Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der
Frau. Mit Recht meint +Georg Brandes+[112], dass die +Goncourts+, diese
so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von
der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der
„Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der +Goncourts+
über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten
kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie
mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft
und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene
Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser
Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles
herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die +Frau+.“
Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die
allein sichtbare, die Regierung der Mesdames +de Prie+, +de Mailly+,
+de Châteauroux+, +de Pompadour+, +du Barry+, +de Polignac+. Im Staat,
in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss
machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und
Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile
Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts,
einer +Du Deffand+, +Necker+, +Lespinasse+, +Geoffrin+, im Salon des
+Grandval+, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den
Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen
Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“
geschaffen.[114]
Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür,
dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der
Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die
Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen
Einflusse der Frauen ganz gut eine +Verachtung+ des weiblichen
Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust
geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der
Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei.
(+Goncourts+ a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust
zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper
im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer +Quinault+,
unter den unzüchtigen Reden eines +Duclos+ und +Saint-Lambert+,
berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser
Geistestrunkenheit von der +Scham+ sagen: Schöne Tugend! die man mit
Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle
sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem
Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war,
welche von +Helvétius+ u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und
von +Buffon+ in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der
Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer
Brutalität“[116].
Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und
diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich
darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung
solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das
Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“
erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung,
die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung
solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und
zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten.
+Bernards+ berühmte Nachäffung des +Ovid+, die „l’art d’aimer“
predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel
besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de
Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der +Abbé Galiani+
sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben
mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man
verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten
Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die
sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde
zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen
Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118]
Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse
vor. Immer wieder wird von +Sade+ in seinen Romanen betont, wie sehr
durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer
und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese
Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. +Mercier+ erzählt[119],
dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern
einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber
den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen
Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am
meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich
an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten.
„Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit
verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen
erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die
geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich
darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in
jener Zeit.[120]
Daraus resultierte eine unerhörte +Schamlosigkeit+ des Weibes. Mit
30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren.
Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in
der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings
an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu
geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in +Sades+
Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den
Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt,
eine so zart empfindende Seele wie Madame +Roland+ kennt kein Gefühl
der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich
selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer
Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik
einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B.
bei +Sade+ (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre
eigenen Reize beschreibt?
Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich
männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites
maisons der Roués mieteten, um wie die +Goncourts+ sich ausdrücken,
„die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in
Bordellen ihr Vergnügen suchten. +Rétif de la Bretonne+ glaubte die
Gräfin +d’Egmont+ in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123]
Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme
Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich
habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer
Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen
war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure
gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden
u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel,
ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein
weiteres Beispiel zu nennen: die +Du Barry+! Tochter eines niedrigen
Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das
Freudenhaus der Madame +Gourdan+, von dem später noch die Rede sein
wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf +Jean Du Barry+ kennen,
an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs
XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem
Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés
populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort
„s’encanailler“.[125]
So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte,
die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet
und genährt wurde sie durch die berühmten „+Convulsionen+“, jene
merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang
(von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten
herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des
einst durch seine Askese so berühmten Abbé +Paris+ zum Mittelpunkte.
„Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem
St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen
und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen
war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die
gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen
luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren
Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last
von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt
hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé +Bécherand+
ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine
erotische Färbung. +Dulaure+ hat beschrieben, welche Rolle zuletzt
die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat,
und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die
sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in
diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren
Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets
Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich
höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung,
nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen
zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme:
Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen
nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer
eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden
zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge
„zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste
Weise erklärt werden.
Die +Hysterie+ („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den
französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame
+Abricossoff+ zeigt.[128] +Sauvages+ hielt nicht mit Unrecht für
die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif
de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener
Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige
Exzentrizitäten.
Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere
Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber
später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden.
Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die
heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische
Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des
Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit,
der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus
beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits
maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die
herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität.
Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren
Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“
sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen,
um zu verderben. Die Typen der Gestalten +Sades+ lebten! Darüber kann
kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei
ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst.
„Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum
Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau,
deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in
boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer -- Liebe
aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die
„libertinage des passions méchantes.“[132]
Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden +Goncourts+, dass
diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen,
die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch
zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die +Goncourts+ nennen den
Herzog von +Choiseul+, den Marquis +de Louvois+, den seine Geliebte,
Madame +de Blot+, folternden Grafen +de Frise+ als solche männliche
Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T.
D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein
Vorbild für +Sades+ Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe
schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen,
noch bevor +Sade+, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf
den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das
ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans
l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter +Chaumettes+ Leitung die
„theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen
der Vernunft“ wie die +Maillard+, die +Moncoro+, die +Aubry+ auf sehr
irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die
„tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen
„furies de guillotine“.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreissen sie des Feindes Herz,
wie unser +Schiller+ mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten
Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle
charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung
jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo
es heisst:
De ces effrayantes femelles
Les intarissables mamelles
Comme de publiques gamelles,
Offrent à boire à tout passant;
Et la liqueur qui toujours coule,
Et dont l’abominable foule
Avec avidité se saoule,
+Ce n’est pas du lait, mais du sang+.[134]
Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen
bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie
sie in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten
Einfluss ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand,
de facto aber sich geltend machte. Und doch war die +Missachtung des
Weibes+ nie so gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten
alle geistreichen Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der
Frau, das z. B. die junge Gräfin +Crigny+ zur Teilnahme an Sektionen
trieb[135], wenn dabei sichtlich das Familienleben zerstört wurde,
wenn der Schwerpunkt des weiblichen Wirkens ausserhalb des eignen
Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir im Frankreich des 18.
Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor uns haben, und es
wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die wahre Schätzung
des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die sogenannte
Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern wird.
Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: +Montesquieu+,
+Rousseau+, +Voltaire+ und +Diderot+ haben die Verachtung des
Weibes gepredigt. Man denke nur an +Voltaires+ bitter-sarkastische
Aeusserungen über seine treue Freundin Madame +Du Châtelet+. Das Weib
ist nach +Rousseau+ nur zum Vergnügen des Mannes geschaffen worden.
Nach +Montesquieu+ hat der Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur
Anmut, und +Diderot+ sah in der Frau einzig und allein ein Objekt der
Sinnenlust. „So ist die Frau nach +Diderot+ eine Courtisane, nach
+Montesquieu+ ein anmutiges Kind, nach +Rousseau+ ein Gegenstand des
Vergnügens, nach +Voltaire+ -- Nichts.“[136] Als in der Revolution
+Condorcet+ und +Siéyès+ für die häusliche und politische Emanzipation
der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch die
mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18.
Jahrhunderts, durch +Mirabeau+, +Danton+ und +Robespierre+.“ Und für
+Napoléon+ I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei:
eine Frau tun zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner
der Frau im 18. Jahrhundert, +Rétif de la Bretonne+, äussert oft in
starken Worten seine Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache
dieser Verachtung ist klar. Die Ehe ist, wie +Westermarck+ in seinem
klassischen Werke zur Evidenz nachgewiesen hat, dasjenige Institut,
dem die Menschheit ihre sittliche Vervollkommnung verdankt, sie ist
das +absolut sittliche Institut+. In der Ehe ist das Weib dem Manne
+ebenbürtig+, weil es ihn ergänzt. +Ausserhalb+ der Ehe kann das
Weib den Mann +nicht ersetzen+, wird folglich alsbald minderwertig
erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den unleugbaren
Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem Wesen scheitern.
Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der Verringerung der
sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe entgegenbringt. Dies zu
sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber nach vollendeter
Emanzipation des Weibes bestätigt werden.