1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich.

+Sade+ nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle

absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I,

261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem +verderbten

Jahrhundert+ tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte

sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener

Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse

dieser Epoche hat +Hegel+ gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie

der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen

Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und

Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste

Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, -- ein +Reich des

Unrechts+, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses

Unrecht wird“. Sind nicht +Sades+ Werke ein getreuer Spiegel dieser

Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch

überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des

Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht +schamloses+ Unrecht?

Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen +frivolen+ Zeitaltern, deren Wesen

ein bedeutender Schüler +Hegels+, +Kuno Fischer+, in vollendeter

Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein

ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig

zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. +Fichte+

nannte es einst die +vollendete Sündhaftigkeit+. „In allen grossen

Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen

Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk

und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in

der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von

seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses

bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die

innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es

ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und

doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne

irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine

Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa

der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine

Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das

französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene

zweite war die +vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus+, diese

letzte ist die +vollendete Sündhaftigkeit des Königtums+.

Der +Genuss+ à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch

aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war

in Frankreich der +Egoismus+ so gross wie unter dem ancien régime

und während der Revolution. Der Minister +Saint-Fond+, eine getreue

Kopie eines Ministers unter +Ludwig XV.+ sagt (Juliette II, 37):

„Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine

Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an,

wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte,

dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich

einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu

füttern“. Diese Aeusserung findet +Sade+ charakteristisch für das

ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den

herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage

getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung.

+Adolf Schmidt+, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus

+authentischen, zeitgenössischen Dokumenten+ schöpft, sagt darüber[40]:

„Das war der scharf ausgeprägte +Egoismus+, die Selbstsucht und

Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern

alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden

Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle

anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit

weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn

man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten

unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und

Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung

für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein

Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der

Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf

das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den

anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen,

wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“.

Ebenso spricht der berühmte +Mercier+, der Cicerone +Schopenhauers+ bei

dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41].

Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18.

Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.

Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber

in der geschlechtlichen Lust. +Das achtzehnte Jahrhundert ist

das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust.+

+Moreau+[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der

geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die

Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen

Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders

den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der

sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen

Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell

erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die

Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig.

„+Wollust!+ das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben

die besten Kenner dieser Zeit, +Edmond+ und +Jules de Goncourt+.[43]

Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und

macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und

welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element,

seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem

Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack,

seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen

Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie

redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in

Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil

ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts

hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust

geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen

Gnade in dem Dufte des Genusses.“

Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen

auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist

die +Systematisierung+ der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert

blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das

ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die

Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende

Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft,

welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der

grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue

Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie

wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in

wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst.

Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts

den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen,

welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis +de

Sade+ aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt

uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit +Sades+

die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus

welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich

zusammensetzen.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 18 / 180 题