Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem
Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst
nicht unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer
Weise zu einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem
ancien régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt
in der französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche
Fabliaux beweisen, +allein erst im 18. Jahrhundert begann man an
die Stelle der gesunden, derben Natur und Naivität dieser älteren
Produkte der Zotologie Gemälde der Sinnlichkeit zu setzen, deren
raffinierte Absichtlichkeit einer erschlafften Gesellschaft zu giftigem
Reizmittel diente+.“[138] Das 18. Jahrhundert hat den grössten Teil
der heute existierenden pornographisches Litteratur hervorgebracht,
an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher mehr als alle anderen
vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen. Den Löwenanteil an
dieser Produktion pornographischer Werke beansprucht die Zeit von
1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle +Aubertin+ als die
Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“ bezeichnete,
in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur durch
eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese
Bücher machen den +Kultus des Fleisches+ zu ihrem Hauptthema. Sie
kennen nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten
Varietäten des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die
Dirne ehrbarer als die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich
mit obscönen Büchern so beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“
ruft +Jules Janin+ aus[140], „dass sogar Männer wie +Voltaire+,
+Rousseau+, +Diderot+, +Montesquieu+ und +Mirabeau+ dem Geschmacke
der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz vor und während
der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren geistigen
Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren pornographische
Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet +Mercier+[141]:
„Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und Kupferstiche
gleicherweise die Scham und den guten Geschmack verhöhnen. Ueberall
verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf Tischkörben, an den Seiten
der Brücken, in den Türen der Theater, auf den Boulevards. Das Gift
ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten Erzeugnisse der
Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und ohne Scheu den
öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind gewissermassen
privilegierte Zotenhändler; denn +jeder Titel, der nicht ein unflätiger
ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen+. Die Jugend
saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller
Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte
Palais-Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird.
Dieses Zentrum aller +Lustgenüsse+ war auch der Hauptmarkt für die
obscönen Schriften, welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut
von +Lustreizen+ überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der
Pariser Damen wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch +Bérard+
eine interessante Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf
die ungeheure Verbreitung der Werke des Marquis +de Sade+ wirft: „Ich
erinnere mich, dass eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich
gebeten hatte, ihr für sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen
aufs Land zu besorgen, +auf dieser Liste vermerkt hatte+: ‚Justine
ou les Malheurs de la vertu‘, in welchem Buche sie wahrscheinlich
ein pädagogisches Werk vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige
Schriften in überreicher Fülle vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und
wird auch wohl heute noch der Fall sein. +Parent-Duchatelet+ erfuhr
von +Peuchet+, einem ehemaligen Archivar der Polizeipräfektur, dass
+Napoleon+ I. zu Ende seines Konsulats alle derartigen im Besitze von
Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen und zu vernichten befahl. Nur
ein Exemplar von jedem wurde in der Nationalbibliothek aufbewahrt.
Diese Angabe +Peuchets+ ist nach +Parent-Duchatelet+ begründet, dem
von dem Bibliothekar +Van-Praët+ das Verzeichnis der Bücher vorgelegt
wurde, sowie diese selbst in einem Winkel des Erdgeschosses der
Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]
Von obscönen Büchern ist denn auch bei +Sade+ recht häufig die Rede.
Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette
(S. 96 ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches
Claude durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“
eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt
darüber: „Man macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne
Bilder und Bücher wir dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier
des Chartreux“, ein mehr „scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen
Abfassung der Verfasser trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben
soll.“ -- Zweitens die „Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes,
der Ausführung nach schlechtes Buch. -- Drittens die „Education de
Laure“, ein elendes Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust,
Mordtaten und „goûts cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“,
„das bezaubernde Buch des Marquis +d’Argens+“ mit den Bildern von
+Caylus+, das einzige von diesen vier Büchern, welches Wollust mit
Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden Juliette und Clairwil bei dem
Mönche noch zahllose „elende kleine Broschüren, die in den Cafés und
Bordellen ausliegen“, zu denen auch die Werke des „nichtigen Mirabeau“
gehören.
Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion
schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit
diese sie während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang,
einer „solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette
I, 32). +Sade+ hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner
Lektüre hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des
Erzbischofs von Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV,
263.)
Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die
wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen
bibliographischen Werke von +Gay+[145] und +Cohen+[146] vermitteln eine
weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der
wir nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.
In +Pierre Joseph Bernard+ (1708-1775), von +Voltaire+ „Gentil-Bernard“
genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien
die „L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung
der ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf
dem Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind
mit einem Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind
nur ein Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und
die Deutlichkeit der Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen
lassen. +Bernard+ erteilte in seinem Gedicht einen ganzen Kursus der
raffiniertesten Geschlechtsliebe, in dem er auch das Lesen schlüpfriger
Schriftsteller empfahl.[149]
Der jüngere +Crébillon+ (+Claude Prosper Jolyot de Crébillon+
1707-1777) kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven
Schriftstellerei im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften
sind charakterisiert durch einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in
der Wollust“.[150] Am berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon
den Inhalt verkündigt.[151] Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris
1735), „Les amours de Zeo Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746),
in denen die Liebesabenteuer des fünfzehnten Ludwig geschildert werden.
Ferner „La nuit et le moment“ (Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris
1751), „Les égarements du cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w.
In +Crébillons+ Romanen macht sich bereits die Neigung bemerkbar, die
gemeinste Sinnlichkeit durch Umkleidung mit einem philosophischen
Gewande zu verschönern und zu rechtfertigen.
+Jean François Marmontel+ (1723-1799) hat in seinen „Incas“ den Typus
des +antiklerikalen+ Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen
Inhalt auf spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen
unverkennbar eingewirkt hat.[152]
Die bei +Sade+ von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt
im Anschlusse an den Fall +Girard+ (Dirrag) und Cadière (Eradicée)
die sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen,
schreibt +Sade+ diesen Roman dem Marquis +d’Argens+ und die Bilder
dem Grafen +Caylus+ zu, welche Ansicht auch von +Gay+ geteilt wird.
Wahrscheinlicher ist aber die vom Abbé +Sephe+ und von +Barbier+ zuerst
entdeckte Urheberschaft des Kriegskommissars +de Montigni+ (genannt
+Lucas-Montigni+). Statt +Caylus+ soll +Antoine Pesne+, der bekannte
Hofmaler +Friedrichs des Grossen+, die obscönen Bilder gezeichnet
haben.[154]
+André Robert Andréa de Nerciat+ (1739-1800) war zwei Jahre lang
(1780-1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788
an) Vertrauter der Königin +Karoline+ von Neapel. Er schrieb die
berüchtigte „Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und
als Fortsetzung derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“
(Paris an V). Seine obscönste Schrift ist der „Diable au Corps“
(Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche Schrift eines Doktor
„Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der „joyeuse faculté
phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der Verfasser im
Vorwort versichert.[155]
Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton gehörte,
beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die hervorragendsten
Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen billigen Ruhm
zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten Altertumsforscher
+Caylus+ hingewiesen. Aber auch Geisteshelden wie +Mirabeau+ und
+Diderot+ haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit
durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden.
Besonders +Mirabeau+ wird vom Marquis +de Sade+ öfter genannt, und es
ist kein Zweifel, dass +Mirabeaus+ „Education de Laure“ das Vorbild der
„Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon +Eulenburg+
erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat +Mirabeau+
die Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich
für seine Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w.
bezahlen lässt. Ein drittes obscönes Buch +Mirabeaus+ ist „Erotica
Biblion“ (Rom 1783).
In +Denis Diderots+ „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen
schlüpfrige Geschichten vor, die +Diderot+ „tief unter +Crébillon+
herabsetzen“.[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt +Diderot+
eine Schilderung des Klosterlebens, in der tribadische und andere
lasterhafte Ausschweifungen der Nonnen und Oberinnen beschrieben
werden. Auch die „Bijoux indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen
Inhalt. Insbesondere hat vielleicht die auch bei +Sade+ wiederkehrende
Vorliebe +Diderots+ für paradoxe Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf
Ersteren einen Einfluss ausgeübt.
