8. Die Nonnenklöster.

Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert

schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen

können. Das bei +Sade+ (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster

+Panthémont+ in Paris existierte wirklich! „Das grosse Kloster des

18. Jahrhunderts nach dem Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche

Erziehungshaus der ‚Filles de France‘, ist das Kloster Panthémont,

das Fürstenkloster der rue de Grenelle, wo die Prinzessinnen erzogen

wurden, wohin der höchste Adel seine Töchter schickt.“[102] Panthémont

war das teuerste aller Klöster. Die gewöhnliche Pension für junge

Mädchen betrug 600 Livres, die aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende

des Jahrhunderts stieg sie auf 800 bezw. 1000 Livres, welche letztere

Summe die mit der Aebtissin speisenden Pensionärinnen zahlen mussten.

Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das

über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende

Wort: Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter

Buchstabe. Die Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten

die weltlichen Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen.

Aber es fand trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch

die Laienschwestern wurden auch die Nonnen über die Ereignisse

ausserhalb des Klosters unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben

dem Kloster nicht fern, wie auch der Verkehr mit den jesuitischen

Beichtvätern und das intime Zusammensein so vieler junger und alter

Frauen gewiss die aus früheren Jahrhunderten bekannten sexuellen

Verirrungen in Nonnenklöstern nicht haben aufhören lassen. Wenn die

Gebrüder +Goncourt+ sich darüber wundern, dass im Kloster Panthémont

ein Buch wie die „Confidences d’une jolie femme“ der Mademoiselle

+d’Albert+ geschrieben werden konnte, mit seinen wenig moralischen

Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die +Goncourts+ in ihrer

bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die „gute, alte Zeit“

eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht anerkennen.

Freilich haben wir gerade über die französischen Nonnenklöster wenig

zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das Kloster Panthémont nur

eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.[104] Aber was beweist

das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu Tage. Sie war

es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur französischen

Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar blickenden

Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte

gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für

das ancien régime begeisterten +Buckle+.[105] Man denke an das früher

Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch

beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst

+Tocqueville+, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen

des 18. Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il

compromettait par sa conduite“, was +Buckle+ als besonders

bemerkenswert hervorhebt.[106] Was ferner die +Goncourts+ ganz

übersehen haben, ist der entscheidende Umstand, dass das Treiben in den

Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung in +Theaterstücken+

wurde, wie +Lanjons+ „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der Dragoner und

die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die ungeheure

Verbreitung der +Tribadie+ in Frankreich im 18. Jahrhundert, die

wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den

geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der

berühmte Roman +Diderots+ „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen

der Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen

Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]

So dürfen wir +Sade+ schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt,

dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten

und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er

die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises

nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes

Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette

III, 56).

Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die

Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade

gestiegen. +Gorani+, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr

herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen

Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen

Ausschweifungen der +Nonnen von Prato+ (bei Florenz) hat einen der

berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht

gezogen. +v. Reumont+ gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in

Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern

Unordnungen +schlimmster Art+ sich gewissermassen eingenistet, ein

Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an

eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein

Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen,

in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten

übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des

Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen

Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der

vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz

in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess

unterwerfen. Zugleich +liess er allen Dominikanern die Verbindung mit

den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen+ und im Falle von Ungehorsam

den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte

um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen

Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“

Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht

zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben

Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in

der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato,

+Scipione de’ Ricci+ (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral

+Lorenzo Ricci+) von +Potter+.[111]

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 26 / 180 题