „O wie nötig hier ein Maler wäre, um der Nachwelt dieses

wollüstige und göttliche Bild zu überliefern!“

So konnte es denn nicht fehlen, dass neben den pikanten Nudités

eines +Fragonard+ und +Lancret+ bald die +Schmutzbilder+ in der

erschrecklichsten Weise sich verbreiteten. Dass die Maitressen sich

für ihre Liebhaber nackt und in irgend einer plastischen Stellung

malen liessen, war nichts seltenes. Bekannt ist die Geschichte der

O’Morphi, einer Maitresse +Ludwigs+ XV. und Insassin des Hirschparks,

deren Besitz der König dem berühmten Abenteurer +Casanova+ auf folgende

Weise verdankte[186]. +Casanova+ hatte bei einem seiner zahlreichen

Liebesabenteuer in Paris auch die Bekanntschaft einer flämischen

Schauspielerin O’Morphi gemacht, welche eine junge Schwester von

hervorragender Schönheit besass, in die +Casanova+ sich sterblich

verliebte, und deren Reize er enthusiastisch schildert. Er bekam

Lust, diesen herrlichen Körper gemalt zu besitzen, und ein deutscher

Maler malte sie auf eine „göttliche“ Weise für sechs Louisdors. Die

Lage, in der er sie darstellte, war „entzückend“. „Sie lag auf dem

Bauche, stützte den Arm und den Busen auf ein Kissen und hielt den

Kopf gewendet, als läge sie drei Viertel auf dem Rücken. Der gewandte

und mit Geschmack begabte Künstler hatte ihren unteren Teil mit soviel

Kunst und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres denken

konnte.“ Ein Freund +Casanova’s+ bekam Lust, eine Copie dieses Bildes

zu besitzen. Der Maler zeigte in Versailles diese Copie, welche Herr

von +Saint-Quentin+ so schön fand, dass er nichts Eiligeres zu tun

hatte, als sie dem König zu zeigen. „Seine allerchristliche Majestät,

ein grosser Kenner auf diesem Gebiete, wollte sich mit eigenen Augen

überzeugen, ob der Maler treu kopiert hätte, und wenn das Original

ebenso schön war, wie die Copie, dann wusste der Enkel des heiligen

Ludwig wohl, wozu es ihm dienen würde.“ So verlor +Casanova+ seine

Geliebte an den König +Ludwig+ XV., der sie nach Zahlung von 1000

Louisdors an die Schwester sofort in seinem Hirschpark unterbrachte, wo

sie nach Ablauf eines Jahres mit einem Kinde niederkam, das „gleich so

vielen weggetan wurde, ohne dass man wusste, wohin; denn so lange die

Königin lebte, erfuhr man nie, wohin die natürlichen Kinder +Ludwig’s+

XV. kamen.“

Dieses berühmte Bild zeigte +Casanova+ später einer französischen Nonne

in Aix, mit der er ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, +und diese

Nonne liess sich in eben derselben obscönen Stellung für Casanova

malen+![187]

Nach +Parent-Duchatelet+[188] vertrieb man während des vorigen

Jahrhunderts und besonders vor der Revolution in den Bordellen

die unzüchtigsten Kupferstiche, ohne dass sich die Polizei darum

bekümmerte. Von 1790 bis 1793 verteilte man an alle Bordellbesucher

die schändlichsten Karikaturen auf +Ludwig+ XVI., +Marie Antoinette+

und andere Personen. Man könnte daher wohl sagen, dass die Orte der

Unzucht zu den politischen Unfällen Frankreichs wesentlich beigetragen

hätten. Unter der Schreckensherrschaft fanden sich solche schändlichen

Bilder nicht nur in den Bordellen, sondern viele Kaufleute schämten

sich nicht, in den Gallerien des Palais Royal und an anderen Orten die

frechsten Kupferstiche aufzuhängen, wo die Genüsse der Geilheit, der

Paederastie, der seltsamsten Wollust den Blicken aller Vorübergehenden

preisgegeben wurden.

Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden,

verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis +de Sade+

durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“

gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen.

Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet die

„Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach

immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings

ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem

Jahrhundert unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren

die „vestes de petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke

zugeknöpft wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen.