+Choderlos de Laclos+ war nach +Nodier+ der „+Petron+ einer weniger
litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen
+Petronius+ war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159]
schildern die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als
Freund des berüchtigten +Philippe Egalité+ aus eigenster Anschauung
kennen gelernt hatte. +Charles Nodier+ erzählt in einer interessanten
Notiz „über einige satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man
ihm in seiner Jugend in verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere
„unreine und lasterhafte Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt
habe.“ Nach ihm verdienen die „Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal
(der Verachtung) wie die „scheusslichen Obscönitäten eines frechen
Nachahmers des Herrn +Laclos+, des Marquis +de Sade+, welchem der
Preis eines Ekel erregenden Cynismus gebührt.“[160]
Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels
schildernd, hat +J. B. Louvet de Couvray+ in seinem „Faublas“[161]
den Typus des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen
Liebesabenteuern spielt die der Wirklichkeit (des Chevalier +d’Eon+)
entlehnte künstliche Effeminatio des Helden eine Rolle, die auch bei
+Sade+ am Schlusse der Juliette Verwendung findet, wo Noirceuil als
Frau verkleidet einen Mann heiratet.
Neben dem Marquis +de Sade+ ist der berühmteste erotische
Schriftsteller der Revolutionszeit der ungemein produktive +Restif+
(+Rétif de la Bretonne+). Paul +Lacroix+ hat diesem merkwürdigen Manne
ein Muster- und Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162],
das jeder Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen
wird. Wir werden später +Rétif de la Bretonne+ als einen der ersten
Schriftsteller über +Sade+ zu würdigen haben. Hier interessiert er
uns nur als ein gleichzeitig mit +Sade+ wirkender Autor, von dem
dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst geblieben ist. Es ist
offenbar +Rétif+, den +Sade+ an einer Stelle in seiner Abhandlung
über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R...
überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem
Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen
Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte
Abenteuer in schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als
eine grosse Weitschweifigkeit, für die ihm nur die -- Pfefferhändler
dankbar sein werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile +Sades+ nicht
etwas Konkurrenzneid im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass
+Rétif+ über +Sade+ nicht besser dachte. Auch mochte sich wohl der
hochgeborene Marquis weit erhaben dünken über dem aus niedrigstem
Stande hervorgegangenen +Rétif+.
In der Tat hat +Rétif de la Bretonne+ (1734 bis 1806), wenn er auch den
Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption
auch der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt
gewissermassen die Schriften des Marquis +de Sade+ nach dieser Richtung
hin, mit dem er sonst viele Aehnlichkeit hat. +Eulenburg+ macht darüber
folgende interessante Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich
näher als die trotz allem grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus
steht jener ‚Rousseau du ruisseau‘“, +Rétif de la Bretonne+, über den
+Dessoir+ urteilt: „Er wurde von wütendster Sinnlichkeit gepeitscht
und durch den Götzendienst des eigenen Ich in eine Art Exhibitionismus
hineingetrieben. Daher hat er wie kein Zweiter verstanden, die
Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der Geschlechtsliebe zu
analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten Kultus zu widmen.“
Da haben wir im Keime den literarischen +de Sade+, nur schwächlicher,
passiver, sozusagen unblutiger. Wäre +Rétif+ eine mehr aktiv und
impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten
ihm, dem armen Bauernsohne, die Mittel und die Atmosphäre des „célèbre
Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein
zweiter +de Sade+ aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen
an Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen
gewesen wäre. Nicht umsonst ertönt bei +Rétif+ aus allen Tonarten das
Lob dieser ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois
délicieuse, quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch
zur Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er
ein leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen
zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen
Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft
gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er
erzählt höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute,
6. Dezember 1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an
Hemden. Ein alter blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war
zerrissen und voll von Flecken. Dabei liebt +Rétif+ die Reinlichkeit
sehr bei den -- Frauen. Er spricht immer wieder davon, giebt in seinem
„Pornographe“ genaue Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert
mit Befriedigung die grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser
Prostituierten.[166]
Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der
eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete.
So erzählt Graf +Alexander von Tilly+ in seinen Memoiren[167], dass
+Rétif de la Bretonne+ zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner
erotischen Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr
wichtig ist ferner das Verhältnis +Rétifs+ zu +Mathieu François
Pidanzat de Mairobert+ (1727-1779), dem berühmten Verfasser des „Espion
anglais“ und dem Sammler der Materialien zu den „Mémoires secrets de
Bachaumont.“ Dieser liess nicht nur einzelne Werke in der geheimen
Druckerei Rétifs herstellen, sondern war selbst Mitarbeiter an dessen
eigenen Schriften. So rührt von ihm die wertvolle Abhandlung über
die 16 Klassen der Prostituierten und über die Zuhälter in +Rétifs+
„Pornographe“ her. Auch für die „Contemporaines“, den „Hibou“, und die
„Malédiction paternelle“ hat +Pidanzat de Mairobert+ zahlreiche Notizen
beigesteuert[168].
