Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult
der sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer
„Personifikation des physischen Begattungs-Mysteriums“ als
Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft der „metaphysischen
Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte,
die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen +Félicien Rops+ einen
ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch festhaltenden Künstler
besessen hat, ist von G. +Legué+[96] und vor allem von +Stanislaus
Przybyszewski+[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan und
Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen
Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom
Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der
Begeisterung und des Rausches.
Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt
geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat
er geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische
Bewegung gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der
heilige Phallus mit seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“
Das war die Zeit der naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam
das juden-griechische Christentum und predigte die übernatürliche,
asketische Vaterschafts-Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam
von der Natur los. „Sie zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur,
die sich nach aussen in Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie
beschützt all’ das, was die Natur ausstossen will, den Schmutz, die
Hässlichkeit, die Krankheit, den Krüppel und den Kastrierten“. Aber
die Natur lässt sich nicht austreiben. Und so musste auch die Kirche
nachgeben und schliesslich den heidnischen Kultus mit dem ihrigen
verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der Ceres Libera wurden
bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer Ausgelassenheit
gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte das Volk
zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das Fest des
Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) -- Reste des Phalluskultus
verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten von
obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den
Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“
Der eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus
im südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan
den ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der
„Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der
obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen
die christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester,
wo sie sie nur auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu
obscönsten Zwecken, und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die
Parodie des katholischen Kultus. In ihren Zusammenkünften, ihren
parodistischen Messen ist bereits der satanistische Sabbat völlig,
sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize musste bei der Aufnahme
allen katholischen Glauben abschwören, das Kreuz bespeien, der Taufe
und der Oelung entsagen“. Trotz der Verfolgungen der Kirche erhielt
sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo potest peccare ab umbilico et
inferius“ fand besonders unter „unbefriedigten“ Priestern Anhänger.
Die Sünde durch die Sünde töten! Das war ihr grosses Prinzip der
geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle Weiber, die mit ihm
sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h. Maitressen der
Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der Flagellantismus, die
Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche Hysterie bis
aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre Triumphe.
Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen geblieben und
hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der Neuzeit ist
sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die „Adamiten“
oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt versammeln,
das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben, die schon 1421
auf einer Insel im Flusse Luschwitz von +Johannes Ziska+ ausgerottet
wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des Chrudimer Kreises
als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde deshalb gewählt,
weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus Marokko
kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die „Oneidagemeinde“ oder die
den alten Namen der „Perfekti“ wieder erneuernden „Perfektionisten“ im
Staate New-York (seit 1831). Noch heute wird der Satans-Kult in Paris
gefeiert, wie dies die Werke von +Huysmans+[99] u. a. schildern.
Berühmt wurde der Prozess der +Magdalaine Bavent+ im 17. Jahrhundert,
der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit
brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé +Guibourg+, bei dem +Racine+,
+Lord Buckingham+ und die Marquise +de Montespan+ die schwarze Messe
hörten[101].
Der Marquis +de Sade+ bekundet sich in seinen Romanen als einen
fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen
in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.)
wird eine solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert.
Ein Mädchen wird als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische
festgebunden, mit zum Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt
auf einen grossen Tisch gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss
wird mit einem Kruzifix geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss
die absurdesten Mysterien des Christentums“. Dann wird auf den Nates
der Justine eine Messe gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist,
ergreift sie der Mönch Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der
Hostienaberglauben mit den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.
Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der
„Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit
Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.
Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum tribadum
gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der
Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.
Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche
eine schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano
filiae inseritur.