I.

Das Zeitalter des Marquis de Sade.

Der Marquis +de Sade+, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit

wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18.

Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem

wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher

Sprache über diesen seltsamen, dem +Namen+ nach aller Welt bekannten

Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu

können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des

18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung

über den Marquis +de Sade+ schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil,

selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss

ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher

unterblieben ist, so lange nicht die +äusseren Bedingungen+, das

+Milieu+ erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben

heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen

ausübte. Denn es ist „jedesmal von +entscheidender Bedeutung+, aus

welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die

behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die

individual-psychologische, sondern nur die +sozial-psychologische+

Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit

+Sades+ führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser

typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch

keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher

verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den

Marquis +de Sade+ durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen

der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den

Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon

psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres

Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit

nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in

die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit

darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung

hin erfassen können. Durch die Beobachtung des +gesellschaftlichen

Lebens+ und insbesondere der +stetigen Wechselwirkung des Einzelnen

mit der ihn umgebenden Gemeinschaft+ ist diese Hypothese zum Range

einer wissenschaftlich beglaubigten +Tatsache+ erhoben. Hier ist in

den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie

Selbstbestimmung entscheidend, sondern +gewohnheitsgemässe Anpassung+,

das +Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen+, ohne dass der

Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“

Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde

sind grösstenteils +organische Entwickelungen+ ohne bestimmtes,

zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle

und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen

Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen

Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken +Hegels+, das

ist +Hegels+ Lehre vom +objektiven Geist+, aus dem der subjektive

immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist

in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des

Begriffs“. +Hegel+, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts,

wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre

im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen

der +Schopenhauer-Hartmann+’schen und +Nietzsche+’schen Philosophie

wird die Sonne +Hegel+’schen Geistes über der Erde leuchten. Die

dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den

wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen

Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse

geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der

Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. +Hegel+, nicht

+Schopenhauer+, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“.

So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem

Abschnitt die +Fäden+ aufsuchen, welche den subjektiven Geist

des Marquis +de Sade+ mit dem objektiven Geist seines Zeitalters

verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der

Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare

Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu

untersuchen, was +Sade+ von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren,

was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der

französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, +sondern wir

erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit+, aus allen

innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18.

Jahrhundert.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 17 / 180 题