Das ohne Zweifel wertvollste Werk +Rétifs+ sind die „Nuits de
Paris“[169], eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des
Sittenlebens der Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige
Darstellung der moralischen Physiognomie von Paris“ am Ende des 18.
Jahrhunderts, das wahre „Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt
eine 20jährige Arbeit erfordert hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder,
sagt +Rétif+, was ich in der Nacht gesehen hatte.“ +Lacroix+ gibt
eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes dieses „nächtlichen
Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser Stelle nicht
näher eingehen können.
In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794-1797. 16 Bde.) hat +Rétif de la
Bretonne+ die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als
dies in ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und +Rousseaus+
„Héloise“ geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte
Band („Mon Calendrier“), in welchem +Rétif+ Tag für Tag alle Frauen
aufzeichnet, deren Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er
zu -- Müttern gemacht hat.[170]
In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten
„Contemporaines“[171], eine Sammlung von Erzählungen, die auf
wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen
den Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu
nennen. Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben.
„Le Paysan et la paysanne pervertis, ou les dangers de la ville“ (A la
Haye 1784. 16 Teile in 4 Bänden) sind nach dem Grafen +von Tilly+ die
„Liaisons dangereuses der niederen Volksklassen“, welche die traurige
Wahrheit predigen, dass die Tugend durch beständigen Verkehr mit dem
Laster notwendig vernichtet wird.
Hieran reiht sich der „Pied de Fanchette“ (A la Haye 1769), die
Geschichte einer jungen Modistin aus der Rue Saint-Denis, deren kleiner
Fuss +Rétif+ bezaubert hatte. Ueberhaupt ist +Rétif+ ausgesprochener
+Fussfetischist+. Für hübsche Frauenfüsse und Frauenschuhe hatte
er eine fanatische Leidenschaft. Fanchettens Fuss ist wirklich der
Held dieses Romans. „Son pied, le pied mignon, qui fera tourner tant
de têtes, était chaussé d’un soulier rose, si bien fait, si digne
d’enfermer un si joli pied, que mes yeux, une fois fixés sur ce pied
charmant, ne purent s’en détourner... Beau pied! dis-je tout bas, tu
ne foules pas les tapis de Perse et de Turquie, un brillant équipage
ne te garantit pas de la fatigue de porter un corps, chef-d’œuvre des
Grâces: +tu marches en personne+, mais tu vas avoir un trône dans
mon cœur.“[172] Rétif gibt sogar in den Anmerkungen eine Geschichte
der hübschen Frauenfüsse. In allen übrigen Werken kehren immer diese
kleinen beschuhten Füsse wieder. Er sah eines Tages „Fanchette“
wirklich in der Rue Saint-Denis, und ihr Fuss, ein „Wunder an
Kleinheit“, inspirierte ihn zu seiner Erzählung.
Ein Buch Rétifs, das am meisten an die Werke des Marquis +de Sade+
erinnert, ist „Ingénue Saxancour, ou la femme séparée“ (Liège, 1789,
3 Bände), angeblich die Geschichte seiner unglücklichen verheirateten
Tochter Agnes. Rétif hat in diesem Buch „die Grenzen des kühnsten
Zynismus überschritten“, und der Verfasser sagt selbst, dass man in
dem Werke finden wird „ce qu’on nomme dans le monde +des horreurs+“.
