6. Die Jesuiten.

In seinen „persischen Briefen“ lässt +Montesquieu+ den Rica auch

eine Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher

erklärt. Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen,

welche „die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; +welche

in ihrer Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der

Liebe hervorbringen kann+, sie nebeneinander stellen, mit einander

vergleichen und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich

noch, wenn sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der

Spiessgesell so vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so

nackt hingemalt werden!“[83]

Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18.

Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden,

die Wollust durch die Religion zu +legitimieren+, und die eigenen

unsittlichen Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu

kleiden. Der Jesuit hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen

aufzusuchen. In seiner Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde

es ihm leicht gemacht, seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu

befriedigen, die als „göttliche Eingebungen“ gegen polizeiliche

Recherchen zur Genüge geschützt waren.

Schon im 17. Jahrhundert musste +Cornelius Jansen+ gegen die

jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden

schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern

Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der

Jesuit +Benzi+ lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas

monialium tangere, esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85].

In Konsequenz dieser Vorschriften schändete de la +Chaise+, der

Beichtvater +Ludwigs+ XIV. die Hofdamen und führte dem Könige von

England Maitressen zu[86]. Junge Damen in Holland liessen sich von

Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso die Hofdamen zu Lissabon unter

+Nunez+.[87] Der Jesuit +Herreau+ lehrte 1642, dass es erlaubt sei,

sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies seinen Schülern

und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16. Jahrhundert die Damen

in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im Jahre 1789 wieder

nachgeahmt wurde.[89]

Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der

Apologie des Mordes durch +Sade+ in nichts nachgibt, sei auf die

Abhandlung ihres Urhebers +J. de Mariana+[90], sowie auf die berühmten,

die ganze Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres

provinciales“ von +Blaise Pascal+ verwiesen (Cologne 1657). Auch im

18. Jahrhundert erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern

unzüchtige Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So

schrieb der letzte Ordensgeneral vor der Aufhebung, +Lorenzo Ricci+, in

einem im Brüsseler Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten

sich gegenüber den jungen und -- reichen Witwen zu benehmen haben.

Sie sollen sich alle mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten

Heirat abzuhalten, indem sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben,

die Gefahr für ihre Seele u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber

trotz alledem die jungen Witwen grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe

haben, wenn sie sich in dem Falle befinden: melius est nubere quam uri,

+dann darf ein kluger und diskreter Pater ihnen seine Dienste gegen

die Verlockungen des Fleisches anbieten+.[91]

Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten +Jean

Baptiste Girard+ und seinem Beichtkind +Cathérine Cadière+ zu Toulon,

die im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure

Literatur gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild

gedient.[93] Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces

concernant le Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“

(1731) niedergelegt. Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten

Situationen verbildlicht haben; seine Zusammenstellung wird dem Marquis

+d’Argens+, dem Grafen +Caylus+, sowie +Mirabeau+ zugeschrieben. Auch

hat man behauptet, +dass der Marquis de Sade zu seiner „Justine“ durch

obiges Werk angeregt+ worden +sei+.[94]

Der Jesuit +Girard+ hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger

in Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet,

in welche die schöne und fromme +Katharina Cadière+, Tochter eines

reichen Kaufmanns, eintrat. Es gelang +Girard+, durch die Anwendung der

raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen

und dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen.

Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste

geistige Unzucht führten bald zu schwerer Hysterie des armen Mädchens,

in deren Verlaufe +Girard+ dasselbe schwängerte, aber sofort nach

jesuitischer Moral durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu

verhindern wusste. Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem

er aber zur allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde.

Dies Urteil veranlasste +Voltaire+ zu dem sarkastischen Ausspruche:

Le P. Girard, rempli de flamme,

D’une fille a fait une femme;

Mais le parlement, plus habile,

D’une femme a fait une fille.

Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière

darstellte, die Verse:

Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle:

Ah, Girard est plus heureux qu’elle.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 24 / 180 题