7. Die schwarze Messe.

Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult

der sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer

„Personifikation des physischen Begattungs-Mysteriums“ als

Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft der „metaphysischen

Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte,

die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen +Félicien Rops+ einen

ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch festhaltenden Künstler

besessen hat, ist von G. +Legué+[96] und vor allem von +Stanislaus

Przybyszewski+[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan und

Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen

Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom

Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der

Begeisterung und des Rausches.

Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt

geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat

er geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische

Bewegung gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der

heilige Phallus mit seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“

Das war die Zeit der naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam

das juden-griechische Christentum und predigte die übernatürliche,

asketische Vaterschafts-Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam

von der Natur los. „Sie zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur,

die sich nach aussen in Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie

beschützt all’ das, was die Natur ausstossen will, den Schmutz, die

Hässlichkeit, die Krankheit, den Krüppel und den Kastrierten“. Aber

die Natur lässt sich nicht austreiben. Und so musste auch die Kirche

nachgeben und schliesslich den heidnischen Kultus mit dem ihrigen

verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der Ceres Libera wurden

bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer Ausgelassenheit

gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte das Volk

zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das Fest des

Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) -- Reste des Phalluskultus

verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten von

obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den

Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“

Der eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus

im südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan

den ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der

„Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der

obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen

die christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester,

wo sie sie nur auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu

obscönsten Zwecken, und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die

Parodie des katholischen Kultus. In ihren Zusammenkünften, ihren

parodistischen Messen ist bereits der satanistische Sabbat völlig,

sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize musste bei der Aufnahme

allen katholischen Glauben abschwören, das Kreuz bespeien, der Taufe

und der Oelung entsagen“. Trotz der Verfolgungen der Kirche erhielt

sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo potest peccare ab umbilico et

inferius“ fand besonders unter „unbefriedigten“ Priestern Anhänger.

Die Sünde durch die Sünde töten! Das war ihr grosses Prinzip der

geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle Weiber, die mit ihm

sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h. Maitressen der

Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der Flagellantismus, die

Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche Hysterie bis

aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre Triumphe.

Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen geblieben und

hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der Neuzeit ist

sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die „Adamiten“

oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt versammeln,

das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben, die schon 1421

auf einer Insel im Flusse Luschwitz von +Johannes Ziska+ ausgerottet

wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des Chrudimer Kreises

als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde deshalb gewählt,

weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus Marokko

kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die „Oneidagemeinde“ oder die

den alten Namen der „Perfekti“ wieder erneuernden „Perfektionisten“ im

Staate New-York (seit 1831). Noch heute wird der Satans-Kult in Paris

gefeiert, wie dies die Werke von +Huysmans+[99] u. a. schildern.

Berühmt wurde der Prozess der +Magdalaine Bavent+ im 17. Jahrhundert,

der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit

brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé +Guibourg+, bei dem +Racine+,

+Lord Buckingham+ und die Marquise +de Montespan+ die schwarze Messe

hörten[101].

Der Marquis +de Sade+ bekundet sich in seinen Romanen als einen

fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen

in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.)

wird eine solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert.

Ein Mädchen wird als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische

festgebunden, mit zum Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt

auf einen grossen Tisch gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss

wird mit einem Kruzifix geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss

die absurdesten Mysterien des Christentums“. Dann wird auf den Nates

der Justine eine Messe gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist,

ergreift sie der Mönch Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der

Hostienaberglauben mit den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.

Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der

„Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit

Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.

Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum tribadum

gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der

Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.

Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche

eine schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano

filiae inseritur.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 25 / 180 题