Die unglückliche Gattin wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemanne
allen Launen eines entnervten Wüstlings unterworfen, sie erduldet
die unglaublichsten Infamien und Grausamkeiten ihres „wollüstigen
Henkers“.[173] +Alexander Dumas+ der Aeltere, der im Jahre 1851 auf
Veranlassung von +Paul Lacroix+ im „Siècle“ unter dem Titel „Ingénue“
eine ganz harmlose Erzählung veröffentlicht hatte, deren Helden +Rétif+
und seine Tochter Agnes waren, wurde von der Familie +Rétif de la
Bretonne+ verklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt.[174]
Einige andere Schriften unseres Autors werden wir an anderer Stelle
anführen, weil sie weniger zur schönen Litteratur gehören. Zum Schlusse
gedenken wir in unserer kurzen Uebersicht, welche nur das am meisten
Charakteristische hervorheben sollte, noch zweier sehr bekannter
obscöner Gedichte des 18. Jahrhunderts. Das erste ist „La Foutromanie.
Poème lubrique, à Sardanopolis, aux dépens des amateurs. 1775“[175]. Es
enthält sechs Gesänge zu je 300 Versen. Der Zensor +Le Noir+ bekam die
strengsten Weisungen von der Regierung, die Verbreitung des Gedichtes
zu verhindern. Trotzdem gelangten einige Exemplare zu dem hohen Preise
von 9 Livres in den Handel. Das Gedicht beginnt mit den Versen:
Vous les voulez... je vais souiller mes rimes,
Poétiser en jargon ordurier...
Toi dont les feux raniment la nature,
Qui, maîtrisant l’homme et les animaux,
Brûle en secret le cuistre et le héros,
Sois ma déesse, adorable Luxure!
Die „Foutromanie“ ist das Glück der Götter, das ihnen die Langeweile
vertreibt. Aber auch die Menschen macht sie glücklich. Der Verfasser
eröffnet den Reigen dieser Glücklichen mit Fräulein +Dubois+, einer
Schauspielerin der Comédie Française. Dann folgen die Damen +Arnoux+
und +Clairon+, letztere mit dem Grafen +Valbelle+, Madame +Allard+
mit dem Duc +de Mazarin+. Auch die Opernsängerin Fräulein +Vestris+
hat ihre Freude daran. Gegen Ende dieses +ersten+ Gesanges erscheinen
die Herzoginnen und Hofdamen, die sich mit ihren Lakaien vergnügen.
Zuletzt wird die unersättliche Libido der alten +Polignac de Paulien+
geschildert.
Der +zweite+ Gesang beginnt mit der Beschreibung der Reize einer
jungen Anfängerin, welche der Leidenschaft eines jungen Wüstlings zum
Opfer fällt. Eingeschaltet wird ein Gedicht „Père Chrysostome“ gegen
die sexuellen Ausschweifungen in den Klöstern. Weiter dringt ein von
Satyriasis Ergriffener in ein Nonnenkloster ein. Hier folgt ein Ausfall
gegen Tribadie und Paederastie. Der alte +Duc d’Elbœuf+ war einer der
ersten, der die Secte der Paederasten nach Frankreich einführte. Zum
Schluss Excurs über Syphilis.
Der +dritte+ Gesang ist fast ganz der Rolle der +Syphilis in der
Liebe+ gewidmet. Zuerst wird die hohe Vollendung in der Heilkunst
dieses galanten Leidens gepriesen; die „syphilitischen Liebeshelden“
werden gefeiert, insbesondere die am Mal de Naples leidenden Prälaten.
Herr +de Montazet+, Erzbischof von Lyon, wird hier im Verein mit der
Duchesse +de Mazarin+ genannt. Nach höchst indezenten Aeusserungen über
den Herzog von +Orléans+ und Madame +de Montesson+ wird die Liaison
zwischen der verstorbenen Herzogin von Orléans und den Herren +de
l’Aigle+ und +de Melfort+ enthüllt, welche letzteren von der Herzogin
syphilitisch angesteckt wurden. Der Prinz +de Beauffremont+ fiel in
Ungnade, weil er sich mit einem Schweizer abgab. Am Schlusse Lob des
+Aretino+, des Erfinders der „plastischen Stellungen“.
Der +vierte+ Gesang ist ein Loblied auf das Bordell. Die berühmtesten
Kupplerinnen und Bordellwirtinnen werden vorgeführt, so die +Paris+,
+Carlier+, +Rokingston+, +Montigny+, +d’Héricourt+ und +Gourdan+.
Beschreibung der wollüstigen Orgien an diesen infamen Orten. „Bett und
Tisch“ müssen sich folgen, daher sind die deutschen Frauen geeigneter
für die „Foutromanie“. Der Autor verwünscht Italien, wo er Geld und
Gesundheit verloren hat.