Aber bei den Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den

Rock auf und zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer

Weste, welche den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben

darstellten. Diese raffinierte Idee macht selbst den bekannten

Ausspruch des +Ben Akiba+ illusorisch.

Noch einer letzten Gattung von Schmutzbildern haben wir zu gedenken.

Bei +Sade+ ist auch die +Defaecation+ wie alles Schmutzige und

Widerliche ein Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird

von Männern und Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man

es glauben? Auch der Akt der Defaecation wurde den Parisern im 18.

Jahrhundert bildlich vor Augen geführt. Konnte es ausbleiben, dass

einige, besonders starker Reize bedürftige Wüstlinge auch an diesem

Akte Gefallen fanden und ihn zur Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten?

+Johann Friedrich Reichardt+ erzählt, dass den Vorübergehenden an

allen Ecken die schmutzigsten und niederträchtigsten Poissardenlieder

und Gespräche, mit ekelhaften illuminierten Holzschnitten, +die alle

den schmutzigsten Ausleerungsakt scheusslich natürlich darstellten+,

angeboten und aufgedrungen wurden. Bei den Parisern sei dies Letzte

nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten (?), ernsthaftesten

Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in die Tasche

stecken[190].

Auch in der +Skulptur+ machte sich, wenn gleich natürlich in

beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein

Sinnlichen geltend. Mit den drei +Coustou’s+ „versinkt die Kunst

in die Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck

sinnlicher Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das

wollüstige Beben und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste.

Die Frauen werden dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der

wollüstigen Erschlaffung lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen

am Hofe +Ludwig’s+ XV. und der +Pompadour+“[191]. Der berühmte

+Houdon+, nach +Arsène Houssaye+ der „letzte Ausdruck (expression)

des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle Ideen, alle

Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“, seine

„Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit.

+André Grétry+, der Hauptvertreter der französischen +Musik+ des 18.

Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit

liebte, zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft,

sondern nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis +de Sade+ ein Mensch

seiner Zeit war, der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem

der Umstand, dass auch er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen

Manie ergriffen war: der +Theaterwut+, der +Mimomanie+! +de Sade+

hat nicht nur zahlreiche Theaterstücke geschrieben, sondern auch

dilettantische Theateraufführungen veranstaltet.

Die Leidenschaft des Theaterspielens, die „Mimomanie“, herrschte in

Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum

verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche

Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss,

zu jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es

in +Bachaumont’s+ Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem

Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar

in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die +Pompadour+

wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die

Damen studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an

ihrer Privatbühne aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu

niedlichen Intriguen und galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des

Pierrot und der Colombine zu tragen.“ (+Muther+).

Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor

der Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir

haben schon auf +Lanjon’s+ Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und

während der Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen,

gegen das Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl

dieser sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die

scheusslichsten sind von +Guigoud Pigale+ („Le triomphe de la

raison publique“), +Léonard Bourdon+ („Le tombeau des imposteurs et

l’inauguration du temple de la vérité sansculotide, dédiée au Pape“),

+Sylvain Maréchal+ („Le jugement dernier des rois“), +Desbarreaux+

(„Les potentats foudroyés par la montagne et la raison ou la

déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke zanken sieh

die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin Katharina sagt zum

Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser antwortet: Vous avez

un avaloir où les grands morceaux passent aisément. Hierauf giebt jene

dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser antwortet durch einen

Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und schmutzigen Reden fort.

Der Marquis +de Sade+ hatte ein weiteres Vorbild für seine obscönen

Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine Mitgefangenen

spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“ (London 1788, 2

Bände), für welches sogar +Grandval+, +Caylus+, +Crébillon+ und +Piron+

Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen Worten

und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach +Mercier+ im

Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter Wilder und

eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines zahlreichen

Publikums beiderlei Geschlechts das Werk der Begattung vollzogen. Der

Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen „voyeurs“ der

Hauptstadt, die auch in +Sade’s+ Romanen vertreten sind. „La vue des

plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon +La Mettrie+ in seiner

„L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess

endlich die beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der

Wilde ein Kerl aus der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine

Hure war, die sich sehr ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen

Zuschauern auf diese Art verdient hatten.[194]

Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und Tänzerinnen

bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie wir

später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die

„Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen

anzuknüpfen“[195].

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 29 / 180 题