Dass der menschlichen Liebe eine +höhere Bedeutung+ innewohnt,
leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten
dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist.
Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige
+innere Wesen+ der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt.
Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt --
+Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.+
Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre
Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?
Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, +Arthur Schopenhauer+ und
+Eduard von Hartmann+ haben die gleiche metaphysische Betrachtung
über die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele
Nachbeter fand. +A. Schopenhauer+[29] erblickt die Bedeutung der Liebe
in der Erfüllung der Zwecke der +Gattung+, welche in der Reihenfolge
und dem endlosen Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die
sämtlichen +Liebeshändel+ der gegenwärtigen Generation zusammengenommen
sind demnach des ganzen Menschengeschlechts ernstliche meditatio
compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae
generationes“. Dabei verlarvt sich aber der Gattungszweck, indem
er in der Gestalt der Geschlechtsliebe eingeht in den +persönlichen
Zweck+ der Individuen und erscheint als deren höchstes Glück, als der
Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten Form, in den
überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das unerschöpfliche
Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und dramatischen, als
der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros spielt
seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die Liebenden
die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres persönlichen
Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn. Es ist
ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der
Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen
und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit
seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung
und Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens
zum Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und
ruhigen Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es
ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins
Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen,
und das Verbrechen die Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den
Schauplatz. Es ist das Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)
Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert
prachtvoll +E. v. Hartmann+[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal
das Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit
auch desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust
überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die
Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein
gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht +seine+
Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur
ihr Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“
Wer, wie wir, den Begriff der Liebe +evolutionistisch+ fasst, kann
eine solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist
richtig, dass das +rein Physische+ der Liebe mehr Unlust als Lust mit
sich bringt durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen
wie Schaum. +Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer
Entwickelung+, deren Ende gerade dem +Individuum+ die grösste Seligkeit
verheisst. Die physische Liebe ist nur der als solcher +notwendige+
Durchgangspunkt zu dem wirklichen Endziele, der +platonischen Liebe+.
Das metaphysische Endziel der Liebe ist die +Erkenntnis+, die
vollendete +Freiheit+. „Und Adam +erkannte+ Eva“ heisst es tiefsinnig
in der Bibel!
+Platos+ und +Hegels+ Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit
erleuchtet. Ganz richtig bemerkt +Wigand+[31], dass die platonische
Liebe der natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt
ist, sondern die Liebe zum +sinnlichen+ und +körperlichen+ Schönen
ist die +Leiter+ und die +Leiterin+ zur Liebe und +Erkenntnis+ alles
unsichtbaren Schönen und Guten in Natur- und Menschenwelt, in Kunst und
Wissenschaft von Stufe zu Stufe bis zur letzten Sprosse dieser Leiter,
zur Anschauung der Allgesetzlichkeit, des +Absoluten+.
Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen,
welche die göttliche +Diotima+ im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte,
die ewig und unvergänglich sind.
„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die +Liebe+ zu legen oder
von einem anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem
+einzelnen+ Schönen beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher
hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien
zu +allen+ schönen Gestalten und von den schönen +Gestalten+ zu den
schönen +Sitten+ und +Handlungsweisen+, und von den schönen Sitten
zu den schönen +Kenntnissen+, bis man von den Kenntnissen endlich zu
jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als +eben von jenem
Schönen+ selbst die Kenntnis ist, und man also zuletzt +jenes selbst,
was schon ist+, erkenne. +Und an dieser Stelle des Lebens, lieber
Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wenn er
das Schöne selbst schaut.+“ (Platons Symposion 210, 11.)
Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen
Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt
sich zu höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen
+physischer+ und +geistiger+ Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder
wahren und echten Liebe wurzelt.[32]
Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses
Sachverhaltes sagt +Schopenhauer+ in den „Paränesen und Maximen“:
„Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt
ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut,
statt eines vergänglichen und scheinbaren.“
Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick
erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische
Methode +Hegels+, des „Weltphilosophen“, wie ihn +C. L. Michelet+
nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.
Für +Hegel+ ist auch der Begriff der Gattung +evolutionistisch+.[33]
Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen
Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck
fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die
Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen
ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die
endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. +Es ist
die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden
Generation lebt die Gattung wirklich.+
In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat,
in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher
ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr
die Individuen dieser Generation.
Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe
weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. +Das
Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es
auch nicht weiter.+ In dem beständigen Flusse der Generationen, in
dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter +wird die Gattung nicht
wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein+. Das
einzelne Individuum +vergeht wirklich+, und die Gattung, da sie nur
in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der
Individuen erscheint, +hört nicht auf zu vergehen+. So wird vermöge des
blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt
und verwirklicht.
Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen.
Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen
Welt Regel und Selbstzweck.
Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess
nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck
der Gattung wie der des Individuums.
Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der
Individuen, als das wahrhaft +Allgemeine+. Es gibt nur eine Form, die
das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: +der Begriff+. Es
gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff
zu erzeugen: +das Denken+. In dem begreifenden Denken allein wird das
Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein.
Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber
selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe
erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
Hier also erscheinen die Begriffe +Erzeugen+ und +Erkennen+ in einem
Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits +Plato+
erkannt hat, wenn er +Sokrates+ das Erkennen ein Erzeugen nennen
lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das
erzeugende Denken ist unsere wahrhaft +allgemeine+ Tätigkeit, unsere
+wirkliche Gattung+, die in uns entbunden und frei wird in demselben
Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen
Lebenszwecken.
So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit
Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur
Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich,
dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis
niemals die +Wärme des Gefühls+ fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie
ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel,
sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]