Im +fünften+ Gesang werden zunächst die Syphilophoben ermutigt.
Alle Frauen haben ja nicht die Syphilis. +Montesquieu+ war im Feuer
ebenso wie +Rousseau+ und +Marmontel+. Grosses Lob des +Dorat+, des
„poète foutromane“. Exkurs über die Holländer, die nur das Geld
lieben. Schilderung der unkeuschen Kardinäle. +Spinola+ schläft bei
+Palestrina+, +Albani+ bei +Altieri+, +Bernis+ bei +Saint-Croix+,
+Borghese+ ist B..... Auch die Kaiserinnen +Maria Theresia+ und
+Katharina+ II. verstehen ihre Sache, ebenso der König von Polen und
die verstorbene Königin von Dänemark. Es ist nur ein Jammer, dass die
„Dames de France“, die Tanten +Ludwigs+ XVI. im Zölibat leben.
+Agyroni+ ist der Held des +sechsten+ Gesanges[176]. Dieser Charlatan
hat den Verfasser wohl von einem galanten Leiden geheilt. Zahlreiche
medizinische Details wie in +Robés+ Gedicht über Syphilis. Schliesslich
wird wieder die „Foutromanie“ gepriesen als die Seele des Weltalls.[177]
Das zweite Gedicht „Parapilla“ ist eine Uebersetzung des italienischen
Originals „La Novella dell’ Angelo Gabriello oder Il Cazzo“ (=
Phallus),[178] ein Wort, welches Papst +Benedikt+ XIV. beständig
im Munde hatte. Als ihm ein Höfling die Schmutzigkeit des Wortes
vorhielt, erwiderte er: „Cazzo, cazzo! Ich werde es so oft sagen, bis
es nicht mehr schmutzig ist.“ Das französische Gedicht besteht aus fünf
Gesängen, deren Inhalt ganz kurz dieser ist:
+Rodric+ empfängt vom Himmel ein gewisses Instrument, das alle Damen
beglückt. Zunächst in Florenz die berühmte Donna +Capponi+. Dann gerät
es in ein Nonnenkloster, in die Hände der +Lucrezia+, der Tochter
+Alexanders+ VI. Hierbei werden die Ausschweifungen in Rom unter diesem
Papste geschildert, und das Gedicht schliesst mit einem obscönen
Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter.
Erwähnen wir noch, dass ein gewisses Incitamentum amoris, das in den
Romanen des Marquis +de Sade+ eine grosse Rolle spielt, sogar in
einem eignen Poem als solches gepriesen wurde.[179]
Wir konnten nur das Allerwichtigste aus der erotischen Literatur des
18. Jahrhunderts flüchtig berühren. Der Einfluss derselben auf die
Sitten war gewaltig, und der Marquis +de Sade+ selbst hat diesen
Einfluss der Litteratur empfunden. Er hat selbst eine treffende
Charakteristik derselben zu geben versucht, die erkennen lässt, dass
er die Bedeutung dieser pornographischen Litteratur wohl erkannt
hat. Er sagt[180]: „Der Epicuräismus der +Ninon-de-Lenclos+, der
+Marion-de-Lorme+, der Marquise +de Sévigné+ und +de Lafare+, der
+Chaulieu+, der +St.-Evremond+, dieser ganzen feinfühligen Gesellschaft
fing endlich an, müde des cytherischen Liebessehnens, mit +Buffon+
‚nur das Physische in der Liebe für gut zu halten‘ und veränderte
bald den Ton in den Romanen. Die Schriftsteller empfanden, dass die
galanten Schwätzer nicht mehr ein durch den Regenten entsittlichtes
Jahrhundert, das von den Kavaliertorheiten, der religiösen Schwärmerei
und der Verehrung der Frauen zurückgekommen war, unterhalten konnten.
Sie fanden es einfacher, diese Frauen zu amüsieren und zu verderben,
als ihnen zu dienen und sie zu verherrlichen. Sie schufen Ereignisse,
Gemälde, Konversation mehr nach dem Geiste der Zeit und entwickelten in
einem angenehmen, leichten und bisweilen selbst philosophischen Stile
den Zynismus und die Immoralität.“